Zeitlebens mit einem Basler Pass unterwegs

Friedrich Nietzsche, sein Briefwechsel mit Franz und Ida Overbeck und sein Verhältnis zur Stadt Basel

Von Martin StingelinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Stingelin

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 5. Januar 1889 schrieb Friedrich Nietzsche in Turin seinen letzten Brief. Er war nach Basel adressiert und schließt mit der bemerkenswerten Wendung: "Sie können von diesem Brief jeden Gebrauch machen, der mich in der Achtung der Basler nicht heruntersetzt." Als ihn die manische Euphorie und das Aufbäumen vor dem geistigen Zusammenbruch längst aller Sorgen enthoben hatten, galt die letzte Sorge Friedrich Nietzsches der "Achtung der Basler". Jacob Burckhardt, der diesen Brief stellvertretend für die Bevölkerung der Stadt empfing, eilte damit umgehend zu Nietzsches Freund Franz Overbeck, der selbst, zusammen mit seiner Frau Ida, erst einen Tag später einen der sogenannten "Wahnsinnszettel" erhalten sollte: "Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen... Dionysos." Zu diesem Zeitpunkt waren die Reisevorkehrungen bereits getroffen. Der Psychiater Ludwig Wille, Direktor der 1886 eröffneten Irrenanstalt Friedmatt (die sich erst nach der Jahrhundertwende "Kantonale Heil- und Pflege-Anstalt" nannte), hatte Overbeck geraten, Nietzsche von Turin nach Basel zu überführen und ihn seiner psychiatrischen Behandlung zu übergeben. Die Statistik der Friedmatt führt den Philosophen, der von sich "behauptet, ein berühmter Mann zu sein" (so der ärztliche Fragebogen), unter den 191 Neuaufnahmen als einen von zwölf 1889 eingelieferten männlichen Patienten, die an "progressiver Paralyse" litten.

Doch nicht der Rückfall in die kindliche Grammatikschwäche, Akkusativ und Dativ miteinander zu verwechseln, hatte als regressives Symptom für den fortschreitenden Bewusstseinszerfall im psychiatrisch ungeschulten Overbeck den Verdacht geweckt, dass Nietzsche den Verstand eingebüßt haben könnte, sondern der Verlust der vornehmsten Qualität, die Nietzsches Briefe in seinen Augen auszeichnete, ihre geistesgegenwärtige Rücksicht auf den jeweiligen Empfänger. Unter den 144 Artikeln zum Stichwort "Nietzsche", die sich Overbeck, Professor für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte an der Universität Basel, seit 1898 als Teil seiner "Privatencyclopädie", des "Kirchenlexikons", notierte, findet sich unter dem Titel "Nietzsche (Fr.) Briefe Vermischtes" die Aufzeichnung:

"Von den Eigenschaften classischer Bfe besitzen die N.'s. die Eine wenigstens in ganz hervorragendem Maasse, näml. dass sie ad hominem geschrieben sind. Darum erschrak ich auch so sehr als mir sein im Wahnsinn an Jak. Burckhardt gerichteter Bf zu Gesicht kam. Der Adressat war fast gleichgültig, das sprach fast auch beredter als der an sich wahnsinnige Inhalt dafür, dass N. ihn von Sinnn geschrieben hatte. Wie konnte er sich gerade diesem Manne gegenüber so gehen lassen!"

