„Lass uns ein bisschen Spaß haben“

Zum Verhältnis von Gender, Gewalt und Sexualität in kriegerischen Konflikten

Von Gaby Zipfel

„Der Mensch muss nie, kann aber immer gewaltsam handeln, er muss nie, kann aber immer töten – einzeln oder kollektiv – gemeinsam oder arbeitsteilig – in allen Situationen, kämpfend oder Feste feiernd – in verschiedenen Gemütszuständen, im Zorn, ohne Zorn, mit Lust, ohne Lust, schreiend oder schweigend (in Todesstille) – für alle denkbaren Zwecke – jedermann“.[1]

Der Beunruhigung, die diese Beschreibung menschlichen Gewaltpotentials des Soziologen Heinrich Popitz auslöst, wird gemeinhin ein Konsens entgegengehalten, demzufolge gewaltsames Handeln in der Regel als illegitim gilt und mit Sanktionen belegt wird. Ich möchte im folgenden den Versuch unternehmen, aufzuzeigen, dass eine solche eindeutige Übereinkunft im Falle sexueller Gewalt mühsam errungen werden mus.

Ein paar Bemerkungen zu meinem Arbeitsumfeld, dem Hamburger Institut für Sozialforschung. Einer seiner drei Arbeitsbereiche ist der Theorie und Geschichte der Gewalt gewidmet, einem im klassischen Kanon akademischer Theoriebildung durchaus sperrigen Thema. Die Genese und Spezifika des theoretischen Umgangs insbesondere der Soziologie mit dem Thema Gewalt sind selbst expliziter Gegenstand der Diskussionen des Instituts, wie sie sich in seiner Zeitschrift „Mittelweg 36“ abgebildet findet.

Im Kontext dieser Institutsdebatten geht es zunehmend darum nachzuverfolgen, inwieweit in Gewaltförmigkeiten Männlichkeit und Weiblichkeit hierarchisch ausagiert werden. Die gängige und wirkungsmächtige Konstruktion des patriarchalen Paars – der verletzlichen Frau und ihres männlichen Beschützers – scheint nach wie vor sowohl als Schutzschild des männlichen heroischen Selbstentwurfs zu fungieren und dabei den weiblichen Menschen in einem Opfer-, einem Objektstatus zu belassen, als auch der Legitimation von Gewaltausübung zu dienen.

Der Blick auf Frauen als in allen Situationen handelnde Subjekte einerseits und auf in Gewaltakten häufig feminisierte Männer andererseits verweist zunächst auf die Willkür und Funktion der Genderkonstruktion, die sich so langatmig in der abendländischen Geschichte behaupten kann.

Genderkonstruktionen werden wesentlich über Körper definiert

So unzureichend es wäre, den Körper als historisch unveränderliche, selbstevidente Größe zu betrachten, und so hilfreich eine diskursanalytische Auflösung der Körperkonstruktionen ist, um die Wahrnehmung beschränkende Vorannahmen zu überwinden, so notwendig, ja geradezu überlebensnotwendig ist es zugleich, das faktische Vorhandensein des Körpers und seines Schmerzempfindens in einem bestimmten kulturellen und historischen Erfahrungs- und Lebensumfeld zu realisieren und zu thematisieren.

Über Gewalt lässt sich gemeinhin nur sinnvoll sprechen, wenn sie in Gewaltverhältnissen verortet wird und Gewaltverhältnisse wiederum werden getragen von Machtverhältnissen: ein Subjekt ermächtigt sich zu einem gewaltsamen Handeln, in dessen Verlauf der Handelnde danach trachtet, sich den Behandelten als Objekt zu unterwerfen. Wir haben es folglich mit, wie Popitz es nennt, einer Verletzungsmacht einerseits und einer Verletzungsoffenheit andererseits zu tun. Die gegenderte Zuweisung dieser Positionen, derzufolge der Mann verletzungsmächtig und die Frau verletzungsoffen ist – ist sattsam bekannt und wird noch allzu häufig als anthropologische Konstante, abgeleitet aus unterstellten Befindlichkeiten eines biologischen Geschlechts, unterstellt.

Die Gewaltakte, von denen hier die Rede sein soll, zielen in der Regel auf die Verletzung eines Körpers ab und bewirken Schmerz, Leid, aber auch Erniedrigung. Ich führe diese Evidenzen und Allgemeinplätze ausdrücklich an, weil sie in der Theorie häufig seltsam unterbelichtet bleiben. Popitz‘ Feststellung entsetzt und beunruhigt nicht als abstractum. Die Beunruhigung stellt sich ein, wenn das nicht artikulierte – der Körper und sein Schmerzempfinden – mitgedacht werden.

„Der erste Schlag“, schrieb Jean Améry in seinen Bewältigungsversuchen eines Überwältigten über seine Foltererfahrung in NS-Gefängnissen, „bringt dem Inhaftierten zu Bewusstsein, dass er hilflos ist – und damit enthält er alles Spätere schon im Keime. […] Der andere, gegen den ich physisch in der Welt bin und mit dem ich nur solange sein kann, wie er meine Hautoberfläche als Grenze nicht tangiert, zwingt mir mit dem Schlag seine eigene Körperlichkeit auf. Er ist an mir und vernichtet mich damit.“ Und er konstatiert: „Es ist wie eine Vergewaltigung…“. (Améry 1977: 56)

Das ist verblüffend. Die gängige, gegen die Ignoranz gegenüber dem Genderaspekt geradezu insistierende Argumentationsfigur appelliert: Vergewaltigung ist Folter! Und muss nach wie vor damit rechnen, auf die unterschwellige, sich hartnäckig behauptende Vorstellung zu stoßen, derzufolge Vergewaltigung und sexuelle Gewalt ambivalente Akte sind, bei denen die Täter-Opfer-Positionen uneindeutig sind.

