Orientierung durch Übersicht

Die Beiträge im „Lexikon der Globalisierung“, herausgegeben von Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll und Andre Gingrich, beleuchten das Phänomen aus sozialanthropologischer Sicht

Von Josef BordatRSS-Newsfeed neuer Artikel von Josef Bordat

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das „Lexikon der Globalisierung“ liegt schwer in der Hand. Der Kompass auf dem Einband zeigt an, worum es geht: Um Orientierung in einem unübersichtlichen Sujet, um Richtungsangabe, um Wegweisung. Das Schiff, das sich „Globalisierung“ nennt, schippert über die Weltmeere, verteilt Ideen und Güter rund um den Erdball. Es näher zu betrachten, seinen Motor (oder braucht es zum Antrieb nur besondere Segel, die den ohnehin vorhandenen Wind optimal aufnehmen?), seine Ladung, seine Passagiere – das ist seit zwei Jahrzehnten die Aufgabe fast aller sozialwissenschaftlicher Disziplinen.

Nun haben sich mit Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll und Andre Gingrich drei ausgewiesene Sozialanthropologen des Phänomens angenommen. Ihr Vorhaben, die Globalisierung informativ und alltagstauglich aufzubereiten, gleichermaßen mit Gewinn lesbar für Fachleute und interessierte Laien, floss in ein 500-Seiten-Nachschlagewerk mit 102 Hauptartikel im Umfang von je 3-5 Seiten und 43 Kurzeinträgen über je 1 Seite. Das „Lexikon der Globalisierung“ soll die Orientierung verschaffen, die der Kompass auf dem Titel verspricht. Wodurch zeichnet sich ein gutes Lexikon aus, also eines, das diese Orientierungsleistung erbringt? Wenn man die sachliche Richtigkeit in den Beiträgen einmal voraussetzt, was man im Wiki-Zeitalter (auch so ein Resultat der Globalisierung) ja nur noch mit Bauchschmerzen tut, so sind es vor allem die Vollständigkeit und die Übersichtlichkeit, die die Qualität eines Nachschlagewerks ausmachen.

Übersichtlichkeit ist die wohl größte Stärke des Werkes. Die 102 Hauptartikel sind sinnvoll gegliedert: Zu Beginn wird in einem grau unterlegten Kasten eine Begriffsdefinition gegeben, die auch bei komplexen Konzepten kurz und prägnant ist. Dieser Bestimmung des Gegenstand folgt die Geschichte der Begriffsverwendung. In welchen Kontexten tauchte der Begriff auf, wie wurde er verwendet, was versteht man heute darunter? In einer sich anschließenden Diskussion wird das Konzept unter Hinweis auf die theoretischen Fachdebatten kritisch gewürdigt, ehe seine praktische Relevanz vorgestellt wird und das Phänomen damit im Alltag ankommt. Die benutzte und weiterführende Literatur wird angegeben. Die Verzeichnisse im Anhang helfen, auch die nicht in Artikelform behandelten Themen rasch aufzufinden.

Die Vollständigkeit ist ein Kriterium enzyklopädischer Aufarbeitung eines Gegenstandes, das umso weniger zu erfüllen ist, je unklarer der Gegenstandsbereich abgegrenzt wird. Die Globalisierung ist ein Topos, der „alles“ umfasst und daher gar nicht vollständig dargestellt werden kann. Die Auswahl der Artikel muss daher immer aus einer bestimmten Perspektive erfolgen; hier ist es eine kulturwissenschaftliche, insbesondere sozialanthropologische. Dabei steht, dem Gegenstand angemessen, oft die religionswissenschaftliche Sicht im Vordergrund, auch die von Experten zu bestimmten Konfessionen.

Leider behandelt jedoch der eine oder andere Artikel das zu besprechende Thema nicht erschöpfend. Beispiel: „Missionierung“. Hier erfährt der Ratsuchende allerhand über christliche Mission in Geschichte und Gegenwart, in kritischem Ton, aber durchaus auch darum bemüht, die weltliche Leistung der Missionare angemessen darzustellen, es fehlt jedoch ein Hinweis auf die Expansionsbemühung unter dem Deckmantel einer islamischen Mission, die in der Globalisierung heute wohl diejenige ist, die kulturell und sozial die problematischsten Verwerfung mit sich bringt. Dagegen wird im Artikel „Säkularisierung“ fast ausschließlich der Islam behandelt, so als gäbe es „in der Praxis“ zwischen Religion und Gesellschaft nur in diesem Kontext eine berichtenswerte Spannung zu „beobachten“.

Man muss also die Beiträge des „Lexikon der Globalisierung“ im Zusammenhang lesen, sie ergänzen sich, sind vielfältig aufeinander bezogen und ergeben nur in der Summe ein stimmiges Bild. Die Konzentration auf die sozialanthropologische Sicht ist jedoch alles in allem eine weitere Stärke, auch wenn es etwas befremdet, Themen wie das „Völkerrecht“ oder den „Welthandel“ aus dieser Perspektive besprochen zu finden. Das Buch zu Rate zu ziehen, ist aber in der Tat auch und gerade dann angebracht, wenn spezielle, etwa rechtliche und ökonomische Fragen der Globalisierung behandelt werden. Hier können die Beiträge in ihrer historischen und ethnologischen Perspektive wertvolle Ergänzungen zum Fachwissen bieten und in einigen Fragen auch eine Umorientierung anregen. Das „Lexikon der Globalisierung“ erfüllt daher seine Funktion als Nachschlagewerk voll und ganz.

Titelbild

Andre Gingrich / Fernand Kreff / Eva-Maria Knoll (Hg.): Lexikon der Globalisierung.
Transcript Verlag, Bielefeld 2011.
527 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783837618228

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