Was geantwortet werden muss

Wie Günter Grass sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ bereits 1990 in seiner Frankfurter Poetikvorlesung ankündigte – mit einem Exkurs zu seiner Novelle „Im Krebsgang“ (2002)

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

In seinem Band „Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft“ (1955) formuliert Theodor W. Adorno die berühmten Zeilen: „Noch das äußerste Bewußtsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“

Ob Günter Grass daran dachte, als er sein apokalyptisch raunendes Protest-Gedicht „Was gesagt werden muss“ schrieb, dessen Publikation Anfang April 2012 in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) nicht nur Leser in Israel empörte, sondern zumindest auch in der deutschen Presse größtenteils einen Sturm der Entrüstung hervorrief? Adorno machte mit seinem vielzitierten und oft falsch interpretierten Diktum darauf aufmerksam, dass eine ‚angemessene‘ lyrische Ästhetik nach Auschwitz ebenso schwer zu erlangen sei, wie die Diskussion über dieses fundamentale Problem jener Dialektik zu entkommen vermöge, die der Zivilisationsbruch der Judenvernichtung unweigerlich nach sich zog: Alles Gedichtete, alles Geschriebene und auch noch die Interpretationen dieser Texte nach Auschwitz, ja selbst noch die Reflexion der Voraussetzungen ihrer Interpretation – alle diese Formen des Schreibens und Denkens hatten sich laut Adorno fortan mit der Aporie auseinanderzusetzen, dass man, kurz gesagt, mit Hilfe der deutschen Sprache den Bau der Gaskammern in Auschwitz und die gesamte Shoah organisiert hatte.

Der Lyriker Paul Celan meinte etwas Ähnliches in seiner ebenso berühmten Rede zum Bremer Literaturpreis 1958, auch wenn er es als Überlebender der Shoah fast sogar noch etwas ‚hoffnungsvoller‘ und weniger apodiktisch formulierte als Adorno: „Erreichbar, nah und unverloren inmitten der Verluste blieb dies Eine: die Sprache. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah. Aber sie ging durch dieses Geschehen.“

Zur Ästhetik der Täter-Opfer-Umkehr in „Was gesagt werden muss“

Versuchen wir uns einmal nüchtern klar zu machen, was dieser bereits einmal erreichte Reflexionsstand zur Möglichkeit von Lyrik heute und ihrer ‚kulturkritischen‘ Debattierung nach Auschwitz für Günter Grass’ neuesten publizistischen Vorstoß, um nicht zu sagen: seinen „lyrischen Erstschlag“, wie ihn eine Headline bei „Spiegel Online“ spöttisch nannte, überhaupt bedeutet. Der Ex-SS-Rekrut Grass schreibt also im Jahr 2012 abermals ein „Gedicht“ nach Auschwitz, allerdings ausgerechnet eines, in dem er Deutschland implizit dafür kritisiert, dass sich das Land an einem ‚zweiten Auschwitz‘ mitschuldig machen könnte, das wiederum ausgerechnet der Staat Israel verbrechen ‚könnte‘. In der siebten Strophe von „Was gesagt werden muss“ heißt es:

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Grass’ lyrisches Ich spielt hier am Ende auf typische deutsche Schuldabwehr-Sprüche wie das unvermeidliche „Wir haben nichts gewusst!“ der ‚Nazi-Generation‘ an, wobei erstaunt, dass es hier zu konzedieren scheint, dass diese Ausreden tatsächlich einmal etwas zu ‚tilgen‘ vermocht hätten – jetzt aber, im Falle der Gegenwart Israels, könne etwas passieren, dass offenbar selbst noch Auschwitz in den Schatten stellen würde und vor dem solche Ausreden folglich endgültig versagen müssten.

Grass benutzt hier zudem genuine Begriffe aus der Isotopieebene des Holocausts und des deutschen Schulddiskurses, um die Rollen von Täter und Opfer in einer für den sekundären Antisemitismus typischen Weise zu verkehren. Mehr noch, das Gedicht wiederholt sogar in verklausulierter und verquerer Form Adolf Hitlers Behauptung, es seien die Juden, die den „Weltfrieden“ gefährdeten, um die Deutschen dazu aufzurufen, dieser verschwörerischen Kriegstreiberei, welche die gesamte Menschheit gefährde, stellvertretend und tapfer entgegenzutreten. Nur dass der sekundäre Antisemit eben nicht mehr pauschal das „Judentum“ oder gar das „Weltjudentum“ bezichtigt, sondern ganz einfach den Staat Israel, den „man ja wohl noch kritisieren dürfen wird“, wie es im alltäglichen Gespräch in Deutschland seit Jahren so oft heißt, und zwar sowohl auf den Fluren der Universitäten als auch in der nächsten Eckkneipe: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, diese charakteristische Phrase der Entrüstung, hinter der sich meist ein Antizionismus verbirgt, dessen Abgrenzung vom Antisemitismus undeutlich geworden ist, spricht auch schon der Titel von Grass’ Gedicht wieder aus, wenn auch in einem noch dezidierteren Protest, einer rhetorischen Ermächtigung des lyrischen Ich, dass jetzt aber wirklich etwas sagen müsse, gewissermaßen ohne Rücksicht auf Verluste.