Perfiderweise liegt dieser Haltung ein Sachverhalt zugrunde, der die Spezifik sexueller Gewalt ausmacht und der Ausgangspunkt einiger Überlegungen sein soll, die ich hier anstellen möchte: Sexuelle Gewalt fügt dem Opfer nicht nur Schmerz zu, sondern setzt es potentiell auch einem Übergriff auf seine Libido aus. Es fließt Blut, Sperma wird vergossen und es werden Tränen des Schmerzes, aber auch der Scham geweint.

Die Debatte um sexuelle Gewalt, namentlich solcher in kriegerischen Konflikten, ist durchzogen von Überlegungen, ob es sich um Gewaltdelikte handele, die sich der Sexualität bedienen oder ob in diesen Gewaltdelikten Sexualität ausgelebt werde. Ich fürchte, erstere Definition würde die Tragweite, das Drama dieser spezifischen Form von Gewaltanwendung verfehlen. Der Vergewaltiger selbst kommt, sofern er sich seines Körpers, sprich: seines Penis bedient, nicht ohne sexuelle Erregung aus, auch wenn die Gewaltausübung und nicht der sexuelle Genuss sein Tatmotiv sein mag. Die Tat wiederum fügt dem Opfer mehr zu als die Verletzung körperlicher Integrität – es wird potentiell einer Lebensentäußerung beraubt, von der wir gemeinhin annehmen, dass sie eine positive sein sollte: „The victim’s as well as the torturer’s sexual structures are involved in the psychodynamics of this interaction, and the victim experiences the torture as directed against his or her sexual body image and identity with the aim to destroy it. Thus, the essential part of sexual torture’s traumatic and identity-damaging effect is the feeling of being an accomplice in an ambigious situation which contains both aggressive and libidinal elements of a confusing nature“.[2]

Im Fall der Koreanerin Kim Young Suk, eine der 200.000 sogenannten „comfort women“, die die japanische Armee im Zweiten Weltkrieg sexuell versklavt hatte, ist kaum davon auszugehen, dass es ihrem Vergewaltiger gelungen sei, sie zwangsweise libidinös zu erregen. Sie beschreibt, wie der Offizier Nakamora sie behandelte: „‚Du koreanisches Mädchen, du siehst hübsch aus, lass uns ein bisschen Spaß haben.‘ Aber ich war erst zwölf Jahre alt und hatte keine Vorstellung davon, was, ‚Lass uns ein bisschen Spaß haben‘ meint. Nakamora holte seinen Penis raus, und er zog mich aus, und ich fürchtete mich so. Er nötigte mich, mich auf den Boden zu legen und verletzte mich mit seinem Bajonett, und ich blutete. Er zog mir die Hose aus und vergewaltigte mich, bis ich blutete.“[3]

Wir können aus diesem Bericht schließen, dass der Offizier Nakamora an beidem gleichermaßen „Spaß“ hatte, an der körperlichen und verbalen Grausamkeit wie an dem sexuellen Akt der Penetration. Dessen Unterstellung, sein Opfer habe ebenfalls Spaß, geht nicht, wie man meinen könnte, in Zynismus auf.

„One, two, three, four. Every night we pray for war. Five, six, seven, eight. Rape Kill. Mutilate“ [4] – dieses im Drill des US-Marinekorps geschmetterte Liedchen enthält das Gegenstück zur Triade „Blood, Sperm and Tears“ und verheißt bereits in der Phase der Ausbildung als Kriegsvergnügen: das Vergewaltigen, Töten und Verletzen. Nun soll nicht unterstellt werden, die trainees nähmen dieses in Aussicht gestellte Kriegsvergnügen als bare Münze. Gleichwohl verweist dieses und durch andere zu ergänzendes Beispiel militärischen Jargons darauf, dass die These, eine Konnotation von Sexual- und Gewaltlust werde erst durch die Brutalisierung im Kriegsgeschehen erzeugt, nicht umstandslos mit der Realität in Deckung zu bringen ist. So fragt der im Zweiten Weltkrieg in Großbritannien stationierte GI Cooper sein Vergewaltigungsopfer: „Warum sprichst Du nicht mit mir? Alle Mädchen hier tun das“, um ihr dann zu drohen: „Wenn du mich nicht kriegen lässt, was ich haben will, erwürge ich dich.“ Bevor er sie schließlich nach vollzogener Vergewaltigung gehen lässt, fragt er sie, ob sie in der nächsten Woche mit ihm tanzen gehen würde.

Sein Kamerad Porter schlägt sein Opfer bewusstlos, um zu bekommen, was er haben will. Danach hilft er ihr, sich wieder anzuziehen, steckt ihr eine Geldnote zu und fragt sie, wo er die nächste Telefonzelle fände, da er seinen Weg zurück nach Kingsclere finden müsse.[5] Wir haben es hier nicht mit einer Eskalation von Gewalt in einer Kampfzone, nicht mit durch von Kampfhandlungen gegenüber Gewalt abgestumpften Soldaten zu tun, sondern überwiegend mit in Versorgungseinheiten dienenden jungen Soldaten.

