Fragen an ein Dichterleben

Über Hans Joachim Kreutzers souveräne Kleist-Monografie

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu den publizistischen Erwartungen an das Kleist-Jahr 2011 gehörte auch ein wichtiger Beitrag von Hans Joachim Kreutzer, einem Doyen der Kleist-Forschung, von 1978 bis 1992 Präsident der Heinrich von Kleist-Gesellschaft und 1980 Begründer des Kleist-Jahrbuchs. Mit seiner kompakten Einführung in der Reihe C. H. Beck Wissen ist ihm vor allem ein ebenso souveräner wie stilistisch anspruchsvoller Parforceritt durch das Œuvre der Kleist’schen Dichtung gelungen, in „ihrer ganzen Substanz nach europäisch“, mit teils neuen Prononcierungen.

Mit wenigen Strichen skizziert Kreutzer nach einer knappen Einleitung die „Lebensphasen“, verweist auf den „Mangel an Zeugnissen und Dokumenten“ und betont die Tatsache, dass die Selbstaussagen nicht „als Dokumente“, sondern meist als „Wünsche und Vorsätze“ zu behandeln seien. Er nennt die Hauptstrukturen der Dichtungen Kleists: „,Familie‘ als Struktur liegt fast allen Dichtungen Kleists zum Grunde, vielfach in auffällig gestörter oder zerstörter Form; unter den tragenden Denkfiguren dieses Dichters gebührt der Familie vornehmster Rang, ähnlich wie Natur, Eigentum, Krieg.“

Wie zuletzt Rudolf Loch in seiner bei Wallstein im Jahr 2003 erschienenen Kleist-Monografie, die den Kontext Kleists in seiner Heimatstadt detailliert beleuchtet, stellt Kreutzer die historische Bedeutung der Universität Frankfurt, wo Kleist nach seinem Abschied aus dem familiär vorbestimmten Soldatenstand drei Semester studierte, heraus: „Der Studiosus Kleist hätte schwerlich die Möglichkeit gehabt, unter den Dozenten eine gegründete Auswahl zu treffen. Er studierte mit all der relativen Buntheit in der Wahl seiner Kollegs, wie das damals üblich war. […] Kleist hat die Anspruchsvollsten in der Dozentenschaft vielleicht gemieden. Jedenfalls zollt er übermäßiges Lob dem in Materien wie Methoden unzuverlässigsten, aber aufs Publikum am meisten wirkenden der Dozenten, Christian Ernst Wünsch.“

Kreutzer rückt jedoch die Bedeutung der Frankfurter Universität zurecht: „Die Universität Frankfurt war die älteste Brandenburgs. Sie pflegte aber keinen Austausch mit anderen Hochschulen, den Anschluss an jüngere Kommunikationsformen, etwa im wissenschaftlichen Zeitschriftenwesen, hat sie nicht mehr erreicht. In ihrem ganzen Zuschnitt ließe sie sich vielleicht mit Rinteln, Helmstedt, Duisburg, Dillingen vergleichen.“

In seinen allgemeinen Bemerkungen im dritten Kapitel zu Kleists „Schreibereien“ verweist Kreuzer darauf, dass die „schriftstellerischen Anfänge Kleists in einer Dunkelzone von etwa zwei Jahren“ liegen. Er betont zudem, dass die Wissenschaft bisher zu wenig die „Gattung der Verserzählung“ beachtet und bezieht – einem Hinweis Wilhelm Traugott Krugs folgend – die Verserzählung „Die beiden Tauben“, in Heft 2, Februar 1808 im „Phöbus“ erschienen, auf die Beziehung Kleists zur damaligen Braut Wilhelmine von Zenge im Jahre 1801: „Das Gedicht verrät etwas, was Kleists Briefe an Wilhelmine in ihrer Erziehungsrhetorik nicht zeigen: wahre Zuneigung.“

Das vierte Kapitel, naturgemäß das längste, widmet Kreutzer den Dramen, beginnend mit knappen einleitenden Bemerkungen, wonach sich aufgrund thematischer und motivischer Verwandtschaft „Zweiergruppen“ ergeben mit den Zuordnungen „Familie Schroffenstein“ und „Robert Guiskard“, „Amphitryon“ und „Der zerbrochne Krug“, „Penthesilea“ und „Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe“ sowie die beiden „politischen“ Dramen „Die Herrmannsschlacht“ und „Prinz Friedrich von Homburg“.

Kreutzer hält eine Anregung zur „Familie Schroffenstein“ über eine „im ausgehenden 18. Jahrhundert im Druck bzw. als Stiche“ verbreitete Abbildung der „im vollen Wortsinne schroffe(n) Ruine Schroffenstein oberhalb von Landeck, an der steilen Südwand der Lechtaler Alpen“ für denkbar. Eine Möglichkeit, die sich zudem mit dem „Plan zu einem Drama Leopold von Österreich“ verbinden ließe, gehörte die im 16. Jahrhundert „erloschene Familie der Schroffensteiner“ doch zu den österreichischen Lehensträgern und war im Heer Leopolds III. vertreten, wie Kreutzer ausführt. Des Weiteren zieht Kreutzer die Verbindung zum Aufenthaltsort Kleists in Thun mit der „ganz besondere(n) Perspektive des Blicks von der Stadt Thun, vor allem bei leicht erhöhtem Standort, etwa dem Alten Friedhof, auf die Bergriesen des Berner Oberlands.“

Außerdem veranschlagt Kleist die Spanienmode der Zeit, vor allem von „Julius von Soden, Friedrich Justin Bertuch und [den] Schlegels“, die für die hispanisierende Kostümierung der „Familie Ghonorez/Schroffenstein“ zu bedenken sei. Und wie bei weiteren Texten Kleists verweist Kreutzer, für Kenner seiner Texte nicht weiter überraschend, auf die musikalische Grundierung der „Schroffensteiner“: „Niemals später hat Kleist so viele Gedankenstriche gesetzt. Das sind nicht bloße Pausenzeichen, wie Fermaten in der Musik, sie enthalten vielmehr jeweils eine Anweisung an den Sprecher, gestisch etwas zum Ausdruck zu bringen, neben und über der Sprache. Diese zeitlich nicht festgelegten Pausen machen den Dramentext zu einer Art von Partitur, die einen hohen Anteil an Improvisatorischem besitzt. Das mag man mit der Musik vergleichen. Es zeichnet sich eine Analogie zur Musik des ‚Generalbaßzeitalters‘ ab“.

