Literaturkritik in Zeiten des Internets

Thesen zu ihrer Verteidigung und einige Bedenken

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Seit es die Literaturkritik im heutigen Sinne gibt, also seit dem 18. Jahrhundert, als sie sich in den neuen, schnellen Medien von Zeitschriften etablierte, hat man sie kritisiert und ihre Krise beschworen. Das setzte sich fort, als Literaturkritik das neue Medium des World Wide Web zu benutzen begann. Ende der 1990er-Jahre tauchen die ersten Buchbesprechungen im Internet auf. Die für Literatur- und Buchkritik maßgeblichen Zeitungen stellten, wenn sie überhaupt schon im WWW präsent waren, digitale Versionen ihrer gedruckten Artikel aus dem Archiv nur gegen Bezahlung zur Verfügung. Immerhin gab es seit 2000 das für Feuilletonleser und Internetbenutzer außerordentlich nützliche Angebot von „Perlentaucher.de“, sich über Rezensionen in einigen für Literaturkritik maßgeblichen Zeitungen auch im Netz zu informieren. Die Informationen waren so aktuell, dass man sich die Zeitung, wenn man unbedingt mehr wissen wollte und sie nicht abonniert hatte, noch am selben Tag kaufen konnte. „FAZ.net“ erschien im Januar 2001, und es dauerte wie bei etlichen anderen Zeitungen noch längere Zeit, bis hier ein großer Teil der gedruckten Rezensionen der Öffentlichkeit frei zugänglich war. Mittlerweile gibt es nicht nur viele weitere Web-Seiten mit Rezensionen, sondern fast die gesamte professionelle Literaturkritik der Print-Medien wird nicht nur gedruckt, sondern wenig später oder zuweilen sogar früher im Netz veröffentlicht.

Sigrid Löffler, die als reisende Kassandra mit zahlreichen Vorträgen und Artikeln den Verfall und das nahe Ende der Literaturkritik beschwor, reagierte auf einige Veränderungen der Literaturkritik durch das Internet relativ früh. Ende 1999 erschien in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Artikel, der sich auch im Internet nachlesen lässt. Hier klagte sie mit Blick nicht nur, aber auch auf Literaturkritik: „Das Meinungsbild über neue Kulturwaren wird durch buzz, durch Netzgebrabbel bestimmt – es entsteht demokratisch und kommt gänzlich ohne Profikritiker aus.“ Beifällig zitierte Löffler aus dem von Maurice Berger herausgegeben Essay-Band „The Crisis of Criticism“: „Wo sich jeder Laie als Kritiker fühlt, wo Minister, Politiker, Präsidenten öffentliche Kunsturteile fällen und Teenager über Rockbands auf deren Homepage delirieren, dort hat der Berufskritiker seine Aura des Respekts verloren.“

Diese Kritik an der Kritik im Internet steht unverkennbar im Zeichen von Machtkämpfen um Einfluss, von Kämpfen um die Selbstbehauptung des professionellen Kritikers gegenüber einer um sich greifenden Laienkritik. Und noch eine zweite, altbekannte Stoßrichtung dieser Kritik an der Kritik ist zu erkennen. Sie richtet sich gegen ökonomisch dominierte Verlagsinteressen, denen schon immer nachgesagt wurde, dass sie die Kritik von sich abhängig zu machen versuchen. „Je mehr Leserschichten wegbrechen und zu den elektronischen Medien überlaufen“, so heißt es in Löfflers Artikel weiter, „desto mehr verstärkt sich auch im Buchgeschäft der Marktdruck – und damit auch das Bestreben der Global Book Players, ihre Produkte gegen Kritik zu immunisieren. Die Furien des Verschwindens jagen in allen Gefilden der Kritik.“ Noch härtere Töne schlug unlängst ein Artikel in dem renommierten Online-Magazin „Telepolis“ an. Der Verfasser Oliver Brendel ist Germanist und Philosoph und arbeitet als Professor für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Über Rezensionen bei „Amazon“ oder von einer Literaturgruppe bei „StudiVZ“ urteilte er mit markigen Sätzen wie dem folgenden: „Der Rezensentenmob, zu dem die Laien im Web immer wieder werden, durchbricht die Schranken.“