„Vergewaltigung ist weder privat noch öffentlich, und sie ist beides zugleich: Mit ihrer Hilfe wird die Grenze zwischen den Bereichen gezogen und kontrolliert“[6] und zwar im zivilen wie im militärischen Szenario. Eine dichte Beschreibung sexueller Gewaltakte sollte, so mein Vorschlag, die Linien zurückverfolgen, die diese Gewaltakte in Friedens-, in Kriegs- und in Nachkriegszeiten zeichnen. Wenngleich im Krieg sexuelle Gewalt nicht nur eskaliert, sondern spezifische Funktionen erfüllt, kommt sie nicht ohne Vorgaben aus Friedenszeiten, oder besser gesagt: Zwischenkriegszeiten aus und verläuft nach dem Krieg nicht im Sande. Praktiken im sogenannten Ausnahmezustand Krieg und Praktiken sexueller, als Freizügigkeit erlebter Gewalt gehören unbedingt dazu, schreiben sich in das Erfahrungs- und Handlungspotential einer Gesellschaft ein und werden von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Da eine Konnotation von massiver Gewaltausübung und sexuellem Lustgewinn im Zivilleben dennoch eher als pathologisch gilt, überrascht es gleichwohl, dass diese Konnotation im Krieg relativ umstandslos und ungebrochen als combat-effective, insbesondere nach erfolgten Kampfeinsätzen, betrachtet werden kann.

Der ehemalige Offizier Yoshio Suzuki berichtet dem Tokioter War Crime Tribunal: „Als Vorgesetzter einer Artillerieeinheit war ich 1944 selbst es, der den Soldaten nach einem Einsatz gestattete, zu tun, ‚was immer sie wollten’. In einer Gruppe älterer Frauen stieß ich auf eine etwa Dreißigjährige. Ich schickte die anderen weg – sie versuchte, mir in die Toilette zu entkommen. Sie so zu sehen, steigerte meine sexuelle Erregung. Ich zog sie aus, sie war nackt, und ich vergewaltigte sie brutal, schlug sie mit meinem Gewehr. Sie konnte sich nicht wehren, sie zitterte, ihr Gesicht war weiß, und sie war sprachlos, sie gehorchte mir widerspruchslos.“[7]

Dass Kampfeinsätze und die Ausübung von Gewalt bis hin zum Töten faktisch sexuell stimulierend wirken, belegen Aussagen von Soldaten mehrfach.[8] In diesem Fall steigert die Angst des Opfers die Erregung des Täters zusätzlich. Inwiefern die Angst des Täters: Angst vor Kontrollverlust, Todesangst im Kampf, wiederum, und vor allem gegen Frauen, als Aggression ausagiert wird, wäre genauer zu betrachten. Ich werde darauf zurückkommen.

In der folgenden Beschreibung eines Vietnam-Veteranen fungieren Hass und Frustration als sexuelles Stimulans: „She was crying. I think, she was a virgin. We pulled her pants down and put a gun to her head … I was taking her body by force. Guys were standing over her with rifles, while I was screwing her… Baby-san, she was crying. So a guy just put a rifle on her head and pulled a trigger just to put her out of the picture… That’s what the hatred, the frustration was…“.[9]

Aussagen von Tätern deuten daraufhin, dass sich in sexueller Gewalt auch Frauenhass am entpersönlichten Objekt entladen kann: So beschreibt ein serbischer Vergewaltiger sein Opfer, das zuvor bereits von 20 anderen Männern vergewaltigt worden war, mit den Worten: „ihr Haar (war ) verklebt, sie (war) ekelerregend und voller Sperma“. Nach der Tat tötet er sie: „Mit fünf Kugeln in den Bauch“.[10]

Bereits nach dem Ersten Weltkrieg war die Transformation, die die Sexualität von Soldaten durch Kriegsbrutalität durchlaufen hatte, und die nicht nur Impotenz, sondern auch eine permanente Koppelung von sexuellen Sensationen an massive Gewaltakte (Tötungslust) hervorbrachte, hie und da Thema (neben den Debatten um die sogenannte Kriegshysterie). Auch der mit Vietnam-Veteranen arbeitende US-amerikanische Therapeut Jonathan Shay beschreibt in seinem Buch Achill in Vietnam vergleichbare Kriegsfolgen.[11]

In den vergangenen Jahren wird immer häufiger dokumentiert, dass sexuelle Gewalt auch durch Angehörige von Friedenstruppen verübt wird. Inwiefern dies als Folge von in vorhergehenden Kriegen verübten Delikten oder als eigenständiges Phänomen zu betrachten ist, wäre genauer zu untersuchen. Auf welche Weise sexuelle Gewalt auch in diesem Umfeld mitunter mit extremer Brutalität einhergeht, zeigt der Fall Rhongi, einem Angehörigen der Friedenstruppen im ehemaligen Jugoslawien, der eine elfjährige Kosovo-Albanerin vorsätzlich vergewaltigt und ermordet hat:

„Rhongi hatte einem Soldaten erzählt, er habe den Plan, sich ein kleines Mädchen zu schnappen und zu vergewaltigen, müsse sie aber danach umbringen, um davonzukommen und würde die Serben damit belasten.“[12] Augenscheinlich gesteht sich der Angehörige einer Friedenstruppe ganz umstandslos zu, ein solches sexuelles Begehren zu befriedigen, und sorgt sich lediglich darum, den möglichen Sanktionen für seine Tat zu entgehen. Das Problem scheint lösbar: Er tötet sein Opfer, die Zeugin der Tat. Sein Selbstverständnis als peacekeeper scheint dadurch nicht ins Wanken zu geraten.

Krieg und Männlichkeit gehen im alltäglichen Diskurs in einer Weise ineinander auf, die bisher weder durch den Eintritt von Frauen in die Männerdomäne Militär noch durch die eklatanten Wandlungen, die die Kriegsführung in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat und die mit dem Mythos des tapferen Soldat- gegen Soldat-Kampfes nichts mehr gemein hat, nachhaltig zu irritieren gewesen wäre.

Die Konnotation, in die Sexualität und Gewalt im Krieg geraten, wird keineswegs, wie häufig behauptet, tabuisiert, sondern ist in der Kriegspropaganda oder in Subtexten wie etwa Kriegserzählungen als geradezu naturwüchsige Begleiterscheinung des Ausnahmezustands Krieg, als Kollateralschaden gegenwärtig. Gleichzeitig scheint sie sich jedoch einer öffentlichen und theoretischen Debatte zu entziehen.

