Sehnsuchtsorte aus Glas und Stahl

Ein prachtvoller Bildband von Elisabeth A. T. Smith stellt die 36 „Case Study Houses“ vor – ein Wohnungsbauprogramm, das bis heute seinesgleichen sucht

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 1945 initiierte die amerikanische Kunst- und Desig-Zeitschrift „Arts & Architecture“ unter der Federführung ihres Herausgebers John Entenza ein Wohnungsbauprogramm, das bis heute seinesgleichen sucht. Die 36 sogenannten „Case Study Houses“ – von einigen existieren lediglich Entwürfe, 25 davon wurden tatsächlich errichtet – waren ebenso radikal wie wegbereitend für die gesamte internationale Architektur. Die Prototypenhäuser sollten Möglichkeiten aufzeigen, moderne, kostengünstig zu produzierende Wohnbauten zu schaffen und eine Art „neues Wohnen“ definieren – schnörkellos, preislich attraktiv und innovativ.

Kaum jemand wäre für dieses Programm besser geeignet gewesen als Entenza, verfügte er doch über beste Kontakte zu den führenden amerikanischen Architekten seiner Zeit. Und so wurden die „Case Study Houses“ allesamt von Meistern ihres Faches entworfen, unter ihnen finden sich so illustre Namen wie Ray und Charles Eames, Pierre Koenig, Richard Neutra, Eero Saarinen, Craig Ellwood und Raphael Soriano. Die Häuser sorgten schon kurz nach ihrer Entstehung nicht nur in der Presse für immense Aufmerksamkeit, die bis 1947 errichteten ersten sechs (CSH #2, #10, #11, #15, #16 und #17) wurden über 300.000 mal besichtigt.

Der Taschen Verlag legte zum 25-jährigen Verlagsjubiläum den monumentalen, über 440 Seiten starken Bildband wieder auf, so dass diese Meilensteine der Architekturgeschichte nun erneut erfahrbar sind. Was in den Vorstellungen der Häuser in den damaligen Ausgaben von „Arts & Architecture“ teils reproduktionstechnisch, teils finanziell nicht machbar war, wird nun in dem prachtvollen Band nachgeholt: Großformatige, brillante Farbfotografien erfreuen den Betrachter. Jedes Haus wird ausführlich mit einer kurzen Einleitung, einem Nachdruck des Textes aus „Arts & Architecture“, und mehreren Bildern und Skizzen vorgestellt, bei den nicht errichteten veranschaulichen Zeichnungen, Grundrisse und Detailskizzen wird der Entwurf abgedruckt. Viele der Bilder des Bandes stammen von Julius Shulman, der mit seinem Bild des Case Study House #22, gebaut von Pierre Koenig, eine der Ikonen der Architekturfotografie schuf, das unzählige Male reproduziert wurde und das mit einem einzigen Blick die Attraktivität und zugleich die radikale Modernität der Gebäude enthüllt: Zwei junge Damen in weißen Kleidern sitzen auf zierlichen Sesseln in einem luftigen, über den Abhang hinausragenden Zimmer aus Stahl, Beton und Glas, im Hintergrund das nächtliche, erleuchtete Straßennetz von Los Angeles.

Jenem „Stahl House“ von Koenig, wohl dem bekanntesten der Case Study Houses, widmet der Band auch knapp zwanzig Seiten, die anderen Gebäude werden teils weniger ausführlich, aber nicht minder beeindruckend, porträtiert. Die Gebäude wirken ungeheuer leicht, ihre Konstruktion aus Fertigteilen ermöglichte eine günstige und flexible Bauweise, die Raumaufteilung kann teilweise unproblematisch geändert werden. Überhaupt sind die Räume offen, hell und bieten oft spektakuläre Ausblicke auf die Landschaft, auf die Städte zu ihren Füßen – die meisten von ihnen wurden in den Hügeln von Los Angeles errichtet. Ein aufgelöster Wohnraum, abgeschieden, in bester Lage, mit einem Pool auf der Terrasse – betrachtet man die tatsächlich errichteten Häuser und ihre Standorte, so erkennt man, dass hier Modellbauten erschaffen wurden, die sich nur einige wenige leisten konnten. Eben darum registriert man erstaunt, dass das eigentliche Projekt – nämlich den Anstoß zu geben, um mit modernen Mitteln die Wohnungsnot der Nachkriegzeit zu lösen – grandios sein Ziel verfehlte. Darüber verliert der Band interessanterweise kein Wort, was schade ist, denn etwas mehr Information über die Hintergründe und die Wirkung des Programmes hätte dem Buch sicherlich gut getan. Doch dies war wohl auch nicht das erklärte Ziel der Herausgeber, die sich ganz auf die visuelle Seite des „Case Study Houses Program“ verlassen – und dieser Part des Buches ist über jeglichen Zweifel erhaben.

Titelbild

Elizabeth A. T. Smith: Case study houses. The complete CSH program 1945 - 1966.
Taschen Verlag, Köln 2009.
440 Seiten, 49,99 EUR.
ISBN-13: 9783836510219

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