Wortreiche Einsamkeit im Kopf

John von Düffel ist in seinem Element, der Sprache

Von Kerstin Gernig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Alliterationen als private Leidenschaft? Schreiben und Schwimmen gehören für John von Düffel dazu. Mit seinem mehrfach ausgezeichneten Romandebüt "Vom Wasser" wurde er über Nacht berühmt. Seine konsequent verfolgten Leidenschaften zahlten sich aus. Sind die Preise nur ein weiteres Kapitel einer Erfolgsstory?

Bereits mit 23 Jahren hat John von Düffel promoviert, als Leistungsschwimmer, Dramaturg, Übersetzer und Autor von Theaterstücken wie "Saurier-Sterben"und "Die Unbekannte mit dem Fön" hat er sich einen Namen gemacht.
In seinem neuen Roman "Zeit des Verschwindens" geht es nicht um eines der vier Elemente wie in seinem Roman "Vom Wasser" oder auch in seiner kleinen Filosofie der Passionen "Schwimmen", sondern um das Elementarste überhaupt: Beziehungen und Beziehungslosigkeit. An die facettenreich beschriebene Gewalt des Wassers in seinem Debütroman erinnert nur noch der feine Regen auf der Windschutzscheibe eines Autos und die Inspiration zu langen Monologen . Während Dialoge für John von Düffel auf die Bühne zu gehören scheinen, sind innere Monologe die Stärke seiner Romane.
Auf die über mehrere Generationen verfolgte Familiensaga in "Vom Wasser" folgen in seinem jüngsten Roman nur noch Fragmente eines modernen Familienlebens, das durch die Absenz von Vater Philipp gekennzeichnet ist und durch Fragmente des Lebens einer Frau namens Christina, das im Schatten der erfolgreicheren Schwester geführt wird. Die Handlung ist schnell erzählt. Philipp fährt auf dem Weg nach Haus zu seiner Frau und seinem Sohn, der am Tage des Romangeschehens Geburtstag hat, stundenlang Auto. Christina liegt im Bett und hängt ihren Erinnerungen an ihr Leben unter dem Einfluss ihrer Schwester nach. Also kurz gesagt, ein tatenarmes und gedankenschweres Buch.
In "Zeit des Verschwindens" werden die inneren Monologe zweier Protagonisten aneinander geschnitten, die nichts weiter miteinander verbindet als ihre monologische Einsamkeit. Beruflich bedingt lebt Philipp weitgehend getrennt von seiner Frau und seinem Sohn. Aus der Ich-Perspektive werden die Folgen dieser Trennung erzählt. Christina hingegen lebt ein Leben, das von ihrer jüngeren, hübscheren und erfolgreicheren Schwester überschattet wird, der sie in ihrer Kindheit allabendlich Bericht abzulegen hatte.

