Menschen vor Gericht

Die Fotografien Leo Rosenthals aus den Jahren 1926 bis 1933 zeigen ihn als genauen Beobachter nicht nur des Justizalltags der Weimarer Republik

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Es war nicht erlaubt zu photographieren. Ich sass auf der Zeugenbank – in der zweiten Reihe; versteckte die Camera hinter dem Rücken der Person, die vor mir sass und machte die Aufnahme seitwärts. Links von Hitler sitzt Stennes. Es ist interessant Stennes aufrechte Haltung mit Hitlers Sitzungsweise zu vergleichen“, kommentiert Leo Rosenthal sein 1931 während des Edenpalast-Prozesses entstandenes Foto. Der spätere „Führer“, in Zivil und servil nach vorne gebückt, lauscht der Verhandlung gegen Mitglieder des SA-Sturms 33. Im November 1930 hatten diese eine Veranstaltung des Arbeitervereins „Wanderfalke“ im Berliner Tanzlokal Eden mit Waffengewalt angegriffen. Hans Litten, Rechtsanwalt und Vertreter der Nebenklage, hatte daraufhin im Mai 1931 eine Vorladung Hitlers und seines Parteigenossen Stennes erreicht, um zu beweisen, dass der Terror der SA gegen ihre Gegner eine von der Parteispitze angewandte Taktik sei, die demokratischen Strukturen der Weimarer Republik zu destabilisieren.

Der Edenpalast-Prozess ist nur einer von vielen politisch motivierten Verfahren, die in der Endphase der ersten deutschen Demokratie stattfanden. Neben diesen Prozessen gab es zahlreiche andere, bei denen es um Wirtschaftsdelikte und Kapitalverbrechen ging, in denen prominente Persönlichkeiten selten als Zeugen geladen wurden. Leo Rosenthal (1884-1969) hat sie begleitet: Ab 1920 war er als Gerichtsreporter für den sozialdemokratischen „Vorwärts“ und später auch für liberale Blätter tätig, ab 1926 dann zusätzlich als Gerichtsfotograf, der seine Aufnahmen heimlich machte, da Bilder zu schießen nicht erlaubt war, jedoch von Seiten der Richter oft geduldet wurde. Im März 1933, nach der „Machtergreifung“ der Nazis, erschien seine letzte Reportage, da er trotz seiner lettischen Staatsbürgerschaft als Jude nicht mehr die Möglichkeit hatte, seine Tätigkeit fortzusetzen. Nach Aufenthalten in Riga (1933/34) und Paris (1934-1940) floh er über Nordafrika nach New York, wo er als freiberuflicher Fotograf bei den Vereinten Nationen arbeitete und bis zu seinem Tod 1969 lebte.

Anlässlich seines 40. Todestages hat das Landesarchiv Berlin, das inzwischen den Nachlass des Fotografen betreut, eine Ausstellung mit dem Titel „Leo Rosenthal – ein Chronist der Weimarer Republik“ veranstaltet. Damit sollte nicht nur die Aufarbeitung der circa 1.500 im Archiv befindlichen Glasplatten, Negative und Abzüge, sondern zugleich die Wiederentdeckung des bisher vergessenen Reporters eingeläutet werden. 2011 ist ein bilingualer, deutsch- und englischsprachiger Katalog mit 99 Tafeln in Duotone und 24 Abbildungen erschienen, dessen Bildauswahl auf der Schau basiert und sie ergänzt. Fünf Beiträge führen zu Beginn, jedoch nur auf Deutsch, in das Leben und Werk Rosenthals ein, zum anderen skizzieren sie die „Anfänge und Umstände des Fotografierens in deutschen Justizverfahren“.

