Wir dürfen nicht vergessen zu vergessen (oder es anzuklicken)!

„Delete“ – Viktor Mayer-Schönbergers Aufruf gegen das digitale Erinnern

Von Stefan HöltgenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höltgen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der Erinnerung ist das so eine Sache: sie ist gerade dann trügerisch, wenn sie perfekt zu sein scheint, weil man dann nicht weiß, dass man etwas vergessen haben könnte. Und hat man etwas vergessen, dann kann dies so weit reichen, dass man sogar vergessen hat, dass man es vergessen hat, was das zu Erinnernde zunächst einmal vollständig verschwinden lässt. Wie gut, mag man da denken, dass es Erinnerungshilfen gibt: untrügliche externe Speicher, die nicht von der Gehirnleistung abhängig sind, in die wir einfach hineinblicken können und dann nicht nur erfahren, was wir uns merken wollten, sondern auch oft genug, dass wir uns überhaupt dasjenige merken wollten. Die Technologien hierfür reichen von der mündlichen Tradierung bis zum Knoten im Taschentuch, von der Höhlenmalerei bis zur redundanten Server-Festplatte. Und schaut man in die Geschichte dieser Technologien, bekommt man den Eindruck, dass sie es zusehends ermöglichten, immer besser, immer mehr und immer schneller zu erinnern.

Genau von dieser Geschichte und ihren Folgen handelt Viktor Mayer-Schönbergers Essay „Delete – Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten“. Moment? Vergessen als Tugend? Und Zeit digital? Ja, der Autor erkennt in der Lösung auf das Erinnerungsproblem nämlich selbst wiederum ein Problem, das eng mit der Zeit, in der wir seit einigen Jahrzehnten – genau genommen, seit der Erfindung der elektronischen Datenverarbeitung in den 1940er-Jahren – leben: Wir können nicht mehr erinnern, wir müssen! Dieses Erinnern hat aus Sicht Mayer-Schönbergers gewaltige anthropologische, psychologische und soziale Folgen. Bevor er diese Folgen im Detail aufzählt und eine eventuelle Lösung dafür benennt, skizziert der Autor in den ersten Kapiteln seines Buches die Geschichte des externalisierten Erinnerns, wie man sie als Geschichte der Speichermedien bereits kennt. Ihm geht es auch viel weniger um die Detailliertheit dieser Skizze als darum, welche Konsequenzen sie in sich trägt, die sich nun zusehends entfalten.

Insbesondere die Verbilligung und stetige Vergrößerung der digitalen Speichervolumina, verbunden mit der Tatsache, dass von so gut wie jedem Individuum und jeder Institution mit fast allen elektronischen Geräten fast alles überall gespeichert werden kann, bilden die Grundlage zur einen Sorge des Autors. Dabei – und das ist die zweite Sorge – ist dieses Erinnern nicht nur falsch, weil es „unmenschlich“ ist (hier zeigt sich bereits die sich öffnende Kluft zwischen „Erinnerung“ und „Speicherung“) sondern merkt oftmals auch belangloses oder überkommenes, das eigentlich vergessen werden könnte. So wird digitales Erinnern gefährlich, weil durch die Akkumulation von kontextlosen, irrelevanten Daten (wie die digitalen Erinnerungseinheiten genannt werden) sich auch Machtgefälle etablieren und die Vergangenheit so auf eigentümliche Weise Macht über die Gegenwart und Zukunft bekommt. Anhand zweier Fallbeispiele zeigt Mayer-Schönberger, was er damit meint: eine Lehramtskandidatin, die aufgrund eines trinkseligen Fotos die Erlaubnis verliert, als Lehrerin arbeiten zu dürfen, und ein Psychologe, dem, weil er in einem jahrzehntealten Aufsatz einen Selbstversuch mit Drogen protokollierte, die Einreise in die USA für alle Zeit verboten wurde. Beide „Erinnerungsstücke“ fanden sich im Internet und erschienen dort, ganz gleich wie sie intendiert waren oder wie lange das darin dargestellte her gewesen ist, als brandaktuell.

Der Autor sieht in diesen Beispielen typische Folgen der Erinnerungskultur, die sich ihm zufolge in Zukunft massig wiederholen werden. Die Möglichkeit, den Umgang damit zu erlernen und solche Fundstücke einfach – getreu der Aussage des Altkanzlers Adenauer: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ – nicht mehr Ernst zu nehmen, sieht Mayer-Schönberger nicht. Ebenso eine Restriktion der Speicherung von Daten auf Basis eines DRM, durch gesetzlichen Datenschutz oder schlicht „digitale Abstinenz“ bieten ihm zu viele Schlupflöcher. Daher entwirft er ein eigenes Modell, das ein „digitales Vergessen“ möglich macht. Ihm schweben gesetzlich vorgeschriebenen technische Ergänzungen zu speicherfähigen Apparaten vor, bei denen eine Vergessensoption als „Meta-Tag“ zusammen mit dem Speichergut abgelegt werden muss. Am Stichtag erfolgt dann die automatische Löschung der alten Information.