Der Roman beginnt mit einer Erinnerung der "mémoire involontaire" des Protagonisten: "19. März. Ich biege vom Hotelparkplatz in die Straße ein, die mir die ganze Nacht durch den Kopf gerauscht ist, auf einmal dieses Datum. Ich denke an meinen Sohn, meine Frau, gewesene Geburtstagsfeiern. Für einen Moment Vatergefühle, dann ärgere ich mich, weil mir das alles heute einfallen muß und nicht morgen, wenn es zu spät ist. Meine Vergeßlichkeit läßt mich im Stich." Die Erinnerung an Sohn und Frau bringt ihn zum Nachdenken über sich selbst. Dem Protagonisten sind nicht nur Frau und Sohn fremd- er ist sich selbst ein Rätsel. So hört er sich reden "wie aus großer Entfernung" und stellt sich vor, "irgend jemand" anderer zu sein, hört seine Stimme wie die eines anderen, "zu später Stunde gut aufgelegten Menschen". Auch weiß er nicht mehr, wer er ist, wenn er nicht weiß, was er macht. Diese Selbstfremdheit gipfelt in der Vorstellung, dass auch ein anderer sein Leben leben könnte. Die Faktizität des eigenen Lebens ist aufgehoben im Warten darauf: "Ich komme nach Hause und warte darauf, nach Hause zu kommen." Der Roman entwickelt sich zu einer Parabel über die Faktizität des Lebens in Vorstellungen, Projektionen, Wünschen und Sehnsüchten. Für den Sohn ist seine Spielzeugwelt wirklicher als der heimkehrende Vater, Philipp führt Selbstgespräche mit einer fiktiven Anhalterin auf dem Beifahrersitz an seiner Seite, der er in einem gemeinsam mit seinem Sohn angeschauten Filmausschnitt begegnet ist. Selbstvergessenheit ist nur noch ein Zauberwort einer fernen Zeit. An ihre Stelle ist das Selbstbewusstsein getreten, das das uneigentliche Sprechen zwar zulässt, aber zugleich auch zu Bewusstsein führt. "Meine reiche Erfahrung im Sagen von Dingen, die ich nicht meine."
Diese Uneigentlichkeit der Existenz führt auch dazu, dass anstelle voyeuristischer Neugier selbstquälerische Projektionen treten können. So interessiert Philipp das Leben seiner Frau, das sie in seiner Abwesenheit führt. Diese Frage bewegt ihn mehr "als die wenigen Stunden mit ihr". Anstatt sie jedoch auszuspionieren, imaginiert er ihr Leben mit einem anderen Mann an ihrer Seite. Ausgelöst wird diese Vorstellung durch eine zärtliche Geste ihrerseits im Schlaf, die im Wachzustand niemals möglich gewesen wäre. "Die zunehmende Gewißheit, dass ich es nicht bin, dass sie nicht mich berührt, daß ich in ihrem Schlaf ein anderer bin, ein anderer, der an meiner Stelle liegt, der immer schon hier gelegen hat." Die Beziehung zu seinem Sohn und seiner Frau sind sowohl durch Abwesenheit, Abschiede und Ängste als auch durch Sehnsüchte gekennzeichnet, die im wirklichen Leben nicht gestillt werden können. Moderne Pendelbeziehungen führen nicht nur zu einer vaterlosen Generation ganz eigener Art, die von Düffel aus der Sicht eines Vaters erzählt werden, sondern auch zu der unerträglichen Leichtigkeit der Beziehungslosigkeit.
Es geht in diesem Buch nicht um Verluste, sondern um die Bewusstwerdung und Reflexion dieser Verluste. Die Beziehungslosigkeit von Vater und Sohn, Mann und Frau, Frau und Geliebtem und Schwester und Schwester ist durch die Unfähigkeit zum Dialog gekennzeichnet. Die unendliche Einsamkeit der schweigsam beisammen Seienden führt nicht nur zu wortreichen Monologen im Kopf der Protagonisten, wenn sie tatsächlich allein sind, sondern zu fiktiven Gesprächen mit nur in der eigenen Projektion Anwesenden. John von Düffel lotet diesmal nicht die Tiefen und Untiefen des Wassers, sondern die dialektische Beziehung von Ferne und Nähe, von Fremdheit und Vertrauen, Selbstfremdheit und Selbstvertrauen aus. Dabei verdichtet sich die Sprache stellenweise zu Aphorismen: "Es ist nur der Abschied, der die Nähe wie eine Möglichkeit erscheinen läßt." Düffel knüpft mit dem Erzählstrang Philipps an die Tradition der literarischen Vater-Sohn-Beziehungen an. Im Vergleich mit Kafkas berühmten "Brief an den Vater" oder Fritz Zorns autobiographischem Roman "Mars" beispielsweise wird jedoch die Erzählperspektive verkehrt, insofern sich nicht der Sohn an den Vater, sondern der Vater in Gedanken an den Sohn wendet.
Die alternierend eingeflochtenen Monologpassagen Christinas kreisen wiederum um ihre Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester und stehen somit in der literarischen Tradition der Geschwisterbeziehungen. Die Geschwisterbeziehung steht in Düffels Roman unter dem Motto: "Wenn Geschwister ihre Eltern verlieren, heißen sie Waisen. Wenn sie einander verlieren, gibt es dafür kein Wort." Christinas Monologe bleiben jedoch sowohl inhaltlich als auch sprachlich eigenartig blass, als gäbe es dafür tatsächlich keine starken poetischen Worte. So schlägt der Aphorismus zur Sentenz um, wenn es heißt: "In gewisser Weise ist das Liebe: bei einem einzigen Menschen eine Ausnahme zu machen und gewisse Eigenheiten, die einen bei anderen Leuten stören würden, einfach zu ignorieren." Zu diesen Eigenheiten zählt das "Schwadronieren" des Geliebten unter der Dusche, das manische Kratzen Christinas an der Tapete, das sie von ihrer Schwester übernommen hat oder auch der außergewöhnliche Geruchssinn ihrer Schwester Lena. Als hätte Patrick Süßkind mit seinem Roman "Das Parfüm" das letzte Wort über den Geruchssinn gesprochen, wirkt selbst die Variation dieses Motivs noch abgestanden. So fährt die Schwester anderen in den Ärmel, um von deren Achselhöhle den Geruch heimlich aufzunehmen.
Was die Geschichten Philipps und Christinas inhaltlich verbindet, ist das Thema der Einsamkeit. Formal findet ein Wechsel ihrer Monologe von Kapitel zu Kapitel statt. Anstelle von Kapitelüberschriften wählt von Düffel schlicht die Namen seiner Protagonisten, Philipp und Christina. Handlungsort ist der Kopf, manchmal auch das Herz. Handlungszeit ist ein Tag im Leben der Protagonisten, der mit dem Nachtprogramm endet und durch Motti aus dem Autoradio skandiert wird.
Die Kindheit wird von John von Düffel in den alternierenden Monologen nicht verklärt, weder die der Protagonisten, noch die des Sohnes. Und doch wird der Zauber der Selbstvergessenheit der Kindheit evoziert, in der Zeit noch nicht von äußeren und inneren Terminkalendern bestimmt wird. Im letzten Kapitel schließlich wird nicht nur das Geheimnis der Selbstfremdheit des Protagonisten offenbart, es wird auch eine poetische Miniatur geschaffen, die tödlich enden könnte. An einer Stelle des Romans heißt es: "Wer keinem Menschen nahesteht, sollte nicht sterben. Es ist zu trostlos. Tod ohne Verlust." Ob der Roman jedoch tödlich endet, muss jeder Leser selbst entscheiden.
"Zeit des Verschwindens" ist weniger welthaltig als der Roman "Vom Wasser", dafür aber gegenwartsgesättigter. Wen die Gegenwart nicht schreckt, wird ihr in "Zeit des Verschwindens" noch einmal begegnen.

Titelbild

John von Düffel: Zeit des Verschwindens. Roman.
DuMont Buchverlag, Köln 2000.
205 Seiten, 17,40 EUR.
ISBN-10: 3770153162

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