Im Zeichen des Saarland-Rock

Jens Reisloh bricht eine Lanze für das deutsche Poplied

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zugegeben, dieses Buch kommt wuchtig daher: Auf über 500 Seiten will der Berliner Germanist Jens Reisloh nicht weniger als ein Grundlagenwerk zur deutschsprachigen Popmusik schaffen, einen großen Überblick in historischer wie auch in systematischer Hinsicht, der mit den Methoden der Literatur- und der Musikwissenschaft abgesichert ist, zugleich aber mit dem Enthusiasmus eines wahren Fans geschrieben ist. Ein ambitioniertes Projekt, das weit ausgreift, und das tatsächlich fast alles „Zwischen Morgenrot und Hundekot“ abzudecken sucht, das seit den späten 1960er-Jahren auf Schallplattenrillen gepresst, auf CDs gespeichert oder als File ins Netz gestellt worden ist.

Dieses Buch war bitter nötig, zumal aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Obwohl die Grenzen zwischen E- und U-Kultur fließender verlaufen als noch vor zehn Jahren, Bob Dylan für den Nobelpreis vorgeschlagen ist und Patti Smith in der Pariser Fondation Cartier pour l’art contemporain ausstellen darf, sind die deutschsprachige Popmusik und zumal ihre Texte in der Germanistik nach wie vor kaum ein Thema – wenn auch manchmal an prominenter Stelle, etwa als die Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 2005 ein ganzes Themenheft dem Phänomen des Songs widmeten. Aber das sind Ausnahmen. Noch immer stehen viele, vor allem ältere Germanisten, dem Poplied als Gegenstand kritisch gegenüber – sei es, weil ihr Blick durch den kritischen Blick Theodor W. Adornos und Max Horkheimers auf die „Kulturindustrie“ gefärbt ist, sei es, weil sie durch ihre Sozialisation einfach keinen Zugang zur Popmusik haben. Exemplarisch dafür sei der große Freiburger Germanist Gerhard Kaiser genannt, der in seiner sonst exzellenten „Geschichte der deutschen Lyrik von Heine bis zur Gegenwart“ (1991) die Lyrics der gesamten Popmusik anhand eines einzigen mittelguten Kate Bush-Textes erledigen will. Das Motiv des Gefangenseins im Song „Under Ice“ (1985) wird von ihm als bloße Variante eines Gottfried Keller-Gedichtes abgetan, gegen das die Sängerin selbstverständlich nicht ankommt: „An die Stelle der reichen Auffächerung des Motivs bei Keller, seiner erotischen Spannung, der Symbolvernetzung, der vielsagenden Verschwiegenheit ist im Text Kate Bushs eine plane Eindeutigkeit getreten; […] Man könnte diese Art von Texten unter den Oberbegriff verkürzender, entschärfender Problemansprache bringen.“

Reislohs Buch geht listig vor, indem es seinen kanonischen Anspruch gleich auf dem Cover formuliert: Nicht nur schreibt Reisloh gleich „Grundlagenwerk“, er nennt seinen Gegenstand auch „Neues Deutsches Lied“. Dessen Abkürzung NDL aber ist – wie wunderbar – genau dieselbe ist wie die unseres populärsten Teilfaches, der Neueren Deutschen Literatur. Wie käme man also daran vorbei, das Buch gleich für die eigene Seminarbibliothek zu erwerben?

Tatsächlich treibt Reisloh einen enormen Aufwand, sein Forschungsfeld zu legitimieren und für literatur- wie musikwissenschaftliche Diskussionen anschlussfähig zu machen. So entwickelt er nach der Einleitung in Kapitel 2 zunächst einen Arbeitsbegriff des Liedes und stellt die aus der Musikwissenschaft übernommene Fünf-Feld-Methode vor, die er seinen Analysen zugrunde legt. Diese betrachtet Musik und Text nicht als isolierte Elemente, sondern untersucht sie in ihrem Spannungsverhältnis wie in ihrem sozialen Kontext. Bemerkenswert ist, dass Reisloh zum NDL nicht nur Künstler aus solchen Stilen zählt, die musikalisch der Popmusik britischen und amerikanischen Ursprungs verpflichtet sind, sondern einen viel weiteren Bogen schlägt: „Das NDL rekurriert auf zahlreiche Epochen der Lyrik- und Liedgeschichte (z.B. Minnesang, Romantik) und Musikstile aus aller Welt sowie unzählige Liedformen (z.B. Ballade, Chanson, Kunstlied, Rocklied) und verändert sie zugleich auf unterschiedliche Weise. Die Bezugnahme geschieht beispielsweise durch Fortführung von Minnesang, Romantik, Arbeiter- und Kampflied, durch Abgrenzung vom Nachkriegsschlager oder durch Parodie und Kontrafaktur von Volksmusik, Country, Schlager. Eine weitere Variante der Bezugnahme ist der Bruch mit dem Bisherigen, wie es etwa beim Punk erfolgte“.