Auch die öffentliche Thematisierung und vor allem Skandalisierung, die sexuelle Gewaltdelikte in gewaltförmigen Konflikten in den letzten Jahrzehnten erfahren haben,[13] ist nach wie vor geprägt von der Zögerlichkeit, einer Interdependenz zwischen diesen affektiv aufgeladenen Entäußerungen auf die Spur kommen zu wollen. Die Konnotation Krieg und Gewalt, eine der Sache nach unvermeidliche, gilt als hinzunehmende, sofern sie – idealtypisch – eine durch Regeln und Übereinkünfte kontrollierte, eingehegte und „ehrenhafte“ Form von Gewaltausübung hervorbringt.

„Nur wenige sind bereit“, schreibt Inger Skjaelsback, sich die Mechanismen genau anzusehen, die den Angreifer hervorbringen. Vielleicht aus Angst, feststellen zu müssen, dass die Möglichkeit, gleiche Taten zu begehen, ein Potential ist, dass wir alle in uns tragen.“ Nicht erst der Fall Lyndie England stößt mit der Nase auf den Umstand, dass zu diesen „allen“ potentiell auch Frauen gehören. So finden sich etwa bei Kelly Dawn Askin folgende Fallbeispiele: „Sie entkleideten einen Mann, stellten den Rest von uns auf und zwangen uns zum oralen Sex mit ihm, einem anderen Gefangenen. Da waren zwei Ustascha-Frauen, Schwestern, Gefängniswärterinnen, denen es gefiel, uns dazu zu nötigen.“

„Gefangene der Serben wurden nackt aufgestellt, während sich serbische Frauen von draußen vor ihnen auszogen. Wenn ein Gefangener eine Erektion bekam, wurde ihm der Penis abgeschnitten.“[14] Gleichwohl verdeutlichte der mediale Umgang mit dem Fall England, wie umstandslos weibliche Täterschaft hier dazu benutzt werden konnte, sexuelle Gewalt als Ausnahmerscheinung, deviantes Verhalten von Frauen und bestenfalls pathologischen Tätern zu zeichnen.[15]

Das Argument, detaillierte Beschreibungen sexueller Angriffe in der Öffentlichkeit fungiere als Pornografie und greife die Opfer ein weiteres mal an, das in diesem Zusammenhang scheinheilig repliziert wurde, während Abu Graib häufig genug tatsächlich pornografisch nachinszeniert wurde, problematisiert nicht etwa eine Sexualität, die sich in solcher Weise der Gewalt bedient, sondern verlagert das beschämende Moment der Tat weg vom Täter hin zum Opfer. Hinter der Vorgabe, die Opfer vor einer erneuten Bloßstellung schützen zu wollen, verbirgt sich häufig eine Schuldzuweisung an Frauen als ihre Grenzen übertretende weibliche Subjekte, deren Reizen Männer potentiell hilflos ausgeliefert seien.

Gleichwohl ist das Leugnen der Beschämung, die dem Opfer widerfährt, dazu angetan, dessen Leiden zu verlängern. Berichte von Betroffenen verweisen darauf, wie entscheidend es für sie ist, ob ihr soziales Umfeld das ihnen als Subjekten Widerfahrene, eben auch die Beschämung, als Unrecht anerkennt und dem Täter zuschreibt oder das Opfer als beschämtes und entehrtes Objekt stigmatisiert. Louise du Toit argumentiert: „Wenn ich den Begriff des „Opfers” beibehalte, so möchte ich weder die Gefühle derer verletzen, die eine Vergewaltigung überlebt haben, noch gar damit fortfahren, die Handlungsfähigkeit oder Subjektivität von Frauen zu verleugnen, indem ich unsere Machtlosigkeit gegenüber Vergewaltigungen betone. Nach meiner Überzeugung sollten wir diese Gefühle lieber kritisch hinterfragen, als sie einfach zu bejahen. Vergewaltigungsopfer wehren sich ungleich stärker als andere Opfer (etwa von Autounfällen) gegen die mit dem Begriff des „Opfers“ verbundenen Vorstellungen von Machtlosigkeit, weil es im Kern eben diese Machtlosigkeit ist, die man durch die Verletzung und Demütigung einer Vergewaltigung demonstriert bekommt. Es ist also wichtiger, sich mit dem Ursprung des Problems zu befassen (der mangelnden politischen Subjektivität und Handlungsfähigkeit von Frauen), als sich mit oberflächlichen sprachlichen Veränderungen zufriedenzugeben. Man wird nicht zu einer Überlebenden, indem man das Ausmaß verleugnet, in welchem man Opfer gewesen ist. Tatsächlich kann ein derartiges Verleugnen des Opferseins und die mit ihm einhergehende Betonung der Handlungs- und Widerstandsfähigkeit des Opfers ungewollt zur Folge haben, dass Untersuchungen, die analysieren, wie allgemeine gesellschaftliche Überzeugungen einer ‚Ethik des Vergewaltigens’ Vorschub leisten, gar nicht durchgeführt werden.“[16]

Ein nicht unbedeutender Anteil der Anstrengungen, Verletzungsmacht zu kontrollieren oder zu operationalisieren, wird dazu aufgewandt, die Verletzungsoffenheit des männlichen Menschen durch das Ausagieren seiner Verletzungsmacht gegen den weiblichen oder effeminisierten Menschen zu kaschieren, im Frieden wie im Krieg. Insbesondere im Krieg, dem Schauplatz, an dem auf zugespitzteste Weise Männlichkeit konstruiert und deren Eigenschaften abgefordert werden, offenbart sich jedoch zugleich unübersehbar, wie fragil die Konstruktion von Männlichkeit tatsächlich ist.