Dieses Modell ist jüngst auch von der Ministerin Annette Schavan vorgeschlagen worden, um Jugendsünden – wie etwa das Posten von peinlichen Bildern bei Facebook – irgendwann automatisch „ungeschehen“ zu machen. Mayer-Schönbergers Idee geht aber noch weiter: Er sieht jeden Menschen eine Art Sender mit sich herumtragen, auf dem dieser speichert, wie lange ein digitales Foto, das von ihm gemacht wird, gespeichert werden darf. Wird dieser Mensch dann zum Beispiel in einer Menschenmasse fotografiert, nimmt die Kamera mit seinem Sender (und dem aller anderen Fotografierten) Kontakt auf, empfängt das Vergessensdatum und die kürzest-legitimierte Speicherzeit entscheidet dann, wie lange das Bild im RAM der Kamera bleibt. Auch Algorithmen für eine regelrechte „Erosion“ digitaler Speicherinhalte schweben ihm vor: dass etwa alte Dokumente bei Suchen nach ihnen später gefunden werden als jüngere und dann vielleicht auch „Schäden“ und „Lücken“ aufweisen, wie echte alte Erinnerungen auch.

Das ist natürlich Science Fiction und genauso wenig realisierbar, wie Mayer-Schönbergers Vorstellung, dass wir jeden Tag, nach dem wir unseren Computer eingeschaltet haben, erst einmal alle heute zu vergessenden Dateien mittels „OK“ ins digitale Nirwana befördern. Da das für die zahllosen Dateien, die ja alle mit diesem Meta-Tag versehen werden müssen, wohl täglich Stunden in Anspruch nehmen würde, hätte der User wohl sehr schnell die Nase voll und würde seine Dateien künftig mit dem Meta-Tag „niemals vergessen“ versehen. Dann wäre er wieder dort, wo ihn Mayer-Schönberger eigentlich weghaben wollte: bei der totalen digitalen Erinnerung.

Aber die Technologie birgt auch noch einen immanenten, dialektischen Widerspruch in sich: Ein altes Foto, das ich vor 5 Jahren auf meinem Computer abgelegt habe – mit dem Tag, dass ich es den Computer in 5 Jahren „vergessen lassen“ will –, taucht am Stichtag auf meinem Monitor und damit wieder in meiner Erinnerung auf. Beim Klick auf OK würde ich es nun zwar löschen, aber eben nicht vergessen; im Gegenteil: dadurch, dass ich mich daran erinnern lasse, es löschen zu wollen, habe ich auch die Erinnerung an es selbst wieder wach gerufen. „Es ist unnütz, man vergißt nicht, wenn man vergessen will.“ (Freidrich Nietzsche, „Morgenröte“) Was ist nun das Wesen dieses immanenten Problems? Es ist eines der Terminologie.

„Delete“ ist keine kulturwissenschaftliche oder gar erinnerungspsychologische Arbeit über das Gedächtnis und das Vergessen. Darin wäre es auch nicht originell, denn einen emphatischen Vergessensbegriff hat es wie zitiert bereits bei Nietzsche (deutlicher akzentuiert in seiner „Genealogie der Moral“) und anderen gegeben. „Delete“ versucht vielmehr ein Pamphlet gegen die digitale Erinnerung zu sein, der wir in der computerisierten Gesellschaft von heute allenthalben begegnen. Aber genau darin scheitert es, denn „erinnern“ ist genauso wenig dasselbe wie „speichern“, wie „vergessen“ dasselbe ist wie „löschen“. Der Autor weiß dies zwar – es macht sogar den Hauptteil seiner Kritik vom zweiten bis vierten Kapitel aus – er handelt beziehungsweise argumentiert aber nicht danach. Anstelle sich zu einem Anwalt des echten (biologischen) Erinnerns und Vergessens zu machen, umschreibt er die Funktionen des menschlichen Gehirns von Beginn seines Essays an in der Terminologie maschineller Speicher: Über das Kurzzeitgedächtnis schreibt er etwa: „In diesem Zustand sind Informationen leicht verfügbar aber auch flüchtig: Binnen Sekunden verblassen die meisten Inhalte dieses Zwischenspeichers. Der Psychologe Alan Beddely hat die Hypothese aufgestellt, dass sich das Kurzzeitgedächtnis tatsächlich aus drei Teilen zusammensetzt, die einer gemeinsamen Steuerungseinheit unterstehen.“ Auf derselben Seite schreibt er in diesem Zusammenhang von „Skizzenblock“, „Audioschleife“, „Kurzzeitspeicher“, „Einspeisung von Informationen in den Langzeitspeicher“ und so weiter. Er meint damit jeweils nicht die Memory-Funktionen eines externen Speichers auf Papier- oder Siliziumbasis, sondern immer die Erinnerungsarbeit des Gehirns.

