„Keine Biographie, die nachträglich Löcher stopft“

Günter Blambergers großer Wurf über den Projektemacher und Dichter der Krise Heinrich von Kleist

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wilhelm Amann hat jüngst in einer Besprechung von Jens Biskys Kleist-Biografie (2007) im Kleist-Jahrbuch treffend festgestellt, dass der „Typus der wissenschaftlichen Biographie“ aus mehreren Gründen gegenwärtig wieder Hochkonjunktur habe. Zum einen aus Gründen des universitären Lehrbetriebs und einem Rechtfertigungsdruck des Faches heraus, befestige die wissenschaftliche Form der Biografie doch den Eindruck, „dass die Literaturwissenschaften auch solides Handwerk beherrschen“.

Ein weiterer Grund könnte zudem – so Amann – in der gegenwärtigen Positionierung der Literaturwissenschaften „zwischen Rephilologisierung und Kulturwissenschaften“ liegen. Was immer der Grund für den Biografie-Boom in Sachen Kleist sein mag, Tatsache ist jedenfalls, dass die biografische Auseinandersetzung mit dem Dichter und seinem Œuvre seit einigen Jahren nicht nur einige opulente, sondern vor allem auch überaus anregende Werke hervorgebracht hat. Zu erwähnen sind neben der genannten Studie des Journalisten Jens Bisky, die ebenfalls 2007 entstandene Biografie des lange Jahre in Australien lehrenden Germanisten Gerhard Schulz, die ebenfalls 2007 erschienene eher schmalere Darstellung von Herbert Kraft oder die Bildbiografie von Eberhard Siebert (2009) sowie die 2003 im Göttinger Wallstein Verlag vorgelegte Kleist-Biografie von Rudolf Loch, dem ehemaligen Leiter der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte in Frankfurt (Oder), um nur vier Beispiele zu nennen.

In diese Phalanx reiht sich im Kleist-Jahr 2011 Günter Blamberger mit seiner knapp 600 Seiten starken Kleist-Biografie nicht nur ein, sondern er setzt sich mit seinem nicht nur rein umfangmäßig voluminösen Werk gleichsam an die Spitze der Bewegung. Wenngleich die Verlagsankündigung von der „definitive(n) Biographie für unsere Zeit“ allzu marktschreierisch und im Falle Kleists, in dessen Leben und Werk von „definitiv“ selten gesprochen werden kann, gleich doppelt fragwürdig klingt, bleibt jedoch die Tatsache bestehen, dass dem Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft mit seiner biografischen Lebens- und Werk-Darstellung des lebenslangen Projektemachers und Experimentierspezialisten Heinrich von Kleist ein großer Wurf gelungen ist. Blamberger gibt sich in seiner Einleitung unter der Überschrift „Tot oder lebendig? Kleists Steckbrief und wie man ihn abreißt“ denn auch ungleich bescheidener, indem er betont, dass „diese Biographie weiterhin mehr Fragen sammeln soll als Antworten. Weil Antworten so schnell vergessen werden; Fragen aber, um einen Aphorismus Nietzsches aus seiner Genealogie der Moral abzuwandeln, sich ins Gedächtnis einbrennen, wenn sie nicht aufhören, weh zu thun.“

In insgesamt 16 unterschiedlich langen Kapiteln widmet sich Blamberger dem Dichter der Krise und des Experiments, nicht um „ihm im Nachhinein eine Biographie zu schneidern, die Löcher stopft“, weshalb sein Biograf sich nicht wie die meisten seiner Vorgänger dem Dichter von dessen Lebensende, den spektakulären Schüssen vom Wannsee, oder der Geburt her nähert und so „Kettfäden vom Ende oder vom Anfang des Lebens her einzieht“, sondern eine „Perspektive des Lebens“ einnimmt, um „auf der Höhe der Gegenwart zu bleiben, mit Kleist aus der Erlebnisperspektive, aus dem Augenblicksbewusstsein Handlungsalternativen durchzuspielen, quasi ‚ohne zu wissen, was die Zukunft bringt‘“. Wenngleich fraglich ist, ob Blamberger tatsächlich in seiner Kleist-Biografie komplett auf die „teleologische“ Erzählperspektive verzichten kann, kann er „wie jeder Biograph weiterhin linear-chronologisch erzählen“.

