Philologie der Naturwissenschaften

Zum „Historischen Wörterbuch der Biologie“ von Georg Toepfer

Von Cathrin NielsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Cathrin Nielsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Nicht der Sieg der Wissenschaft ist das, was unser 19tes Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen Methode über die Wissenschaft.“ So notiert Friedrich Nietzsche im Frühjahr 1888. Methode, das meint das systematisierte Verfahren zur Erkenntnisgewinnung, ein Verfahren, das mit Beginn der Neuzeit ausdrücklich im Grundriss einer experimentell verfügbaren Natur voranschreitet. Das Zeitalter der Methode hält bis heute an und mündet in eine grundsätzlich technogene Realitätsauffassung, gemäß dem „technologischen Imperativ“, das ‚Erkannte‘ unablässig zu überholen und als geschichtlichen Müll hinter sich zu lassen. Ideengeschichtliche Betrachtungen sind hier obsolet, ja, wie der Kulturanthropologe Arnold Gehlen einmal spöttisch anmerkt, fast schon „ein Sonderfall ideologischen Verhaltens“.

Mit dem „Historischen Wörterbuch der Biologie“ liegt nun ein Werk zu einer fast versunkenen Disziplin vor, das die Biologie von einer gegenwärtig eher unterbelichteten Seite zeigt: von ihrer geschichtlichen. Sein Alleinautor, der bereits durch einschlägige Veröffentlichungen hervorgetretene Biologe und Philosoph Georg Toepfer, tritt hier auf eine ebenso kundige und kluge wie unspektakuläre Weise der technologischen Inanspruchnahme der Biologie und dem ihr impliziten dramatischen Vergessenmüssen entgegen. Statt auf die Methode oder die „Dynamik von Experimentalsystemen“, konzentriert er sich auf die „Wörter, Begriffe und Sachen“ als Gebilde, in denen sich Phänomenalität, Semantik und wissenschaftlicher Zugriff stets neu zusammenfügen und darin den materialen Geschichtskörper der Forschung bilden, ohne den sie buchstäblich leerläuft. Es geht eben, mit den Worten Reinhart Koselleks, „um langfristig wirksame Strukturen der Wissenschaft, nicht um Ereignisse“. Entschleunigung also ohne den Anspruch der Fixation, ein synoptisches Innehalten, dass sich dennoch an keiner Stelle dem bloß verrechnend Musealen verschreibt. Dass dabei nicht der vermeintliche Anspruch des Enzyklopädischen verfolgt wird, versteht sich durch ein Unternehmen, das sich in die Geschichtlichkeit der Worte, Ideen und Konzepte einreiht, von selbst: „Kein Wort steht still“, so ein Goethe entliehendes Motto des Wörterbuchs, und ein weiteres: „Bios. Se transformer et transformer pour conserver.“ (Paul Valéry)

Das Wörterbuch ist alphabethisch aufgebaut und versammelt in drei Bänden Artikel zu 112 theoretischen Grundbegriffen der Biologie, die soweit als möglich vollständig erfasst werden. Das bedeutet, ausgehend von der erstmaligen Verwendung des Wortes (Toepfer profitiert hier von den neuen digitalen Recherchemöglichkeiten; eine ständige Aktualisierung der Nachweise findet sich unter www.biological-concepts.com), in dem sich die Erschließung eines Phänomenbereiches niederschlägt, eine begriffsgeschichtlichen „Phylogenese der Wörter, der es um die Deszendenz und Variation von sprachlichen Einheiten“ geht, sowie einer „Ökologie der Wörter“, die sie in einen Kontext bettet. Dies erweist sich für die Biologie als besonders furchtbar; vollzieht sich doch der ‚Fortschritt‘ dieser immer auch deskriptiven Disziplin wesentlich nicht in revolutionären Paradigmenwechseln, sondern in der Kumulation. Zahlreiche bis heute grundlegende Einsichten sind uralt und dennoch nie ‚stehengeblieben‘; sie haben sich vielmehr im Laufe der Geschichte verfeinert, neu konfiguriert und gewandelt, ein Prozess, der ohne ihre Historie unverständlich bliebe: Ihre diachrone Tiefenstruktur bildet zugleich Fleisch und Skelett ihres aktuellen Verständnisses (man vergleiche dazu zum Beispiel die historisch-systematische Darstellung des Begriffes ‚Organismus‘).