Fünf Thesen

Gegenüber solchen Kassandrarufen möchte ich in mehreren Schritten eine Kritik der Kritik der Kritik in Form von fünf Thesen begründen, im Anschluss daran jedoch auf einige Bedenken zur Frage der Qualität und Glaubwürdigkeit der Literaturkritik im Internet eingehen.

1. Das Internet hat zu einer erhöhten Nachhaltigkeit der Literaturkritik geführt.

Das Lamentieren über den Zustand und angeblichen Bedeutungsverlust der Kritik, das so alt ist wie diese selbst, hört zwar nicht auf und wiederholt sich bei nahezu jeder öffentlichen Debatte über sie, aber man muss schon blind oder in seinen Vorstellungen vollkommen resistent gegenüber Realitätsveränderungen sein, um nicht zu erkennen: Das Gewicht einzelner Rezensionen wie der gesamten Literaturkritik ist durch das Internet erheblich gewachsen. Und zwar nicht nur, weil die an ihr Interessierten Artikel auch aus jenen Rezensionsorganen finden, deren gedruckte Ausgaben sie längst nicht alle wahrnehmen konnten, sondern auch deshalb, weil Rezensionen zusammen mit der Tages- oder Wochenzeitung nicht mehr nach kurzer Zeit verschwinden, sondern dauerhaft und leicht zugänglich bleiben. Auch zu jedem älteren Buch kann man nun die unterschiedlichsten Besprechungen finden, und zwar jeder Leser die seinen Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechenden. Ihre dreihundert Jahre alte Funktion, Orientierungshilfe angesichts einer unüberschaubar gewordenen Zahl von Neuerscheinungen zu geben, hat Literaturkritik beibehalten. Doch darüber hinaus ist aus ihr ein allgemein und leicht zugängliches Archiv von Informationen und Meinungen über neue und alte Bücher geworden.

Zeitungsarchive, in denen sich ältere Rezensionen finden ließen, gab es natürlich schon vor den 1990er-Jahren, wenn auch wenige, die sich so umfassend der Archivierung widmeten wie das in Innsbruck. Dessen Leistungen blieben, was die Zuverlässigkeit, den Umfang, die systematische Erfassung und den Anspruch auf Dauerhaftigkeit der Archivierung angeht, auch im 21. Jahrhundert von den digitalen, über das Internet zugänglichen Archiven einzelner Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunkanstalten oder Online-Magazinen unübertroffen. Doch auch wenn man Maßstäbe historischer Wissenschaften und professioneller Archivierung anlegt, unter denen das Internet nur als ein von großer Flüchtigkeit der Informationsbestände bedrohtes Medium erscheinen kann, sind dessen Archivierungskapazitäten für eine breite Leserschaft nicht zu unterschätzen. Im Netz findet sie, unterstützt durch einschlägige Suchmaschinen, eine am Umfang jedes traditionelle, auf die Sammlung gedruckter Erzeugnisse fixierte Archiv übertreffende Sammlung literaturkritischer Texte, die es erlaubt, Informationen über Bücher, die vor vielen Jahren erschienen sind, ständig abzurufen. Wurden früher die meisten Rezensionen, nachdem sie einmal erschienen waren, in der Regel bald vergessen und nur noch von professionellen Interessenten in Archiven nachgelesen, so stehen sie heute jedem über Jahre hinweg per Mausklick zur Verfügung.

