Schrift im Raum

Anneka Metzger untersucht die „performativen Textinstallationen der Lyrikerin Barbara Köhler“

Von Indra Noël

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die sprachreflexiven Arbeiten von Barbara Köhler suchen nach den Bedeutungsmöglichkeiten der Wörter in einer grammatischen, soziokulturellen und räumlichen Umgebung. Sprachspiel und Mehrdeutigkeit, charakteristisch für ihre Gedichte und Essays, bleiben auch in den interdisziplinären Arbeiten der Autorin grundlegend. Zunehmend an Bedeutung gewinnen Texte, die an einem bestimmten Ort angebracht werden. Sie stellen sprachspielerisch die Frage nach der Rolle der Autorinstanz, des aktiv lesenden Betrachters und des Textes im jeweiligen Kontext.

Erstmals untersucht hat solche „Texte für öffentliche Räume“ Anthonya Visser im Rahmen der Studiensammlung „Entgegenkommen: dialogues with Barbara Köhler“ (2000). Auch in Mirjam Bitters Monografie „sprache macht geschlecht“ (2007) gehört der „Sprachraum“ zu den Schwerpunkten, allerdings als Raum innerhalb des Textes. Zum äußeren Raum verweist Bitter bereits auf die Entstehung von Anneka Metzgers Arbeit.

Die nun vorliegende Studie von Anneka Metzger setzt sich gründlich mit Köhlers „Schritt in den Raum“ auseinander. Im ersten Teil zeichnet sie die Parameter nach, die Köhlers Poetik prägen. Die räumliche Gestaltung von Texten und das regelgeleitete Sprachspiel – von Mallarmé über Stein bis zu Gomringer, Jandl und Pastior – werden bezüglich ihres Einflusses auf Köhlers Schreiben vorgestellt. Aus sprach- und kunsttheoretischer Perspektive wird die „performative Installation“ als ein Kunstwerk definiert, das Handlungen hervorbringt. Es soll offene Rezeptionsmöglichkeiten schaffen und dazu ermutigen, über die eigene, auch körperliche, Wahrnehmung der Sprache im Raum nachzudenken. Dass das weibliche Ich im und hinter dem Text nie von einem Ort jenseits der Sprache aus sprechen kann, führt Metzger dazu, eines von Köhlers Hauptthemen, die weibliche Autorschaft, in ihre Analyse der relativen Subjektposition einzubeziehen.

Originell ist im zweiten Teil der Studie die Gliederung. Mithilfe der Schlagwörter „Beschreiben“, „Evozieren“, „Einrichten“ und „Kooperieren“ gelingt es Metzger, die unterschiedlichsten Arbeiten unter einen Nenner zu bringen und dahinter liegende Strategien zu vergleichen. Dialogische Formen von Köhlers Schreiben in der inoffiziellen Literaturszene der späten DDR – Zitate, Intertext, Briefwechsel, allen voran aber das poetisch-essayistische „Beschreiben“ von bildender Kunst, zum Beispiel in Ausstellungskatalogen – betrachtet Metzger als Schule für spätere Schreibstrategien. Sie analysiert ferner Spuren, die ein intermediales Projekt dokumentieren, etwa Fotos, die ein Video oder einen Ausstellungsraum vage evozieren. „Evozieren“ bezieht sie auch umgekehrt auf Räume, die nur als Beschriebene überhaupt existieren. Unter dem Begriff „Einrichten“ befragt Metzger Arbeiten im öffentlichen Raum auf Aspekte wie das verwendete Material hin, sie untersucht etwa die Wirkung von Glaswänden, die als Schriftträger trennende Grenzen und zugleich durchsichtige Grenzüberschreitungen markieren. Aus weiteren Einzelanalysen unter dem Stichwort „Kooperieren“ wird ersichtlich, dass sich Köhler nicht als alleinige Schöpferin eines Textes betrachtet. Ihre Zusammenarbeit mit anderen geht über eine zweckgeleitete Interaktion weit hinaus, so dass sich verschiedene Medien gegenseitig zu weiterer Reflexion antreiben.

Vergleiche von Köhlers Installationen mit Werken anderer Künstler im dritten Teil der Studie veranlassen Metzger dazu, Köhlers Ansatz mehrmals als einen sehr didaktischen zu werten. Bewusstes Lesen werde gefordert, gleichzeitig werde bisweilen so viel erklärt, dass es den Freiraum der Rezipierenden einschränke. Zwar hilft Metzgers Vergleich mit Werken von unter anderen Harun Farocki, Anna Oppermann und Joseph Kosuth dabei, Eigenschaften der Installationen zu benennen, das Potenzial von Köhlers Texten erschließt sich meines Erachtens dadurch weniger. Die zum Vergleich herangezogenen Beispiele, vor allem aus der Konzeptkunst, werden von anderen Intentionen geleitet. Überzeugender ist Metzgers Wertung dort, wo sie, wie im zweiten Kapitel, die innere Logik einzelner Installationen von Barbara Köhler analysiert.

Vor Wertungen scheut Metzger nicht zurück. Darin liegt eine Stärke der Arbeit, ist ihre Kritik doch differenziert: Präzise untersucht sie, wo die Werke den von ihnen selbst gesetzten Anspruch erfüllen und in welchen Texten dies weniger gelingt. Etwas störend bei der Lektüre dieser Studie sind Unaufmerksamkeiten bei Kommasetzung und Rechtschreibung, wenn etwa „Photographie“ und „photographisch“ neben „Fotografin“ und „fotografierend“ stehen. Die Entscheidung für auch weiblich gekennzeichnete Endungen verlangt den Gebrauch zahlreicher Sonderzeichen – „Je nachdem, ob die Rezipient_innen Zuhörer_innen oder Leser_innen sind“ – und kann nicht konsequent durchgehalten werden: „agiert der Künstler/die Künstlerin in der Funktion eines Spiel- oder Versuchsleiters“.

Wer das Werk Barbara Köhlers entdeckt, dem vermittelt Metzgers Studie einen komplexen theoretischen und zugleich nachvollziehbaren Einstieg. Auch dem Leser, der mit ihren Arbeiten vertraut ist, ermöglicht die Studie einen besseren Zugang zu Köhlers „Sprachräumen“: Weil Metzger den Kontext der Installationen disziplinübergreifend behandelt – hilfreich ist hier nicht zuletzt der Anhang mit Bildmaterial –, zeigt sie den Mehrwert der gegenseitigen Durchdringung von Wort- und bildender Kunst. Sie sucht und findet „Entgrenzungen“ bei Köhler, definiert die Autorin aber eindeutig als Lyrikerin, die die Möglichkeiten des Raumes nicht immer ganz nutzt. Hier schließt sich der Kreis: Der Studie als Motto vorangestellt ist ein Zitat von Hannah Arendt, in dem diese erklärt, dass nur das sinnvoll ist, was sprachlich ausgedrückt werden kann. Auch bei Köhler hat die Sprache das letzte Wort.

Titelbild

Anneka Metzger: Zur Rede Stellen. Die performativen Textinstallationen der Lyrikerin Barabara Köhler.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011.
239 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-13: 9783895288340

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