Blamberger setzt ein paar Seiten vor dieser Überlegung mit der Schilderung von Kleists Postkutschenunfall 1801 bei Butzbach, verursacht durch ein Eselsgeschrei, ein und verortet den Dichter in einer „Umbruchs-, eine(r) Krisenzeit also voller Spannungen für ein Leben, die in einer Biographie nicht nachträglich aufgelöst und harmonisiert werden dürfen“.

Nicht zu harmonisieren sind etwa die Brüche und Verwerfungen, die seine adlige Herkunft und sein Stand als Spross einer weitverzweigten Offiziersfamilie Kleist bereitet haben. Aus ihnen etwa leitet Blamberger Kleists „agonale[s] Denken“ ab, sein [adliges] Streben nach „Bereichen, Medien und Strategien, um wieder nach oben zu kommen und oben zu bleiben“. Eine Rückbindung auf „Kleists Herkunft und Stand“ unter dem Titel „Adel verpflichtet“ sieht Blamberger auch in der Kontinuität des Motivs der „Standesehre“ in „Leben und Werk“. Blamberger weist im Übrigen – wie jüngst auch Hans Joachim Kreutzer – etwa gegen Rudolf Loch der Uni- und Messestadt Frankfurt an der Oder einen eher „periphere[n]“ als „zentrale[n]“ Platz zu.

Allerdings – und das hat bisher keiner so deutlich ausgesprochen wie Blamberger – lässt sich Kleists Projektemacherei gerade im Kontext des von Kleist so geschätzten Lehrers Christian Ernst Wünsch besser verstehen, ein Faktum, das er im nächsten Kapitel „Science or Fiction? Wie Kleist zum Projektemacher wird und ‚Fragmente aus der Zukunft‘ entwirft“ im Kontext von „Kleists Studium in Frankfurt und die Kant-Krise“ erneut betont, wenn er den „ganz seinem ‚höheren Interesse‘, der wissenschaftlichen Wahrheitssuche, verpflichteter Homo academicus als Alien in der Garnisons- und Messestadt Frankfurt“ bezeichnet: „Der eifrige Wahrheitssucher und imaginäre Gelehrte Kleist war an der Viadrina fehl am Platz, sein Wissenschaftsprojekt von vornherein zum Scheitern verurteilt.“ Gleichwohl lieferte es „Stoff für das ‚kleine Ideenmagazin‘ […]. Kleists Denk- und Schreibfiguren sollten in Zukunft zwischen Science und Fiction, wissenschaftlichen und literarischen Gedankenexperimenten oszillieren.“

Im Zusammenhang mit Kleists adeliger Herkunft bemerkt Blamberger, dass Kleists Briefe „vom ersten Brief an als dichterisches Experimentier- und Übungsfeld zu betrachten“ seien, als „Vorschule“ seiner Dichtung, „Ideenmagazin und Probestücke späterer Erzählkunst“.

Der „Konflikttheoretiker“ Kleist, „ein ganz radikaler Gefühlsextremist“, so Blamberger in einem Interview mit Andreas Müller im Deutschlandradio zur Berliner und Frankfurter Doppelausstellung „Kleist: Krise und Experiment“, wandelt sich im Zuge der Kant-Krise von 1801 „vom optimistischen Moralphilosophen zum skeptischen Moralisten, der mit Täuschungen und Verstellungen anstatt mit Wahrheiten rechnet“.

Hierzu passen auch Kleists Reisen zwischen 1800 und 1802, die Blamberger im fünften Kapitel näher beleuchtet. Seine Ausgangsthese lautet: Kleist ist als „Romantiker unterwegs, also im Prinzip auf unendlicher Fahrt, auf der Suche nach Heil, das ebenso unbestimmt wie nicht lokalisierbar ist.“

In dieser Perspektive erscheinen Kleists „Reisebriefe [als] ein paradoxes Gemisch aus Wahrheit und Verstellung bzw. aus ‚dissimulatio‘ und ‚simulatio‘“, eine wie immer in der Forschung unterlegte „Gerichtetheit“ lasse sich nicht eruieren, denn die Reisen seien stets „wechselnden Zwecken“ geschuldet. Ein großes Fernziel des Kleist’schen „Roadmovie[s]“ lasse sich nicht ausmachen.