Der allergrößte Teil der Arbeit, das dritte Kapitel, ist nicht weniger als ein historischer und systematischer Abriss zum NDL und seiner Geschichte. Dabei unterscheidet Reisloh grob drei Phasen – die Anfänge des NDL von den späten 1960ern bis in die mittleren 1970er-Jahre, die Zeit der Neuen Deutschen Welle, und eine dritte Phase, die um 1990 vor allem von den Vertretern der Hamburger Schule und des Hip Hop initiiert wird. Er informiert über den Forschungsstand, über besondere Formen des einzelnen Liedes wie des zyklischen Werkes, den zeitgeschichtlichen und subkulturellen Kontextes der Musik wie – stellvertretend – über besondere thematische Schwerpunkte wie die Trennung am Ende einer Liebesbeziehung oder das Motiv der Stadt Berlin. Ergänzt wird das Ganze durch einen umfangreichen Anhang, der Schautafeln zu den einzelnen Musikstilen, Liste empfohlener Songs und Alben, literarische Bezugsautoren von NDL-Songs und ein Glossar in sich vereint. Was will man mehr?

Man will aber gar nicht mehr, man will weniger. Das liegt beileibe nicht an Reislohs Gegenstand, wohl aber an seiner Herangehensweise. Ein zentrales Problem des Buches ist sein Vollständigkeitsanspruch, gepaart mit dem überreichlich angehäuften Material. Da Reisloh (fast) alles und (fast) jeden deutschsprachigen Musiker in das NDL einzugemeinden sucht, wirkt der Text mitunter extrem gedrängt. Passagenweise verkürzt sich der Text auf eine atemlose Aufzählung von Namen, nach deren Lektüre ein Leser ohne Vorbildung hinterher auch nicht viel schlauer ist, wer denn Ihre Kinder, Floh de Cologne oder S.Y.P.H. eigentlich waren, und warum man sie sich anhören sollte. Dass Reisloh auch auf Künstler aufmerksam macht, die sonst oft nur der Spezialistin mit Plattensammlung etwas sagen, ist verdienstvoll. Aber dann müsste er ausführlicher auf die einzelnen Künstler eingehen. Die detaillierten Schaubilder sind zwar hilfreich, zuweilen aber auch völlig unübersichtlich. So hätte die Tafel, welche die Bezugnahme des NDL auf die verschiedenen Liedtraditionen verdeutlichen will, einen Ehrenplatz in Gerhard Henschels „Die wirrsten Grafiken der Welt“ (2003) verdient. Auch die einzelne Information steht oft isoliert da, etwa wenn die Rede davon ist, dass Udo Lindenberg 1995, 1998 und 2000 die Bibel, Brecht/Weill und Rilke vertont hat. Viel interessanter wäre doch die Frage, warum Lindenberg das tut. Wie und worin unterscheidet sich denn seine Aufnahme von Rilkes „Der Panther“ von einer Rilke-Vertonung Schönbergs oder Hindemiths, vom immens populären Rilke-Projekt des Duos Schönherz & Fleer, oder – um über den nationalen Tellerrand zu blicken – von der Umsetzung eines e.e. cummings-Sonetts durch Björk?

Überhaupt stellt sich die Frage, ob eine Geschichte des NDL ohne eine stärkere Bezugnahme auf eine Geschichte der Popmusik insgesamt zu schreiben ist. In vielen Fällen stammen die Inspirationen der Autoren eben nicht aus einem deutschen, sondern eben doch aus einem internationalen Kontext, selbst dort, wo – wie in der DDR – solche Bezugnahmen problematisch waren. Wie funktionierte etwa der deutsche Hip Hop der letzten zehn Jahre ohne das Vorbild des Gangsta Rap? Wie Ton Steine Scherben ohne den englischsprachigen Rock der 1960er- und 1970er-Jahre? Reisloh ignoriert diesen internationalen Kontext zwar nicht ganz, setzt ihn aber allzu sparsam sein.

