Ex oriente lux

Zur Orientalismus-Debatte nach Edward W. Said

Von Walter WagnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Wagner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der im Folgenden besprochene Band versammelt die Beiträge einer im Juli 2009 vom „Zentrum für Interdisziplinäre Regionalstudien – Vorderer Orient, Afrika, Asien“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ausgerichteten Tagung zum Themenkomplex Orient, Orientalistik und Orientalismus. Zur Diskussion gestellt werden darin neue Perspektiven auf den von Edward Said 1978 lancierten Begriff des „Orientalism“, der den Orient, etwas salopp ausgedrückt, als eine ‚Erfindung‘ des Westens begreift. Unsere Vorstellungen vom ‚Morgenland‘ beruhen demnach auf stereotypen, mythisierenden Fremdbildern, die nicht nur den kunstgeschichtlichen und literarischen, sondern auch den wissenschaftlichen und nicht zuletzt politischen Diskurs determinieren.

Die wirkungsmächtigen Thesen des Orientalismus, der längst über Saids diskursanalytisch geprägtes konzeptuelles Fundament hinausgewachsen ist, haben nicht nur in die Orientalistik, sondern auch in jüngere Subdisziplinen wie die Postcolonial und Subaltern Studies, die Ethnologie und Historiografie sowie die diversen Nationalphilologien einschließlich der komparatistischen Imagologie Einzug gehalten.

In der kompakten Einführung bieten die Herausgeber eine Synthese des Kolloquiums und zugleich eine Minimalbibliografie, die interessierten Neulingen Lektüreempfehlungen für den Einstieg in den Orientalismus an die Hand gibt. Burkhard Schnepels strategisch platziertes Referat lässt bereits zu Beginn die imagologische Dynamik dieses Forschungsfeldes erahnen. Entgegen der landläufigen Ansicht, dass der kulturelle Transfer in erster Linie von Westen nach Osten stattgefunden habe beziehungsweise noch immer stattfinde, plädiert der Autor für einen erweiterten Wahrnehmungshorizont in den Kulturwissenschaften, indem er schlaglichtartig die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Okzident und Orient aufzeigt. In diesem Zusammenhang verweist er auf die Schwellenländer China und Indien, wo zahlungskräftige Touristen vermehrt Reisen nach Europa buchen, um dort einer vermeintlichen Ursprünglichkeit zu begegnen, die längst aus den asiatischen Metropolen verschwunden ist. Am Beispiel des westafrikanischen hauka-Kultes zeigt Schnepel des Weiteren auf, wie Embleme der kolonialen Militärhierarchie als „eine subalterne Form des Anti-Kolonialismus“ rezipiert und parodiert wurden. Einen ähnlichen Fall stellt der Bauchtanz dar, der, wie der Arabist Andreas Pflitsch ausführt, „eher das Produkt europäischer Varietés ist“ und im Zuge einer sukzessiven Auto-Orientalisierung westlichen Touristen als genuin orientalische Folklore verkauft wird.

Fritz W. Kramer versucht in seinem Beitrag, den „Kulturbegriff Edward Saids“ inhaltlich abzustecken und die umstrittene Figur des verstorbenen Literaturwissenschaftlers, Publizisten, Kulturpolitikers, Musikkritikers und Pianisten näher zu beleuchten. In politischer Hinsicht positionierte er sich aufgrund seiner propalästinensischen und antizionistischen Einstellung zwischen den ideologischen Lagern, in wissenschaftlicher Hinsicht wiederum geriet er ins Kreuzfeuer der Kritik, weil er das von ihm denunzierte einseitige Orientbild des Westens perpetuierte und obendrein wichtige Quellen vernachlässigte. So verhielt sich der einem holistischen Kulturbegriff verpflichtete Wissenschaftler gegenüber den klassischen Werken des Orientalismus reserviert und rezipierte etwa den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Ägyptens, Nagib Mahfuz, überhaupt nicht. Anderseits identifizierte sich Said mit Erich Auerbach, dem er bis zuletzt huldigte und dessen Exilerfahrung er vor dem Hintergrund der eigenen Existenz im „Zentrum imperialer Macht“ interpretierte.

