Animalerotica

Isabella Rossellinis „Green Porno“ führt spielerisch in das Liebesleben der Tiere ein

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wilhelm Bölsches „Das Liebesleben in der Natur“, erstmals 1898 erschienen, war einst ein Bestseller, nicht nur in akademischen Kreisen. In den zwei Bänden ging es aber nicht nur um Schildkröten, die in Liebe zueinander entbrennen. Den blumig-verklemmten Beschreibungen von animalischem Sextreiben folgten die zeitgenössischen Rückschlüsse über die Sittsamkeit und hochstehende Moral der Gattung Mensch. Die – vermenschlichte – Sündigkeit der Tiere diente als Anschauungsmaterial dafür, was die Natur von der Kultur unweigerlich trenne: Wer die Sexualität lustvoll annehme, mache sich selbst zum „Tier“ und schließe sich aus der Kultur aus. Ein wenig ist dies auch heute noch der Fall: Die Kommentare zu YouTube-Videos von kopulierenden Affen oder Pferden zeugen von einer erstaunlichen Scheu vor tierischer Sexualität. Besonders „natürlich“, so der Eindruck, scheint das alles doch nicht empfunden zu werden, was man tatsächlich doch auch selbst im heimischen Kämmerlein so treibt.

Dieses Zurückschrecken vor dem vorgeblich Anstößigen brachte die Schauspielerin Isabella Rossellini dazu, sich mit spielerischer Unverfrorenheit dem heiklen Thema zu widmen. In 18 kurzen Filmchen, die auf eine Initiative des Sundance Filmfestivals entstanden, macht sie sich daran, Kuriositäten, Alltäglichkeiten und Besonderheiten im Sexleben von Insekten und Meerestieren nachzustellen. Und dies mit einer gehörigen Portion Humor. Mit einem schelmischen Blitzen in den Augen erklärt sie die Sexualpraktiken von Walen, Rankenfüßlern und Seesternen. Die von Rossellini selbst inszenierten und produzierten Kurzfilme spielen in kunterbunten, liebevoll gestaltenen Pappkulissen, ihre Kostüme sind kleine Meisterwerke. „Der Wal vollzieht / den Liebesakt / Zumeist im Wasser / und stets nackt“, schrieb einst Robert Gernhardt in seinen „Animalerotica“-Gedichten. Isabella Rossellini liefert nun die Bilder dazu und erzählt ganz beiläufig, welche Probleme beispielsweise ein zwei Meter langer Penis aufwerfen kann. Ein wenig fühlt man sich dabei wie bei einer Art „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene, so geschickt gelingt es ihr, wissenschaftliche Fakten mit kindlicher Neugierde und einem lustvollen Augenzwinkern zu vereinen. Köstlich etwa ihre Darstellung eines Shrimps, der als Männchen aufwächst, dann aber zum Weibchen mutiert und sich seines Panzers entledigt, um sich zu paaren, natürlich in farblich passenden Dessous. Doch Rossellini möchte mit den „Green Pornos“ nicht nur Spaß machen und haben, sondern sie geht auch auf ökologische Probleme ein. Informativ und sachlich, ohne penetrant zu wirken, bringt sie Themen wie den sogenannten unerwünschten Beifang oder die Überfischung der Weltmeere zur Sprache.

Das Bilder-Buch zu den Kurzfilmen versammelt neun der Geschichten, von dem kanadischen Fotografen Jody Shapiro kunstvoll in Szene gesetzt. „If I were an Anglerfish / I would be so ugly / I would hide in the abyss / where is no light“ beginnt etwa die Episode um den Seeteufel. Man sieht auf den Bildern lediglich dunkle Schatten vor einem tiefgrünen Hintergrund, ein monströses, schwarzes Etwas schiebt sich dann in den Vordergrund, lediglich der Leuchtköder erhellt ein riesiges Maul. Bedrohlich und kalt wirkt das Weibchen, doch dann folgt auf der nächsten Seite das Männchen am unteren Bildrand, winzig klein, knollennasig und überaus charmant: „On top of my head / I have a kind of tooth /… which I use to penetrate / her belly and fuse myself / into her body“, so erzählt es – wissenschaftlich korrekt und mit unschuldigem Blick – das weitere Paarungsverhalten.

Doch so schön die Bilder und so unterhaltsam das Buch auch sind, das Highlight des Bandes bleibt die beiliegende DVD mit sämtlichen für die Serie produzierten Kurzfilmen. So erzählt eine Napfschnecke von den Vorteilen des Hermaphroditismus, eine Fliege preist großspurig ihre Ausdauer und amüsiert sich über die Langsamkeit der Menschen. Und wer sich seit seiner Kindheit fragt, wie genau das mit den Bienen und den Blumen wirklich abläuft, kann sich zur Aufklärung das entsprechende Bienensexfilmchen ansehen, wer es hingegen etwas härter mag, kann auch einer Gottesanbeterin beim Verspeisen des sie penetrierenden Männchens zusehen.

Rossellini hat offenbar Gefallen am Liebesleben der Tiere gefunden, im Netz kann man sich weitere Kurzfilme etwa zum Balzverhalten von Hirschen ansehen, in denen die von ihr dargestellen Hirschkühe mal gelangweilt, mal anfeuernd den etwas dümmlich dreinblickenden Männchen beim Aufeinanderdonnern der Geweihe zusehen, um schließlich lächelnd den etwas derangierten Sieger zu entführen.

Titelbild

Isabella Rossellini: Green Porno. Ein Bilderbuch und 18 Kurzfilme auf DVD.
Schirmer/Mosel Verlag, München 2009.
175 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783829604413

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