Zuflucht und Zwischenstation

Der Sammelband „Transit und Transformation“ beleuchtet das Leben osteuropäisch-jüdischer Migranten in Berlin zwischen 1918 und 1939

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Erste Weltkrieg gilt als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Denn gewaltig waren seine Erschütterungen und Auswirkungen. So hat er nicht nur den Untergang der Monarchien in Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland und dem Osmanischen Reich zur Folge gehabt und dadurch die politische Landkarte in Europa und dem Vorderen Orient für immer verändert. Auch in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht haben die Jahre von 1914 bis 1918 zu einer Dynamisierung der Modernisierung geführt, die die Individuen zwang, sich mit der Diskontinuität, Komplexität und Kontingenz, die das Leben in der Moderne auszeichnet, stärker als bisher auseinander zu setzen.

Die politischen Systemwechsel, die Gründungen neuer Staaten und sich daraus ergebende Konflikte und Kriege veranlassten in der Folge zahlreiche Menschen, ihre Heimat zu verlassen. So emigrierten wegen der Machtübernahme der Bolschewiki und dem blutigen Bürgerkrieg zwischen der Roten Armee und den „Weißen“, also den bürgerlichen Kräften und den Anhängern der gestürzten Romanows, eine Vielzahl von Russen nach Mittel- und Westeuropa, in die Vereinigten Staaten von Amerika, in den Orient und nach Ostasien. Unter ihnen waren auch viele Juden, die sich ebenfalls vor den chaotischen Verhältnissen, aber auch vor neuen Pogromen im ehemaligen Zarenreich retten wollten.

An dieser Stelle setzt der 2010 erschienene Sammelband „Transit und Transformation“ an und untersucht das Berlin der Zwischenkriegszeit als historischen Raum der Migrationsbewegungen osteuropäisch-jüdischer Flüchtlinge. Denn nicht erst heute, sondern bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde die deutsche Hauptstadt von Multi- und Transkulturalität geprägt. Vor allem jedoch nach dem Ausbruch der Russischen Revolution und dem Ende des Ersten Weltkriegs war die Stadt – auch aufgrund ihrer geografischen und verkehrstechnisch günstigen Lage – zu einem wichtigen Zentrum für jüdische Auswanderer geworden. Hier fanden sie Zuflucht und eine Zwischenstation auf ihrem Weg. Denn meist beabsichtigten sie, bald weiter zu ziehen oder auch nach dem Ende des Bürgerkrieges und dem erhofften Sturz der Bolschewiki wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Manche von ihnen lebten sich ein und entschieden sich in Berlin zu bleiben.

Die Lebenswelt dieser aus dem Osten Europas eingewanderten Juden, darauf verweist die Historikerin Gertrud Pickhan in ihrem Vorwort, sei bisher jedoch noch nicht so intensiv erforscht worden wie das russische Berlin, „Russki Berlin“, das seit den 1920er-Jahren ein feststehender Begriff sei. Der vorliegende Band, der aus einer 2009 im Jüdischen Museum Berlin abgehaltenen Konferenz hervorgegangen ist, soll diese Forschungslücke schließen und die Leitfrage beantworten, ob „das osteuropäisch-jüdische Berlin ein möglicherweise virtueller, aber dennoch eingrenzbarer Raum [war], in dem jüdische Migranten aus Osteuropa lebten, arbeiteten, kommunizierten, fühlten und dachten?“

Mit dem Ziel, „dem osteuropäisch-jüdischen Berlin im Gedächtnisraum der Stadt einen angemessenen Raum zu geben“, versammelt „Transit und Transformation“ 20 deutsch- und englischsprachige Aufsätze, von den 18 in vier Abschnitte, „Topographie“, „Identifikationen“, „Netzwerke“ und „Wahrnehmungen“, verteilt sind. Sowohl die Einführung von Verena Dohrn und Anne-Christin Saß als auch der Beitrag von Tobias Brinkmann mit dem Titel „Ort des Übergangs – Berlin als Schnittstelle der jüdischen Migration aus Osteuropa nach 1918“ seien hierbei als Grundlagentexte hervorgehoben. Sie stellen den gesellschaftlichen Kontext, etwa die anfänglich politisch und wirtschaftlich günstigen Bedingungen in Deutschland für die Migranten, vor und liefern eine Vielzahl an (Hintergrund-)Informationen.

In ihrer Einführung fassen Dohrn und Saß Absicht und Inhalt des vorliegenden Bandes selbst prägnant zusammen: „Die Beiträge […] konzentrieren sich auf die raumzeitlichen Dimensionen der Migrationserfahrung und analysieren aus historischer, kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive, wie die Migranten den Stadtraum Berlin wahrnahmen und sich ihn aneigneten, wie sie ihn gestalteten und von ihm geprägt wurden. Ausgangspunkt sind die in den letzten Jahren geführten Debatten um die Verräumlichung von Geschichte‘, die insbesondere im Bereich der jüdischen Geschichte zu einer produktiven Perspektiverweiterung und einem ganzheitlichen Verständnis jüdischer Kulturen und Lebenswelten geführt haben. Dabei geht es nicht darum, analog zu den Topoi Russki und Polski Berlin ex post ein Osteuropäisch-Jüdisches Berlin zu konstruieren, sondern die spezifischen Erfahrungen und Visionen, sozialen Praktiken, Projekte und Handlungen der osteuropäisch-jüdischen Migranten im historischen Raum Berlin zu ermessen, zu dokumentieren und zu untersuchen.“

