Der Geist aus der Flasche

Michael Koryta bietet in seinem sechsten Roman „Eiskalt wie das Blut“ eine raffinierte Mischung aus Thriller-, Fantasy- und Horrorelementen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eric Shaw steht kurz davor, als Kameramann groß herauszukommen. Aber irgendwie klappt es mit Hollywood dann doch nicht. Als er schließlich sich selbst als die Ursache für sein Versagen ausmacht, geht bald darauf auch noch seine Ehe in die Brüche. Über Wasser halten ihn kleinere Auftragsarbeiten. Wie etwa Videoporträts von Verstorbenen, die man auf Trauerfeiern einspielt. Da besitzt er ein Händchen, hinter den Bildern, die er zu filmischen Lebenscollagen verarbeitet, das wahre Wesen eines Menschen spürbar zu machen. Plötzlich steht der Porträtierte in einem völlig neuen Licht da, erhalten Orte, an denen er zu Lebzeiten weilte, geheimnisvolle Dimensionen. Klar, dass sich diese Fähigkeit des jungen Mannes herumspricht. Und eines Tages bekommt er einen Auftrag, der nicht nur äußerst lukrativ ist, sondern ihm am Ende auch fast das Leben kostet.

Michael Koryta zählt seit seinem Debütroman „Tonight I said Goodbye“ (deutsch: „Tödlicher Abschied“, Knaur 2006) zu den amerikanischen Autoren, denen die Kritik eine große Karriere prophezeit. „Eiskalt wie das Blut“ ist der sechste von bisher insgesamt acht Romanen des gerade einmal 29-Jährigen. Er zeigt, dass Koryta nicht zu Unrecht mit Autoren wie Stephen King, Dean Koontz und Dennis Lehane verglichen wird, Schriftstellern also, in deren Werken sich Horror- und Fantasyelemente mit jenen des klassischen Thrillers vermischen. Dabei setzt er wie King auf eine eher langsame Steigerung der Spannung, arbeitet mit einem minimalen Aufwand an Figuren und Schauplätzen, versteht es aber dennoch vortrefflich, den Leser zu fesseln.

Den Helden von „Eiskalt wie das Blut“ verschlägt sein neuer Auftrag jedenfalls nach French Lick ins südwestliche Indiana, wo er die Lebensgeschichte des im Sterben liegenden 95-jährigen Millionärs Campbell Bradford rekonstruieren soll. Der stammt just aus der kleinen Stadt, die einst, im Jahrzehnt vor der großen Depression, vor Lebendigkeit pulsierte, dank ihrer unterirdischen Quellen und des aus ihnen gewonnenen Mineralwassers Gäste aus aller Welt anzog, um schließlich nach und nach wieder an Bedeutung einzubüßen. Der alte Bradford hat die Gegend noch zu ihrer Glanzzeit verlassen, um sich in Chicago nach oben zu arbeiten – und seine Schwiegertochter möchte nun von Eric Shaw ein Porträt dieses Orts. Darin spürbar werden soll die magische Atmosphäre eines Damals, in der Selfmademen wie ihr Schwiegervater die Inspiration fanden, atemberaubende Karrieren zu starten. Und Alyssa Bradford gibt Eric den Geist des Ortes gleich mit auf seine Reise in die Vergangenheit: eine Flasche von jenem berühmten „Pluto-Wasser“, das mit dem römischen Gott der Unterwelt für seine Heilkraft warb.

Gestern und Heute, Größe des Einst und Schäbigkeit des Jetzt, Euphorie und Depression – es ist, gut versteckt in einer spannungsgeladenen Handlung, die der erste Schluck, den Eric Shaw aus der geheimnisvollen und immer kälter werdenden Flasche nimmt, erst so richtig in Gang setzt, auch die Geschichte eines Landes, hinter deren glorioser Oberfläche nach und nach kleine Gaunereien und große Verbrechen ans Licht kommen. Dazu passt, dass Korytas Held bald nach seiner Ankunft im West Baden Springs Hotel die Bekanntschaft mit dem farbigen Doktoranten Kellen Cage macht, der schon geraume Zeit die Geschichte der Gegend um West Baden und French Lick aus einer ganz anderen Perspektive heraus erforscht. Gemeinsam hat man sich am Ende gegen das Wiederaufleben einer mörderischen Vergangenheit zu wehren, die in einem letzten Nachkommen des Bradford-Clans ihren endgültigen Vollstrecker gefunden zu haben scheint.

„Eiskalt wie das Blut“ überzeugt, weil es das Unheimliche, das in die Welt seiner Protagonisten einbricht, nicht als bloßen Spannungsmacher benutzt. Der Roman erzählt eine Geschichte, die deutlich in unserer Gegenwart wurzelt – wer will, kann sich jederzeit auf Eric Shaws Spuren im West Baden Springs Hotel einmieten, einem surrealistischen Bau, der Michael Koryta mit zu diesem Buch inspiriert haben dürfte. Das Buch macht aber auch bewusst, dass zum Heute das Gestern, aus dem es erwuchs, dazugehört. Es zu leugnen, zu verfälschen, mystifizierend zu übermalen bringt nichts – denn je länger das, was war, den Blicken entzogen bleibt, umso grauenhafter fällt das Bild aus, wenn die Nebel schließlich weichen.

Titelbild

Michael Koryta: Eiskalt wie das Blut. Thriller.
Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwikla.
Droemersche Verlagsanstalt, München 2011.
544 Seiten, 9,99 EUR.
ISBN-13: 9783426508312

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