Edouard Conte erinnert in seinem Aufsatz an den deutschen Bibelforscher und späteren Professor für orientalische Sprachen Julius Wellhausen. Conte interessiert sich hier allerdings für den Sozialwissenschaftler und dessen 1893 erschienene Studie „Die Ehe bei den Arabern“, welche die orientalischen Verwandtschaftsbeziehungen analysiert. Diese entstehen nicht nur, wie im Westen üblich, durch Filiation, sondern auch durch Affiliierung, womit „sowohl die Gewährung von Schutz an Flüchtlinge als die ‚Einverleibung‘ von Ebenbürtigen“ gemeint ist. Wellhausens Systematik bildete die Grundlage für weiterführende Arbeiten, zumal sie ihr Augenmerk auf die Bedeutung der Ehe unter Cousins und Cousinen lenkte, wie sie auch heute noch unter Muslimen üblich ist. Selbst in der Familie Saddam Husseins kam diese im Arabischen unter der Bezeichnung badal bekannte Ehepolitik zur Anwendung. Besonders häufig tritt diese Praxis gleichfalls unter muslimischen Einwanderern auf, was xenophobe Gruppen, insbesondere in Großbritannien, auf den Plan gerufen hat. Nach ihrer Auffassung verhindere badal die Assimilation an die Mehrheitskultur und leiste terroristischen Tendenzen Vorschub. Ein derartig vereinfachtes Bild orientalischer Heiratsbeziehungen übersieht freilich, dass in arabischen Ländern Frauen vielfach ehe- und kinderlos bleiben und sich die Fruchtbarkeitsrate jener in den westlichen Ländern angenähert hat. Aus diesem Grund werden pauschale Verurteilungen des arabischen Patriarchats dem Status quo realer Verwandtschaftsbeziehungen unter Muslimen kaum gerecht.

Auf der Folie des Begriffspaars Orthodoxie versus Heterodoxie referiert Verena Klemm die Rezeption der Assassinenlegende in Europa. Eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung der seit dem Mittelalter als Verräter und Häretiker gehandelten Ismailiyya spielte vor allem „Die Geschichte der Assassinen, aus morgenländischen Quellen“ (1818) des österreichischen Orient-Spezialisten Joseph von Hammer-Purgstall. Die Wahrnehmung dieser religiösen Gemeinschaft wurde über Jahrhunderte vor dem Hintergrund des Heterodoxie-Orthodoxie-Dualismus beurteilt, der laut Klemm eine für christliche Religionen probate Kategorie repräsentiert, die sich in ihrer antagonistischen Schärfe auf die islamische Welt und insbesondere auf die so genannte Sunna und Schia nicht übertragen lässt. Gleichwohl präsentiert sich die islamische Glaubensgemeinschaft nicht so homogen, wie im Westen vermutet wird. Religiöse Devianz wird etwa unter den Anhängern des in Indien praktizierten Satpanth Ismailism gelebt, der Elemente des Sufismus, Trantrismus und anderer Traditionen in seine Lehren integriert hat.

Reimund Leicht setzt sich in seinem Referat mit der Neubewertung Maimonides’ innerhalb der Judaistik auseinander. Der heute kaum gelesene und deswegen um nichts weniger bedeutende jüdische Philosoph des Mittelalters, der sich zudem als Arzt und Rechtsgelehrter einen Namen machte, wurde im maurischen Córdoba geboren und wird heute noch als polyglotter Vermittler zwischen Orient und Okzident gehandelt. Im Jahre 1744 tauchte ein Porträt dieses Orientalen in einer lateinischen Abhandlung auf, das ihn dem Stereotyp gemäß mit Turban, Bart und Kaftan zeigte. Für die jüdischen Aufklärer wurde Maimonides zum Symbol eines weltoffenen Judentums, das sich seiner orientalischen Wurzeln verklärend bewusst wurde. Die ikonografisch zum Ausdruck gebrachte Orientalisierung des geistigen Mentors konnte den prekären Status der jüdischen Diaspora insofern aufwerten, als dadurch ihre Brückenfunktion zwischen den Kulturen bestätigt wurde. Trotz dieses im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert aufkeimenden Interesses an Maimonides wurden seine philosophischen Leistungen kaum gewürdigt. Vielmehr wurde sein Gelehrten-Nimbus für die Etablierung der Judaistik instrumentalisiert. Da die kulturgeschichtliche Signifikanz der arabischen Wissenschaft und Philosophie unbestritten blieb, konnte Maimonides folglich auch ‚nur‘ als Orientale fachliche Hochschätzung erfahren. Dies führte dazu, dass erst in einer zweiten Phase der Rezeption ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Schriften des jüdischen Gelehrten bewertet und in Fachkreisen anerkannt wurden.

