Das Interesse am Schönen

Einleitende Hinweise zu neueren Forschungsansätzen und Theorien der Ästhetik

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Wohlgefallen am Schönen wurde von Kant als „interesselos“ bezeichnet. Was dieses Wohlgefallen, die Lust oder die Freude am Schönen kennzeichnet und wodurch es hervorgerufen wird, daran zeigen sich Spekulationen, Theorien und Forschungen über das Schöne seit Jahrhunderten und heute mehr denn je brennend interessiert. Das Interesse gilt dabei Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen: Welche Merkmale haben Objekte menschlicher Wahrnehmung, die als schön bezeichnet werden? Wie sind die Emotionen beschaffen, die der Wahrnehmende hat, wenn er etwas als schön empfindet? In welchem Maße sind Schönheitsempfindungen und -zuschreibungen kulturabhängig? Wie werden Wahrnehmungsobjekte disqualifiziert, denen man das Prädikat „schön“ verweigert oder die man als hässlich bezeichnet? Über solche Fragen wird seit langem gerätselt und gestritten. Um 1750 etablierte sich eine eigene Disziplin, die sich mit ihnen systematisch befasste: die Ästhetik. Und gegenwärtig setzt man sich mit ihnen interdisziplinär mit erneuter Intensität auseinander.

Wenn literaturkritik.de sich mit der Juli-Ausgabe 2011 das Schöne zum Themenschwerpunkt macht, knüpfen wir an etliche Beiträge an, die in früheren Ausgaben dazu bereits veröffentlicht wurden und haben uns durch zahlreiche Neuerscheinungen der letzten Jahre zum Begriff und zu Phänomenen des Schönen dazu anregen lassen. Ein Anlass für die Wahl dieses Schwerpunktes waren nicht zuletzt zwei Lehrveranstaltungen zu dem Thema im Sommersemester 2011 an der Universität Marburg. Eine hat sich zum Ziel gesetzt, unter dem Titel Was ist schön? eine kommentierte Sammlung historischer Texte (von Platon über Kant, Schiller, Fechner, Darwin, Nietzsche bis hin zu Freud) zu erstellen, die noch heute für die Debatten über das Schöne grundlegend sind. Die systematisierende Einführung dazu, die in einer fußnotenlosen Fassung auch in dieser Ausgabe veröffentlicht wird, basiert auf einer früheren Veröffentlichung von mir über „Literatur und Lust“ und entspricht dem Forschungstand vor gut einem Jahrzehnt.

In literaturkritik.de haben sich seitdem diverse Rezensionen und Aufsätzen mit dem Thema befassst (siehe die Hinweise dazu in dieser Ausgabe). Und in den letzten Jahren sind etliche (populär-)wissenschaftliche und kulturjournalistische Neuerscheinungen, auf die in späteren Ausgaben ausführlicher eingegangen werden soll, symptomatisch für gegenwärtig dominante Interessen, die dem Schönen entgegengebracht werden.

Anhaltende Anziehungskraft haben evolutionsbiologische Perspektiven für Versuche, dem „Ursprung des Schönen“ auf die Spur zu kommen. Der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf befasst sich dabei mit einem Dilemma der Theorien Charles Darwins: Mechanismen der „Natürlichen Selektion“ dienen nach Darwin dem Ziel der optimale Anpassung an die Umwelt und erhöhen damit die Chancen zum Überleben. Wie lässt es sich damit vereinbaren, dass männliche Tiere sich vielfach den für das Überleben riskanten Luxus erlauben, sich mit auffälliger, der eigenen Tarnung und Beweglichkeit ganz und gar nicht förderlicher Schönheit der Umwelt so prächtig zu präsentieren wie zum Beispiel der Pfau? Reichholf beruft sich mehrfach auf das ebenfalls auf Darwin zurückgreifende Buch „Das Versprechen der Schönheit“ (2003) des Literaturwissenschaftlers Winfried Menninghaus, der in diesem Jahr eine weitere Monographie zu dem Problemfeld vorlegt.