Der Kombattant, dem die Bereitschaft zum Töten (Verletzungsmacht) abverlangt bzw. zugestanden wird, muss sich gleichzeitig der Verletzungsoffenheit, der Möglichkeit, getötet zu werden, stellen. Geschlecht erweist sich hier als „Konfliktkategorie“[17]: schmerzhafte Ambivalenzen im Umgang mit der eigenen Angst und Schwäche sollen in Richtung einer unverletzlichen Variante von Männlichkeit, von künstlicher Hypermaskulinität, aufgelöst werden.“[18] Eine Variante von Männlichkeit, die, so sie denn Sinn machen soll, sich entweder des weiblichen Gegenübers gänzlich zu entledigen versucht – ein Versuch, der beispielsweise in und nach dem Ersten Weltkrieg besonders drastisch von Ernst Jünger entworfen wurde, dem das Kriegserlebnis zum orgiastisch-erotischen Frauenersatz wird. Eine andere Variante besteht darin, der Überwältigung durch die Vergewaltigung eines Gegenübers zu entgehen.

Um die militärische Instrumentalisierung des Akts der Vergewaltigung, die Kampf- und Tötungsbereitschaft des Soldaten anzufeuern, zu erreichen, bedarf es auch bei dieser Gewaltanwendung eines einhegenden Reglements. Zufällige, freiwillige, individuelle Akte, stets erwartet und in Rechnung gestellt, sind grundsätzlich mit Sanktionen belegt. Ob tatsächlich sanktioniert wird, obliegt der Einschätzung der militärischen Befehlshaber, inwieweit es sich um einen combat-effective Akt handelt oder eben auch nicht: Militärisches Kalkül, das Gewaltpotential der Soldaten zur Bekämpfung des Gegners frei- und einzusetzen und die Motive der Soldaten, sexuell gewalttätig zu werden, gehen nicht umstandslos ineinander auf, sie können, wie im folgenden von Joanna Bourke zitierten Fall, auf groteske Weise gegenläufig sein: Während des Massakers von My Lai am 16. März 1968, bei dem Frauen vergewaltigt und auf grausamste Weise abgeschlachtet werden, gerät Leutnant William L. Calley , wie er sich später in seinen autobiografischen Aufzeichnungen „Body Counts“ erinnert, außer sich, als er auf den Soldaten Dennis Conti stößt, der eine junge vietnamesische Mutter zum oralen Sex nötigt. Er befiehlt ihm, seine „verdammten Unterhosen“ anzuziehen und überlegt, was ihn an dieser Szene so aufgebracht hat: „Rape: In Vietnam it’s a very common thing … I guess lots of girls would rather be raped than killed anytime. So why was I being saintly about it? Because: if a GI is getting a blow job, he isn‘t doing his job. He isn‘t destroying communism … Our mission in My Lai wasn‘t perverted, though. It was simply ‚Go and destroy it‘. … No difference now: if a GI is getting gain, he isn‘t doing what we are paying him for. He isn‘t combat-effective.“[19]

Dennis Conti, der meinte, sein Recht auf seine Kriegsbeute wahrnehmen und sich sexuell vergnügen zu dürfen, hatte sich geirrt: erwartet wurde von ihm, seine Fähigkeit zur sexuellen Gewaltausübung combat-effective einzusetzen. Und auch dem US-amerikanischen General Patton geht es um Einhegung, nicht um die Sanktionierung des Delikts an sich: „I then told them that, in spite of my diligent efforts, there would unquestionably be some raping, and that I should like to have the details as early as possible so that the offenders could be properly hanged“. Gleichwohl konstatiert er an anderer Stelle lapidar: „If a soldier don’t fuck, he won’t fight.“ [20]

Die Kriege, die hier als Schauplätze sexueller Gewalt in den Blick genommen werden, Kriege des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts, zeichnen sich nicht nur durch eine Totalisierung der Kriegsführung aus, sondern auch durch ihre zunehmende Entgrenzung, die in asymmetrisch geführten Kriegen besonders deutlich hervortritt. Die klassische Unterscheidung zwischen einer Heimat- und einer Kriegsfront ist obsolet geworden, die Konstellationen der Kriegführenden und die Kriegschauplätze verändern sich. Welche Folgen diese Veränderungen für die hier zur Diskussion stehende Form kriegerischer Gewalt haben, wäre zu untersuchen.

Die Logiken, auf denen das Reglement des Kriegs klassischerweise aufbaut, orientieren sich an der Herstellbarkeit eines überschaubaren Schlachtfeldes. Ulrich Bröckling widmet sich diesem Schlachtfeld und beschreibt es zunächst als einen „Kontingenzraum par excellence“, als „Zone der Friktionen….Ort der fortune, der unverhofften Chance, des sich plötzlich wendenden Glücks.“ In diesem Kontingenzraum findet „der ‚erweiterte Zweikampf’ (Carl von Clausewitz) auf Leben und Tod“ statt, der, um eine Überschaubarkeit und Überlegenheit herstellen zu können „alle Akteure zu einem Höchstmaß an strategischem wie taktischem Kalkül, zu rationellem Kräfteeinsatz und effizienter Gewaltanwendung“ zwingt. Gefordert sind „minutiös vorbereitete und koordinierte Operationen, […] spontanes Improvisieren, Befehl und Gehorsam ebenso wie Eigeninitiative und Selbstverantwortung.“