Die Auswahl der Begriffe folgt systematisch der Auffassung von Biologie als einer „begriffszentrierten Naturwissenschaft“: Biologische Sachverhalte lassen sich weniger durch quantitative Gesetze darstellen als dadurch, dass man sie in ihrer Offenheit empirisch gehaltvoll ‚auf den Begriff bringt‘ (die Genese und innere Beweglichkeit dieser Hegel’schen Wortwendung eingeschlossen). Daher liegt das Hauptgewicht des „Wörterbuches“ auch nicht auf den gegenwärtig zu Leitdisziplinen avancierten Subdisziplinen Molekularbiologie, Genetik und Neurobiologie – da deren technogene, vor allem durch neue Formen der Visualisierung gewonnene Terminologie kaum begriffsgeschichtlich aufgeschlüsselt werden kann –, sondern auf denjenigen, die es klassischerweise mit dem ganzen Organismus zu tun haben (zum Beispiel Fortpflanzung, Ernährung, Umwelt, Vererbung, Krankheit, Physiologie, Regeneration, Konkurrenz oder Tod). Die Kontinuität dieser Begriffe, die nicht selten bis in die Antike zurückweist, erwächst nicht zuletzt daraus, dass diese in konstanten und konkret erfahrbaren Phänomenen gründen, die auch durch die größten Fortschritte niemals wesentlich modifiziert oder gar aufgehoben werden können: Sie bilden sogar den übergeordneten ‚Zweck‘ oder die ‚Funktion‘ für alle noch nicht gekannten Prozesse – einschließlich derjenigen, mit denen die innovativen Bio-Technologien heute zu der Natur in Konkurrenz zu treten vermeinen („Synthetische Biologie“). Der „teleologische oder funktionalistische Ansatz“ umfasst demnach den kausal-mechanistischen, was auf ihre Begriffsbildungen und deren inhärente Historie zurückweist: „Jede Struktur und jeder Prozess wird als Ergebnis eines vergangenen Evolutions- und Selektionsvorgangs zu deuten versucht. Allein aus dieser Perspektive ergeben die Dinge […] in der Biologie einen ‚Sinn‘.“

Als Wort- und Begriffsgeschichte reflektiert das „Historische Wörterbuch der Biologie“ zugleich auf die Tatsache, dass die Sprache ein konstitutives Medium auch der Naturwissenschaften darstellt. Trotz aller Versuche, „Fakten“ diesseits der „Wörter“ zu etablieren, das heißt, ein Wissen hervorzubringen, das unabhängig von seinen kulturellen Entstehungsbedingungen an jedem Ort und zu jeder Zeit Geltung beanspruchen kann, bleibt dieses Wissen sprachlich, soziologisch, historisch und theoretisch gebunden. Die Öffnung seines ahistorischen Geltungsanspruches auf den lebendigen, reicheren Boden der Vergangenheit muss gleichwohl nichts mit seiner Relativierung im absprechenden Sinne zu tun haben. Auch die systematische Dimension der Naturwissenschaften lässt sich nur dadurch aus ihren dogmatischen Befangenheiten (auch der „technologische Imperativ“ oder die bedingungslose Verpflichung auf „Innovation“ sind solche) lösen, indem man sie aus ihrer „Geschichtsvergessenheit“ und der Einförmigkeit der daraus entspringenden Impulse befreit. Sie selbst profitiert doch als nachhaltig sachliche davon, dass strukturierende Grundbegriffe durch die rasante Entwicklung des Fortschritts in ihrem bereits entfalteten Reichtum festgehalten, ja überhaupt als solche identifiziert werden. Nur entlang des Zusammenwirkens einer solchen immer neuen Verständigung hinsichtlich des Gegenstandsbereiches, begriffgeschichtlicher Analyse und (selbst)kritischer Benennung von Motiven und Möglichkeiten („Methode“) lassen sich doch nicht zuletzt die Grundstrukturen der Dynamik naturwissenschaftlicher Forschung ausmachen: Wohin geht das Interesse? Wovon sieht es ab, was favorisiert es?