An wissenschaftliche Traditionen des 19. Jahrhunderts knüpfen heute auch die Schönheits-Forschungen an, die sich auf Gustav Theodor Fechners Arbeiten “Zur experimentalen Aesthetik“ (1871) und „Vorschule der Aesthetik“ (1876) berufen. Sie führen seine Versuche fort, eine „Ästhetik von unten“ auf empirischer Basis und mit Exaktheitsansprüchen der Naturwissenschaften zu entwickeln. Eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse, Reflexion wichtiger Theorien und Methoden sowie eine Einführung in deren Begrifflichkeit bietet Günther Kebecks und Henning Schrolls „Eperimentelle Ästhetik“, und etliche Beiträge dazu enthält ein Heft der „Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik“, das Wolfgang Klein unter dem Titel „Ist Schönheit messbar?“ herausgegeben hat. Beide Publikationen beziehen auch neuere Forschungsansätze der „Neuroästhetik“ mit ein. Mit ihr befasste sich im Januar 2010 ein interdisziplinärer Workshop an der Technischen Hochschule Aachen. Die von Karin Herrmann herausgegebenen Beiträge dazu sind vor allem an den neuronalen Prozessen bei der Wahrnehmung sowie bei der Produktion von Kunst interessiert.

Es sind zumeist visuelle Wahrnehmungen und ihre Objekte, die in Ästhetik-Theorien beachtet werden. Auch in Umberto Ecos reich bebilderter „Geschichte der Schönheit“ dominieren sie. In dem genannten Zeitschriftenband steht aber auch ein Beitrag über das Schöne in der Musik. Und der Herausgeber Wolfgang Klein vergleicht sechs verschiedene Übersetzungen eines altgriechischen Gedichts und lädt die Leser zu einem Selbstexperiment mit der Frage ein, welche sie warum für die schönste halten. Eine grundlegende Monographie über „Die Schönheit von Literatur“ von Joachim Jacob unterscheidet zwischen der Schönheit sprachlicher Zeichenkörper (ihrem der Musik ähnlichen Wohlklang oder auch der optischen Qualität schöner Schrift) und den Vorstellungen von schönen, nichtsprachlichen Objekten der Wahrnehmung, die durch die Bedeutung sprachlicher Zeichen hervorgerufen werden.

In der Geschichte der Ästhetik ist immer wieder zwischen dem Kunst- und dem Naturschönen unterschieden worden. Eine Zwischenposition nimmt da die Schönheit des Menschen ein. Um 1800 erfreute sich das Konzept der „schönen Seele“ großer Beliebtheit, das eine kürzlich erschienene Dissertation von Marie Wokalek historisch neu zu rekonstruieren versucht. Die „schöne Seele“ galt damals als Ideal harmonischer Einheit von Vernunft und Sinnlichkeit. Diese in der Moderne verlorene Einheit wiederzugewinnen war ein Ziel der ästhetischen Erziehung des Menschen. Die „schöne Seele“ wird einem nicht geschenkt, sondern sie wird zu einem Projekt, an dem sich, nicht zuletzt mit Hilfe von Kunst, arbeiten lässt. Das gilt in  der Moderne ähnlich auch für den schönen Körper des Menschen. Unter dem Titel „Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne“ schreibt eine Dissertation von Annelie Ramsbrock die Geschichte kosmetischer Möglichkeiten und Praktiken, den eigenen Körper den sich vom 18. bis zum  20. Jahrhundert wandelnden Schönheitsidealen anzupassen.

Philosophische Schönheitstheorien und die psychologische Ästhetik waren bislang primär auf Untersuchungen zur Wahrnehmung von als schön eingeschätzten Objekten fixiert. Typisch dafür ist auch der Versuch des Psychoanalytikers Donald Meltzer und seiner Tochter Meg Harris Williams, Schönheitserfahrungen im Umgang mit Kunst auf die Urszene frühkindlicher Wahrnehmung des Gesichts und der Brust der Mutter zurückzuführen. Die Wahrnehmung des Schönen ist nach dieser Vorstellung immer schon mit Erfahrungen des Rätselhaften verbunden, weil sich bereits dem Säugling das Innere der Mutter entzieht und das unter  der sichtbaren Schönheit Verborgene von ihm mit kreativer Vorstellungskraft konstruiert werden muss. In den zahlreichen Veröffentlichungen, die sich in jüngerer Zeit mit der Schönheit des menschlichen Körpers befassen, macht sich dem gegenüber eine Perspektivenverschiebung bemerkbar  – hin zu den Techniken, die Wahrnehmung des Schönen durch aktiv eingesetzte Reizkonfigurationen zu steuern, die Schönheit des eigenen Körpers im Hinblick auf erwünschte Reaktionen der anderen zu „inszenieren“. Die „schönen“ Reize des Körpers, ihre „Attraktivität“ für andere, sind in dieser Perspektive nicht einfach vorhanden, sondern sie werden planmäßig gestaltet und in Szene gesetzt.