Der Band macht durch die einzelnen Beiträgen sehr deutlich, wie vielseitig das Leben dieser Migranten in Berlin gewesen ist, welch wichtige Impulse sie gerade in den 1920er-Jahren der politischen und künstlerischen Avantgarde gaben und zugleich selbst von ihrer neuen Lebenswelt geprägt wurden. Die Aufsätze analysieren die Strategien, mit denen sie versuchten, den Herausforderungen in der Fremde zu begegnen. Sie griffen auf frühere Netzwerke zurück oder schufen neue Kommunikationsräume. Politische, kulturelle, religiöse und sprachliche Bindungen spielten dabei eine entscheidende Rolle. Denn die Migranten kamen nicht nur aus unterschiedlichen Regionen Mittel- und Osteuropas wie etwa dem Baltikum, Polen, Rumänien oder Galizien. Sie stammen auch aus verschiedenen sozialen Schichten: Die meisten von ihren waren mittellose, traditionell lebende und jiddisch sprechende Flüchtlinge, die im Scheunenviertel wohnten. Daneben gab es aber auch russisch akkulturierte Kaufleute, Künstler und Intellektuelle, die nicht selten in Berlin studiert hatten und daher Deutsch bereits beherrschten, als sie vornehmlich in den Westen der Stadt, nach Charlottenburg, zogen.

Die Beiträge beleuchten daher verschiedene Kulturbereiche: So geht um die durch die Berlin-Erfahrung entstandene Literatur von Autoren wie David Bergelson (1884-1952) oder Viktor B. Schklowski (1893-1984), um Caféhaus-Existenzen jiddisch- und hebräischsprachiger Bohèmiens sowie um die deutsche Hauptstadt als einem „International Yiddish Press Center“. Es werden ferner russisch-jüdische Themen behandelt wird, in denen als „Berlin als Ort der Vermittlung“ fungiert – wie beispielsweise bei den Übersetzungen der Werke des Historikers Simon Dubnow (1860-1941) ins Deutsche und Englische. Der Umgang mit der Revolution, ihre Folgen für das Leben der osteuropäischen Juden in Berlin und deren Reaktion darauf, die Unterstützung wie Bekämpfung des Kommunismus, zur Zeit der Weimarer Republik sind ein weiterer Untersuchungsgegenstand.

Das rege geistige Leben in diesen Kreisen beschränkte sich nicht nur auf Berlin, sondern war durch die vielen Kontakte ein kosmopolitischer. Die Aufsätze beschäftigen sich mit damals entstandenen Zeitungs- und Buchverlagen, die russisch-, jiddisch- und hebräischsprachige Arbeiten publizierten und die Strahlkraft über die Stadt hinaus hatten. Es wurden (Selbsthilfe-)Organisationen gegründet oder Zweigstellen bestehender wie der zwischen 1921 und 1943 in Berlin tätigen „ORT“ (Organisation-Rehabilitation-Training) eröffnet, die im Westen Spenden sammelte und im Osten verbliebene Juden oder solche, die es aus ihrer Heimat fortzog, durch Ausbildungen in Handwerk und Landwirtschaft förderte. Es wurden darüber hinaus Sprachkurse in Hebräisch angeboten, um die zionistische Bewegung in Deutschland zu stärken und diejenigen, die nach Palästina auswandern wollten, adäquat darauf vorzubereiten.

Dadurch blieben die Migranten in Berlin nicht nur unter sich, sondern gingen auch auf die deutsch-jüdische Bevölkerung zu. Die Vernetzung wurde gesucht, wenn auch die Schwierigkeiten in der Verständigung aufgrund unterschiedlicher Sozialisation und Mentalität nicht selten groß waren. Mit der Kanzlerschaft Adolf Hitlers sollte sich die Lage für beide Gruppen jedoch drastisch verschlechtern: Deutschland, das viele der Emigranten bis dahin als eine Zufluchtsstätte betrachtet hatten, wurde nun selbst zu einem gefährlichen Aufenthaltsort. In der Anfangszeit galt dies stärker für die deutschen Juden, da die osteuropäischen meist durch ihre fremden Staatsangehörigkeiten noch geschützt wurden.

„Eine Demontage des Stereotyps vom ,Ostjuden‘“, dieses von den Herausgeberinnern angestrebte Ziel für „Transit und Transformation“, wird durch die darin versammelten, informativen und flüssig zu lesenden Beiträge erreicht. Denn die Aufsätze bieten anschauliche Einblicke in die dynamische Lebenswelt osteuropäisch-jüdischer Migranten: Zwar waren nicht wenige von ihnen wirtschaftlich schlecht gestellt, jedoch nicht wurzel- und kulturlos, wie damals oft von rechtsgerichteter Seite behauptet wurde. Die Beiträge weisen in zahlreichen Einzelbeispielen nach, wie vielseitig im Gegenteil ihre Aktivitäten in Berlin auf sozialer und kultureller Ebene gewesen sind und welch große Schaffens- und Strahlkraft sie besaßen. Der vorliegende Band, der erste der Reihe „Charlottengrad und Scheunenviertel“, lässt für die Zukunft auf weitere Studien hoffen, die bisher wenig erforschte Aspekte osteuropäisch-jüdischen Lebens untersuchen und damit die Kulturgeschichte Berlins insbesondere zwischen 1918 und 1933 um neue Facetten bereichern.

Titelbild

Verena Dohrn / Gertrud Pickhan (Hg.): Transit und Transformation. Osteuropäisch-Jüdische Migranten in Berlin 1918-1939.
Wallstein Verlag, Göttingen 2010.
340 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783835307971

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