In Riga in wohlhabenden Verhältnissen geboren, erlernte Rosenthal früh die deutsche Sprache und ging nach seinem Abitur 1902 ins estnische Dorpat, wo er 1911 sein Jurastudium beendete und bis zur Russischen Revolution in Moskau als Anwalt tätig war. Unter dem Ministerpräsidenten Alexander Kerenski wirkte als Direktor des Taganka-Gefängnisses, dessen sozialrevolutionärer Partei er wohl angehörte oder zumindest nahe stand. Nach der Machtübernahme der Bolschewiki arbeitete er wieder als Strafverteidiger, bis für ihn nach dem Verbot der Berufsausübung für Nicht-Sowjetbürger neben der politischen auch die wirtschaftliche Situation prekär wurde. Daraufhin entschloss er sich, wie viele andere osteuropäische Juden, nach Berlin zu migrieren, wo er als Gerichtsreporter neben dem „Vorwärts“ später etwa auch für das „8-Uhr-Abendblatt“ und die Zeitschrift „Volksfunk“ schrieb. Versuche des lebenslang Unverheirateten und Kinderlosen, etwa eine Anstellung in Genf zu erhalten, scheiterten an Rosenthals mangelnden Französischkenntnissen. Daher blieb er in Berlin und erweiterte seine Tätigkeit, indem er anfing, wie sein berühmter Kollege Erich Salomon (1886-1944) heimlich Fotos bei Prozessen zu machen.

Der Großteil des Rosenthal-Bandes zeigt den deutschen Justizalltag zwischen 1926 und 1932. Auf den meist in den Gerichtssälen von Berlin-Moabit geschossenen Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen sind „Straßenmädchen wegen Raubes angeklagt“, Damen aus der hohen Gesellschaft (Rosenthals Kommentar: „Auch vor Gericht ist die Freifrau immer noch Freifrau“), der Lebensreform-Bewegung anhängende „Naturmenschen“ und Diebe, deren Befragung ungewollt komisch wirkt. Die Aufnahme zeigt einen Mann ohne Beine auf seinen Stumpen, der die Tische gerade überragt: „Richter: Wie konnten sie bei ihren Beinen das Auto stehlen? Der Krüppel: Weshalb sollte ich denn nicht gekonnt haben? War ja ganz einfach.“ Neben diesen Bildern der meist „kleinen“ Leute folgen solche von Prozessen gegen Sozialdemokraten wie Ernst Reuter, Kommunisten wie Willy Münzenberg und Nationalsozialisten wie Joseph Goebbels.

Einen noch größeren Raum als die politischen Prozesse nehmen die Aufnahmen von Skandal- und Sensationenverfahren in dem Band ein. Aufsehend erregend war etwa der Prozess gegen die Brüder Sass, die von Rosenthal in einem Doppelporträt im Profil aufgenommen wurden. Die beiden Männer wurden verdächtigt, in eine Berliner Bank eingebrochen zu sein und den Tresor geleert zu haben. Mangels Beweisen wurden sie jedoch genauso freigesprochen wie die „Tscherwonzenfälscher“. Zwei Deutschen und zwei Georgiern wurde zur Last gelegt, sowjetische Banknoten (Tscherwonzen) gefälscht zu haben. Durch ihre Ausbreitung sollte die sowjetische Währung destabilisiert und damit die Regierung in Moskau gestürzt werden. Das Gericht sah es jedoch als erwiesen an, dass die Noten niemals in Umlauf gewesen waren, da sie noch vor der Ausgabe von der deutschen Polizei beschlagnahmt worden seien.

Rosenthals Aufnahmen sind, da sie heimlich aufgenommen wurden, gelegentlich etwas unscharf und, wie Bianca Welzing-Bräutigam in ihrem Aufsatz über den Fotografen bemerkt, „nicht immer gut belichtet oder zeigen die abgebildeten Personen angeschnitten. Trotzdem hielt er Momente oft genau dann fest, wenn sich wichtige oder dramatische Situationen ereigneten.“ Sie fährt fort: „Sein Stil hat dokumentarischen Charakter. Obgleich er die Menschen in einer für sie ungeschützten Situation fotografierte, erscheint sein Blick nicht voyeuristisch, er führte sie nicht vor.“ Rosenthal fängt die Atmosphäre im Gerichtssaal, die Stimmung von Angeklagten, Zeugen und Zuschauern im „richtigen“ Moment ein. Dem Kulturhistoriker und Erich-Salomon-Experten Janos Frescot ist zuzustimmen, wenn er in seinem Beitrag „Mehr als Illustrationen“ schreibt, dass jener einen „sehr guten Blick für Haltungen, Gesten und Körpersprache“ hatte. Als Beispiel sei Julius Meier-Graefe genannt, den Rosenthal während seiner Zeugenausgabe im Prozess um Otto Wacker und die gefälschten Van-Gogh-Bilder aufnahm, wie dieser mit großer Leidenschaft scheinbar seine Expertisen zu verteidigen scheint.