Welchen Einfluss die deutschsprachige Geografie und hier vor allem die Figur des Autodidakten Ewald Banse auf die räumliche Ausdifferenzierung des Orients hatte, legt Anton Escher in seinen Ausführungen dar. Seine Bestimmung des orientalischen Kulturraumes mag angesichts ihrer manifesten rassistischen Tendenzen zwar problematisch erscheinen, gleichwohl hat sie methodische Innovationen innerhalb der geografischen Disziplin überdauert und taucht zumindest residual noch in jüngeren länderkundlichen Abhandlungen auf. Banses topografisch und klimatisch homogener Orient, der Nordafrika und Vorderasien umfasst, charakterisiert sich durch eine ebenso einheitliche Bevölkerung, bestehend aus muslimischen Bauern, Nomaden und Städtern, und die Wirtschaftsform des Rentenkapitalismus. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Dekonstruktion des Orientbegriffs, der heute allerdings Gefahr läuft, auf Erdöl und Terrorismus reduziert zu werden.

Jackie Feldman und Amos S. Ron sind den amerikanischen Protestanten auf ihrer Pilgerfahrt ins Heilige Land gefolgt und konnten beobachten, dass diese Gruppe von Religionstouristen biblische Landschaften den beliebten archäologischen Stätten vorziehen. Bestrebt, möglichst ‚authentische‘ Erfahrungen zu sammeln, suchen sie auch Themenparks auf, wo Laiendarsteller einen Eindruck vom Alltag vor 2000 Jahren vermitteln. Unter amerikanischen Protestanten besonders beliebt ist Nazareth Village, für dessen historische Authentizität die israelische Regierung und Archäologen bürgen. Fremde Fantasmagorien verursachen somit die speziell auf touristische Erwartungshaltungen ausgerichtete Auto-Orientalisierung einer ansonsten kaum mehr von westlichen Lebensverhältnissen unterscheidbaren Umgebung und zeugen von der Flexibilität des Orientalismus.

Einen Beitrag aus der Architekturgeschichte liefert Joachim Ganzert, der den Grund- und Aufriss von Tempeln, Palästen und Residenzen einer diachronen Betrachtung unterzieht und dabei verblüffende Parallelen feststellt. Sämtliche dieser Bauwerke weisen einen sakralen bzw. semi-sakralen innersten Bereich auf, das heißt eine Art „Erscheinungsraum“, der nur über Umwege zu erreichen ist und auf diese Weise eine „Bedeutungssteigerung“ hervorruft, die den Übergang von der irdischen zu einer göttlichen Sphäre nachempfinden soll. Eine Fortsetzung dieser architektonischen Besonderheit lässt sich in römischen und christlichen Sakralbauten und sogar noch in der von Albert Speer geplanten Welthauptstadt Germania nachweisen.

Karl-Heinz Kohl unterzieht das Libretto zu Giuseppe Verdis Oper „Aida“ einer orientalistischen Lektüre und stellt dar, wie ausgehend von den französischen Saint-Simonisten eine Feminisierung des Orients stattfand. Die Anhänger dieser Sekte glaubten an eine weibliche Muttergöttin und waren davon überzeugt, „dass die Inkarnation der Femme Messie im Orient zu suchen sei“. Dass Verdi beziehungsweise sein Librettist die Göttin Isis in die Oper aufnahm, darf man als bewusste Abweichung von der Vorlage des Ägyptologen Auguste Mariette werten. Verdi, so der Autor, musste mit den saint-simonistischen Fantastereien in Berührung gekommen sein und entschied sich deshalb vermutlich für eine Neukonfiguration der Handlung.

Die „Entwicklung des modernen Musiklebens in arabischen Staaten“ verhandelt Ines Weinrich und geht bei ihrer Diskussion von einem Zitat aus Saids „Muscial Elaborations“ aus. Der Autor berichtet darin von einem Konzertabend mit der Sängerin Umm Kalthoum, deren Darbietung den an der abendländischen Musik geschulten jungen Melomanen derartig langweilte, dass er ihr später eine ausführliche Schilderung in seinen Schriften widmete. Saids Beschreibung gibt Aufschluss über ästhetische Differenzen zwischen westlicher und orientalischer Musik und entlarvt sich als Produkt „orientalistischer Zuschreibungen“, die den europäischen Musikgeschmack zum Nonplusultra erhoben und selbst die institutionalisierte Musik der arabischen Länder geprägt haben.

