„Der blinde Fleck ist das Subjekt selbst“

Georg Mein diskutiert mit Pierre Legendre die kulturelle Instituierung des Subjekts und sein Verhältnis zur Schrift

Von Julian OsthuesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Julian Osthues

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Georg Meins „Choreografien des Selbst. Studien zur institutionellen Dimension von Literalität“ vollführt thematisch eine kunstvolle Bewegung, einen Tanz auf der Grenze, der „Demarkationslinie zwischen innen und außen, zwischen Welt und Subjekt“ im Medium der Literalität. Der Autor widmet sich kulturwissenschaftlichen Fragestellungen zur Literalität und diskutiert diese unter Berücksichtigung unterschiedlicher Theorien und methodischer Ansätze, wobei der Psychoanalyse ein übergeordneter Stellenwert beigemessen wird. Durch die Verknüpfung eines psychoanalytisch zentrierten Ansatzes mit kulturwissenschaftlichen Theoriekonzepten gelingt es ihm überzeugend, literale, also schriftliche Phänomene in den Blick zu nehmen, um diese in Beziehung zum Subjekt und seiner kulturellen Instituierung zu setzen, diese Art „zweite Geburt“, durch die das kulturelle Subjekt erst hervorgebracht wird: „Subjekt und Institution verharren in ihrer Choreografie wechselseitigen Aufeinanderbezogenseins, denn eine menschliche Gesellschaft außerhalb der instituierten Einfriedung der Sprache und Gesetze existiert nicht.“ Die Aufklärung hat dabei die Vorstellung eines autonomen Individuums entworfen, die einen ,blinden Fleck‘ entstehen ließ, wodurch „die Bindung des Subjekts an die bestehenden Institutionen zunehmend unsichtbar […] bzw. aktiv ausgeblendet“ wurde.

In der Einleitung legt der Autor zunächst das theoretische Ideenfundament der anschließenden zehn Untersuchungen, an das diese immer wieder anknüpfen werden: Die Arbeiten des französischen Rechtshistorikers und Psychoanalytikers Pierre Legendres. Diese Anbindung verwundert nicht, handelt es sich bei Georg Mein doch um den Mitherausgeber der Schriften Legendres im Verlag Turia+Kant (bisher erschienen: Bd. 1 „Vom Imperativ der Interpretation“, 2010 / Bd. 2 „Gott im Spiegel. Untersuchung zur Institution der Bilder“, 2011). Neben dem Bestreben Meins, die Ideen und Ansätze Legendres der deutschsprachigen Germanistik zugänglich zu machen, vollzieht der Autor einen weiteren Schritt. Er leistet für die noch junge deutsche Legendre-Rezeption einen in mehrfacher Hinsicht wichtigen Beitrag, indem er die Grundbausteine der Theorie Legendres auf theoretische Anwendungsfelder und kulturwissenschaftliche Fragestellungen appliziert und diese darüber hinaus für den deutschsprachigen Forschungsraum weiter diskursiviert.

Mit der Argumentation Legendres, dass nur mittels der Psychoanalyse den Beziehungszusammenhängen zwischen Subjekt und Kultur beizukommen sei, hebt Mein in der Einleitung einerseits die Bedeutsamkeit eines psychonanalytischen Blicks hervor. Andererseits artikuliert der Autor gerade die Möglichkeiten der Philologie für die Psychoanalyse. Nämlich dort „wo nicht qua Couch und Analyse“ sich Patient und Analytiker gegenüberstehen, sondern an dem Ort, wo Sprache und Schrift als kulturell konstitutive, oder besser, ,instituierende‘ Bedingungsfaktoren des Ichs in den Fokus wissenschaftlicher Analysen gerückt werden.

