Auf der Suche nach dem Orm

Walter Moers Roman „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ wirkt erstaunlich uninspiriert

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der wichtigste Satz in Walter Moers „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ findet sich, man muss ein wenig blättern, auf Seite 427: „Hier fängt die Geschichte an“. Schön, doch dummerweise ist jene Seite auch schon die letzte des Buches, denn was man in den Händen hält, ist – so der Autor in seinem Nachwort – lediglich der erste Teil eines größeren Werkes, Fortsetzung folgt. Was man bis dahin also gelesen hat, war lediglich eine monumentale Einleitung. Eigentlich ein geschickter Schachzug und im Filmgeschäft längst Usus: Man bringt kein abgeschlossenes Werk mehr heraus, sondern serviert dem Publikum die Geschichte beziehungsweise den Film in mundgerechten Häppchen.

Doch was Moers als Fortsetzung der „Stadt der träumenden Bücher“ liefert, ist ein überaus uninspiriertes und geradezu ermüdendes Buch. Seitenweise quält man sich durch vergleichende Beschreibungen der neu aufgebauten Stadt Buchhaim, durch längliche Schilderungen aller Spielarten des „Puppetismus“ und des „Biblionismus“ und so weiter – den Höhepunkt an Redundanz erreicht der Autor aber, wenn er auf knapp 80 Seiten die Handlung der „Stadt“ als Stück in einem Puppentheater nacherzählt. Und interessanter oder gar spannender ist der Rest auch nicht gerade, kein neues, überraschendes Personal, keine Wendungen in der Story, kein doppelter Boden.

Dabei hätte man aus der Ausgangssituation viel machen können: Moers’ alter ego Hildegunst von Mythenmetz, der Dichtertitan Zamoniens, ist zu einem überheblichen und selbstverliebten „Großdichter“ geworden, dessen Werke zwar jeder kauft, aber keiner mehr liest. Zwischen Cremeschnittchen und dem gelangweilten Verbrennen von Verehrerpost platzt eines Tages ein Schreiben, das Hildegunst bewegt, nach Buchhaim zurückzukehren, sich seinen Dämonen zu stellen und das legendäre Orm – sprich seine dichterische Inspiration – wiederzuerlangen.

Doch schon der Weg Mythenmetz’ nach Buchhaim verläuft seltsam ereignislos, früher hätte Moers auf zehn Seiten mindestens zwanzig neue Ideen eingearbeitet. Endlich in der Stadt angekommen, versammelt sich ein Teil des Personals der „Stadt“, redet über alte Zeiten – und das war es auch schon beinahe. Hildegunst reist anschließend noch ein wenig in der Stadt herum, besucht ein paar Theateraufführungen und Geschäfte, um schließlich aufgrund einer Einladung in den Buchhaimer Katakomben zu landen. Das ist alles, denn „hier fängt die Geschichte an“. Gerade das, was die Romane von Moers schon immer ausgemacht hatte, diese überbordende Lust am Erzählen, sein Gespür für Timing, seine Gabe, die aberwitzigsten Wendungen plausibel in eine Geschichte einzubauen, fehlt im „Labyrinth der träumenden Bücher“ vollkommen.

Was sich schon bei seinem letzten Roman „Der Schrecksenmeister“ angedeutet hatte – denn auch hier gab es einige Längen zu überstehen – wird nun zur Gewissheit: Moers’ Zamonien-Universum und vor allem dem Autor scheint die Luft auszugehen. Der einstige Zauber ist verflogen, das neue Buch ist keine fabelhafte Parodie auf den Literaturbetrieb mehr wie die „Stadt der träumenden Bücher“, kein selbstreflexives, intellektuelles Spiel wie „Ensel und Krete“, sondern lediglich ein schnödes Fantasy-Buch ohne größere Highlights. Mag sein, dass Moers eine Parodie auf Hildegunst von Mythenmetz’ verlorenes Orm im Sinn hatte, doch geglückt ist ihm das Ganze nicht. Man sehnt sich als Leser schon nach einer sogenannten Mythenmetz’schen Abschweifung, denn die hätte wenigstens einen Hauch von Absurdität bedeutet. So bleibt nur noch zu hoffen, dass nicht nur Mythenmetz, sondern auch sein angeblicher „Übersetzer“ das Orm wiederfindet. Nur so richtig glauben mag man daran nach diesem Buch irgendwie nicht.

Titelbild

Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher. Roman.
Knaus Verlag, München 2011.
427 Seiten, 24,99 EUR.
ISBN-13: 9783813503937

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