Drittens ist hinter manche Klassifizierung ein Fragezeichen zu setzen. Etwa, wenn Reisloh feststellt: „Im NDL können 1989 ca. fünfundsechzig und 2011 ca. einhundert Musikstile nachgewiesen werden“. Wie kann man das so exakt quantifizieren, wenn es an anderer Stelle heißt: „Einige Bezeichnungen für Musikstile und Liedformen sind unscharf, einige sind Synonyme oder sie überschneiden und verändern sich“. Und selbst wenn sie sich exakt erfassen lassen, was ist denn mit der Information gewonnen, dass der Saarland-Rock erstmals 1977 und damit ganze zwei Jahre nach dem Bayern-Rock nachzuweisen ist (Schaubild Nr. 6)?

Viel spannender wäre doch die Frage, warum seit Anfang der 70er, zuerst in Norddeutschland und Österreich, in Mundart gesungene Popmusik entsteht und warum sie in der Gegenwart, abgesehen von Überlebenden wie BAP oder der über Schützenfeste tingelnden Spider Murphy Gang, heute praktisch keine Rolle mehr spielt. Auch die Abgrenzung gegenüber anderen populären Musikstilen wird problematisch, teilweise sogar widersprüchlich. Im Hinblick auf Reislohs Wunsch nach wissenschaftlicher Anerkennung ist es durchaus verständlich, dass er eine scharfe Abgrenzung gegen den Schlager versucht, zumal im Hinblick auf die oben erwähnten Rezipienten der Kritischen Theorie.

Im Gegensatz zum Schlager, so der Autor, nehme das NDL eine „kritische“ Haltung gegenüber der Lebenswelt und den Fragen der Rezipienten ein, während sich der Schlager klischeehaft und affirmativ verhalte. Wenige Seiten weiter muss er allerdings einräumen, dass es die Grenzen zwischen oberflächlichem Neo-Schlager und einer kritischen Kontrafaktur des Schlagers fließend sind. Andererseits ist das NDL als Ganzes auch nicht gerade frei von unkritischen oder klischeehaften Texten. Gesinnung allein kann kein Argument sein. So hat eine Band wie PUR sicher die besten Absichten, ihre Platitüden zur Lage der Welt sind trotzdem nicht auszuhalten. Und ist gegen manche Schlagertexte von Udo Jürgens nicht Westernhagen ein Ausbund an stumpfdumpfer Affirmativität? Und dass es im NDL keinen unironisch gespielten Country gebe, ist einfach nicht wahr. In Reislohs verständlichen Bemühen um klare Kategorien geht jedenfalls unter, dass die von ihm entworfenen Raster vor allem heuristischen Wert haben. Sie dienen der Systematisierung, der Handhabbarmachung des Materials, ohne absolute Geltung beanspruchen zu dürfen. Seitenlange Debatten, ob BAP denn nun definitiv Rock, Deutsch-Rock oder Mundart-Rock spielen, wären jedenfalls fruchtlos und mündeten höchstens in einen Streit um des Niedeckens Bart.

Wollte man die Kritik an „Zwischen Morgenrot und Hundekot“ in einem einzigen Satz zusammenfassen, dann in diesem Buch: Das Buch ist gleichzeitig viel zu lang und viel zu kurz. Viel zu lang, weil es zu viel will, und zu kurz, weil es viel zu wenig ins Detail geht. Hier böte sich ein zweiter Band mit Fallstudien an, in dem Reisloh seine Argumentation an einzelnen Autoren des NDL verdeutlichen und damit dieses erste Buch ergänzen könnte. Dass seine Pläne, dem NDL mit einem eigenen Zentrum in Berlin eine institutionelle Heimat zu geben, von Erfolg gekrönt sind, ist ihm nur zu wünschen. „Zwischen Morgenrot und Hundekot“ ist keine populäre Lektüre, sondern eine wissenschaftliche Studie mit dem dazugehörigen Jargon. Damit aber leistet Reisloh – trotz aller oben formulierten Kritik – nichts Geringeres als die Grundlage für einen Anschluss des NDL an etablierte Methoden und Debatten der Literatur- und Musikwissenschaft. Wer zur deutschsprachigen Popmusik der letzten fünfundvierzig Jahre forschen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Titelbild

Jens Reisloh: Deutschsprachige Popmusik. Zwischen Morgenrot und Hundekot. Von den Anfängen um 1970 bis ins 21. Jahrhundert; Grundlagenwerk - Neues Deutsches Lied (NDL).
Telos Verlag Dr. Roland Seim M.A., Münster 2011.
503 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783933060341

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