Berichte aus einem Unrechtsstaat

Der Sammelband „Fremde Blicke auf das ‚Dritte Reich‘“ analysiert „Berichte ausländischer Diplomaten über Herrschaft und Gesellschaft in Deutschland 1933-1945“

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernehmen konnten, bedeutete dies das Ende des kurzzeitigen Versuchs einer demokratisch-zivilen politischen Kultur in Deutschland. Es entstand eine Diktatur. Mit ihr einher ging ein gehöriger Schock: mit brutalem Terror beendeten die Nazis alles, was bisher Ausdruck und Standard einer zivilen Kultur war. Manch einer, der vor dem Zivilisationsverfall ins Exil zu entkommen suchte, sprach vom Ende der ‚Kulturnation‘ Deutschland. Mit schauderndem Erstaunen nahmen viele ausländische Beobachter die Geschehnisse wahr.

Eine besondere Rolle kam unter diesen Beobachtern den ausländischen Diplomaten zu. Als Angehörige ihrer jeweiligen Landesvertretungen waren sie in einer vergleichsweise privilegierten Situation. Sie erlebten die Geschehnisse in Deutschland aus unmittelbarer Nähe, konnten sich dazu auch kritisch äußern, waren aber zugleich vor dem Machtanspruch der Naziherrschaft durch ihren Diplomatenstatus entzogen. Eine kuriose Situation: Die diplomatischen Vertretungen in Deutschland waren die letzten Fluchtpunkte der alten Zivilisation. Rundum herrschte der uniformgeschwängerte Terror. Bis heute befremden die Fotos, auf denen man dieselben Nazibonzen, die eben noch Mord und Totschlag verantworteten, nun auf diplomatischen Parkett in dunklen Anzügen sieht. Sie dokumentieren eine ehemalige Welt mit Regeln, die in Deutschland längst außer Kraft gesetzt waren.

Die Diplomaten verfassten Berichte über das, was sie sahen und erlebten. Die Berichte gingen über die jeweiligen Botschaften auch an die heimischen Regierungen. Ob und wie intensiv sie dort ausgewertet wurden, blieb außerhalb ihres Einflussbereiches. Die Berichte blieben aber erhalten. Frank Bajohr und Christoph Strupp, die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes „Fremde Blicke auf das ‚Dritte Reich‘“, teilen in ihrem Vorwort mit, dass sie von der Fülle der Berichte, auf die sie eher zufällig in Großbritannien gestoßen waren, überrascht waren. Dieser Vorrat zeitgenössischer Beobachtungen der deutschen Verhältnisse war zudem gänzlich unaufgearbeitet. So entstand das Vorhaben, diese Materialien zu sichten und auszuwerten. Die Ergebnisse dieses internationalen Projekts fasst der Band zusammen. Die versammelten Aufsätze behandeln die Berichte aus den Aktenbeständen folgender Länder: Großbritannien, Vereinigte Staaten von Amerika, Frankreich, Polen, Schweiz, Dänemark, Argentinien, Costa Rica, Japan und Italien. Die Aufsätze werden ergänzt durch einen umfangreichen Quellenteil.

Die Auswertung der Berichte ergibt keine spektakulären neuen Erkenntnisse: „Insgesamt gesehen“, so resümieren die Herausgeber, „eröffnen die diplomatischen Berichte naturgemäß keine sensationellen neuen Erkenntnisse über das ‚Dritte Reich‘“. Die Herausgeber beziehen sich mit dieser Aussage vergleichend auch auf die ‚klassischen‘ Berichte über Deutschland: zum einen die von den Nazis selbst verfertigten ‚Meldungen aus dem Reich‘, zum anderen die Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SOPADE). Sind diese unabhängig von ihrem Quellenwert vor allem „zentral durch die politische Einstellung ihrer Verfasser“ bestimmt, so sind die diplomatischen Berichte für die Forschung „von besonderem Interesse“ – eben weil ihre Verfasser aufgrund ihres diplomatischen Status, ihrer zumeist langjährigen Kenntnis des Landes, ihrer Kontaktnetzwerke leidlich unabhängig äußern konnten, ohne dass daraus ein Anspruch auf Objektivität abzuleiten wäre.

Die Qualität der Berichte korrespondiert deshalb auch „auffallend mit der Größe des jeweiligen Landes“, das heißt mit der Professionalität der konsularischen Dienste. So war beispielsweise den ‚professionellen‘ amerikanischen Konsuln eine Berichtspflicht auferlegt, während viele Honorarkonsuln anderer Länder ihre Berichte eher aus Eigeninitiative verfassten.

Alle Berichte befassen sich zudem mit der Beschreibung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und seiner Akzeptanz bei den Deutschen. Ein teilweise bewunderndes Erstaunen durchzieht viele der Berichte, etwa wenn auf die vermeintlichen wirtschaftlichen Erfolge der Nazipolitik hingewiesen wird. Alle Berichte befassen sich mit dem deutschen Antisemitismus und der Judenverfolgung. Viele Berichte sind detailreich und drücken Erschrecken über die Geschehnisse aus. Aber gerade hier wird deutlich, wie folgenlos die Berichte blieben: Denn die Kritik an der Judenverfolgung der Nazis führte nicht zu einer großzügigeren Hilfe für die Verfolgten. Im Zweifel entschieden die Regierungen zugunsten ihrer restriktiven Flüchtlingspolitik und die Konsuln waren gehalten, sie umzusetzen. „In vielen Fällen“, so die Herausgeber, „löste die Judenverfolgung zwar Mitleid, vor allem aber reflexartige Befürchtungen aus, demnächst von einer Immigrationswelle überrollt zu werden“. So kann man aus den Berichten lernen, wie ein bis heute geltendes Versagen funktioniert: das eigene angstbesetzte Interesse geht vor Menschlichkeit. So, wie es zur Zeit auch die europäischen Staaten angesichts der afrikanischen Bootsflüchtlinge bestätigen.

Titelbild

Frank Bajohr / Christoph Strupp (Hg.): Fremde Blicke auf das "Dritte Reich". Berichte ausländischer Diplomaten über Herrschaft und Gesellschaft in Deutschland 1933-1945.
Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
600 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-13: 9783835308701

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