Entsprechendes folgert Blamberger für die geheimnisumwitterte sogenannte Würzburger Reise, indem er die von der Forschung aufgestellten Hypothesen als Zweck der Reise – von der Industriespionage über eine heilmagnetische Kur, einen medizinischen Eingriff zur Beseitigung einer angeblichen Phimose, den Kontakt zu Freimaurern oder eine Motivkombination – schlicht zurückweist. „Unterhaltsam sind die Lesarten der Würzburger Reise, wissenschaftlich stimmig ist keine. […] Kleist stiftet in seinen Briefen nur Verwirrung, so meine Ausgangsthese, um seine Situation undurchschaubar zu machen, um zu verbergen, dass sein Aufbruch aus Frankfurt an der Oder in Wirklichkeit eine Fahrt ins Offene, Indefinite war, eine Reise, in der sich Erfahrungen und Hoffnungen, abenteuerliche Erlebnisse und deren fiktionale Überhöhung mischen und in der das Partikulare, Episodische auch als Quelle für Kleists späteres literarisches Werk wichtiger ist als die vergebliche Suche nach einer Absicht.“

Im Melancholiker Ludwig von Brockes trifft der Melancholiker, „Bastler und Bricoleur“ Kleist offenbar den idealen Reisegefährten „zur gemeinsamen Flucht“, deren erstes „Schlüsselwort“ nach der Kant-Krise „Zerstreuung“ und deren „erster Ort die Kunst“ ist.

Ähnlich harsch wie bei der Würzburger Reise geht Günter Blamberger mit der Forschung um, wenn er sich im vierten Kapitel das Thema der „missbrauchten Liebesbriefe“ vornimmt. Weder seien die pädagogischen Schulmeistereien in den Briefen an die zeitweilige Verlobte Wilhelmine von Zenge „Bildungsdiktatur“ noch „sublimer Sadismus“, sondern der Lektüre von Jean-Jaques Rousseaus „Emile“ geschuldet. „Wilhelmine zu lieben bedeutet für ihn vielmehr von Anfang des Verlöbnisses an die Erfahrungen zu machen, von denen er vorher bei Rousseau gelesen hat.“

„Kleists Schreibanfänge“ behandelt Blamberger im sechsten Kapitel unter der Überschrift „Vom allmähligen Verfertigen und Scheitern von Dichtern und Dichtungen“, indem er den Aufsatz „Von der allmähligen Verfertigung der Gedanken beim Reden“ als Angelpunkt der von „Kleists Kreativitätskonzept“ diskutiert. Kleist dreht darin das bisherige Grundaxiom der Rhetorik um, wonach Denken dem Sprechen vorausgeht, für Blamberger „das eigentlich Sensationelle und bis heute Wegweisende seiner Kreativitätslehre“, eine Linie, die Blamberger bis zu Niklas Luhmann zieht: „In der Kreativität geht es um die ‚Verwendung von Zufällen zum Aufbau von Strukturen‘. Das passt zum Projektemacher Kleist“, dessen wichtigster Kreativitätsmotor Aggression ist, wie Blamberger an Kleists „Die Familie Schroffenstein“ diskutiert.

Immer wieder rekurriert Blamberger im Folgenden auf Kleists Kontingenzerlebnis im Postkutschenunfall bei Butzbach, das er im „Guiskard“ gesteigert sieht; hier trifft sich Blamberger mit dem ehemaligen Präsidenten der Kleist-Gesellschaft, begreift doch auch Hans Joachim Kreutzer in seiner Kleist-Einführung in der C. H. Beck-Reihe „Wissen“ „Robert Guiskard“ als „Schlüsselwerk Kleists“.