Eine Herausforderung in einer Situation, die bestimmt ist von „extremen Affekten – vom Stupor der Todesangst bis zum Furor des Kampfrausches“, Affekten, „die das Handeln hemmen oder enthemmen und seine Richtung verändern.“ Die in ihm Agierenden durchlaufen eine „radikalisierte Erfahrung von Kontingenz“, die „nach nicht minder radikalen Konzepten zu ihrer Steuerung verlangt“, wie sie in der Rigidität militärischer Gehorsamkeitsforderungen und Disziplinierungstaktiken ihren Ausdruck finden. Bröckling beschreibt infolgedessen militärisches Handeln als „Kontingenzmanagement mit dem Ziel, alle Aktivitäten auf die Steigerung des eigenen bzw. die Schwächung des gegnerischen Gewaltpotentials auszurichten“ und dabei „die unhintergehbare, aber niemals im Voraus bestimmbare Grenze aller Planung und Organisation“ zu berücksichtigen, „welche die militärischen Anstrengungen zur Kontrolle des individuellen wie kollektiven Handelns im Krieg hervortreibt.“ Und, so fährt er fort: „Wer steuern will, braucht nicht nur Macht, sondern auch Wissen. Um mit den Friktionen umgehen bzw. um sie umgehen zu können, muss man sie kennen… Man muss mit dem rechnen, was sich der Berechnung entzieht.“[21]

Der oben erwähnte General Patton ist bestrebt, eben dieser Anforderung gerecht zu werden. Normative Steuerung, traditionelle Disziplinierungspraktiken, gestützt durch moralische Aufrüstung und Sanktionierung von Abweichungen sind die eingesetzten Mittel militärischer Autorität. Ein Blick in die Praxis militärischer Ausbildung zeigt, wie radikal gegendered diese Instrumente sind. Der amerikanische Professor für System-Management, Frank J. Barrett, hat anhand von Interviews „die Konstruktion hegemonialer Männlichkeit“ am Beispiel der US-Marine untersucht.[22] Die Vorstellung, gegenüber anderen hegemonial zu sein, vermittelt ein „Hasstraining“,[23] in dem der Gegner zum minderwertigen, bedrohlichen, verachtenswerten anderen degradiert wird.[24] Das Weibliche wird zur Kulmination des anderen, minderwertigen, verachtenswerten. Der soldatische Jargon ebenso wie der Jargon militärischer Ausbilder ist durchdrungen von Sexismen. Es ist naheliegend, dass sich auf diese Weise ein realer Hass auf Frauen aufbauen kann, der nicht nur in Kampfsituationen abrufbar ist.

Male Bonding/Ausschluss von Frauen

Jonathan Shay verweist darauf, dass das Gendersystem auf die Armee übertragen und in ihr Genderrollen neu verteilt werden: „Ähnlich wie Familien sind auch Armeen Institutionen, die eine Welt schaffen. Beide rufen erfolgreich den Respekt, die Treue, die Liebe, die Bestätigung, die Dankbarkeit und den Gehorsam ihrer neuen Mitglieder hervor.“[25]

Der Bildung von Primärgruppen und Buddy-Gemeinschaften, (zwei Männer schließen sich als Einheit zusammen), kommt eine unverzichtbare Schlüsselrolle zu, wie auch Bröckling betont: „Das Gefühl, auf dem Schlachtfeld einer anonymen Vernichtungsmaschinerie ohnmächtig ausgeliefert zu sein und jeden Augenblick getötet werden zu können, (wirft) den Soldaten in einer existentiellen Weise auf sich selbst zurück. Die Gewissheit, Teil einer Gruppe zu sein und sich auf die Kameraden verlassen zu können, vermochte diese Atomisierungserfahrung zwar nicht auszuschalten, aber doch ein Stück weit zu kompensieren […]. Die Verschränkung und wechselseitige Verstärkung der institutionellen und Primärgruppennormen zeigt sich insbesondere bei der Codierung von Männlichkeit. Die Forderung, ein Mann zu sein, gehört zu den allgemeinsten Rollenerwartungen an den einzelnen Soldaten. Sie entspricht den gesellschaftlichen Vorstellungen von der Armee als Sozialisationsinstanz, ist als Subtext den militärischen Ausbildungsprogrammen eingeschrieben und bildet auch ein zentrales Element im Verhaltenskodex der Primärgruppen. Diese konstituieren sich nicht nur als Schutz- und Solidargemeinschaften, sondern auch als egalitäre Männerbünde, die ihren Zusammenhalt über die Abwertung vermeintlich weiblicher Eigenschaften herstellen und homoerotische Libido in Aggressivität außen transformieren.“[26]

Diese militärisch erwünschte, zur Erzeugung von Kampfbereitschaft als unerlässlich geltende Aggressivität richtet sich, durchaus gewollt, nicht nur gegen den feindlichen Kombattanten, sondern, wie im Ersten Weltkrieg in Belgien, in Nanking, in der ehemaligen Sowjetunion, in Berlin, in Bangladesch, in Vietnam, im ehemaligen Jugoslawien, in Ruanda – die Liste ist nicht vollständig – in combat effective Massenvergewaltigungen der weiblichen, aber auch männlichen zivilen Bevölkerung.

Sexuelle Gewalt gegen Männer

Sexuelle Kriegsgewalt gegen Männer gehört „ zu den am besten gehüteten Tabus unserer Kultur“,[27] sie lässt sich gleichwohl, wie einige Beispiele zeigen, regelhaft auffinden: Chinesische Männer wurden bei dem Überfall auf Nanking anal vergewaltigt oder dazu gezwungen, unter dem Gelächter der Soldaten gegenseitig an sich sexuelle Handlungen vorzunehmen.[28]

Im Frühjahr 2000 berichtete Die New York Times, dass männliche Gefangene, festgehalten von russischen Truppen in einem Lager in Groszny, Tschetschenien, die Schreie von Männern gehört hatten, die von ihren captors vergewaltigt wurden. Es wurde berichtet, dass die Angreifer ihren Opfern nach der Vergewaltigung weibliche Namen gaben“.[29]