Indem er den gewaltigen historischen Boden dessen, was eine Bio-Logie ist, war oder sein konnte zum ebenbürtigen Gesprächpartner der Gegenwart macht, ermöglicht Toepfer dem Leser (dem Naturwissenschaftler, dem Philosophen und Kulturwissenschaftler, aber auch dem sogenannten Laien), an der Vergangenheit auf produktive Art fremd zu werden in der Gegenwart, und darin Aufschluss auch über mögliche Einseitigkeiten des heutigen Selbstverständnisses zu gewinnen. So nicht zuletzt durch die Möglichkeit des historisch-kritisch-systematischen Abklopfens von „wissenschaftlichen Projekt- und Pluswörtern“, also möglichen „Plastikwörtern“ (Uwe Pörksen), die gerade aufgrund ihrer Unschärfe hohe Verbreitung finden und doch merkwürdig leer bleiben. Denn wie sich die Dynamik der Wissenschaftsgeschichte in ihren Begriffen niederschlägt, zeugen umgekehrt die Begriffe (irgendwann) von der möglichen Dürftigkeit dessen, was ein (dann auch historisch gewordenes) Zeitalter wie unseres unter „Wissenschaft“, oder im vorliegenden Fall: unter Biologie, verstand.

Was der Autor hier leistet, ist in einer gewissen Hinsicht vollkommen verrückt, es ringt einem fast ein wenig der alt gewordenen „Verehrung“ ab. Aber das Vorhaben ist in jeder Richtung geglückt, durchgängig von hoher sprachlich-begrifflicher Präzision und Qualität, an keiner Stelle entgleist oder vorschnell erschöpft. In einer umfangreichen Einleitung legt der Autor Rechenschaft ab über sein Vorhaben und erläutert die Motivation und innere Struktur seiner Herangehensweise(n). Den 112 chronologisch entfalteten Grundbegriffen sind 1760 Nebeneinträge zugeordnet, die zu Beginn eines jeden Haupteintrages aufgelistet und im Text durch Fettdruck oder Zwischenüberschriften hervorgehoben werden. Zusätzlich werden sie in einem separaten Verzeichnis zusammengefasst und erleichtern so die Handhabung des Wörterbuches als Nachschlagwerk. Positiv hervorzuheben ist weiterhin der starke Einbezug der Antike sowie des übergängigen, noch nicht annähernd verdauten 19. Jahrhunderts, in dem die Spekulation und das Experimentelle auseinandertraten. So leistet das „Wörterbuch“ eine beeindruckende Übersicht über eine vieldimensionale Bio-Logie, die in ihrem geschichtlichen Reichtum – und das bedeutet zugleich: der Differenziertheit ihrer gewachsenen Formen, ihrer sprachlichen Übersetzung, ihren zahlreichen, jedesmal anderartig intendierten und darin aufschlussreichen Methoden der Annäherung – unaufhaltsam zu versinken droht, und die doch unsere ist.

Abschließend sei daher eigens auf den Eintrag zum „Leben“ hingewiesen, jenem unendlich missbräuchlichen, heute ebenso verwahrlosten wie zur Totipotenz aufgeblasenen Begriff. Während sich die Frage nach dem Leben zunehmend auch rechtlich-politisch einem durch bildgebende Verfahrenen gewonnenen Laborkonstrukt zuwendet, entfaltet Toepfer auf der Basis der Quellen die durch die Jahrhunderte entfaltete geschichtlich, christologisch, (natur)philosophisch-spekulativ konnotierte Dimension der „Biologie“ genannten Lehre vom lebendigen Organismus. Die Tatsache, dass zahlreiche biologische Grundbegriffe philosophisch konnotiert sind, ist dabei keiner obsoleten Methodologie anzulasten, die die Wissenschaftsterminologie endgültig ‚überwunden‘ hat, sondern macht vielmehr aufmerksam gegen die Verengung, die zentrale Begiffe erfahren haben, seitdem die Wissenschaften sich endgültig aus der Lebenswelt verabschiedet haben. Wenn aber „Biologie“ sich von giechisch bios herleitet, dann erfasst sie auch die „Lebenszeit“ und „Lebensform“, die nie nur natural, sondern, wo es um die menschliche Bio-Logie geht, immer auch sprachlich-geschichtlich-politisch verfasst ist: „Ausgehend von den griechischen Grundbedeutungen der Wörter wäre es [somit] angemessener, eine allgemeine Lebenslehre als ‚Zoologie‘ zu bezeichne[n]; ‚Biologie‘ wäre eher der Name für eine Charakterkunde oder Ethik.“

Titelbild

Georg Toepfer: Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe.
3 Bände.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2010.
1800 Seiten, 299,95 EUR.
ISBN-13: 9783476023162

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