Ein essayistisches Pedant zu Ramsbrocks Geschichte der Kosmetik ist Pia Reinachers Buch mit dem bezeichnenden Titel „Kleider, Körper, Künstlichkeit. Wie Schönheit inszeniert wird“. Es erzählt und reflektiert im Blick nicht zuletzt auch auf literarische Texte (von Thomas Mann, Philip Roth, Wilhelm Genazino, Leon de Winter, Christian Kracht, Florian Illies oder Charlotte Roche) Geschichten des Spiels mit der Mode im Zeitalter der Globalisierung, der mit viel „Aufwand an Zeit, Energie, Schmerz und Geld“ betriebenen, „künstlichen Konstruktion von Attraktivität“ in der Moderne, in der der Platz, den man in der  Gesellschaft einnimmt, nicht mehr durch Geburt vorgegeben ist, sondern „durch eigene Leistungen und aus persönlichem Antrieb erobert werden“ muss. Was Pia Reinacher oder, in dem Buch „Gendered Bodies in Motion“, auch Martina Schuegraf und Sandra Smykalla in einem Aufsatz über „Inszenierungsstrategien von KünstlerInnen im Musikvideoclip“ als „Inszenierung“ bezeichnen, nennt der Soziologe Otto Penz „Schönheitspraktiken“ oder auch „Schönheitshandlungen“. Angeregt von Pierre Bourdieu untersucht und vergleicht er klassen- und geschlechtsspezifische Stile der Körpermanipulation und das damit verbundene Machtgefälle zwischen sozialen Gruppen und Milieus.

Deutlich wird in diesen Untersuchungen zur inszenierten Schönheit unter anderem zweierlei. Zum einen: Eine „Dialektik der Aufklärung“ bzw. der Moderne gibt es auch in der Geschichte der Schönheit. Die erweiterten Möglichkeiten autonomer Gestaltung des eigenen Körpers sind nicht nur ein Gewinn an Freiheit, sondern sind vielfach neuen Zwängen von Schönheitsnormen unterworfen. Und zum anderen: Schönheit wird wahrgenommen, sie wird aber auch künstlich hervorgebracht. Die interdisziplinäre Erforschung des Schönen ist dazu angehalten, das Schöne im Rahmen eines kommunikativen Prozesses zu untersuchen, der die Produktion des Schönen ebenso umfasst wie das schöne Produkt und seine Adressaten.

Titelbild

Joachim Jacob: Die Schönheit der Literatur. Zur Geschichte eines Problems von Gorgias bis Max Bense.
Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2007.
491 Seiten, 99,95 EUR.
ISBN-13: 9783484181830

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Kein Bild

Donald Meltzer / Meg Harris Williams: Die Wahrnehmung von Schönheit. Band 5.
Kimmerle Verlag, Tübingen 2007.
315 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3892957673

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Kein Bild

Wolfgang Klein (Hg.): Ist Schönheit messbar? Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik Dezember 2008.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2008.
156 Seiten, 19,90 EUR.

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Titelbild

Pia Reinacher: Kleider, Körper, Künstlichkeit. Wie Schönheit inszeniert wird.
Berlin University Press, Berlin 2009.
170 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783940432698

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Titelbild

Nina Degele / Sigrid Schmitz / Marion Mangelsdorf / Elke Gramespacher (Hg.): Gendered Bodies in Motion.
Budrich UniPress, Opladen 2010.
206 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783940755575

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Titelbild

Otto Penz: Schönheit als Praxis. Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit.
Campus Verlag, Frankfurt, M. 2010.
205 , 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783593392127

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Josef H. Reichholf: Der Ursprung der Schönheit. Darwins größtes Dilemma.
Verlag C. H. Beck, München 2011.
318 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783406587139

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Titelbild

Marie Wokalek: Die schöne Seele - eine Denkfigur. Zur Semantik von Gewissen und Geschmack bei Rousseau, Wieland, Schiller, Goethe.
Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
400 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783835309241

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Titelbild

Günther Kebeck / Henning Schroll: Experimentelle Ästhetik.
UTB für Wissenschaft, Wien 2011.
227 Seiten, 23,90 EUR.
ISBN-13: 9783825234744

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Titelbild

Annelie Ramsbrock: Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne.
Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
306 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783835308336

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