Tatsächlich reißt Nietzsche in seinem letzten Brief irre Witze; der erste ist unter Basler Akademikern in der Zwischenzeit ein geflügeltes Wort geworden: "zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muß Opfer bringen, wie und wo man lebt." Der "fugitivus errans" der umherirrende Flüchtling, wie sich der Altphilologe nach seiner krankheitsbedingten Entlassung aus dem Basler Universitätsdienst 1879 nannte war am Ende seiner Reise angekommen und endlich ohne Ziel, kaum dass in sein rastloses Suchen nach einem ihm zuträglichen Klima eine gewisse Stetigkeit eingekehrt war, wie die Chronologie der Absendeorte von Nietzsches Briefen im Jahr 1888 dokumentiert: Nizza - Turin - Sils-Maria - Turin. Zwei Jahre zuvor noch nahm sich der Kreislauf seiner Durchgangsstationen wie ein verzweifelter Versuch aus, seinem sprichwörtlichen Ruf als "guter Europäer" und Kosmopolit, der ihn mittlerweile eingeholt hat, vorauszueilen: Nizza - Venedig - München - Naumburg - Leipzig - Rorschack - Chur - Sils-Maria - Ruta Ligure - Nervi - Ruta Ligure - Nizza. Bis zuletzt hatte ihn 'ein wunderschöner Basler Paß' begleitet, "der mehrere Male von schweizerischen Konsulaten erneuert worden ist" (so Nietzsche am 26. Dezember 1888 an Overbeck).

Basel selbst, wohin er 1869 als Vierundzwanzigjähriger an die Universität berufen worden war, hatte er auf dieser ruhelosen Wanderschaft vom 15. Juni bis 2. Juli 1884 zum letzten Mal besucht, und Franz Overbeck erinnert sich in seiner Privatenzyklopädie unter dem Stichwort "Nietzsche (Lehre) Wiederkunft des Gleichen", wie er "krank in einem Bette des Hotel's zum Weissen Kreuz liegend, ganz in der mysteriösen Weise, wie er es auch früher bei Frau [Lou] Andreas[-Salomé] nach ihrem Zeugniss gethan hatte, mit unheimlich flüsternder Stimme als ob er ein ungeheueres Geheimniss verkündete, an mich Mittheilungen über diese seine Geheimlehre gerichtet" hat. In der Maske des Freigeistes, der aller "Kunstmysterienreligionsschwärmerei" (Nietzsches akademischer Lehrmeister Friedrich Ritschl am 2. Februar 1873 an den Basler Erziehungsrat Wilhelm Vischer-Bilfinger) abgeschworen hatte, die ihn in seiner Basler Jugendzeit mit Richard Wagner verband, wandelte plötzlich ein Prophet, der das Schicksal von Ahasver noch überbieten wollte: Nicht ewige Wanderschaft als Strafe für die Verachtung des christlichen Jenseits, sondern die Ewige Wiederkunft des Gleichen im Diesseits als ethische Herausforderung der Lebensbejahung predigte er als Quintessenz aus "Also sprach Zarathustra". Unter diesen antibürgerlichen Voraussetzungen wußsste er nicht mehr, wie er den Bürgern von Basel begegnen sollte: "Basel, oder vielmehr mein Versuch, in alter ehemaliger Weise mit den Baslern und der Universität umzugehn hat mich tief erschöpft. Eine solche Rolle und Verkleidung kostet jetzt meinem Stolze zuviel", schrieb er Overbeck zehn Tage nach seiner Abreise am 12. Juli 1884 von Piora bei Airolo.

Doch die zweite große Ernüchterung folgte auf dem Fuß: In den Zwillingsschriften "Jenseits von Gut und Böse" (1886) und "Zur Genealogie der Moral" (1887) schmiedete Nietzsche die historische Kritik zu einer Waffe, die sämtliche abendländischen Werte in Frage stellte, indem sie diese auf ihre Entstehung aus einem Machtverhältnis zurückführte. Die Historie gab sich als Kriegsschauplatz verschiedener Interpretationen zu erkennen, die miteinander um die Vorherrschaft ringen, und Nietzsche wusste, dass seine Philosophie nur eine unter ihnen war. Diesem (selbst)kritischen Nietzsche zeigten sich Gilles Deleuze und Michel Foucault verpflichtet; sie haben aus den zahlreichen Gesichtern Nietzsches die Züge des historischen Philosophen herausgestrichen, der die Aufklärung über sich selbst aufklärte.