In diesem Zusammenhang muss auch der alte Wieland deutliche Blamberger-Kritik einstecken, ist doch „sein Guiskard-Lob […] auch insofern vertrackt, als es Kleist zur Parteilichkeit zwingt. Wieland braucht zu dieser Zeit Bündnispartner. […] Literaturpolitisch ist Kleists Anbindung an Wieland, der am Ende seines Lebens den Abstieg aus der ersten Liga der deutschen Dichtung in die zweite erleiden muss, fatal.“

Der detaillierten Spurenfolge in den „Zwischenorte[n], Zwischenzeiten 1802-1807“, in dem Blamberger auch auf Simon Vouets Bild „Sterbende heilige Magdalena“ hinweist, das Kleist in der Kirche von Saint-Loup in Chalons-sur-Marne gesehen hat, – und das nach Peter Michalzik das ikonografische Vorbild für die Toten am Wannsee abgibt – folgt eine erste konzentrierte Auseinandersetzung mit den Komödien und Novellen.

Im „Findling“ beispielsweise erkennt Blamberger: „Kleist spielt nur im abbreviatorischen Novellenmodell nach, was in der Wirklichkeit der Fall war, und seine Novellen sind Experiment, inwieweit es gelingen kann, das Ereignishafte, das unerhörte Geschehen, wieder in eine Ordnung einzubinden, das Diskontinuierliche wieder in ein Kontinuum zu überführen.“ Im Hintergrund steht ein aristokratisches Persönlichkeitsprinzip, wobei es nicht „um die Fähigkeit [geht], ein schönes Inneres nach außen zu bringen, sondern um die Fähigkeit, externe Selbstbilder so zu berechnen, dass man eine wehrhafte Person wird, seine Interessen durchsetzen kann.“

Während Barbara Vinken in ihrem luziden Essay „Bestien. Kleist und die Deutschen“ die „Herrmannsschlacht“ gegen ihren Rezeptionshorizont als reines Geschlechterdrama liest, ist für Blamberger dieses Drama sowohl ein Propagandastück, als auch ein Drama eines „Guerillaführers“ im „Kampf gegen eine ansonsten übermächtige Kolonialmacht“ als auch die „moralische Tragödie“ Herrmanns: „Es zeigt die Trostlosigkeit einer Welt, in der Unwahrheit und Unmenschlichkeit keinen Widerspruch mehr von Seiten einer moralischen Autorität hervorrufen.“

Kleists Freitod am Wannsee begreift Blamberger als „letzte Inszenierung“ unter den Auspizien einer „für die Nachwelt“ genau „kalkulierten Ökonomie des Opfers, wobei es eine poetische Ausnahme von der prosaischen Regel gibt: den wunderbaren letzten Briefdialog zwischen Henriette Vogel und Heinrich von Kleist, ‚Todeslitanei‘ genannt, Ausdruck einer grandiosen Anökonomie des Opfers, der Überwindung allen Berechnens in der Liebe und im Tod.“

Im vorletzten Kapitel wirft Blamberger noch einen Blick auf den „Nachruhm und die Aktualität eines Moralisten in postheroischer Zeit“, um mit einem „enzyklopädischen Stichwort“ und vier Thesen das antiparastatische Genie Kleists zu rühmen.

Wenn nicht zu rühmen, so doch wenigstens hoch zu loben, ist Günter Blambergers Biografie des Krisenspezialisten und skeptischen Moralisten Heinrich von Kleist. Man muss – vor allem angesichts der hervorragenden Kleist-Literatur, die im Gedenkjahr 2011 erschienen ist – nicht so hochgreifen wie Wolfgang Schneider in seiner Besprechung in der „F.A.Z“ am 7. Juli, wenn er Blambergers Biografie als „so klug“ lobt, „dass einem andere Bücher über Kleist schlagartig wenn nicht dumm, so doch fahrlässig unterkomplex erscheinen“. Richtig ist jedoch: Blambergers Kleist-Biografie sticht unter den exzellenten Werken zu Heinrich von Kleist, an denen es nicht mangelt, heraus, ohne dass zu diesem Dichter der Widersprüche alles und schon gar nicht definitiv gesagt sein kann.

Titelbild

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011.
600 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783100071118

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