„Aufstehen / ist das Wort“

Über die notwendige „kritische Bilanz“ zu Ingeborg Bachmanns Lyrik aus dem Nachlass

Von Martin EndresRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Endres

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach dem Erscheinen des Bandes „Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte“ im Jahre 2000 entbrannte eine hitzig geführte Kontroverse, bei der die Frage nach der moralischen Legitimität einer solchen Edition der privaten und unautorisierten lyrischen Aufzeichnungen Ingeborg Bachmanns nur einen der Schauplätze bot. Entscheidender – und dabei ungleich sprechender für den Zustand der gegenwärtigen Literaturwissenschaft und der öffentliche Debatte über Dichtung – war, dass diese editorische Frage zahlreiche Diskutanten in ihrem Klassifizierungswahn (beziehungsweise der Angst vor Unkalkulierbarem) bloßstellte. So las man mitunter, daß es sich bei Bachmanns handschriftlichen Notaten, Entwürfen und lyrischen Texten lediglich um „Fast-Gedichte“ handle, um bloß „herausgeschleuderte Worte und Sätze“ oder – positiver, persönlich mitfühlender ausgedrückt, darin aber ebenso diskriminierend – um „Schmerzdokumente“. Bis auf wenige Ausnahmen standen dabei beide Parteien mehr oder minder im Schatten eines hemmungslos (weil für gut befundenen) Psycho-Biografismus im Umgang mit literarischen Texten, der von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Überlieferten entledigte.

Entsprechend ungeduldig wartete man darauf, dass diese dem Gegenstand meist völlig äußerliche Debatte durch seriöse Forschungsbeiträge korrigiert würde. Zwar nahmen sich in den letzten Jahren einige Wenige mit reflektierten Textanalysen dieser Aufgabe an und wirkten dem Goliath des feuilletonistischen Diskursapparates entgegen. Doch eine breitgefächerte, wissenschaftliche Diskussion über die nachgelassenen Handschriften Bachmanns blieb aus. Schon deswegen gebührt der Publikation „Ingeborg Bachmanns Gedichte aus dem Nachlass. Eine kritische Bilanz“ besondere Aufmerksamkeit. Der Sammelband, der Beiträge einer Tagung in Verona mit dem Titel „La lirica postuma di Ingeborg Bachmann“ von 2009 versammelt, stellt sich diesem Desiderat der Forschung. Leitend ist dabei die Frage, ob die späte Lyrik Bachmanns eine neue Poetik formuliert und damit ihre Eigenständigkeit im Werkkomplex der Autorin behauptet.

Trotz der Vielfalt der methodischen Ansätze ist der gemeinsame Ausgangspunkt der insgesamt elf Beiträge des Bandes stets der überlieferte Textkorpus. Die damit implizit ausgesprochene Frontstellung gegen eine gewaltsame „Identifikation von privater und kollektiver Geschichte“, oder gegen die in den ersten Reaktionen auf den Nachlass Bachmanns mehrfach artikulierte These einer „Selbststilisierung der Dichterin zur Märtyrerin“ lässt – sieht man einmal vom Aufsatz Inge von Weidenbaums ab – überwiegend aufatmen nach den mitunter beklemmenden Deutungsexperimenten der Fachpresse.

Eine in diesem Sinne exemplarische Auseinandersetzung mit Bachmanns Nachlass-Texten stellt die Untersuchung der Herausgeberin Isolde Schiffermüller mit dem Titel „Schwierigkeiten beim Lesen von Ingeborg Bachmanns Gedichten aus dem Nachlaß“ dar. Schiffermüllers präzise Analyse zeigt, dass Bachmanns Gedichte, Entwürfe und Textfragmente nicht als dichterischer „Schmerzensschrei“ zu begreifen sind, sondern als Aufzeichnungen, die „das Scheitern des poetischen Wortes [und] den Verlust der Gedichte“ selbst diskutieren. Bachmanns späteste Lyrik ist ihr zufolge immer auch eine meta-poetische Darstellung und Thematisierung der Bedingung des Schreibens in Zeiten einer persönlichen Krise – und zugleich eines (poetischen) Subjekts, das sich angesichts einer drohenden Sprachlosigkeit in Form einer sprachlichen Konfrontation mit dieser Gefahr behauptet. In dieser Weise werde Dichtung als das ‚Pharmakon‘ des sich äußernden Subjekts deutlich: als „lebensgeschichtliche[s] Dokument[] einer Krankheit von Körper und Seele und als eigentümliches Manifest einer Poetik, das vom Scheitern, aber auch vom Überleben und von der Erlösungshoffnung der Poesie spricht“.

An diese Beobachtungen zur Selbstreflexivität und -Problematisierung des Poetischen schließt Anton Reininger an, wenn er Bachmanns späte Aufzeichnungen einer linguistisch-semantischen Untersuchung unterzieht. Die Fragilität der Gedichte und die „Krise des dichterischen Ausdrucks“ führt, so Reininger, zu einer für Bachmanns Werk ungekannten Nähe (wenn nicht gar zu einem ‚Kurzschluss‘) von Autor und poetischem Ich. Dieser Mangel an „ästhetischer Distanz“, die das kritische Reflexionsvermögen schwächt, das Bachmanns Gedichten ansonsten allgemein zukomme, würde aber gerade von den lyrischen Texten selbst aufgegriffen und der Versuch unternommen, im künstlerischen Medium den Ausweg aus dieser Verschmelzung von Kunst und Leben zu finden.

Schließlich sind es auch die intertextuellen Untersuchungen zur Stellung der späten Lyrik in Bachmanns Gesamtwerk, die überzeugen. So beispielsweise in Form Anna Maria Carpis’ bedenkenswerter These, dass die in Bachmanns Wechsel zur Prosa in den 1950er-Jahren vollzogene stärkere Konzentration auf Topoi wie die des Ich-Verlusts, der Isolation oder des Verschwimmens der Grenze von innen und außen erst in den lyrischen Aufzeichnungen aus dem Nachlass ihre volle poetische Kraft entwickeln. Zeichne der „Todesarten“-Zyklus diese Erfahrungen auch literarisch vor, sei dies jedoch „erst in den zeitgleichen posthumen Gedichten, brüsk, wirklich und tragisch“ und mit letztlich weit mehr ‚Militanz‘ realisiert.

So erfüllt der Tagungsband den lange zurückgestellten Anspruch einer textnahen, polyperspektivischen und damit umfassenden Auseinandersetzung mit den nachgelassenen Aufzeichnungen Bachmanns. Entsprechend können Reiningers Beobachtungen paraphrasiert auch für die Begegnung mit diesem besonderen Textkorpus Bachmanns insgesamt stark gemacht werden: Nur wenn man die für jede poetische Darstellung konstitutive ‚ästhetische Distanz‘ zwischen Autor und Text ernst nimmt und sie nicht – wie oftmals geschehen – zugunsten anmaßend-verkürzender Biografismen suspendiert, wird man sowohl Bachmann wie ihrer Dichtung gerecht.

Titelbild

Arturo Larcati / Isolde Schiffermüller (Hg.): Ingeborg Bachmanns Gedichte aus dem Nachlass. Eine kritische Bilanz.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010.
225 Seiten, 59,90 EUR.
ISBN-13: 9783534234615

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