2. Literaturkritik findet durch das Internet sehr viel weitere Verbreitung als früher durch die Printmedien.

Las der an Literaturkritik Interessierte bis in die 1990er-Jahre hinein in der Regel nur Rezensionen in den Zeitungen, die er abonniert hatte oder regelmäßig kaufte, so ist es ihm mittlerweile leicht möglich, Rezensionen aus Zeitungen zur Kenntnis zu nehmen, die er in der Regel nicht liest. Im Zusammenhang damit ändert und erweitert sich das Lese- und Suchverhalten der an Literaturkritik Interessierten. War die Lektüre einer Rezension zu einem bestimmten Buch früher von der regelmäßigen Feuilletonlektüre abhängig und wurde man auf neue Bücher meist erst durch Rezensionen aufmerksam, so liest man heute oft umgekehrt viele Rezensionen erst, nachdem man vorher auf ein Buch aufmerksam gemacht wurde. Über die Suche nach einem Buch, bei „Google“ etwa oder gezielter bei „Perlentaucher“, „literaturkritik.de“ oder sehr begrenzt auch bei dem Online-Buchhändler „buecher.de“, der bei seinen Buchangeboten Rezensionen unter anderem der „F.A.Z.“ und der „SZ“ zugänglich macht, wird man auf Rezensionen zu diesem Buch in diversen Rezensionsorganen hingewiesen. Jedoch gibt es noch kein Angebot im Internet, das zu einem Buch systematisch und einigermaßen umfassend verlinkte Hinweise auf online zugängliche Rezensionen in maßgeblichen literaturkritischen Organen zusammenstellt, eine Art Rezensionssuchmaschine also, ein Pedant zum „Innsbrucker Zeitungsarchiv zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur“ (IZA), dem allerdings noch Links zu den Netz-Fassungen der archivierten Artikel fehlen.

3. Das Internet hat der Literaturkritik viele neue Kritiker und neue Adressatengruppen zugeführt.

Die Zahl derer, die Literaturkritiken schreiben und lesen, hat durch das Internet erheblich zugenommen. Oliver Pfohlmann, ein aufmerksamer Beobachter der Literaturkritik im Internet, hat zutreffend und ohne die verbreiteten Ressentiments bemerkt: „Allen Unkenrufen vom ‚Ende der Gutenberg-Galaxis’ zum Trotz ist das Bedürfnis, über Literatur zu kommunizieren, heute größer oder doch sichtbarer denn je. Das Internet führt dabei zu einer umfassenden Demokratisierung der Kritik, mit ihm wird die Laienkritik erstmals zu einem Massenphänomen und zu einer ernsthaften Alternative zur professionellen Kritik.“

Literaturkritik im Internet ist zwar keineswegs mit „Laienkritik“ gleichzusetzen. Auch die professionelle Kritik der einschlägigen Printmedien erscheint, wie gesagt, inzwischen auch im Internet. Und viele literaturkritische Internetangebote, beispielsweise die auf Online-Magazinen oder Portalen wie „literaturhaus.at“, „literaturkritik.de“, „Titel-Magazin“ (seit 2010: „Titel – Kulturmagazin“) oder „Glanz&Elend“, greifen auf fachlich ausgewiesene Mitarbeiter zurück, die auch für Zeitungen schreiben oder wissenschaftlich publizieren. Aber auffällig und neu für die Entwicklung der Kritik ist in der Tat, dass inzwischen jeder Leser seine Einschätzung eines Buches veröffentlichen kann und viele damit ein großes Publikum erreichen. „Daß viele dieser von passionierten Lesern online publizierten Empfehlungen und Lektüreerfahrungen“, so Oliver Pfohlmann, „durchaus ihr Publikum finden, zeigen die jeweiligen ‚Webcounter‘. Das mag auch daran liegen, daß sich etliche von ihnen auf Trivial- oder Genreliteratur wie Science Fiction und Fantasy spezialisiert haben, also auf jene literarischen Spielarten, die trotz ihrer hohen Verkaufszahlen in den Feuilletons selten Beachtung finden.“ Damit ist ein weiteres, gravierendes Phänomen angesprochen, das die Literaturkritik in Zeiten des Internets erheblich verändert hat.