Meins Verfahren besteht darin, literale Phänomene an Kategorien wie zum Beispiel Kultur, Institution, Bildung, Nation und Freundschaft zu koppeln, um daraufhin ihre institutionellen Dimensionen auf ihre Konstitutionsprinzipien hin zu untersuchen. Unter institutioneller Dimension von Literalität, also Schrift bzw. Schriftlichkeit, versteht der Autor die unausweichliche Bindung des Subjekts an die Ambiguität des sprachlichen Zeichens als zentrales Medium kultureller Sinnproduktion, die es erst ermöglicht, geistige Aggregate greifbar und kommunikabel zu machen. In den Worten des Autors: „Die institutionelle Dimension von Literalität ergibt sich dann aus der Einsicht, dass die Reproduktion der sprechenden Gattung notwendig an die Mechanismen des Symbols gebunden ist, d.h. an ein Prinzip der Repräsentation, durch das etwas Abwesendes zum Ausdruck gebracht werden kann.“

Das Prinzip der Instituierung zeigt den theoretischen Anschluss an die Ideen Pierre Legendres. Das Gesetz ist die zentrale formgebende Instanz, die das kulturelle Subjekt konstituiert. Für das Verhältnis von Subjekt und Schrift bedeutet dies, so Mein in Bezug auf Legendre: „Institutionen sind zuallererst ein Phänomen der Schrift. […] Lesen und Schreiben verlangt die Unterwerfung unter das Gesetz“.

Von wesentlicher Bedeutung für Meins Analyse ist der ambivalente Charakter von Sprache und Schrift. Zum einen sind sie für Prozesse der Instituierung verantwortlich, indem sie zum Beispiel das Ich, über das sie sprechen wollen, überhaupt erst hervorbringen. Zum anderen „ist das Gegenteil der Fall“, wie Mein herausstellt: „Sprache spricht nicht nur, sie ‚verspricht‘ sich auch beständig, so dass ihr Versprechen stets auch ein Versprecher, eine Suspendierung des Versprochenen ist.“ Das Widerständige der Sprache gegen ihre stabilisierende Definitionsmacht ist gleichsam auch das Potential des Literarischen. Diese janusköpfige Eigenschaft von Sprache, ihr dilemmatisches Oszillizieren zwischen Bedeutungsstabilität und eigener Infragestellung, bildet den Betrachtungsansatz für die anschließenden Einzelstudien. Diese Ambivalenz ist es, die Meins geschärften Blick immer wieder auf den „liminalen Charakter der Literalität“ richten lässt.

Mit diesem liminalen Blick gelingt es dem Autor, Konstitutionsprinzipien von Literalität anhand konkreter Analysekategorien greif- und beschreibbar zu machen, um diese an Beispielen, wie zum Beispiel Hölderlins Elegie „Der Gang aufs Land“ und Friedrich Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“, zu untersuchen. Dazu zählen unter anderem Figuren wie der ,Parasit‘ und der ,Gast‘, das Prinzip von Tausch und Verausgabung und Motive wie der Vertrag, der ,blinde Fleck‘ als auch das für die Psychoanalyse wesentliche Motiv des Spiegels. Der räumlichen Figur der Schwelle kommt dabei eine besondere Funktion zu. Sie dient als zentrales Beschreibungsinstrument, an das die bereits genannten Motive und Figurationen gekoppelt werden. Diese Denkfigur ermöglicht es, den Ort des ‚Dazwischen‘ als auch Vorgänge der Grenzüberschreitung zu fokussieren, in der Prozesse des Bedeutens zwischen Signifikat und Signifikant verhandelt werden oder konkret, wie es in dem Abschnitt „Kultur/Institution“ in Bezug auf das Rätselmotiv der Sphinx heißt, um die „Überwindung jener Schranke zwischen Signifikat und Signifikant“ zu untersuchen, „die das Ursprungsproblem aller Signifikation bildet“.

Mit diesem Akzent auf der räumlichen Dimension von Literalität knüpft der Autor an vorausgegangene Arbeiten an. So zum Beispiel an die zusammen mit Achim Geisenhanslüke herausgegebenen Sammelbände „Schriftkultur und Schwellenkunde“ (2008) und „Grenzräume der Schrift“ (2008), erschienen in der Reihe „Literalität und Liminalität“ im transcript Verlag. Dort wie hier schließt Meins Ansatz an aktuelle Theoriediskussionen an, die sich im Umfeld des Forschungsparadigmas Raum in Verbindung mit Literalität verorten.