Bei Kelly Dawn Askin finden sich Aussagen wie folgende aus Bosnien Herzegowina: „Sie (die serbischen Soldaten) holten uns nach draußen, und einer nach dem anderen schlug uns – Sie quälten uns auf jede erdenkliche Weise. Sie griffen sich zwei Brüder und nötigten sie zum Geschlechtsverkehr… Zwei Freunde zwangen sie, den Penis des anderen in den Mund zu nehmen… Wir hörten durch die Tore, wie sie den Männern befahlen, sich gegenseitig zu quälen oder zu vergewaltigen.“[30]

Nun könnte man versucht sein anzunehmen, dass die öffentliche Rede um die diesen Männern widerfahrene Form der Gewalt zu einer stärkeren Ächtung sexueller Gewalt insgesamt führe. Dem widerspricht die Einrede Antjie Krogs, derzufolge sich Männer im Verlauf der Prozesse der südafrikanischen Wahrheitsfindungskommissionen weigerten, in ihren Aussagen das Wort „Vergewaltigung“ zu verwenden. Sie sagten aus, „anal penetriert worden zu sein oder dass man Eisenstangen eingeführt“ habe. Ihr Kommentar dazu: „Dadurch machen sie Vergewaltigung zu einer Frauensache. Indem sie ihre eigene sexuelle Unterwerfung unter männliche Brutalität verleugnen, verbrüdern sie sich mit den Vergewaltigern und verschwören sich mit ihnen gegen ihre eigenen Frauen, Mütter und Töchter …“. Der Begriff „Vergewaltigung“ ist, so Krog, „ausschließlich für die sexuelle Unterwerfung der Frauen reserviert und wird dadurch in seiner Bedeutung sexistisch.“[31]

Die sexuellen Gewaltdelikte, von denen hier die Rede ist, sind begleitet von massiven weiteren Verletzungen bis hin zur Tötung der Opfer. Sexuelle Gewalt ereignet sich nicht regel- und sozial ziellos und nicht in einem sozialen Vakuum. Sie hat jeweils spezifische Bedeutungen für die Gegner, die Opfer und die Angreifer.

Frauen sollen, so der Selbstentwurf des soldatischen Auftrags, beschützt, verteidigt und von Kampfhandlungen ferngehalten werden: Eben dies macht sie jedoch zugleich zum Angriffsziel. Sie symbolisieren das eigene, zu verteidigende Territorium, dessen Verletzung besonders demütigt. Der Körper der Frau wird zum Schlachtfeld sowohl eines Mann-gegen-Mann Kampfes als auch eines Kampfs gegen eine ganze ethnische, kulturelle oder religiöse Gemeinschaft. Die am weiblichen Subjekt begangene Gewalt bleibt in der Kriegserzählung ausgeblendet. So thematisierten die die Öffentlichkeit aufschreckenden Berichte über Massenvergewaltigungen in Belgien während des Ersten Weltkriegs weniger das Leid der Frauen als vielmehr in wechselseitiger propagandistischer Absicht die Demütigung der Nation durch bestialisierte Kriegsgegner.[32]

Gewalt/Lust

So ernsthaft, allzuoft jedoch auch halbherzig[33] die militärische Führung danach trachtet, den Besen wieder einzuholen, den sie – dem Zauberlehrling gleich – ausgesandt hat, und ihrer Aufgabe, mittels militärischer Befehlsgewalt in prekären, unübersichtlichen Situationen „Entgleisungen“ und Auflösungserscheinungen zu verhindern, so selten scheint ihr das zu gelingen.

Selbst drakonische Strafen (Hängen, lebenslange Zwangsarbeit) hinderten beispielsweise die im Zweiten Weltkrieg in Großbritannien, Frankreich und Deutschland eingesetzten GI’s nicht daran, Frauen, meist unter Einsatz von Waffen, just for fun zu vergewaltigen.[34]

Während in Frankreich das generationell weitergegebene Stereotyp der sexuell freizügigen Französin als Lizenz zum vergewaltigen fungiert, spielen in Deutschland auch Hass- und Rachemotive eine Rolle. So argumentiert ein GI, der vor der Tat Dachau besucht hatte, vor drei Amerikanern ausgezogen zu werden, sei eine Kleinigkeit verglichen mit dem, was in Dachau passiert sei.[35]

Die in diesen Szenarien verübten sexuellen Delikte waren als zufällige, individuelle Akte militärisch sinnlos und verstießen gegen die Disziplin. Als solche wurden sie durchaus geahndet.[36] Beruhigen können diese Einhegungsversuche gleichwohl nicht, richten sie sich doch keinesfalls entschieden und grundsätzlich gegen die Praxis sexueller Gewalttätigkeit.

In ihren Erinnerungen „Seed of Sarah“ hat die ungarische Jüdin Judith Magyar Isaacson eindringlich beschrieben, wie der Kommandant des Lagers Lichtenau ihr eines Tages befahl, ihm zu folgen: „Der Kommandant ging voraus, in seinen steifen Reithosen und schweren Stiefeln. Ich folgte, instinktiv, mit gesenktem Kopf, die Augen auf den Schotter der Straße gerichtet. Ich erlebte eine Art plötzliches Wiedererkennen, als sei ich schon einst einem Herrn in so stummem Gehorsam gefolgt. Wird Frauen die Erinnerung an Vergewaltigung vererbt? Mir fiel der Mythos vom Raub der Sabinerinnen ein und die Geschichte von Hunor und Magor, den legendären Stammvätern der Hunnen und Magyaren, wie sie sich auf Brautraub begaben. ‚Meine Not ist nicht einzig‘, sagte ich mir. ‚Ich bin gefangen in einem uralten Ritus von Sex und Krieg‘.“

[1] Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Tübingen 1986, S. 76.

