Das letzte Projekt der Moderne

Zu Emilie Bickertons „Kurzer Geschichte der Cahiers du cinéma“

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Liest oder hört man den Namen der legendären französischen Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“, so assoziiert man damit gewöhnlich die „Nouvelle Vague“, jene „neue Welle“ französischer Filme, die mit Namen wie etwa FrançoisTruffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Jacques Rivette oder Éric Rohmer verbunden ist und die ab den späten 1950er-Jahren damit begann, der etablierten Kinoindustrie Frankreichs einen radikal anderen Filmbegriff entgegenzusetzen. Die neue Stilrichtung entstand dabei nicht primär durch eine praktische, filmische, sondern zuerst infolge einer leidenschaftlichen und äußerst kritischen journalistischen Beschäftigung ihrer oben genannten Vertreter in den 1951 von André Bazin und Jacques Doniol-Valcroze gegründeten „Cahiers du cinéma“. Hier analysierten und kritisierten die sogenannten „Jungtürken“, wie jene jungen Kinobegeisterten genannt wurden, die französische Nachkriegsfilmindustrie, die zu jener Zeit noch stark von Stummfilm und „Cinéma de qualité“ geprägt und für prunkvolle Literaturverfilmungen, Kostümdramen und Musicals bekannt war.

„Im Geist des beginnenden Kalten Krieges, in dem die öffentliche Meinung und ihre Protagonisten die Anfänge einer neuen Weltordnung zu gewärtigen hatten, gingen die Cahiers von vornherein ihren eigenen Weg und sahen es als ihr Hauptanliegen an, vor dem Hintergrund ästhetischer Theorien eine profunde Auseinandersetzung mit dem Kino zu entwickeln. Ein reiches Œuvre harrte der Interpretation: In Frankreich selbst waren es Jean Renoir und frühe Pioniere wie Jean Vigo und Jean Epstein; auf internationaler Bühne bot sich der italienische Neorealismus eines Roberto Rossellini und Luchino Visconti an; in den USA arbeiteten Exilanten wie Fritz Lang und Alfred Hitchcock neben Samuel Fuller, Nicholas Ray und Billy Wilder, im Fernen Osten Yasujiro Ozu, Akira Kurosawa und Kenji Mizoguchi.“

Wie intensiv, fruchtbar und umwälzend die Auseinandersetzung der jungen Kritiker mit dem Medium Kino und damit zusammenhängend die Entwicklung einer eigenen Programmatik, die hier mit dem Schlagwort der „politique des auteurs“ bezeichnet werden soll, sich in der Folgezeit auf die einheimische wie ausländische Filmindustrie, auf die fremde wie natürlich auch auf die eigene Arbeit der später selbst als Regisseure arbeitenden „Jungtürken“ ausgewirkt hat, das zeigt die 190 Seiten umfassende „Kurze Geschichte der Cahiers du cinéma“ der in Paris lebenden Filmjournalistin Emilie Bickerton. Diese eigentlich bekannte Geschichte, die allerdings bisher niemand erzählt habe, so die Autorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift „New Left Review“, breitet sie in ihrer Monographie, die erstmals 2009 unter dem Titel „A Short History of Cahiers du cinéma“ bei Verso in London erschienen ist, zwar knapp, aber doch anschaulich und zugespitzt aus und hält dabei auch immer wieder mit ihrer eigenen Meinung nicht zurück, gerade wenn es darum geht, die Entwicklung jener einflussreichen Zeitschrift seit Anfang der 1980er-Jahre bis in die Gegenwart hinein kritisch und pointiert zu beurteilen.

Bevor Bickerton beginnt, die Historie der „Kino-Hefte“ in acht Kapiteln aufzurollen, fasst sie diese in ihrer Einleitung bereits schon einmal kurz zusammen und analysiert in diesem Kontext präzise die ambitionierten Ziele der „Cahiers“, die sich die junge und enthusiastische Redaktion erstmals Anfang der 1950er-Jahre setzt, um damit letztlich nicht nur das Genre der Filmkritik, sondern später auch mit den Arbeiten der „Nouvelle Vague“ das Kino selbst grundlegend zu erneuern. Daher stellt die Zeitschrift mit dem anfangs gelben Umschlag für die Autorin nicht mehr und nicht weniger als das „letzte Projekt der Moderne“ dar, sei sie doch beharrlich gewesen, mit der bisherigen, traditionellen Theorie und Praxis des Films in Frankreich, die stark auf sich selbst fixiert war und kulturelle Neuerungen insbesondere aus den USA misstrauisch beäugte, zu brechen: „Für die Cahiers war nach Peter Wollen, der komplette Umsturz des herrschenden Geschmackregimes die Voraussetzung für den Triumph neuer Filmemacher und neuer Filme, die an einer ganz neuen Werteskala gemessen werden mussten.‘ In diesem Kampf war die Neue Welt ein kultureller Verbündeter. Sie bot einen mächtigen Bilderfundus der Moderne, ihrer Energien und ihrer populären Dynamik.“

„1. Die Feuerprobe“, „2. 1951-1959: Die gelben Jahre“, „3. 1959-1966: Vom Marmor zur modernen Chemie“, „4. 1966-1969: Politisierung“, „5. 1969-1973: Die roten Hefte“, „6. 1974-1981: Die Daney-Jahre“, „7. 1981-2009: Mainstream“ und „8. Nach den Cahiers“: So lauten die Kapitelüberschriften in Bickertons „Kurzer Geschichte“, mit denen sie zugleich eine zeitliche und inhaltliche Einteilung in der Entwicklung der Zeitschrift vornimmt. Nach einem Blick auf das französische Kino bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im ersten Kapitel, in dem Bickerton beispielsweise neben alternativen Produktions- und Verleihformen in der Zwischenkriegszeit auch von den Pionieren der Kinomagazine, die es vor den „Cahiers“ gab, berichtet, konzentriert sie sich danach auf die Darstellung und Untersuchung der „Hefte“ von der Gründung bis in die heutige Zeit. Dabei wird nicht nur das Verhältnis der Zeitschrift zum Kino untersucht, sondern stets auch der Fokus auf das Wechselspiel mit den jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen gerichtet. Diese wurden von der Redaktion – je nach der Zusammensetzung und der „ideologischen“ Ausrichtung der Mitarbeiter – unterschiedlich stark begleitet und unterstützt.