4. Die Literaturkritik hat durch das Internet ihre Gegenstandsbereiche erheblich ausgeweitet.

Der für die Literaturkritik seit dem späten 18. Jahrhundert zunehmende Zwang zur Auswahl ‚rezensionswürdiger‘ Bücher ist entfallen. Heute werden im Netz potentiell alle Bücher besprochen, auch Kochbücher, Ratgeber oder Reiseführer und jene ‚Trivialliteratur‘, die in den Feuilletons wenig Beachtung fand und auch aus Platzgründen immer noch nicht findet. Ein signifikantes Beispiel dafür ist der Umgang der deutschsprachigen Literaturkritik mit der irischen Bestsellerautorin Cecilia Ahern. In den Rezensionsteilen der Feuilletons sind ihre Erfolgsromane bislang fast völlig ignoriert worden. Die einzige Besprechung, auf die „Perlentaucher“ hinweisen kann (Stand: 17.4.2010), betrifft ihren 2008 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Ich habe dich im Gefühl“ und steht in der „Tageszeitung“ vom 13.9.2008. „Amazon“ veröffentlichte zu diesem Roman fast hundert „Kundenrezensionen“, zu einigen anderen Romanen der Autorin weit mehr. „P.S. Ich liebe Dich“ hat bis April 2010 über 800 Kundenrezensionen erhalten. „Lovelybooks“, eines der vielen sozialen Netzwerke, die in letzter Zeit speziell für Bücherleser eingerichtet wurden, präsentiert Rezensionen seiner Mitglieder in etwa gleicher Zahl.

Hier wie auf anderen Internet-Seiten, auf denen Leser ohne professionelle Schreiberfahrungen und Ausbildungen ihre Meinungen kundtun, beziehen diese sich oft aufeinander und werden von anderen ständig bewertet. Die interaktiven Möglichkeiten des Internets intensivieren die dialogischen Merkmale von Literaturkritik, die ihr schon vor drei Jahrhunderten eigen waren.

5. Literaturkritik hat ihre dialogischen und populären Traditionen im Internet neu aufgegriffen, intensiviert und erweitert.

Als eine der ersten und maßgeblichen Zeitschriften, die Literaturkritik im heutigen Sinne veröffentlichte, gelten die von dem Frühaufklärer Christian Thomasius zwischen 1688 und 1690 publizierten „Monats-Gespräche“. Hier wurden Neuerscheinungen im wörtlichen Sinn ‚besprochen’, und zwar nicht in der lateinischen Sprache der Gelehrten, sondern in allgemeinverständlichem Deutsch. Und besprochen wurden sie in Form von fiktiven Dialogen zwischen zwei und fünf Personen. Diese Form erfundener Gespräche wurde jedoch im 18. Jahrhundert bald aufgegeben und durch die reale Kommunikation zwischen Rezensenten und ihren Lesern ersetzt. Den dialogischen Charakter hat Literaturkritik, wenn sich ihre Einschätzungen nicht als quasi richterliche und autoritative Urteile, sondern als Diskussionsanstöße begriffen, behalten und im 20. Jahrhundert in den Medien des Rundfunks und des Fernsehens zum Teil forciert. Literaturkritik im Internet, deren Stil teilweise einer Verlagerung privater, mündlicher Gespräche in den öffentlichen Raum gleicht, hat diese Tendenzen weiter verstärkt. Auf jede Kritik kann hier ohne Aufwand geantwortet werden und die Antwort wiederum kommentiert werden. Das Internet hat mittlerweile weiterhin die Schriftlichkeit der Kritik durch diverse audiovisuelle Formen der Kommunikation ergänzt. Die Möglichkeiten des Rundfunks und des Fernsehens sind in das neue Medium ansatzweise integriert worden. Die gegen den gelehrten Diskurs der Philologen über bereits kanonisierte Literatur gerichteten Impulse volkssprachigen und essayistisch gelockerten Schreibens über aktuelle Texte im 18. Jahrhundert setzt sich im 21. Jahrhundert bei Laienrezensionen, die den Einflussbereich professioneller und elitebewusster Feuilletonisten unterlaufen, fort.