Was den Leser zuweilen irritieren mag, ist die Bandbreite eines Theorieaufgebots, die eine klar umgrenzte theoretisch-methodische Ausrichtung vermissen lässt und den eingangs stark gemachten psychonalytischen Blick nicht konsequent durchhält. So gesellen sich zuweilen an den Diskussionstisch der einzelnen Studien eine bunte Gruppe von Vertretern unterschiedlicher Disziplinen, um ihren jeweiligen Gegenstand zu verhandeln. Der Leser sollte sich daher nicht wundern, wenn zum Beispiel in der Studie „Literatur als Vor-Schrift“ zunächst Michel Foucaults Diskurstheorie Gehör findet und anschließend Überlegungen Jürgen Links zur Normalismusdiskussion. Auch kommt Niklas Luhmann zu Wort, um zusammen mit Raymond Williams und Paul Watzlawick den Kultur- und Literaturbegriff und das spezifische Verhältnis von Kunst/Literatur und Kommunikation zu diskutieren. Ausnahmsweise ist in diesem Kapitel Gewährsmann Legendre nicht eingeladen, der in allen anderen Beiträgen meist präsent ist und auch die Theoretisierung kommt, so scheint es, ganz ohne Psychoanalyse aus.

Anders betrachtet zeichnet Meins Arbeit genau diese grundsätzliche Pluralität im theoretischen Ansatz aus, der stets ein panoramisches Ganzes im Blick hat. Der Autor versucht in seinen Untersuchungen verschiedene theoretische Denkrichtungen und methodische Konzepte der Kulturwissenschaften zu berücksichtigen als auch produktiv zu verschränken – was ihm überzeugend gelingt. Dieser offene Ansatz ermöglicht eine breite Anschlussfähigkeit und ist ein wesentliches Surplus der vorliegenden Arbeit, die es dadurch vermeidet, sich ein wissenschaftstheoretisch allzu eng geschnittenes Korsett anzulegen. Meins zentrale Leistung liegt daher genau in dieser Verschränkung interdisziplinärer Theoriekonzepte im Spannungsfeld zwischen Kulturwissenschaften und Psychoanalyse, um Literalität und ihr Verhältnis von Subjekt und Institution aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und darüber hinaus neue Denkimpulse, nicht zuletzt durch die gewonnene Perspektive Legendres, zu geben.

Beachtenswert ist neben der breiten theoretischen Anlage die beeindruckend fundierte Quellenarbeit, die neben zeitgenössischen Vertretern wie Legendre oder Link weitere Anschlüsse an gegenwartsrelevante Theoriediskussionen herstellt, zum Beispiel an die philosophisch-gesellschaftstheoretischen Ansätze Giorgio Agambens. Sprachlich erschwert an einigen Stellen das fachwissenschaftliche, oftmals auf philosophische und psychoanalytische Konzepte und Idiome zurückgreifende Vokabular das Textverständnis und wird nicht eigens erklärt. Damit adressiert sich die Publikation an ein akademisches Publikum, das mitunter ein interdisziplinäres Fachwissen mitbringen muss. Diese Kritik schmälert jedoch den hohen wissenschaftlichen Wert dieser Publikation in keiner Weise. Im Gegenteil: Wer sich auf das anspruchsvolle Niveau der Arbeit einlässt, wird mit zahlreichen neuen Erkenntnissen über das Verhältnis von Subjekt und seiner kulturellen Instituierung als auch mit anregenden, weiterführenden Ideen über die konstitutive Beziehung von Literalität und Kultur belohnt.

Titelbild

Georg Mein: Choreografien des Selbst. Studien zur institutionellen Dimension von Literalität.
Turia + Kant Verlag, Bielefed 2011.
235 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783851326277

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