Im „Robert Guiskard, Herzog der Normänner“ betont Kreutzer Kleists „staunenswerte(n) Blick für politische und das heißt stets auch militärische Machtstrukturen“ für Vorgänge im 11. Jahrhundert. Kreutzers lakonisch-prägnantes Fazit, nachdem er die „Analogie zwischen dem apulischen Herzog und Heerführer und Kleists korsischem Zeitgenossen“ unterstrichen hat: „Robert Guiskard kann man das Schlüsselwerk Kleists nennen. Sein Fragmentcharakter ist Symbol für das Kleistsche Lebenswerk überhaupt.“

Im Übrigen gibt Kreutzer zu bedenken, dass Kleists briefliche Äußerung vom 17. Dezember 1807 an Christoph Martin Wieland, wonach er sich eine Tragödie von der Brust heruntergehustet habe, sich vielleicht auch auf den Guiskard beziehen ließe und demzufolge die „große Aufgabe ja gelöst“ sein könnte, von der Wieland einst sprach.

„Amphitryon“ und „Der zerbrochne Krug“ sind, so Kreutzer, „Antworten auf Kleists Krise von 1803/04, nach den Schweizer Anfängen“, Kleists mit „großer Geste“ entworfene Herausforderungen der Tradition.

Ähnlich wie in den „Schroffensteinern“ findet Kreutzer auch in anderen Werken musikalische Allusionen, so auch in der „Wasserprobe“ im „Käthchen“, als sie auf dem Weg ins Kloster einen Bach überqueren muss – nach Kreutzer eine „Anspielung auf die Feuer- und Wasserprobe der Zauberflöte“ und „eine mögliche Deutung des Kleistschen Untertitels“. Für Blamberger hingegen ist „Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe“ nicht nur „ein Genremix aus Märchen, Schauerroman, Ritterdrama und Legende“, sondern in erster Linie „ironische Metapoesie. Sein Spiel um Unschuld, Schönheit und Wahrheit funktioniert nur, weil er es in eine Wunschzeit versetzt, in der alles Wunderbare noch eine transzendente Legitimation im Glauben hatte.“ Mit Blick auf den Doppeltraum im „Käthchen“ bemerkt Kreutzer nicht nur die Spuren zu Platons „Symposion“, sondern auch dessen „christliche Metamorphose“.

Starke Analogien zur Musik seiner Zeit finden sich bekanntermaßen in „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“, wobei Kreutzer auf den Bezug zu Händels Komposition von John Drydens Ode „Alexander’s Feast; or The Power of Music“ aus dem Jahre 1735/1736 verweist: „Händels Titel trägt den Zusatz Ode in Honour of St. Cecilia. Das Werk gehörte zu den beliebtesten Kompositionen Händels, traditionell wurde es am Cäcilien-Tag gegeben. Als selbstverständlich vorauszusetzen ist, das sowohl Adam Müller, der 1815 konvertiert war (was nur wenige wussten), wie auch Kleist einen Begriff von Händels oft in gigantischen Besetzungen aufgeführter Komposition hatten.“

Im Übrigen ist Müllers „Amphitryon“-Vorrede für Kreutzer „das Glänzendste, was über Kleist zu seinen Lebzeiten veröffentlicht worden ist“, wie Kreutzer im fünften Kapitel im Zusammenhang mit der Analyse der Publizistik Kleists bemerkt. Beschreibt der „Phöbus“ qualitativ eine „fallende Kurve“, so moniert Kreutzer nicht ganz zu Recht eine gründliche Kommentierung der „Berliner Abendblätter“, zumal letztere nicht nur eine „Fülle und Lebendigkeit der Begabungen“ Kleists zeigten, sondern zugleich auch „ein Defizit bei der Verankerung dieser Schriftstellerexistenz in der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ sichtbar machten.

Nach der Würdigung der Erzählkunst im sechsten Kapitel gilt das Schlusskapitel dem letzten Jahr. Kreutzer schlägt dabei den Bogen zum Beginn: „Dieses Dichterleben begann mit einem Fragezeichen. Da ging es um das Datum der Geburt oder um die wahre Geburt“, um am Ende festzuhalten: „Am Schluss seines letzten Briefes an die Schwester, der in großzügigen, freien Schriftzügen beginnt und zunehmend ins Enge verläuft, findet sich, nachträglich hineingedrängt, eine sonderbare, je länger man sie überdenkt, immer beklemmender wirkende Wendung, ein ,d.‘, dann ein waagrechter Strich, dann die Worte ‚am Morgen meines Todes‘. Das ist keine realzeitliche Angabe“, sondern – so Kreutzer – vermutlich eine Anspielung auf den berühmten Choral von Christian Knorr von Rosenroth „Morgen-Glantz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte“.

Titelbild

Hans Joachim Kreutzer: Heinrich von Kleist.
Aus der Reihe Beck'sche Reihe 2716.
Verlag C. H. Beck, München 2011.
128 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-13: 9783406612404

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