Und einige Bedenken

Mit diesen fünf Thesen zur Verteidigung der Literaturkritik im Internet gegen ihre Verächter möchte ich die Probleme, die mit der Veröffentlichung von Literaturkritik im Internet verbunden sind, nicht herunterspielen. Drei dieser Probleme zumindest seien hier etwas eingehender bedacht. Sie sind in der Geschichte der Literaturkritik nicht neu, haben mit dem Internet aber eine neue Sichtbarkeit und Brisanz erhalten.

Problem 1: Literaturkritik und ökonomische Interessen des Buchhandels

Dass Literaturkritik im Dienst ökonomischer Interessen von Verlagen agiert, hat man ihr schon vor den Zeiten des Internets gelegentlich unterstellt. Mit Blick auf die etablierten Print-Medien hat der schon erwähnte Artikel von Oliver Brendel den Vorwurf unlängst wiederholt: „Wer die Rezensionen in den Massenmedien betrachtet, stellt schnell fest, dass fast ausschließlich Bücher der ‚mächtigen’ beziehungsweise ‚etablierten’ Verlage besprochen werden. Diese umsorgen die Redaktionen auf liebevolle Weise und lassen ihnen Rezensionsexemplare und Geschenke zukommen, womöglich mitsamt dem Versprechen, bei Gelegenheit an die Anzeigenabteilungen zu denken. Dies können sich ‚unbedeutende’ beziehungsweise ‚unbeachtete’ Verlage nicht leisten, und genauso wenig Autoren, die auf ihre Werke hinweisen wollen.

Die Literaturkritik-Forschung hat bislang bei keinem der wichtigen Rezensionsorgane nachweisen können, dass die Auswahlentscheidungen über zu rezensierende Bücher oder gar die Inhalte der Kritik signifikant durch die Schaltung von Verlagsanzeigen beeinflusst wurden. Welchen Einfluss Verlage auf Rezensenten nehmen, die für frei zugängliche Online-Medien schreiben, oder ob Rezensenten an Verlage herantreten, um sich solche Dienste bezahlen zu lassen, darüber ist wenig bekannt. Solche Praktiken dürften bislang ebenso zu Ausnahmeerscheinungen gehören wie das unverfrorene Angebot von „literaturmarkt.info“, einer „Literaturzeitschrift für Deutschland“, Rezensionen zu bestellen: „Autoren (und Verlage) können bei ,literaturmarkt.info’ ein Buch zur Rezension anmelden. Dafür wird eine Redaktionsgebühr erhoben (€ 195,00 plus MWSt). Das einzureichende Buchexemplar verbleibt in der Redaktion. Autoren und Verlag eines besprochenen Buchs können den Rezensionstext für ihre Buchwerbung frei zum Nachdruck etc. verwenden. Mit der Zahlung der Redaktionsgebühr erwerben Autor oder Verlag alle Rechte am Text, um ihn beliebig für die weitere Buchwerbung einzusetzen.“

Literaturkritik ist zwar von Verlagen ökonomisch insofern abhängig, als ihre Medien weitgehend auf Einnahmen aus Verlagswerbung angewiesen sind. Aber es gehört zu den ungeschriebenen Regeln in den Beziehungen zwischen Verlagen und Literaturredaktionen, dass die ökonomische Abhängigkeit der Literaturkritik vom Buchhandel zu keiner inhaltlichen führen darf. Da steht das Prestige zumindest der renommierteren Organe der Literaturkritik auf dem Spiel, und auf dieses Prestige sind auch Verlage in ihrem Interesse an der öffentlichen Kritik angewiesen. Wie groß ihr Interesse daran ist, lässt sich allein daraus ersehen, dass sie in ihre Presseabteilungen einiges investieren. Literaturkritik braucht den Buchhandel und der Buchhandel braucht die Aufmerksamkeit der literaturkritischen Öffentlichkeit. Diese ist auf Dauer wenig wert, wenn hier Bücher fast nur gelobt werden. Das Gewicht einer enthusiastischen Rezension steigt, wenn die Leser wissen, dass der Kritiker und das Rezensionsorgan, in dem seine Kritik erscheint, keine Scheu vor negativen Urteilen haben.