Avinoam Shalem berichtet über islamische Kunst und ihr Bild in der europäischen Kunstgeschichte. Führende Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts wie Jacob Burckhardt sprachen der islamischen Architektur die Fähigkeit ab, sich zu erneuern, und identifizierten „das Ornament als das Charakteristikum der islamischen Kunst und Ästhetik“, während die westliche Architektur eher rational grundiert sei. Es wurde der islamischen Baukunst überdies jeglicher Einfluss auf die euroäische Kunstgeschichte abgesprochen. Der eurozentrische Blick dominierte den kunsthistorischen Diskurs bis ins 20. Jahrhundert und zementierte den Mythos einer rückständigen islamischen Kunst, die den Anschluss an die Moderne nicht geschafft hat – ein Vorurteil, das die Ereignisse rund um den 11. September 2001 noch verstärkt haben.

Ivan Davidson Kalmar beschäftigt sich in seiner Untersuchung mit den türkischen Figuren auf der astronomischen Uhr des alten Prager Rathauses. Diese Statuen repräsentieren einen Astronomen und einen Philosophen und tragen als Attribut ihrer orientalischen Herkunft einen Turban. Beide symbolisieren das vanitas-Motiv, demzufolge Wissen und Weisheit ohne den rechten Glauben leere irdische Ambitionen bleiben. Zwar verweisen die Türken vordergründig auf den ungläubigen Feind aus dem Osten, anderseits (und in diesem Sinne viel subtiler) auf die Protestanten, die im katholischen Habsburgerreich dem falschen Glauben anhingen. Der heidnische Gelehrte mit dem aufgeschlagenen Buch wäre demnach eine Anspielung auf die evangelischen Apostaten, die sich anmaßten, ohne Vermittlung der kirchlichen Instanzen selbstständig die Bibel zu lesen und zu interpretieren.

Der letzte, von Birgit Schäfle verfertigte Beitrag verfolgt den Wandel in der Rezeption von Saids Klassiker „Orientalism“. Der „wohl berühmteste ‚Orientale‘ in den USA“ hat mit diesem Buch nicht nur politischen Zündstoff geliefert, sondern vor allem den unumgänglichen Basistext der Postcolonial Studies geschaffen. An Michel Foucault und Antonio Gramsci geschult, hat Said die Diskurstheorie in den USA bekannt gemacht, und „‚Orientalism‘ wurde so etwas wie ein (benutzerfreundliches) Handbuch des linguistic turn“. So sehr dieses Standardwerk auch in Fachkreisen gelobt worden ist, so sehr hat es auch für kritische Interventionen gesorgt. Man hat Said zu Recht vorgeworfen, er zeichne ein essentialistisches Bild des Westens, der unfähig sei, den Orient jenseits eurozentrischer Stereotypen zu sehen. Desgleichen wurde vonseiten der Kritiker bemängelt, dass er die arabische Kultur nur durch den Spiegel einiger französischer und britischer Autoren, denen er repräsentativen Status zuschrieb, betrachte und beurteile. Saids „methodische Verdächtigungen aller Schreibprozesse, die das Andere erst erschaffen“, greifen angesichts moderner anthropologischer Theorien ebenfalls zu kurz. Der bewunderte und kontroversielle Literaturwissenschaftler hat schließlich keinerlei Ausweg aus der „Authentizitätsfalle“, in die er selbst geraten ist, vorgeschlagen, was seine Angriffe auf westliche Wahrnehmungsschemata inkonsequent erscheinen lässt.

Die in „Orient – Orientalistik – Orientalismus“ zusammengeführten Ergebnisse jüngster Forschungen demonstrieren die Vitalität und Bandbreite der Orientalismus-Debatte, deren weitere Entwicklung angesichts aktueller politischer Veränderungen im Nahen Osten sowie anhaltender Migrationsbewegungen von den muslimischen Ländern in den Westen noch nicht absehbar ist. Dass die vom Schirmherrn des Orientalismus vorgegebene Marschrichtung längst geändert worden ist, führt diese sich immer wieder auf Said berufende Monografie anschaulich vor. Im Hinblick auf dessen ureigenstes Betätigungsfeld, die Literaturwissenschaft, erstaunt es freilich, dass gerade aus diesem Bereich kein einziger Artikel in dieser reichhaltigen Zusammenschau vertreten ist.

Titelbild

Burkhard Schnepel / Gunnar Brands / Hanne Schönig (Hg.): Orient - Orientalistik - Orientalismus. Geschichte und Aktualität einer Debatte.
Transcript Verlag, Bielefeld 2011.
310 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783837612936

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