Doch bis zu seinem letzten Brief an Jacob Burckhardt, in dem Nietzsche als Kern seiner Identität enhüllte, "dass im Grunde jeder Name in der Geschichte ich bin", ist er sich nie gleichgeblieben. Basel aber war ein fester Orientierungspunkt in diesem Reigen der Projekte und Persönlichkeiten, nicht zuletzt wegen des Halts, den ihm die Freundschaft von Franz Overbeck bot, der sich aufopfernd um alle für Nietzsche lebensnotwendigen Belange wie Pensionsgelder, Versicherungen, Steuern, aber auch die Logistik der durch ganz Europa reisenden Bücher des Philosophen kümmerte.

Drei Neuerscheinungen laden jetzt dazu ein, sich Nietzsches Verhältnis zu Basel, zu vergegenwärtigen.

Der von Katrin Meyer und Barbara von Reibnitz sorgfältig herausgegebene und kenntnisreich kommentierte Briefwechsel zwischen Friedrich Nietzsche und dem Ehepaar Overbeck, der aus der kritischen Gesamtausgabe von Nietzsches Briefwechsel ausgegliedert worden ist, vermittelt in der dadurch ermöglichten Form der direkten Wechselrede einen sehr viel lebhafteren Eindruck dieser Freundschaft als die schleppende Lektüre der gesamten Korrespondenz (von der ohnehin nur Nietzsches Briefe in einer erschwinglichen Taschenbuchausgabe erhältlich sind).

Nicht ohne Betrübnis sieht man jetzt mit der immer quälender werdenden Krankheit Nietzsches, für die er nicht zuletzt das Basler Klima verantwortlich macht "Ceterum censeo Basileam esse derelinquendam" (Übrigens bin ich der Meinung, Basel muß ganz verlassen werden), schreibt er 1879 über seine "Basileophobie" -, den Witz weichen, der noch die frühen, nur in den Ferien gewechselten Briefe auszeichnet, als Nietzsche und Overbeck am Schützengraben 45 (heute 47), der sogenannten "Baumannshöhle", noch "Wunsch-, Waffen- und Wandnachbarn" waren, wie Nietzsche am Silvester 1873 an seinen Freund schreibt; "seltsame Käuze meinetwegen im Baseler 'Uhlenhorst', aber recht friedfertige brave Uhlen. Nämlich für uns: nach aussen hin greuliches Mord- und Raubgethier, brüllende Tiger und ähnlicher Wüstenkönige Genossen." Unter dem Titel "Zwei seltsame Käuze" war am 13. Dezember 1873, wie man dem nützlichen Kommentar entnehmen kann, eine Rezension der beiden Kampfschriften "David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller" und "Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie" erschienen, die Nietzsche und Overbeck gemeinsam verfasst hatten.

Doch das sind nicht die einzigen Vögel aus der Spezies der Kalauer, die ihren Briefwechsel bevölkern. Aus Bergün, wo Nietzsche mit dem inzwischen ebenfalls in die "Baumanns höhle" gezogenen Philosophen Heinrich Romundt in den Ferien weilte, schrieb er am 20. Juli 1874 an Overbeck: "Herzlichsten Gruss von den 2 Berghühnern, als welche in ihrer Art die einzigen in diesem Hôtel sind." Der "Syntroglodyte" (Mit-Höhlenbewohner) Overbeck antwortete am 26. Juli 1874 aus Dresden: "Mit Besorgniss, auch weil wir jetzt in Basel einen zoologischen Garten haben", der am 3. Juli 1874 gegründet worden war, "erfahre ich dass Ihr in Berggün eine besondere Art von Berghühnern geworden seid."