Besonders auf den Seiten von Online-Buchhandlungen, aber mittlerweile überall dort, wo Literaturkritik im Internet erscheint, ist ein ziemlich paradoxes Phänomen zur Selbstverständlichkeit geworden: Da wird ein Buch zum Verkauf angeboten und nicht selten steht direkt darüber, darunter oder daneben eine Rezension, die von der Lektüre oder dem Kauf des Buches entschieden abrät. Der „Süddeutsche Zeitung Shop“ beispielsweise präsentiert Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“ in seinem Angebot. Darunter steht der am 18.9.2008 in der SZ erschienene Verriss von Burkhard Müller und in ihm der nicht eben zum Kauf animierende Satz: „Selten hat der Rezensent so intensiv den Wunsch verspürt, ein Buch zuzuklappen und ins Eck zu pfeffern.“ Dieselbe Rezension steht beim Online-Buchhändler „Buecher.de“, der von der „SZ“ und der „F.A.Z.“ die Lizenz erworben hat, die dort erschienenen Besprechungen auch auf den eigenen Seiten zu veröffentlichen.

Das Phänomen verweist auf zwei längst bekannte Sachverhalte, die sich allerdings im neuen Medium des WWW viel deutlicher manifestieren als früher. Wichtiger an der Literaturkritik als die Bewertung eines einzelnen Buches ist Verlegern, Buchhändlern und Autoren zumeist, dass ein Buch überhaupt rezensiert wird. Jede Rezension ist unabhängig von ihrem Inhalt ein Zeichen, das besagt: Dieses Buch verdient Aufmerksamkeit! Neben und tendenziell selbständig gegenüber einer differenzierten literaturkritischen Bewertungsskala zwischen totaler Ablehnung und höchstem Lob existiert eine mindestens ebenso komplexe Ökonomie der Aufmerksamkeit, die als Währung auch deshalb besonders wirksam ist, weil sie subtiler funktioniert und nicht so bewusst erkennbar ist.

Die unausgesprochene Anerkennung, die selbst noch ein Verriss wie der von Burkhard Müller in der „SZ“ enthält, ist nur einer von vielen Bestandteilen einer paraverbalen ‚Sprache‘ der Aufmerksamkeitsverteilung, die jeder versteht, aber nicht unbedingt durchschaut. Wie umfangreich eine Rezension und wo oder wie sie platziert ist, das Ansehen des Rezensenten oder des Rezensionsorgans und nicht zuletzt die Zahl der Rezensionen, die zu einem Buch erscheinen, gehören dazu. Und die Vielzahl ist zugleich meist eine Vielstimmigkeit, die das Gewicht einer positiven oder negativen Kritik relativiert. Auch deshalb ist der Verriss neben einem online zum Kauf angebotenen Buch nicht ganz so paradox, wie es den Anschein hat. Er ist ja nur eine Stimme unter vielen, macht vielleicht neugierig, andere zu hören, provoziert zum Widerspruch, dynamisiert den öffentlichen Disput über Literatur und verschafft ihr Gehör.

