Identitätszellen der Moderne

Ines Lauffer legt eine innovative kulturpoetische Studie zum Wohndiskurs ´der Neuen Sachlichkeit vor

Von Jörg SchusterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Schuster

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Methodische Moden führten in den letzten Jahrzehnten oftmals eher zum Bedienen von Jargons als zu originellen und genauen Untersuchungen. Dass aber neuere Ansätze wie Kulturpoetik oder Kultursemiotik samt des durch sie inspirierten ‚spatial turn‘ doch zu überaus innovativen und exakten Analysen führen können, belegt die Dissertation von Ines Lauffer „Poetik des Privatraums. Der architektonische Wohndiskurs in den Romanen der Neuen Sachlichkeit“. Die Studie zeigt, dass es immer noch möglich ist, durch eine neuartige Fragestellung den Blick auf eine ganze literaturgeschichtliche Periode zu verändern. So konzentrierte man sich in der Untersuchung der Neuen Sachlichkeit bislang zumeist auf Phänomene wie die ‚sachliche‘ Reportageform oder die Darstellung der Massenkultur; Aspekte wie Subjektivität und Privatheit schienen demgegenüber kaum von Belang. Analog interessierte die urbane Architektur der 1920er-Jahre nur, wenn sie, etwa durch den Blick des Flaneurs, als Außenraum wahrgenommen wurde.

Hier setzt die Untersuchung von Ines Lauffer an. Sie versucht, „die in der neusachlichen Literatur gezeichneten Subjektentwürfe herauszuarbeiten“, indem sie die in Romanen der Weimarer Republik geschilderten Interieurs untersucht. Die im Kontext des ‚Neuen Bauens‘ konzipierten Innenräume, so die überaus spannende These, fungierten für die Protagonisten als „Identitätszellen“. Zwar lässt sich fragen, ob es sich beim von der Autorin festgestellten Zusammenspiel von Wohnkonzept, Privatheit und „Selbsterfindung“ wirklich um ein proprium des hier untersuchten Zeitraums handelt; denn die ‚Erfindung des Privaten‘ im Bereich des Wohnens geht bekanntlich auf die Zeit um 1800 zurück, und ein Verweben des Subjekts in das Kokon des Interieurs lässt sich bereits im späten 19. Jahrhundert beobachten. Allerdings sind, wie Lauffer überzeugend darstellt, der Wohndiskurs und die Konstruktion von Subjektivität in den Texten der Neuen Sachlichkeit auf eine spezifisch moderne Weise miteinander verbunden: „Als die Architekten ihre Modelle entwarfen, bauten sie für einen Neuen Menschen, der in ihren Traktaten und Zeichnungen stummer Bewohner geblieben ist. Es bedurfte der Autoren der Neuen Sachlichkeit, um diesen Neuen Menschen zum Leben zu erwecken.“

Die Untersuchung überblickt auf souveräne Weise beides, den architekturtheoretischen Diskurs und die Romane der Neuen Sachlichkeit. Um ihre Hypothese zu belegen, bietet die Autorin so zum einen eine beeindruckende ‚dichte Beschreibung‘ des Wohndiskurses der 1920er-Jahre und zum anderen eine genaue Analyse von Romanen der Neuen Sachlichkeit. Ohne sich in Materialfülle zu verlieren, werden prominente Architekturpublikationen ebenso ausgewertet wie abseitigere Quellen, zahlreiche Abbildungen bis hin zu architektonischen Skizzen und Grundrissen illustrieren die Argumentation.

Besonders überzeugend gelingt die aus dieser Perspektive erfolgende Neulektüre im Fall von Siegfried Kracauers Roman „Ginster. Von ihm selbst geschrieben“ (1928), in dem, ganz dem Architektur-Diskurs der Zeit entsprechend, die Auflösung der Grenzen zwischen innen und außen als Ideal beschrieben wird. Demgegenüber wirkt in der Interpretation von Joseph Roths „Hotel Savoy“ (1924) die Analogie zwischen materialen Leerräumen im Text und dem im Roman geschilderten „Liftschacht, um den herum sich Zimmer gruppieren“, etwas überzogen. Sehr einsichtig ist hingegen wieder die Interpretation von Irmgard Keuns „Gilgi – eine von uns“ (1931). Hier wird nicht nur demonstriert, wie die Konstruktion eines eigenen Privatraums zur Etablierung einer eigenen weiblichen Identität führt; gezeigt wird auch, wie dieser auf der Inhaltsebene erreichte ‚Fortschritt‘ zugleich durch das Erzählverfahren in Frage gestellt wird, da die Gilgis Innenleben inspizierende Erzählperspektive ihren Wunsch nach einer abgegrenzten Intimsphäre desavouiert.

Ähnlich luzide wird Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ (1932) kulturpoetisch-dekonstruktiv unter die Lupe genommen. Auf originelle Weise wird der Roman im Kontext von Paul Schmitthenners traditionalistischer Moderne gelesen. Aus dieser Perspektive erscheint er keineswegs mehr nur als Geschichte eines Scheiterns; vielmehr werden erneut die produktiven Potentiale einer Sehnsucht nach dem Privaten aufgezeigt – auch hier wird Identität durch Abgrenzung erlangt, die in der Form des Wohnens erfolgt. Abermals stehen dabei jedoch Form und Inhalt in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander: „Über den discours schleicht sich die ausgesparte, exterritorialisierte, aus dem Bewusstsein der Protagonisten zusehends ausgeschlossene Metropole wieder ein – in Form von unmittelbarer Nähe, unentwegten Dialogen und ununterbrochener Hektik.“

Selten findet man in einer Untersuchung kulturhistorisches Wissen, genaue Textanalyse und eine kritisch-dekonstruktive Perspektive auf so ideale Weise vereint. Dass die Studie daneben – trotz einiger unkorrigiert gebliebener orthografischer Fehler – stilistisch glänzend geschrieben ist, macht die Lektüre zum Genuss.

Titelbild

Ines Lauffer: Poetik des Privatraums. Der architektonische Wohndiskurs in den Romanen der neuen Sachlichkeit.
Transcript Verlag, Bielefeld 2011.
356 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-13: 9783837614985

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