Dem Rotstift des Zensors auf der Spur

Ein von Bernd Kortländer und Enno Stahl herausgegebener Sammelband beleuchtet die Arbeitsweise und die Auswirkungen der preußische Zensur im 19. Jahrhundert

Von Barbara TumfartRSS-Newsfeed neuer Artikel von Barbara Tumfart

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In letzter Zeit wird zunehmend in Zusammenhang mit dem traditionellen Begriff der Zensur als Unterdrückungsinstrument und institutionelle Überwachung sprachlicher Äußerungen eine allgemeine Auffassung von Zensur als Vorgang jeglicher Selektion unter dem Schlagwort New Censorship ins Spiel gebracht. In dieser neuen Sichtweise von Zensur ist somit jeder Sprechakt zensuriert.

Im vorliegenden Sammelband „Zensur im 19. Jahrhundert“ von Bernd Kortländer (Stellvertretender Direktor des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf und Leiter des Archivs) und Enno Stahl (wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rheinischen Literaturarchiv des Heinrich-Heine-Instituts) steht allerdings der traditionelle Zensurbegriff im Mittelpunkt der darin versammelten Beiträge. Die Zensur als institutionelles Überwachsungsinstrument in Preußen des 19. Jahrhunderts, der Aufbau und die Organisation der Zensurinstanzen, ihre Funktions- und Operationsweise werden in den Beiträgen, die auf ein vom Rheinischen Literaturarchiv im Oktober 2009 organisiertes Kolloquium zurückgehen, näher beleuchtet.

In seinem einführenden Beitrag beschäftigt sich Bernd Kortländer mit Heinrich Heine und seinen unterschiedlichen Strategien im Umgang mit der Zensur. Heines Schriften waren von 1831 an bis zu seinem Tod mit ganz wenigen Ausnahmen allesamt von der preußischen Zensur verboten worden. Heine versuchte eine doppelte Strategie, um literarisch zu überleben. Durch eine Art verdecktes Schreiben gelang ihm in gewisser Weise ein „Ideenschmuggel“ an der Zensur vorbei. Daneben scheute der Autor aber auch die direkte Auseinandersetzung mit der Zensur nicht. Auch in Zusammenarbeit mit dem gewieften Verleger Julius Campe konnte die Zensur teilweise umgangen und ausgetrickst werden. Der Herausgeber betont abschließend die Bedeutung von Archivalien für eine korrekte Untersuchung zensorischer Aktivitäten. Erst durch die Nutzung der Originaldokumente und einen Abgleich mit den erhaltenen Manuskripten kann der tatsächliche Einfluss der Zensur auf das dichterische Werk wirklich herausgearbeitet werden.

Der gut strukturierte Sammelband gliedert sich in fünf Kapitel, wobei das erste Kapitel einführend die Funktionen von Zensur bespricht. Kaspar Maase widmet seinen Beitrag dem Kampf gegen „Schmutz und Schund“ in der preußischen Rheinprovinz und Westfalen während des Ersten Weltkrieges. Nach einem Überblick über die neuere Debatte rund um den Zensurbegriff geht es im Hauptteil seines Beitrages um das Schundliteraturverbot des Stellvertretenden Generalkommandos in Münster von 1915. Das Militär und die von ihm ausgeübte Zensur agierte damit im Interesse der Bürgerschaft, die durch das Verbot vor allem die Jugend geschützt wissen wollte. Bodo Plachtas Aufsatz untersucht die Spuren von Zensur in den Druckwerken selbst. Autoren und Verleger machten durch die Sichtbarmachung der von dem Zensor gestrichenen Textstellen durch Leerstellen, Einfügen von Sternchen, Gedankenstriche und dergleichen auf die Zensureingriffe aufmerksam und nutzten dadurch indirekt die Zensur zur Erhöhung des Publikumsinteresses. Die so kenntlich gemachten Zensurlücken animierten die Leser den vermeintlich verpönten Text zu rekonstruieren und ermöglichten eine satirische Bloßstellung der Behörden.

Im Kapitel „Fallbeispiele“ stellt Christian Liedtke Zensurdokumente aus dem Archiv des Heinrich-Heine-Institutes vor. Amtliche und private Korrespondenzen als Zeugnisse für die Zensur des 19. Jahrhunderts geben mosaikartig Auskunft über den behördlichen Instanzverlauf bei der Zensurhandhabung. In den erhaltenen Dokumenten lassen sich die geschickten Reaktionen von Verlegern wie zum Beispiel Julius Campe nachlesen, der es bereits früh verstand, die Zensur auch zu eigenen Werbezwecken zu instrumentalisieren. Das Verhältnis zwischen Zensor und Autor kann durch die Korrespondenz zwischen Adolf Glaßbrenner und dem Zensur August Friedrich Langbein exemplarisch beleuchtet werden. Bernd Füllner untersucht die Entstehungs- und Zensurgeschichte der 1846/47 veröffentlichten sozialistischen Lyrikanthologie „Album“, die unter anderem Gedichte von Karl Beck, F. Freiligrath, Püttmann, Georg Weerth und Heinrich Heine enthielt.