Problem 2: Finanzierung der Literaturkritik

Anfang dieses Jahres 2009 teilte die „Washington Post“, eine der großen und bedeutenden Zeitungen der Vereinigten Staaten, mit, dass ihre Literaturbeilagen fortan nicht mehr im Druck erscheinen, sondern allein im Internet publiziert werden. Ähnliche Nachrichten kamen aus der Schweiz, wo die „Basler Zeitung“ ihren renommierten Rezensionsteil fast ganz einstellen musste. Auch andere Zeitungen der Schweiz haben die Zahl literaturkritischer Artikel erheblich reduziert. In den Medienwissenschaften gibt es einen weitreichenden Konsens, dass neue Medien die alten nicht ersetzen, sondern ergänzen. Vermutlich gilt dies auch für die Mediengeschichte der Literaturkritik. Jedenfalls sind die Finanzierungsprobleme, die die Print-Medien der Literaturkritik haben, ähnlich auch in den Online-Medien anzutreffen. Es gibt noch kein tragfähiges Geschäftsmodell, das es erlaubt, die technischen und redaktionellen Unkosten der ‚Publisher‘ von Literaturkritik im Netz zu decken und die Kritiker angemessen zu honorieren. Die gängigen Einnahmen aus Werbung und Buchverkäufen über kooperierende Partner-Buchhandlungen reichen dazu nicht aus. Das Lesen der Rezensionen kostenpflichtig zu machen, konnte sich bislang aus bekannten Gründen nicht durchsetzen.

Auch jenseits des Web 2.0, in dem die Inhalte der Web-Seiten von Lesern kostenlos generiert werden, erhalten Verfasser literaturkritischer Artikel in der Regel keine Honorare. Schon für Mitarbeiter in den Print-Medien standen und stehen heute mehr denn je die Honorare in keiner irgendwie angemessenen Relation zum Arbeitsaufwand, den eine professionelle Literaturkritik erfordert, in den Online-Medien fehlen sie ganz. Das Ein-Euro-Angebot, das derzeit Rezension.org potentiellen Mitarbeitern allen Ernstes für eine Rezension macht, ist eher ein Beispiel unfreiwilliger Komik. Die Finanzierung der Literaturkritik in den Print- wie in den Online-Medien wird vermutlich längerfristig ein ungelöstes und sich vielleicht verschärfendes Problem sein. Von ihr hängt nicht zuletzt auch die Qualität der literaturkritischen Beiträge ab.

Problem 3: Glaubwürdigkeit und Qualität der Kritik

Die Frage nach der Qualität von Literaturkritik im Internet ist nur zum Teil die nach den Unterschieden zwischen professioneller Kritik und Laienkritik. Sebastian Domsch stellte diese 2003 in einem der ersten Artikel, die sich mit der Literaturkritik für das Internet differenziert auseinandersetzten. Er hatte dabei als internetspezifische Form der Kritik vor allem die Kundenrezensionen bei „Amazon“ im Blick: „Der Kunde wird nicht gezwungen, sich zu den kritischen und argumentativen Standards des gehobenen Rezensentenwesens hinaufzuschwingen, er kann sich Geschmacksstatthalter wählen, die Urteile ganz in seinem Sinn treffen, ohne dass er selbst mit dem mühevollen Prozess der Urteilsfindung zu schaffen hat. Amazon ersetzt mit der Kundenrezension den Kunstrichter durch Volkes Stimme.“

