Hadern mit Gott

Zur Neuauflage von Navid Kermanis „Der Schrecken Gottes“

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie lassen sich das Leid, das Böse und die Ungerechtigkeit auf dieser Welt mit der angeblichen Güte Gottes in Einklang bringen? Diese Frage drängt sich immer wieder auf und ist auch Ausgangspunkt des Buches „Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte“ von Navid Kermani, der als Sohn iranischer Eltern in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Heute lebt der Orientalist als freier Schriftsteller in Köln.

Natürlich haben sich bei uns auch früher schon etliche Autoren – Theologen, Philosophen, Schriftsteller – mit der Theodizee-Frage auseinandergesetzt, und zwar vorwiegend aus der christlichen oder der christlich-jüdischen Perspektive. Das Neue und Bemerkenswerte an Kermanis Buch jedoch ist, dass bei dieser Problematik nun auch die islamische Sichtweise ausführlich zur Sprache kommt und dabei sowohl das Gemeinsame als auch das Trennende der drei monotheistischen Religionen mehr oder weniger deutlich wird.

Neben dem Schicksal Hiobs geht es bei Kermani vor allem um das Leben und die Lehre des persischen Dichters Faridoddin Attar, der im 12. Jahrhundert vorwiegend Themen und Motive aus der islamischen Mystik, dem Sufismus, behandelte und die Frage nach Gott angesichts des Leidens in der Welt neu und verschärft aufgeworfen hat.

Die Versuche, Gott zu rechtfertigen, knüpfen in allen drei abrahamitischen Religionen zunächst an die Deutung des Leidens an: „Was der Mensch als böse wahrnimmt, ist gar nicht böse, sondern folgt höherer Weisheit“. Zumindest nach Auffassung der Religionen, schreibt der Autor und legt dar, dass der Monotheismus der Bibel und des Korans, keinen Raum für eine von Gott vollkommen unabhängige, absolut böse Macht zulässt. Daher habe der Hauptstrom aller drei Religionen das Leid relativiert und die Verantwortung für das Übel dem Menschen zugeschrieben, der aus freien Stücken sündigt oder vom Satan verführt wird. Man lese nur die Darstellung des Sündenfalls in der Genesis oder die Sure 4,79, die da lautet: „Was dir Gutes widerfährt, ist von Gott, Und was dir Böses widerfährt, ist von dir selbst.“

Allerdings dürften die „hehren“ Ansichten, die in der Bibel und im Koran vertreten werden, der Verzweiflung und dem Hadern mit dem eigenen Schicksal schwer geprüften und schwerkranken Menschen kaum gerecht werden, wie Kermani an Beispielen aus der eigenen Familie anschaulich belegt. Auch der persische Dichter Attar habe in seinem „Buch der Leiden“ die Möglichkeit verworfen, „die die abrahamitischen Religionen gefunden haben, um Gott von der Veranwortung für das Böse freizusprechen“. Laut Kermani hat gerade Attar „die islamische Tradition des Haderns mit Gott“ auf die Spitze getrieben. In der Literatur wiederum – auch daran erinnert der Verfasser – habe Fjodor M. Dostojewski mit Iwan Karamasov einen erfolgreichen Gottesrebellen fixiert, „der sich gegen die christlichen Versuche wendet, maßloses Unrecht zu vergeben“ und der schließlich Gott „aufs ehrerbietigste die Eintrittskarte“ zurückgegeben habe.

Faszinierend an Kermanis Ausführungen ist der weite Horizont und der grenzüberschreitende Bogen, den er souverän, leicht und locker von Nietzsche, Bloch, Kant, Heine zu Calvin, zum Sufi Ruknoddin Akkaf, zu Averroes, einem Zeitgenossen von Attar, zu Maimonides (Ibn Maymun), zu Hölderlin, Schelling und vielen anderen Denkern führt.

Das Buch erschien erstmals 2005 als gebundene Ausgabe und erntete zustimmende, ja sogar begeisterte Kritik. „Ein stilistisch funkelnder Essay“ befand Andreas Pflitsch im „Tagesspiegel“. In „literaturkritik.de“ rezensierte Laslo Scholtze den Band unter der Überschrift „Wenn Gott wütet und schweigt“. Jetzt wurde er als Taschenbuch neu herausgegeben und wartet, sicher nicht vergeblich, auf neue Leser. Es ist aufregend genug und lohnt die Lektüre, zweifellos mehr als viele Neuerscheinungen.

Titelbild

Navid Kermani: Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte.
Verlag C. H. Beck, München 2011.
335 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783406623974

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