Nicht groß, aber dennoch beachtlich ist die Zahl der Prominenten, die Leo Rosenthal als Zeugen oder Zuschauer fotografiert: Es finden sich unter anderem Albert Einstein und Magnus Hirschfeld, Robert Musil und Kurt Hiller, die Schauspielerinnen Gitta Alpar und Marta Eggerth. Die weiteren Abschnitte widmen sich der Sozialdemokratie und den „kleinen Leuten“, denen die Sympathien des Fotografen galten, wie Welzing-Bräutigam schreibt. Aufnahmen vom Leipziger SPD-Parteitag 1931, von den Demonstrationszügen der „Eisernen Front“ und der letzten Kundgebung der Partei im März 1933 wechseln ab mit „Berliner Szenen“: Bilder von Fußballspielbesuchern und Schaustellern auf einem Rummel, pausierenden Lastenträgern und Prostituierten. Sehr eindrucksvoll sind schließlich die sozialdokumentarischen Fotos vom „Jugendwandererheim der Stadt Berlin“, in dem obdach- und erwerbslose Jugendliche betreut wurden. Konträr zu ihnen stehen die Bilder aus der „Zeltstadt ,Indianerwäldchen‘“, wo die meist jungen Leute im Sommer vor der „Machtergreifung“ ein letztes Mal unbeschwert campen konnten.

Die hier veröffentlichten Aufnahmen vor allem aus den Jahren 1929 bis 1932 ermöglichen uns einen neuen Blick auf den Justizalltag der Weimarer Republik. Zwar meist aus der Schlüssellochperspektive, jedoch ohne die Personen vorzuführen oder gar lächerlich zu machen. Sie dokumentieren die schwierige Situation der deutschen Gesellschaft in der damals an politischen, sozialen und ökonomischen Krisen reichen Epoche. So sind die Fotos in mehrfacher Hinsicht von großem Wert: Als Querschnitt halten sie nicht nur historische Persönlichkeiten und Ereignisse fest, sondern dokumentieren auch die Schicksale der „einfachen“ Bevölkerung. Aber auch für sich allein als „bloße“ Aufnahme handelt es sich bei ihnen in den meisten Fällen um kleine, kostbare Kunstwerke. Schließlich sind sie, fotogeschichtlich gesehen, wie Uwe Schaper, der Direktor des Berliner Landesarchivs, schreibt, auch „beeindruckende Zeugnisse des Bildjournalismus“.

Indes stellen die Aufnahmen, wie Frescot schreibt, „nur einen kleinen Ausschnitt aus einem Werk dar, über dessen Ausmaß und Inhalte nur spekuliert werden kann“. Welzing-Bräutigam spricht an einer Stelle von einem aus über 300.000 Fotografien bestehenden Lebenswerk. Die Berliner Landesbildstelle, die 1968 circa 3.000 Abzüge und Negative erwarb, aufgrund eines Transportschadens aber nur etwa 1.500 erhielt, besitzt auf jeden Fall nur einen kleinen Teil dessen, was Leo Rosenthal über die verschiedenen Stationen seines langen Lebens angesammelt und bis zu seinem Tod bewahrt hat. Die Ausstellung und der Fotoband des „Chronisten der Weimarer Republik“ sind der erste Schritt auf dem Weg, sein bisher nur fragmentarisch bekanntes Werk einem größeren Publikum zugänglich zu machen und den ihm gebührenden Platz in der Geschichte der deutschen Gerichts(foto)reportage zu verleihen.

Titelbild

Landesarchiv Berlin / Rechtsanwaltskammer Berlin (Hg.): Leo Rosenthal. Ein Chronist in der Weimarer Republik. Fotografien 1926 - 1933.
Schirmer/Mosel Verlag, München 2011.
159 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783829605649

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