Noch ausführlicher, aber leider unerschwinglich, ist der wertvolle Kommentar zu Nietzsches Basler Briefwechsel in der Zeit zwischen dem Mai 1872 und dem Dezember 1874, der eben erschienen ist. Neben philologischem Sachverstand ist darin auch viel detektivischer Spürsinn eingegangen: Die Namen der Teilnehmer von Nietzsches akribisch rekonstruierten Lehrveranstaltungen sind recherchiert, die Autoren, Titel und Erscheinungsorte der Rezensionen von Nietzsches Büchern - neun Besprechungen von "David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller" alleine in den Basler Zeitungen - bibliographisch nachgewiesen. Sogenannte "Zentralbelege" erleichtern den Überblick über die Themenschwerpunkte der Korrespondenz. Kulturhistorisch werden vor allem diejenigen Leserinnen und Leser auf ihre Rechnung kommen, die sich für den detailliert und umsichtig kommentierten Streit um Nietzsches Buch "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" interessieren, welches weit über die altphilologische Fachöffentlichkeit hinaus Aufsehen erregte und Nietzsche das Urteil eintrug: "'jemand, der so etwas geschrieben habe, sei wissenschaftlich todt'".

Auffällig ist nur, daß die Jacob Burckhardt-Biographie von Werner Kaegi nicht benützt worden zu sein scheint. Und ärgerlich ist, dass der Verlag den Benützerinnen und Benützern des Kommentars das Register, in dem die bibliographischen Kurzhinweise erst aufgelöst werden, mit der Bemerkung vorenthält: "Dieses Register ist vorerst nur im Internet abrufbar", aber versäumt, eine Internet-Adresse anzugeben. So ist die Benützbarkeit dieses Nachschlagewerks bis zum Erscheinen des dritten Teilbandes beträchtlich eingeschränkt.

Dennoch: Das großbürgerliche Stadtleben der Gründerzeit wird durch die Spuren, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der "Nietzsche-Edition Basel" zusammengetragen worden sind, wieder lebendig, sei es in Gestalt der photographischen Porträtsitzungen, die Nietzsche in den Augen seiner Freunde ins rechte Bild rücken sollten (hier vermisst man leider schmerzlich die entsprechenden Illustrationen), sei es in Form der rekonstruierten (Abend-)Gesellschaften, an denen Nietzsche teilgenommen hat. Vor allem die Mutter und Schwester hält Nietzsche mit Nachrichten in Atem wie: "Hier habe ich einen Ball bei La roche's mitgemacht und Einladungen von Vischers im blauen Hause, Turneysens Gemuseus, Immermann's, Burckhardt-Heuslers gehabt."

Das persönlichste Bild von Nietzsches Verhältnis zu Basel aber vermittelt Franz Overbeck in seinen autobiographischen Aufzeichnungen "Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde", in denen er als Historiker um eine angemessene Dokumentation von Nietzsches Leben und Werk kämpft, das von Elisabeth Förster-Nietzsche, der "Soeur terrible" und "Unglücksräbin", im Weimarer Nietzsche-Archiv gefälscht zu werden droht. In einer makellosen Edition haben Barbara von Reibnitz und Marianne Stauffacher-Schaub diese Auszüge aus dem "Kirchenlexicon", einem Hypertext avant la lettre, jetzt den Interessierten zugänglich gemacht.

Durch alle drei - im wesentlichen in dieser Stadt erarbei teten und philologisch vorbildlichen - Publikationen haben die Basler Nietzsche ihre Achtung bezeugt.

Kein Bild

Friedrich Nietzsche: Briefwechsel: Kritische Gesamtausgabe: Abt. 2: 1869-1879: Bd 7, Tlbd 2. Nachbericht zu den Bänden 3 und 4 der II. Abteilung. Briefe von und an Friedrich Nietzsche Mai 1872 - Dezember 1874.
De Gruyter, Berlin und New York 1999.
840 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3110164248

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Titelbild

Friedrich Nietzsche / Franz Overbeck / Ida Overbeck: Friedrich Nietzsche, Franz und Ida Overbeck, Briefwechsel. Meyer, Katrin u. Barbara von Reibnitz (Hrsg.).
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 1999.
400 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 347601617X
ISBN-13: 9783476016171

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