[2] Inger Agger und Soren Buus Jensen, zit.nach Inger Skjelsbaek, „Sexual Violence and War: Mapping out a Complex Relationship“, in: European Journal of International Relations, 7(2), 2001, S. 220.

[3] Aussage Kim Young Suk, Women´s International War Crimes Tribunal on Japan´s Military Sexual Slavery, Tokio, 8.-12. Dezember 2000, Tonbandmitschnitt, Übersetzung aus dem Englischen G.Z. .

[4] Zit. nach Kelly Dawn Askin, War Crimes Against Women. Prosecution in International War Crimes Tribunals, The Hague 1997, S. 377

[5] Zit. nach Robert Lilly, Taken by Force. Rape and American GI’s in Europe during World War II, New York 2007, S.54.

[6] Louise du Toit, „Feminismus und die Ethik der Versöhnung“, in: Mittelweg 36, 3/2007, S. 25.

[7] Yoshio Suzuki, Aussage vor dem Women’s International War Crimes Tribunal, a.a.O.

[8] Vgl. Mark Baker, Nam. The Vietnam War in the Words of the Men and Women who fought there, New York 1981; Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam, Hamburg 2007.

[9] Baker, ebda, S. 211

[10] Rolf Pohl, Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen, Hannover 2004, S.9.

[11] Jonathan Shay, Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust, Hamburg 1998.

[12] Lilly, a.a.O., S. 32

[13] Vgl. dazu Ruth Stanley und Anja Feth, die in ihrem Aufsatz „Die Repräsentation von sexualisierter und Gender-Gewalt im Krieg. Geschlechterordnung und Militärgewalt“ die Widersprüchlichkeiten von Thematisierung und Dethematisierung analysieren. In: Susanne Krasmann, Jürgen Martschukat (Hrsg.), Rationalitäten der Gewalt. Staatliche Neuordnungen vom 19. Bis zum 21. Jahrhundert, Bielefeld 2007.

[14] Askin, a.a.O., S. 270

[15] Dazu und zu folgendem vgl. die sehr informative Studie von Kelly Oliver, Women as weapons of War. Iraq, Sex and the Media, New York 2007.

[16] Louise du Toit, a.a.O., S. 4f.

[17] vgl. Gudrun Axeli Knapp, „Dezentriert und viel riskiert. Anmerkungen zur These vom Bedeutungsverlust der Kategorie Geschlecht“, in: Gudrun Axeli-Knapp, Angelika Wetterer (Hrsg.), Soziale Verortung der Geschlechter. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik, Münster 2001.

[18] Mechthild Bereswill, „Männlichkeit und Gewalt. Empirische Einsichten und theoretische Reflexionen über Gewalt zwischen Männern im Gefängnis“, in: Feministische Studien 24 (2006), S. S. 244

[19] zit. nach Joanna Bourke, An intimate History of Killing. Face-to-Face Killing in Twentieth-Century Warfare, London 1999, S. 173.

[20] Zit. nach Robert Lilly, Taken by Force, a.a.O., S. 29.

[21] Ulrich Bröckling, „Schlachtfeldforschung. Die Soziologie im Krieg“, in: Steffen Martus, Marina Münkler, Werner Röcke (Hrsg.), Schlachtfelder. Codierung von Gewalt im medialen Wandel, Berlin 2003, S. 189f.

[22] Frank J. Barrett, „Die Konstruktion hegemonialer Männlichkeit in Organisationen: Das Beispiel der US-Marine“, in: Christine Eifler, Ruth Seifert (Hrsg.), Soziale Konstruktionen – Militär und Geschlechterverhältnis, Münster, 1999, S. 71-93.

[23] vgl. z.B. Joanna Bourke, a.a.O. Kapitel 6, Love and Hate.

[24] Was es bedeutet, dass dieser andere, besser gesagt: dieses andere, Minderwertige, Bedrohliche, gegen das es sich abzusetzen gilt, in der Praxis überwiegend weiblich ist und auch der männliche Gegner dabei als weibisch klassifiziert wird, interpretiert Rolf Pohl, „Massenvergewaltigung. Zum Verhältnis von Krieg und männlicher Sexualität“, in: Mittelweg 36, 2/2002, 11. Jg., S. 53 – 75.

[25] Jonathan Shay, a.a.O., S. 209.

[26] Bröckling, a.a.O., S197f.

[27] Ruth Seifert, „Im Tod und Schmerz sind nicht alle gleich: Männliche und weibliche Körper in den kulturellen Anordnungen von Krieg und Nation“, in: Steffen Martus, a.a.O., S. 243.

[28] Iris Chang, zit. nach Gabriela Mischkowski, „Sexualisierte Gewalt im Krieg – eine Chronik“, in: medica mondiale e.V., Karin Griese (Hrsg.), Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen. Handbuch zur Unterstützung traumatisierter Frauen in verschiedenen Arbeitsfeldern, Frankfurt am Main 2006.

[29] Lilly, a.a.O., S. 20.

[30] Kelly Dawn Askin, War Crimes Against Women. Prosecution in International War Crimes Tribunals, The Hague 1997, S. 271.

[31] Antjie Krog, Country of my Skull, Johannesburg 1998, S. 182, zit. nach Louise du Toit, „Feminismus und die Ethik der Versöhnung“, in: Mittelweg 36, 3/2007, S. 13.

[32] Vgl. John Horne, Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit, Hamburg 2004; Jason Crauthamel, Male Sexuality and Psychological Trauma: Soldiers and sexual ‚Disorder’ in World War I and Weimar Germany, unveröffentl. Vortragsmanuskript, 2006

[33] Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten, a.a.O.

[34] Ausführlich nachzulesen bei Lilly, a.a.O.

[35] Ebda, S. 136.

[36] Ebda, S. 29