Günter Grass und „Was gesagt werden muss“

Kleine Verteidigung eines heftig attackierten Friedensgedichtes

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Das wenige Tage vor den Osterfeiertagen erschienene Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass hat zu vielen empörten Reaktionen provoziert, obwohl es ungemein vorsichtig ein Problem aufgreift, das viele andere längst ähnlich angesprochen haben. Wie kommt es, dass ein ganz offensichtlich in der pazifistischen Tradition der Friedensbewegung und der Ostermärsche stehendes, auf Völkerversöhnung und -verständigung zielendes Gedicht derart feindselige Reaktionen hervorruft? Und zwar genau jene, die es antizipiert und denen es vorbeugend entgegenarbeitet?

Jede Kritik an der Rüstungs- und militärischen Abschreckungspolitik der israelischen Regierung muss, ähnlich wie schon die Kritik an der Aufrüstungsspirale in alten Zeiten des Kalten Krieges, mit reflexartigen Reaktionen rechnen, die der fatalen Logik von Freund-Feind-Schemata folgen:

1. Die Gefährlichkeit des Iran werde ignoriert oder verharmlost.

Was das Gedicht von den Machthabern im Iran hält, demonstriert es daher gleich zu Beginn, mit den Worten: „von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk“. Dass der Iran von einem diktatorischen Regime beherrscht  wird, daran lässt das Gedicht keinen Zweifel. Mehr muss es dazu nicht sagen, weil darüber in der westlichen Öffentlichkeit ständig gesprochen wird. Dennoch wird dem Gedicht unterstellt, dass es den Iran gegenüber Israel in Schutz nehme, den Unterschied zwischen einer Diktatur und der demokratischen Verfassung Israels ignoriere.

2. Die Kritik an der Politik der Regierung Israels sei durch antisemitische Einstellungen motiviert.

Das Gedicht artikuliert ausdrücklich die Befürchtung, dass die Kritik an der Politik Israels dem Antisemitismus-Verdacht ausgesetzt ist, und versichert dem Land Israel die persönliche Verbundenheit. Dem Autor wird dennoch wiederholt Antisemitismus unterstellt.

3. Deutsche hätten aufgrund der mörderischen Vergangenheit ihres Landes kein Recht, einem anderen Land und vor allem nicht Israel eine friedensgefährdende und dabei die Vernichtung eines ganzen Volkes riskierende Politik vorzuwerfen. Damit würden sie die eigenen Verbrechen relativieren oder von ihnen ablenken.

Das Gedicht positioniert sich ausdrücklich, mit Anspielung auf den Historiker-Streit über die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Völkermordes an den Juden, auf der Seite derer, die sich gegen entlastende Vergleiche mit Verbrechen anderer wenden. Es spricht von  „meinem Land“ und seinen „ureigenen Verbrechen, / die ohne Vergleich sind“, und von „meine[r] Herkunft, / die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist“. Dem Autor wird dennoch unterstellt, den nationalsozialistischen Judenmord mit der drohenden „Auslöschung“ des iranischen Volkes auf eine Stufe zu stellen. Er liefere ein Beispiel für „Schuldentlastung [der Deutschen und seiner eigenen] mit dem Versuch der Schuldübertragung auf die einstigen Opfer“. (FR)

Das Gedicht ist jedoch vor allem eine Kritik an Deutschland, an dem drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt. Es reagiert auf wenige Tage zuvor erschienene Meldungen, dass Deutschland ein sechstes U-Boot nach Israel liefern wird, das mit atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen ausgerüstet werden kann.Ein Drittel der Kosten, 135 Millionen Euro, übernimmt der deutsche Staat.

Dass die deutschen Waffenlieferungen an Israel wie alle Waffenlieferungen ein Geschäft sind, dieses aber im Fall Israels mit besonders gutem Gewissen als Akt der „Wiedergutmachung“ deklariert wird, ist eine der Botschaften dieses Gedichts. Die zentrale aber steht an seinem Ende, ein konstruktiver Vorschlag und eine Hoffnung auf friedliche Konfliktlösungen. Was ist daran so anstößig?

Literaturkritische Aspekte

Nicht gerechnet hat Günter Grass mit einer Kritik an der Form seiner politischen Intervention, an der literarischen Qualität seines Gedichts. Bezweifelt wird sogar, dass es überhaupt ein Gedicht sei. Darüber muss man nicht weiter diskutieren. Ob es ein gutes Gedicht ist, ob das Engagement des Intellektuellen mit ihm die angemessene Form gefunden hat, darüber lässt sich allerdings streiten. Die literaturkritischen Ansätze der Auseinandersetzung mit dem Text blieben bisher jedoch hilflos. Nicht einmal die Frage nach möglichen Unterschieden zwischen dem Ich in dem Gedicht und der Person des Autors Günter Grass wurde gestellt. Das lässt sich hoffentlich bald nachholen.

Und eine Nachfrage zum Titel des Gedichts

Marcel Reich-Ranicki hatte 1995 im „Spiegel“ seinen Verriss des Grass-Romans „Ein weites Feld“ unter der Überschrift „… es muß gesagt werden“ veröffentlicht. Das war einer Bemerkung  Fontanes entnommen, die gleich im ersten Abschnitt des Artikels zitiert wird: „Mein lieber Günter Grass, es gehöre ‚zu den schwierigsten und peinlichsten Aufgaben des Metiers‘ – meinte Fontane –, ‚oft auch Berühmtheiten, ja, was schlimmer ist, auch solchen, die einem selber als Größen und Berühmtheiten gelten, unwillkommene Sachen sagen zu müssen‘. Aber – fuhr er fort – ’schlecht ist schlecht, und es muß gesagt werden. Hinterher können dann andere mit den Erklärungen und Milderungen kommen‘.“ Ob Grass sich zu seinem Titel (an dem ebenfalls Kritik geübt wurde) durch Fontane hat inspirieren lassen? Oder durch Reich-Ranicki? Literarische Techniken der Anspielung sind dem Autor jedenfalls keineswegs fremd.

Der Beitrag ist zuerst in  unserem Kulturjournal erschienen – zusammen mit dem kompletten Text des Gedichtes und  Hinweisen  auf die Resonanz darauf. Weitere Beiträge zu der Debatte sind willkommen.