Das Problem – das zeigt sich daran – ist aber nicht nur terminologischer, sondern vor allem anthropologischer Natur. Das erkennt Mayer-Schönberger nicht, und genau deshalb verfängt er sich in Widersprüchen und Scheinlösungen. Das sieht man bereits daran, dass sein drittes Beispiel für die Problematik digitalen Erinnerns ein konstruiertes ist: Eine Frau, die sich mit einem alten Freund treffen will, liest durch Zufall ihre jahrelange Korrespondenz mit diesem und stellt fest, dass es zwischen beiden schon einmal Friktionen gegeben hat, die sie allerdings vergessen hatte. Durch die Re-Lektüre der alten Korrespondenz entstehen die alten Zweifel an der Freundschaft neu und belasten das Treffen. Was Mayer-Schönberger hier beschreibt, ist kein Problem der E-Mail-Korrespondenz, sondern eines der schriftlich fixierten überhaupt. Und es ist entgegen seiner Warnung anzunehmen, dass wir durchaus selegieren können und ein alter Streit eben nicht ohne weiteres wieder aktuell werden kann, nur weil man ihn erinnert. Mit anderen Worten: Es existiert bereits die vom Autor in Abrede gestellte „kognitive Anpassung“ an die Kultur der Erinnerung. Genau deshalb muss er sich dieses Beispiel eben auch konstruieren und findet keines in der Realität.

Und die „kognitive Anpassung“ scheint ja anders herum in 70 Jahren EDV-Geschichte auch schon stattgefunden zu haben – wieso würde Mayer-Schönberger für biologische Gehirnleistungen sonst Begriffe der Datenverarbeitung in Anschlag bringen? Es ist zwar nicht so, wie Mayer-Schönberger ganz richtig erkennt, dass der Mensch der Technologie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist; aber ohne sie ist er in seinem kontemporären Sosein eben auch nicht denkbar. Technik und Mensch haben sich in Ko-Evolution entwickelt, worauf nicht zuletzt im vergangenen (Darwin-)Jahr oft genug hingewiesen wurde. Die Kultur, in der wir heute leben, die Wesen, die wir heute sind, sind wir nicht „trotz“ der Speichertechnologien, sondern wegen ihnen.

Das will auch sagen: Der Wunsch, Altes vergessen zu können, indem man Dateien, in denen dieses Alte als Text, Bild oder in sonst einem Format abgelegt ist, löscht, ist selbst schon eine Konsequenz dieser Kultur. Die Identifikation von „Löschen“ und „Vergessen“ wäre in einer anderen Kultur gar nicht denkbar. So mutet Mayer-Schönbergers Essay letztlich an wie jener alte Hippie-Traum der Spätsechziger-Jahre, in dem ein Entkommen aus unserer Gesellschaft durch Flucht in den Hinduismus, Buddhismus oder seine sektenhaften Ableger möglich schien – ein Traum, der eben doch nur von Mitgliedern der zu entfliehenden Gesellschaft geträumt werden konnte, die diese „Kinder der Romantik“ hervorbrachte.

Im Gegensatz zu Mayer-Schönbergers Prognose, dass eine kognitive Gewöhnung an die digitale Speicherung von allem überall nicht möglich sei (sie findet in der Radikalität, die der Autor textsortengemäß herbei zitiert, ja ohnehin nicht statt!), muss vielmehr konstatiert werden: Sie ist möglich und sie läuft bereits. Das eigentliche Problem, das wir mit dem Speichern haben, ist vielleicht eher eines, das aus dem derzeit überall spürbaren Widerspruch zwischen den Restbeständen der vor-digitalen und der heute mehr oder weniger voll-digitalen Kultur (aktuelle Beispiele hierfür wären: WikiLeaks, GuttenPlag, Vorratsdatenspeicherung, der unsichere neuer Personalausweis et cetera) entsteht. Hier müssen kurz- und mittelfristig handhabbare Lösungen gesucht und gefunden werden; Utopien von Lösch-Meta-Tags helfen da nicht weiter. Mayer-Schönbergers Essay „Delete“ lässt sich so gesehen als Anleitung für ein Leben in digitalen Zeiten getrost „vergessen“, aus dem Diskurs über den Konflikt zwischen analoger und digitaler Kultur gelöscht wird er ohnehin nicht.

Titelbild

Viktor Mayer-Schönberger: Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Kamphuis.
Berlin University Press, Berlin 2010.
264 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783940432902

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