Jenseits differierender Urteils-, Begründungs- und Formulierungskompetenzen ist die Qualität von Literaturkritik aber auch und vor allem eine Frage ihrer Glaubwürdigkeit. Von ihr war die Literaturkritik in den Print-Medien immer schon betroffen. Aber sie verschärft sich dort ganz erheblich, wo in den Online-Medien keine redaktionelle Instanz die Vergabe von Büchern zur Rezension steuert und wo jeder jedes Buch rezensieren kann, auch die von Freunden oder Feinden – oder sogar die eigenen. Beispiele für Gefälligkeits- und Selbstrezensionen oder auch Attacken gegen konkurrierende Autoren und Verlage gibt es in großer Zahl. Und es wird auf sie immer wieder hingewiesen. Es ist vor allem die bei Veröffentlichungen im Internet verbreitete Praxis, unter einem Pseudonym zu schreiben, die die Glaubwürdigkeit der Literaturkritik für das Internet erheblich beeinträchtigt. Zwar kann die anonyme Verfasserschaft, die in der Geschichte der Literaturkritik bis in das 19. Jahrhundert hinein gängige Praxis war und beispielsweise bei wissenschaftlichen Gutachten noch heute üblich ist, auch dem Schutz des Rezensenten und seiner Unparteilichkeit dienen, insofern er seine Kritik formulieren kann, ohne persönliche Nachteile befürchten zu müssen. Aber die Probleme anonymisierter Kritik hat inzwischen auch „Amazon“ erkannt und sich um Lösungen bemüht. Jenen Kunden, die Rezensionen für „Amazon“ schreiben, empfiehlt das Unternehmen inzwischen, den realen Namen zu verwenden. Sie erhalten dann eine „Real Name-Plakette“, die der veröffentlichten Rezension als eine Art Glaubwürdigkeitsbescheinigung hinzugefügt wird. „Amazon“ begründet dieses Verfahren so: „Wir glauben, dass Kunden, die sich für die Real Name-Plakette entscheiden, einfach die besseren Rezensionen abgeben, da sie mit ihrem Namen hinter ihrem Beitrag stehen.“ Bei den Lesern gewinne der Rezensent mit der Plakette einen „Vertrauensvorsprung“.

Nicht nur an dem Beispiel des Anonymitätsproblems lässt sich besonders gut bei „Amazon“ zeigen, dass sich im Internet viele Problemkomplexe und Phänomene wiederholen, mit denen Literaturkritik seit dem 18. Jahrhundert immer wieder konfrontiert war. Das gilt gerade für die Mechanismen der Vertrauensbildung und Qualitätsunterscheidungen. Auch bei „Amazon“ selbst hat inzwischen eine Art Differenzierung zwischen professionellen Rezensenten und laienhaften Gelegenheitskritikern eingesetzt. Und wie seit den Anfängen der Literaturkritik sind Kritiker hier nicht nur Subjekte, sondern auch Objekte von Bewertungen. Ihre Leistungen unterliegen einer ständigen Evaluation durch die Leser, die bei „Amazon“ dazu animiert werden, ihr Urteil über die Rezensionen zu fixieren. Rezensenten, die regelmäßig und deren Rezensionen von anderen als besonders hilfreich eingeschätzt werden, können den Status eines „Top-Rezensenten“ erhalten oder innerhalb dieser Spitzengruppe sogar zur einer Art Kritiker-Papst avancieren. Und der Kampf um die Plätze in dieser Rangliste wird mindestens ebenso hart geführt wie der um das Prestige unter professionellen Kritikern in den Printmedien – und keineswegs fairer (vergleiche literaturkritik.de Heft 1/2010).

Die neue Internet-Technik imitiert und modelliert alte Strukturen und Prozesse literaturkritischer Kommunikation, macht sie aber durch die Nötigung zur technischen Operationalisierung oft noch deutlicher erkennbar.

Dieser Beitrag basiert auf einem im Oktober 2009 an der Universität Innsbruck gehaltenen Vortrag und war Diskussionsbasis in einer an der Universität Marburg durchgeführten Lehrveranstaltung über Literaturkritik im Internet. Aus dieser Veranstaltung sind auch die Beiträge von Simone Schwalm und Matti Traußneck in dieser Ausgabe von literaturkritik.de hervorgegangen. Die gedruckte Fassung des Vortrags mit detaillierteren Belegen ist inzwischen unter dem Titel „Kontinuitäten und Veränderungen der Literaturkritik in Zeiten des Internets: Fünf Thesen und einige Bedenken“ erschienen in: Stefan Neuhaus / Renate Giacomuzzi / Christiane Zintzen (Hg.): Digitale Literaturvermittlung. Praxis, Forschung und Archivierung. Studien Verlag, Innsbruck 2010 (S. 48-59).