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Die neue Ausgabe der „Zeitschrift für Kulturwissenschaften“ widmet sich dem Themenkomplex ‚Emotionen‘

Von Nora HoffmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Hoffmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die seit 2007 zweimal jährlich erscheinende, von Thomas Hauschild und Lutz Musner herausgegebene „Zeitschrift für Kulturwissenschaften“ versteht sich als Diskussionsforum für interdisziplinäre Ansätze und Kontroversen im Bereich der Kulturwissenschaften. In ihr präsentieren WissenschaftlerInnen aus den unterschiedlichsten Einzeldisziplinen fächerübergreifende Ansätze, wobei insbesondere die Wechselwirkungen zwischen Kultur- und Naturwissenschaften fokussiert werden. So war es nur eine Frage der Zeit, dass eine Ausgabe sich dem aktuell boomenden, hochgradig interdisziplinär angelegten Bereich der Emotionsforschung widmet, in dem sich die Interessen von Geistes- und Naturwissenschaften – insbesondere der Psychologie sowie der Kognitions- und Neurowissenschaften – in besonderem Maße verschränken. Zwar sind die Anfänge einer geisteswissenschaftlichen Emotionsforschung seit etwa zehn Jahren gemacht und das Feld mittlerweile etabliert, doch die genaue Auslotung und Eingrenzung der Themenfelder ist noch längst nicht abgeschlossen, und auch die Debatten um methodische Vorgehensweisen sind noch in vollem Gang. Der von Daniela Hammer-Tugendhat und Christina Lutter herausgegebene Band widmet sich damit einem Thema von großer aktueller Relevanz.

In der noch nicht endgültig entschiedenen Kontroverse um die Universalität versus Kulturbedingtheit von Emotionen – beziehungsweise die Unterscheidung zwischen einerseits primären, biologisch bestimmten, und andererseits sekundären, kulturell codierten Emotionen – beziehen die Herausgeberinnen in der Einleitung Stellung zugunsten der zweiten Position. Mit „Emotionen“ möchten sie dazu anregen, sich mit dem bisher vor allem durch die Naturwissenschaften erforschten Thema verstärkt aus kulturwissenschaftlicher Perspektive zu befassen, das heißt Emotionen als kulturelle, historisch bedingte und daher wandelbare Repräsentationen zu betrachten.

Die im Band zusammengestellten fünf Artikel reichen zeitlich vom Mittelalter über das Barock und das 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, während sie thematisch von einer literatur-, musik- und bildwissenschaftlichen Ausrichtung über einen diskursanalytischen Ansatz bis hin zu einem Abriss der psychoanalytischen Wertung von Gefühlen gehen. Die Intention, durch diese große Vielfalt einen möglichst breiten Überblick über Forschungsfelder und -methoden einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Emotionsforschung zu geben, ist unverkennbar, und sicher eröffnen die sehr verschiedenen Ansätze je eigene Blickweisen. Doch fehlt dem Band in der übergroßen Diversität der historischen, disziplinären und methodischen Herangehensweisen, die zudem auf unterschiedliche Aspekte verschiedener Emotionen ausgerichtet sind, der innere Zusammenhalt. Eine engere Eingrenzung – beispielsweise auf nur eine Emotion oder historische Epoche – hätte hier gut getan, gerade auch in Anbetracht des geringen Heftumfangs von nur 90 Seiten.

Die einzelnen Artikel stellen jeweils disziplinenübergreifend argumentierende Ansätze vor, wobei das betonte Heraustreten aus den Begrenzungen des eigenen Forschungsfeldes dazu führt, dass beispielsweise Jan Assmann als Professor für Ägyptologie, Kulturwissenschaft und Religionstheorie über „Emotionen in Händels Musiktheater“ schreibt oder Marie-Luise Angerer, Professorin für Medien- und Kulturwissenschaften, in ihrem Artikel „Gefühlsblindheit oder von der Schwierigkeit, Gefühle wissenschaftlich zu erklären“ psychoanalytische Ansätze zur Erfassung von Emotionen und deren Kritik erläutert. Eine Schwierigkeit liegt bei allen Artikeln in der Begrenzung auf den sehr geringen Raum von jeweils gerade einmal zehn Seiten, auf dem die vielschichtigen Inhalte nur schwer ohne Verluste zu komprimieren sind – entweder auf Kosten der Komplexität oder der Verständlichkeit.

Besonders gelungen scheint die Bewältigung dieser anspruchsvollen Aufgabe in Annette Gerok-Reiters Aufsatz „angest/vorhte – literarisch. Möglichkeiten und Grenzen der Emotionsforschung zwischen Text und Kontext“. Darin werden nicht nur anhand des „König Rother“ und von Veldekes „Eneasroman“ zwei differenzierte Fallstudien dazu geliefert, wie literaturwissenschaftliche Emotionsforschung vom Einbezug kultureller Fragestellungen profitieren kann, sondern auch durch eine theoretisch-methodische Hintergrundreflexion die Einbettung in die Diskussion zum Verhältnis zwischen Literatur- und Kulturwissenschaft geleistet. Die seitens der Literaturwissenschaft seit den 1990er-Jahren geäußerten Vorbehalte, dem literarischen Text werde eine kulturwissenschaftliche Herangehensweise nicht gerecht, entkräftet Gerok-Reiter, indem sie die Verquickung literarisch dargestellter beziehungsweise entwickelter Emotionen mit historisch-kulturellen Emotionsmustern betont. Zugleich berücksichtigt sie, dass literarisch gestaltete Emotionen nicht als historische Tatsachen zu werten sind, sondern immer in ihrer Konstruiertheit beachtet werden müssen. Abschließend plädiert sie, statt eine Seite in der bekannten Entweder-Oder-Diskussion einzunehmen, überzeugend für eine dem jeweiligen Untersuchungsgegenstand angemessene, sowohl text- als auch kontextorientierte Herangehensweise.

Positiv hervorzuheben ist auch die den Band abschließende „Debatte: Kultivierte Neurochemie und unkontrollierte Kultur“, die durch das Plädoyer des Anthropologen Nicolas Langlitz für eine stärkere Berücksichtigung kultureller Faktoren in der psychopharmakologischen Halluzinogenforschung angeregt wird. Durch das Vorgehen, im Anschluss an seinen Beitrag verschiedene Stellungnahmen dazu (aus den Perspektiven eines Neurowissenschaftlers, eines Psychiaters und eines Literaturwissenschaftlers) sowie die darauf Bezug nehmende Replik von Langlitz abzudrucken, entsteht ein tatsächlicher Austausch zwischen Natur- und Kulturwissenschaften, in dem das – allerdings doch sehr spezielle und eher am Rande der Emotionsforschung anzusiedelnde – Thema perspektivenreich diskutiert und gründlich hinterfragt wird.

Fazit: Während das Thema „Emotionen“ durch die fehlende Eingrenzung auf Einzelaspekte in der zu großen Diversität der einzelnen Beiträge keine klaren Konturen gewinnt, liegt die besondere Leistung des Bandes in der gelungenen Anregung zum interdisziplinären Austausch – insbesondere zwischen Kultur- und Naturwissenschaft.

Titelbild

Daniela Hammer-Tugendhat / Christina Lutter (Hg.): Emotionen.
Transcript Verlag, Bielefeld 2010.
90 Seiten, 8,50 EUR.
ISBN-13: 9783837615784

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