„Das Kino stand im Zentrum der Cahiers, und was die Cahiers seit jeher bewegt hat, war die Frage, was modernes Kino überhaupt konstituiert. Filmkunst dort zu erkennen, wo andere nur billigen Unsinn oder gar nichts sahen, und sich nicht mit dem Bestehenden zufriedenzugeben: Dies verlieh dem Magazin oft visionäre Züge und machte es für den Film als Kunstform zur treibenden Kraft. Dabei gab es im Laufe der Zeit natürlich unterschiedliche inhaltliche Prioritäten. Mal war es der Umsturz überkommener Wertesysteme und die Aufwertung des film maudit, mal war es die Schaffung eines Kanons entlang filmimmanenter Maßstäbe, mal die Anwendung metaphysischer oder strukturalistischer Denkmodelle auf den Film; dann wieder ging es primär um die Rolle des Zuschauers in diesem Bedeutungssystem oder um die Selbstdarstellung der Filmkritik als politischer Akt.“

Für Bickerton, das wird während der Lektüre ihres Buches deutlich, stellen die ersten, also die „gelben Jahre“ der „Cahiers“ den Höhepunkt ihrer Geschichte dar. Denn die neuen, frischen Impulse, die sie damals gaben, die Erneuerung, ja die Revolutionierung der Wahrnehmung und Beurteilung von Filmen, die von den dort erschienenen Aufsätzen, Besprechungen und Interviews ausging, war nie wieder so stark wie in den ersten zehn Jahren. Das lag zum einen am Weggang der ersten Redaktion bis Anfang der 1960er-Jahre. Die Mitglieder machten sich nämlich damals auf, die von ihnen als Kritiker gestellten Forderungen ans Kino nunmehr in eigenen Filmen als Regisseure bzw. „Auteurs“ einzulösen. Die großen, auch mit Preisen ausgezeichneten Erfolge der „Nouvelle Vague“, vor allem der von Truffauts Debüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (1959) und von Godards „Außer Atem“ (1960), waren damals entscheidend dafür, die anfangs bei den „Cahiers“ entwickelten Ideen zur Filmtheorie und -praxis schon bald in Frankreich und dann auch in vielen anderen Ländern auf der Welt salonfähig zu machen.

So kritisch Bickerton die Weiterentwicklung der „Cahiers“ in den 1960er- und 1970er-Jahren auch betrachtet, betont sie doch stets, dass es der Zeitschrift in diesen Jahrzehnten immer wieder gelungen sei, sich neu zu definieren, „ohne ihren Ansatz eines durchweg radikalen kritischen Schreibens und Denkens über Film aufzugeben“. Eine Änderung in der Haltung der Autorin gegenüber den „Cahiers“ markiert indes das Jahr 1981, als nämlich nach dem Wechsel von Serge Daney sein Kollege Serge Toubiana alleiniger Chefredakteur der „Kino-Hefte“ wurde und sie nach Bickertons Ansicht schon sehr bald um ihre Leidenschaft und Cinephilie, Radikalität und Innovationskraft brachte: „Was folgte, war eine Periode schleichenden Siechtums: Der einstige Unruhestifter unter den Filmmagazinen war zu einem mit standardisierten Hochglanzcovern versehenen Sprachrohr des Marktes geworden. Die gutgemachte Berichterstattung deckte ein breites Feld ab, war dabei aber stilistisch manieriert und seltsam leidenschaftslos. Der daraus resultierende Eindruck – große thematische Breite, keinerlei Mut zum Risiko – war und ist bis heute der eines gähnend langweiligen Verbrauchermagazins für gebildete Kreise.“

„Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma“ schließt mit der Frage nach der Zukunft der Zeitschrift. Zwar hat sie im Laufe ihres mittlerweile 60-jährigen Bestehens einige Male den Besitzer gewechselt, doch erst in den letzten Jahren schien das Magazin öfters vor dem Aus zu stehen. Was es letztlich dennoch gerettet hat, das ist sein legendärer Name und der Wunsch vieler Fürsprecher, diesen auch weiterhin zu erhalten, standen die „Cahiers“ doch lange Jahre für eine ernsthafte, fruchtbare Auseinandersetzung der Kritiker (mit ihnen auch der Zuschauer) mit dem Medium des Films. Auch wenn die „Kino-Hefte“ ihre frühere, große Bedeutung in diesem Diskurs längst eingebüßt haben, haben sie aufgrund ihrer entscheidenden Rolle, nämlich als Impulsgeber und Initiator vieler Neuerungen, im Bereich der Filmrezeption und -kritik dennoch längst ihren Platz in der Geschichte des Films eingenommen. Die Umstände ihrer Entstehung und Entwicklung, ihres Aufstiegs und Niedergangs von 1951 bis heute wissenschaftlich und unterhaltsam, anspruchsvoll und gut lesbar zugleich dargestellt und analysiert zu haben, das ist Emilie Bickerton mit ihrer kritischen Hommage gelungen.

Titelbild

Emilie Bickerton: Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma.
Übersetzt aus dem Englischen von Markus Rautzenberg.
Diaphanes Verlag, Zürich 2010.
191 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783037341261

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