„Die Herrmannsschlacht“ als „Sexjagdspiel“

Über Barbara Vinkens luzide Abhandlung „Bestien. Kleist und die Deutschen“

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Selten ist ein Text so brutal gegen das, was schwarz auf weiß in ihm steht, gelesen worden. Selten haben ganze Generationen von Lesern einem Stück so blind Gewalt angetan“, bemerkt Barbara Vinken einleitend in ihrer Abhandlung „Bestien. Kleist und die Deutschen“. Der Essay ist hervorgegangen „aus einem Seminar mit Albrecht Koschorke zu translatio Romae und Frauenopfer für die Sommerakademie der Studienstiftung“, wie die Münchner Literaturwissenschaftlerin im Nachwort wissen lässt.

In der Tat, mit der „Herrmannsschlacht“ hat sich die Kleist-Forschung in erster Linie ob ihrer ideologischen Vereinnahmung durch die Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg lange schwergetan. Einen Aufbruch markiert 1982 die Bochumer Inszenierung von Claus Peymann, der den Text als Diskursfolie von Partisanenkriegstheorien auf die Bühne bringt – mit einem Herrmann als Che Guevara. Neuere literaturwissenschaftliche Ansätze sind dieser Lesart gefolgt, andere – wie Ruth Klüger – sehen die „Herrmannsschlacht“ eher als „Lehrstück über die Ausübung von Propaganda und über einen geschliffenen Propagandisten“, worauf auch Wilhelm Amann in seiner Kleist-Einführung in der Suhrkamp-BasisBiographie-Reihe verweist. Das Gros der Forschung jedenfalls dürfte sich in der Amann’schen Formulierung wiederfinden: „Immerhin gewährt das Stück unverhüllte Einsichten in die Entstehung und Verbreitung nationalistischer Denkmuster. Dabei scheint in der Figur des Herrmann das Bild eines modernen Intellektuellen auf, der mit Inszenierungen, Propagandazügen und seinem Sinn für symbolische Handlungen maßgeblich an der Erfindung von Volk und Nation beteiligt ist.“

Während Günter Blamberger, Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, in seiner fulminanten Kleist-Biografie bemerkt: „Kleists ‚Herrmannsschlacht‘ ist kein konfliktloses Tendenzstück, das wie die Ode Germania an ihre Kinder schlicht den totalen Krieg predigt.“ Es sei „gegen den Strich zu lesen, als eine Verteidigung des Humanen im Inhumanen“, betont sein Vorgänger als Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Hans Joachim Kreutzer, in seiner pointiert dichten Kleist-Monografie in der Reihe C. H. Beck Wissen, dass Kleist mit der „Herrmannsschlacht“ „nicht Partei“ ergreife. Herrmann sei zwar ein aktiver, jedoch zugleich auch ein isolierter Held, das Stück kennzeichne wie andere Texte Kleists ein „eigentümlich schwebender Schluss“.

Eine völlig andere Lesart entwickelt Barbara Vinken, indem sie die „Herrmannsschlacht“ konsequent gegen ihren bisherigen „Rezeptionshorizont“ als reines Geschlechterdrama liest. Dabei nähert sie sich dem Kleist’schen Text in sechs Schritten. Sie stellt ihre Lektüre erstens unter den Titel „Realpolitik, katastrophal“. Zweitens fragt sie „How German is it?“, um drittens vor allem im intertextuellen Vergleich mit Klopstock das Motto zu konstatieren: „Bruderkrieg ist mein Lied“. Viertens widmet sie sich „Quid pro quo“ vor allem der Frage der Nationalstereotypen, jenen „clichés, die rhetorisch effektiv eingesetzt werden können“, um sich fünftens der berühmten Hally-Szene unter dem Titel „Halali Hally“ dem Thema Jagd und Sex zu widmen. Die „Herrmannsschlacht“ erscheint in dieser Perspektivierung als reines „Sexjagdspiel“ und „verhunzte Version von Ovids Metamorphosen“.

Abschließend lenkt Vinken ihren und den Blick ihrer Leser unter dem Titel „Diana oder: Vom Schaf zu Bärin“ auf die europäische Geschichte der „translatio Romae“ mit dem Fazit einer überzeugenden Lektüre: „Die Herrmannsschlacht ist weder ein Aufruf zum totalen Krieg noch eine Anweisung zum Partisanenkrieg. Kleist zeigt nicht, dass der Zweck der Befreiung der deutschen Lande vom französischen Usurpator jedes Mittel heiligt. Das Deutsche ist am Ende nichts als entstellte Fratze des Römischen, Überbietung der römischen Perfidie. Das Drama zielt nicht auf politische Wirksamkeit. […] Europäische Geschichte ist translatio Romae. Das ist bei Kleist jedoch nicht wie noch bei Klopstock und Schiller Versprechen, sondern Fluch. Die Befreiungskriege sieht Kleist nicht als translatio republica, sondern als eine translatio tyrannis. Sie führen die römischen Bürgerkriege fort. Deutsche und Franzosen sind gleich: brüderlich in einer Gewalt entzweit. Geschichte ist dazu bestimmt, verstümmeltes Echo, Wiederholung des Gleichen im Kampf gegen dieselben zu bleiben. Kleist gibt dieser europäischen Geschichte in der Herrmannsschlacht mit Hally, Echo des Jagdrufes Halali, im Aufrufen von Ovids Metamorphosen den römischen Namen.“

Titelbild

Barbara Vinken: Bestien. Kleist und die Deutschen.
Merve Verlag, Berlin 2011.
95 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783883962986

Weitere Informationen zum Buch





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN