Ein gehobener Schatz

Alison Castles eindrucksvolle Spurensuche in „The Stanley Kubrick Archives“ zeigt einen großen Künstler in all seinen Facetten

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 1928 in der Bronx geborene Stanley Kubrick gehört ohne Zweifel zu den herausragendsten Regisseuren des amerikanischen Kinos. Sein Œuvre ist mit 13 Spielfilmen zwar recht schmal, aber von einer beeindruckenden Qualität. Filme wie „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) oder „Uhrwerk Orange“ (1971) zählen zu den Meilensteinen der Filmkunst. Doch so sehr seine Filme in der Kritik bewundert wurden, ihm selbst haftete immer der Ruf eines Exzentrikers an, der noch so winzige Szenen manisch wiederholen ließ, bis die Schauspieler erschöpft zusammenbrachen. Doch Kubrick war weniger der „Wahnsinnige“, als den ihn viele sahen, als vielmehr ein Perfektionist, der auch noch auf das kleinste Detail achtete und so in der Lage war, einen wirklich nahezu perfekt durchdachten Film zu schaffen.

Dabei liebte es Kubrick, mit eingefahrenen Konventionen zu brechen. Den Vietnam-Film „Full Metal Jacket“ (1987) drehte er vollständig im Studio, die konsequente Zweiteilung des Filmes und der „fehlende“ Dschungel, der als Kulisse seit Francis Ford Coppolas „Apokalypse now“ (1979) und Oliver Stones „Platoon“ (1986) als unabdingbar galt, irritierte die Zuschauer. „Meiner Meinung nach wird das Drehen außerhalb des Studios überbewertet“, so Kubrick in seinen, im Textteil des schlicht „The Stanley Kubrick Archives“ betitelten Bandes enthaltenen „Notizen eines Regisseurs“, „für eine psychologische Geschichte […], wo das Hauptaugenmerk auf den Charakteren und deren Gefühlen liegt, scheint mir das Studio der beste Ort. In einer Kulisse kann sich der Schauspieler besser konzentrieren und sein Potential ganz und gar ausschöpfen.“ Und so war auch „Full Metal Jacket“ mehr ein psychologisches Kammerspiel als ein actionreicher „Antikriegsfilm“.

Von der Person hinter den Filmen, von der Arbeit des Regisseurs, Produzenten und Autor Kubrick erfuhr man jedoch nur knappe Anekdoten, dokumentarisches Material zu Leben und Werk war rar gesät. Erst nach Kubricks Tod, kurz nach der Beendigung der Schnitzler-Verfilmung „Eyes Wide Shut“, gab die Dokumentation „A life in pictures“ (2001) von Kubricks Schwager Jan Harlan einen kleinen Einblick. Das vorliegende Buch der amerikanischen Journalistin Alison Castle behebt diesen Missstand auf eine eindrucksvolle Weise. Ihre „Ausgrabungen“, die sie mit Unterstützung von Jan Harlan und Kubricks Frau Christiane in den persönlichen Archiven auf dessen Anwesen in England tätigte, fördert auf knapp 550 Seiten einen geradezu atemberaubenden Schatz zutage: Bislang unveröffentlichte Filmsequenzen, Setfotos, Drehbuchentwürfe, Storyboards und Pläne zeigen die akribische Arbeit, die Kubrick in jeden seiner Filme investierte. Mehr als 800 Fotos illustrieren ein Werk, das, so die Kritik, „beinahe nur aus Klassikern“ besteht. Castles Buch ist beinahe eine Art Forschungsdokumentation, eine eklektische Sammlung, die versucht, Kubricks schöpferischen Werdegang nachzuverfolgen.

Die großformatigen Fotos werden glänzend reproduziert, gerade den Bildern, die Kubrick selbst gemacht hatte, merkt man dessen Erfahrung als professioneller Fotograf deutlich an. Castle geht dabei chronologisch vor, der erste Teil widmet sich den Filmen von „Kiss me, kill me“ (1954) bis „Eyes Wide Shut“ (1999), der zweite Teil des Buches dem „Kreativen Prozess“ des Filmemachens. Und sind bereits die Bilder zu den Filmen eines der Highlights des Buches, so ist der zweite Teil eine wahre Fundgrube nicht nur für den Kubrick-Fan, sondern auch für den Medienwissenschaftler. Castle hat hier verschiedene Essays zu den einzelnen Filmen und dem gesamten Œuvre Kubricks zusammengestellt, die die verschiedenen Facetten des Werkes illustrieren.

Dazwischen finden sich immer wieder Interviews mit Kubrick, in denen er seine Sicht zu bestimmten Fragen des künstlerischen Prozesses näher erläutert. Ergänzt werden diese Ausführungen mit bislang unveröffentlichtem Material aus dem Privatarchiv, etwa dem Entwurf seiner Satire „Dr. Seltsam“ als, so wörtlich auf dem Deckblatt, „serious version“. Ausführlich widmet sich Castle auch den nicht zustande gekommenen Projekten Kubricks, etwa dem „Epic that never was“, „Napoleon“. Die Dokumentation des Projektes und die Fotos seiner Karteikartensammlung zeigen, wie akribisch sich der Regisseur auch noch das kleinste Detail zu seinem Stoff notierte, Skizzen zur korrekten Kleidung der Charaktere zeichnete und Probefotos mit historischen Uniformen schoss.

Der Taschen Verlag hat zum 25-jährigen Jubiläum eine Neuauflage der längst vergriffenen, limitierten Ausgabe von Castles „The Stanley Kubrick Archives“ veröffentlicht, bei der der Leser zwar auf ein Stück des Originalstreifens der 70-mm-Kopie von „2001“ und die Audio-CD verzichten muss, die aber für jeden Kubrick-Kenner und -interessierten unverzichtbar ist. Der deutschen Version ist darüber hinaus eine Broschüre mit den Übersetzungen der originalen, englischsprachigen Essays beigelegt.

Titelbild

Alison Castle (Hg.): The Stanley Kubrick Archives.
Taschen Verlag, Köln 2008.
544 Seiten, 49,99 EUR.
ISBN-13: 9783836508896

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