Im dritten Kapitel des Sammelbandes dreht sich alles um die Zensurbehörden selbst und ihre spezifischen Kommunikationsprozesse. Enno Stahl beginnt seinen Beitrag mit einem Überblick über die Zensurregelungen und die Gesetzeslage in der Rheinprovinz und untersucht die vielfältigen Organisationsstrukturen und die mitunter komplizierte Befehlskette. Anhand einer Vielzahl von zitierten Originaldokumenten werden die verschiedenen Verwaltungsebenen und die Hierarchien der zuständigen Behördeninstanzen beleuchtet und ein umfassendes Bild über den realen Zensurverlauf geboten. Der daran anschließende Beitrag von Bärbel Holtz fokussiert auf das „Ober-Censur-Collegium“, das von Dezember 1819 bis zu seiner Auflösung im Jahre 1843 als wichtige Zensurinstanz agierte. In dem sehr detaillierten Bericht über Aufgabenfeld, Tätigkeitsbereich und institutionelle Verankerung des Collegiums werden auch die dort angestellten Personen näher vorgestellt und ihre literarisch-historische Position umschrieben.

Im vierten Kapitel des Bandes stehen die Verlage und der Buchhandel in ihrer Auseinandersetzung mit der Zensur im Mittelpunkt des Interesses. Christine Haug untersucht in ihrem Aufsatz die Auswirkungen des Föderalismus in Deutschland auf die Verlagsbranche und den Buchhandel. Durch die unterschiedlichen Territorialgrenzen, Zollschranken und Münzsysteme wurde die Handelsware Buch maßgeblich beeinflusst und das buchhändlerische Alltagsgeschäft erschwert. Erst mit Gründung des Rheinbundes und den damit verbundenen Wirtschafts- und Finanzreformen konnte es zu einer positiven Entfaltung des Buch- und Verlaggewerbes kommen. James M. Brophy stellt den vormärzlichen Verleger Heinrich Hoff aus Mannheim vor, der zwar nicht zu den größten Verlegern jener Zeit gehörte, sich aber bereits ab Anfang der 1840er-Jahre einen gewissen Ruf als oppositioneller Verleger erworben hat. Hoffs Beitrag im vormärzlichen Kulturtransfer zwischen Frankreich und Deutschland ist neben seinen erfolgreichen Strategien der Unterminierung der preußischen Zensur erwähnenswert.

Das fünfte Kapitel mit Beiträgen von Marek Rajch und Norbert Bachleitner schließt den Band mit einem „Ausblick über die Grenzen der Rheinprovinz“. Rajch analysiert die Einflüsse der preußischen Zensur auf das polnische Schrifttum im Zeitraum von 1848 bis 1918. Die Arbeitsweise und das Aufgabengebiet der Zensoren in der Posener Überwachungsstelle werden detailliert vorgestellt, wobei ein besonderes Augenmerk der preußischen Behörden der polnischen Presse galt, da diese in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem eine politische Ausrichtung hatte. Norbert Bachleitner stellt überblicksartig die Zensur der Habsburger vor, die nun auch mit Hilfe eines Forschungsprojektes zu den österreichischen Listen verbotener Bücher von 1750 bis 1848 näher untersucht werden kann. Die digitale Erschließung dieser Verbotslisten stellt eine wichtige Grundlage sowohl für die Zensurforschung, als auch für die österreichische Buch- und Lesergeschichte dar.

Die Zensurthematik ist ein weites, oft schwer zu überblickendes Forschungsfeld, das sich zudem aufgrund der meist schwer zugänglichen Quellen als ein schwieriges Terrain entpuppt. Der vorliegende Sammelband ist als ein eindrucksvoller Beweis zu werten, dass sich die mühsame und zeitintensive Recherche in Archiven und Aktenkonvoluten auszahlt, um den Bereich der reinen anekdotenhaften Abhandlung von Zensur zu verlassen und die tatsächliche Arbeitsweise der Zensurinstanzen und ihre realen Auswirkungen auf die Autoren, die Verleger, die Buchhändler, ja auf das kulturelle Leben einer Gesellschaft insgesamt zu beleuchten.

Titelbild

Enno Stahl / Bernd Kortländer (Hg.): Zensur im 19. Jahrhundert. Das literarische Leben aus Sicht seiner Überwacher.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011.
265 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783895288906

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