Leben in Bewegung

Janina Wellmann legt mit ihrer Studie „Die Form des Werdens“ eine „Kulturgeschichte der Embryologie“ von 1760 – 1830 vor

Von Heinz-Jürgen VoßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heinz-Jürgen Voß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Während Wolf Lepenies für das ausgehende 18. Jahrhundert das „Ende der Naturgeschichte“ konstatierte und herausarbeitete, dass eine Erweiterung naturgeschichtlicher Beschreibungen um die Dimension der Zeit stattgefunden habe, fordert Janina Wellmann in ihrem neuen Buch „Die Form des Werdens“ die Präzisierung dieser These ein. Sie stellt fest: Zum ausgehenden 18. Jahrhundert geriet das Leben aus dem Takt – Takt im Sinne einer Zeitlichkeit und eines steten Gleichklanges. Nicht das Hereinbrechen einer schlichten Zeitlichkeit sei um 1800 das ausschlaggebende Moment und konstituierend unter anderem für die „moderne“ Biologie gewesen – ein Verständnis von Zeitlichkeit habe es auch zuvor gegeben –, neu sei vielmehr die „Vorstellung von Ordnung in einer stetig sich wandelnden Welt“ gewesen.

Damit plädiert Wellmann in ihrer Studie, die in der von Michael Hagner und Hans-Jörg Rheinberger herausgegebenen Reihe „Wissenschaftsgeschichte“ des Wallstein Verlags erschienen ist, dafür, sich der Regelhaftigkeit und dem Wandel in der Zeitlichkeit zuzuwenden. Wellmann schlägt den Begriff „Rhythmus“ vor, um „die Spannung von Ganzheit und ununterbrochener Folge“ in einer „unaufhörlich vorwärts drängenden Bewegung“ beschreiben zu können. Damit greift sie einen in ihren Quellen auftauchenden, später zentralen und klarer gefassten Begriff auf, um das im 18. Jahrhundert aufkommende Entwicklungsdenken zu fassen.

Wellmann leistet mit ihrem Buch eine überzeugende Gesamtschau. Sie interessieren insbesondere die entsprechenden Beschreibungen in der sich herausbildenden Biologie. Diese betrachtet sie eingebunden in weitere gesellschaftliche Bereiche, wie den der Musik, den der Literatur und den der Kunst. Damit kommt sie der Weltsicht der romantischen Naturforschung entgegen, die auf eine Verknüpfung abzielte, in der Beobachtungen miteinander vereinbart werden sollten, statt eine Zergliederung in einzelne Untersuchungsbereiche zu vollziehen. Bereits aus einem kurzen Zitat eines bedeutenden Physiologen des 19. Jahrhunderts, Karl Ernst von Baer, wird ersichtlich, wie vielversprechend dieser Ansatz ist: „Den Lebens-Prozeß aber halten wir nicht für ein Resultat des organischen Baues, sondern für den Rhythmus, gleichsam die Melodie, nach welcher der organische Körper sich aufbaut und umbaut. […] Was wir in der Musik Harmonie und Melodie nennen, ist hier Typus (Zusammensein der Theile) und Rhythmus (Aufeinanderfolge der Bildungen).“

Was Baer hier in einen Zusammenhang mit Musik bringt, lässt sich ebenfalls zu ikonografischen Bildbeschreibungen analogisieren, in denen Bewegung und Rhythmus in der Darstellungsform der Bildserie auftritt. Wiederum mit Bezug zu Baer arbeitet Wellmann anschaulich heraus: „Er [Baer] beschreibt die Formation des Embryos mittels Auf- und Umschichtungen, Krümmungen und Faltungen von Membranen in der Art, wie die Tanz- und Waffenmeister des 17. und 18. Jahrhunderts die Ausführung einer Bewegung auf dem Tanz- und Fechtboden beschrieben oder die Militärliteratur die Formationen und Evolutionen der Truppen im Feld aufzeichnete“.

In Abgrenzung zu so genannten Präformationstheorien, in denen davon ausgegangen wurde, dass der vollständige Organismus in Teilen oder vollständig bereits vorgebildet sei und lediglich an Größe zunehmen, sich „auswickeln“ müsse, wendet sich Wellmann auf diese Weise facettenreich den Entwicklungstheorien zu. Bezüge stellt sie dabei zu einigen antiken Betrachtungen her. Beispielsweise habe Aristoteles „die Idee der sukzessiven Entstehung des Organismus aus einer homogenen Masse“ vertreten und nicht wie Anhänger der Pangenesislehre die Vorformung einzelner Körperteile, die von Elter-Organismen zur Zeugung eines neuen Organismus’ zur Verfügung gestellt würden. Auch für die „Musikalität“ körperlicher Prozesse findet Wellmann antike Vorläufer, so Herophilos, der die Bewegung des Pulses „mit Hebung und Senkung des Verses […] und der Musik“ gleichgesetzt habe. Im Anschluss an solche kurzen Betrachtungen von Traditionen arbeitet sie heraus, dass anknüpfend an Caspar Friedrich Wolffs Epigenese-Theorie und seine hierzu bahnbrechenden Arbeiten aus den Jahren 1759, 1764 und 1768 das Entwicklungsdenken zum Ende des 18. Jahrhunderts zentral wurde und bedeutsam für die Herausbildung der „modernen“ Wissenschaft Biologie war. Den detaillierten Beschreibungen von Entwicklung geht Wellmann so bei Wolff, Ignaz Döllinger, Carl Friedrich Kielmeyer, Christian Heinrich Pander und Karl Ernst von Baer nach und behält dabei stets die eigene Forschungsfrage nach den „Kernelementen des Rhythmischen – wie Wiederholung, Variation, Regelmaß, Periode, Modifikation, Wechsel, Relation“ im Blick. Die Kontextualisierung mit Entwicklungsdenken anderer gesellschaftlicher Bereiche gewinnt sie über ebenso feingliedrige Ausarbeitungen zu Friedrich Gottlieb Klopstock, Friedrich Hölderlin, Karl Philipp Moritz und – jeweils auch mit naturphilosophischen beziehungsweise „biologischen“ Arbeiten bedeutsam – Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Wolfgang von Goethe.

Janina Wellmanns Buch ist ein fundiert hergeleitetes und begründetes Plädoyer, Entwicklung im Sinne von „Rhythmus“ in den Blick weiterer Forschungsarbeiten zu nehmen. Ihr Ansatz erscheint auch deshalb ertragreich, weil für die Zeit um 1900 die Bedeutung von „Rhythmus“ für physiologische Beschreibungen bereits herausgearbeitet wurde und so die verflochtene Entwicklungsgeschichte von Rhythmus-Konzeptionen und ihre vielfältigen Ausgangspunkte auch hier neue Betrachtungen und Deutungen möglich machen werden.

Titelbild

Janina Wellmann: Die Form des Werdens. Eine Kulturgeschichte der Embryologie, 1760-1830.
Wallstein Verlag, Göttingen, Niedersachs 2010.
429 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783835305946

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