Auch bei Grass schwingt hier wieder die stereotype Andeutung mit, irgendwer verbiete tatsächlich und unter Androhung des Antisemitsmusvorwurfs, also der sogenannten „Auschwitz-Keule“ (Martin Walser), Israels Politik zu kritisieren, obwohl diese ganz selbstverständlich pausenlos und in aller Welt, in Israel selbst genauso wie in Deutschland, angeprangert wird. Was man ja auch an Grass’ Gedicht, das an überaus prominenter Stelle veröffentlichte wurde, sowie an der schier unglaublichen Aufmerksamkeit, die es auch durch das Fernsehen erlangte, einmal mehr und besonders deutlich ablesen kann:

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Damit ist zudem bereits explizit der Vorwurf vorweggenommen, Grass spiele mit antisemitischen Affekten, und der Autor kann sich sicher sein, zumindest von seinen Befürworten und Fans aus der schweigenden bzw. sich zunehmend in den Leserbrief-Foren der Online-Portale der Presse austobenden Masse für jede Kritik, die in diesem Sinne geäußert wird, nur noch mehr geliebt zu werden. Der Dichter aber baut sogar noch eine weitere Volte in sein Gedicht ein: Er kritisiert in erster Linie Deutschland für die Lieferung von Atom-U-Booten an Israel, und zwar eines Modells, „dessen Spezialität / darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe / dorthin lenken zu können, wo die Existenz / einer einzigen Atombombe unbewiesen ist“.

Das lässt den unter anderem von Henryk M. Broder erhobenen den Vorwurf, Grass sei Antisemit, zunächst einmal konstruiert und abwegig erscheinen. Allerdings verschweigt Grass’ lyrisches Ich geflissentlich, dass Deutschland womöglich auch Waffen an den Iran geliefert und dass deutsche Firmen sogar maßgeblich an dessen Nuklear-Know-How mitgearbeitet haben, also an der Möglichkeit der baldigen Entwicklung einer iranischen Atombombe, welche dieses lyrische Ich als „unbewiesen“ bezeichnet. Der Hauptvorwurf in dem Gedicht richtet sich also in Wahrheit doch nicht gegen die deutsche Rüstungsindustrie und gegen deutsche Waffengeschäfte allgemein, die tatsächlich internationale Sanktionen gegen diktatorische islamistische Staaten massiv unterlaufen. Grass’ Gedicht kritisiert überhaupt nicht, dass Deutschland fortwährend und entgegen aller internationalen Abmachungen Staaten bewaffnet, welche die gesamte Region und auch den demokratischen Westen insgesamt explizit bedrohen sondern agitiert allein und mit einem ‚selektiven Blick‘ gegen Israel, dass angeblich als einziger Staat im Nahen Osten Gefahr laufe, mit solchen deutschen Lieferungen wirklich ein „Verbrechen“ zu begehen, das das lyrische Ich immerhin als „voraussehbar“ bezeichnet. Israel laufe also Gefahr, ein tatsächlicher ‚Täter-Staat‘ zu werden – nicht aber der Iran.

Wie auch immer der Autor Grass das genau ‚gemeint‘ haben mag: Da der Antisemitismus „wegen des deutschen Massenmords an den Juden seit mehr als einem halben Jahrhundert in einen gewissen Rechtfertigungszwang geraten ist, werden die Juden zur Gesellschaftlichen Selbstentlastung […] in der Rolle des Täters gebraucht und nicht der des Opfers“, wie Samuel Salzborn die emotionalen Bedürfnisse des sekundären Antisemitismus skizziert, die das Gedicht von Grass mit seiner Argumentationsstruktur jedenfalls ganz wunderbar bedient.

Die zweite Strophe des Textes, der von der „SZ“ in hoher Auflage als „Aufschrei“ gegen deutsche Rüstungslieferungen an Israel auf der Titelseite angekündigt wurde, lautet:

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Es ist in den letzten Wochen vielfach analysiert worden, was alles an dieser Strophe nicht stimmt: Israel hat niemals ein „Recht auf den Erstschlag“ behauptet, also einen atomaren Angriff auf den Iran, der mit dem dafür aus der Zeit des Kalten Krieges reservierten Begriff „Erstschlag“ nur gemeint sein kann. Der Diktator Mahmut Ajmadinedschad wiederum ist nun wahrlich kein „Maulheld“, also jemand, der immer nur behauptet, gefährlich zu sein, es aber in Wahrheit gar nicht ist. Nicht nur die Oppositionellen im Iran wissen dies allzu gut – also jene Opfer, die vom iranischen Regime ohne jede Gnade verfolgt, gefoltert und ermordet (und nicht nur „unterjocht“ oder „zum organisierten Jubel gelenkt“) werden: Seit Jahr und Tag droht Ajmadinedschad nicht zuletzt immer wieder öffentlich und bei internationalen Auftritten explizit mit der Auslöschung Israels und steckt mit seinen Geheimdiensten und seinen Waffenlieferungen an Terrororganisationen wie die Hizbollah und die Hamas de facto auch bereits hinter den real geschehenen Raketenangriffen auf das Land sowie hinter den letzten Kriegen, die gegen den geografisch gesehen vergleichsweise winzigen und daher extrem gefährdeten Staat vom Zaun gebrochen wurden. Nicht aber droht der einzige demokratische Staat des Nahen Ostens, nämlich Israel, mit einem solchen gezielten mörderischen Angriff auf die Zivilbevölkerung im Iran, der das „iranische Volk auslöschen könnte“, wie es in Zeile vier der zitierten Strophe des Gedichts explizit heißt.

„Schreiben nach Auschwitz“: Grass als gelehriger Schüler Theodor W. Adornos?

Man könnte diese Analyse des Gedichtes an dieser Stelle noch viel weiter treiben – doch auch so schon sollte das, was hier zitiert wurde, ausreichen, um zu belegen, dass Grass nicht nur die prekäre und bedrohliche politische Lage im Nahen Osten ebenso wenig begriffen hat wie irgendein deutscher Stammtisch-Stratege oder die notorischen Antizionisten der deutschen Friedensbewegung. Nein, besonders deutlich dürfte auch geworden sein, dass der Literaturnobelpreisträger Grass die ästhetischen Herausforderungen eines Schreibens nach Auschwitz, noch dazu in deutscher Sprache, wie sie der Shoah-Überlebende Paul Celan und der Emigrant Adorno reflektierten, nicht einmal im Ansatz begriffen hat.

Und dennoch hielt dieser selbe Günter Grass 1990 seine Frankfurter Poetikvorlesung unter dem interessanten Titel: „Schreiben nach Auschwitz“. Und niemand scheint bisher Notiz davon genommen zu haben, dass Grass damals sein kürzlich erschienenes Gedicht gewissermaßen bereits ankündigte. Lauten doch die letzten Sätze dieser berühmten Rede, in denen eine zentrale Formulierung noch einmal besonders hervorgehoben werden sollte: „Auch das Nachdenken über Deutschland ist Teil meiner literarischen Arbeit. Seit Mitte der sechziger Jahre bis in die gegenwärtig anhaltende Unruhe hinein gab es Anlässe für Reden und Aufsätze. Oft waren diese notwendig deutlichen Hinweise meinen Zeitgenossen zuviel der Einmischung, der, wie sie meinten, außerliterarischen Dreinrede. Das sind nicht meine Besorgnisse. Eher bleibt Ungenügen nach fünfunddreißig Jahren Bilanz. Etwas, das noch nicht zu Wort kam, muß gesagt werden. Eine alte Geschichte will ganz anders erzählt werden. Vielleicht gelingen noch die zwei Zeilen. So wird meine Rede zwar ihren Punkt finden müssen, doch dem Schreiben nach Auschwitz kann kein Ende versprochen werden, es sei denn, das Menschengeschlecht gäbe sich auf.“

Fast klingt es, als habe Grass bereits damals kurz davor gestanden, am Ende seiner Vorlesung mit seiner SS-Mitgliedschaft herauszurücken, die in dieser Rede mit diesem Thema tatsächlich hätte erwähnt werden müssen – und doch endet auch diese Vorlesung mit der überraschenden Volte, das „Schreiben nach Auschwitz“ als bloßen Kampf gegen den Atomtod zu begreifen, von dem sich damals insbesondere die deutsche Friedensbewegung immer noch als anzunehmendes erstes Opfer bedroht sah: Grass scheint auch schon 1990 zu meinen, dass der „Weltfrieden“, mehr noch, das gesamte „Menschengeschlecht“, wie es im letzten zitierten Satz der Rede heißt, verloren sei, wenn nicht er, Grass, sich gegen alle Proteste seiner Zeitgenossen, die er tapfer missachtet, weiter einmische. Man ahnt: Auch hier, in seiner Rede mit dem Titel „Schreiben nach Auschwitz“, hatte Grass in Wahrheit nichts weniger im Sinn als den Gedanken an die Opfer der Shoah. Es ging ihm allein um Deutschland.

Für diese These liefert die Frankfurter Poetikvorlesung von 1990 im Übrigen auch noch eine weitere, eindeutigere Belegstelle: „Wo noch kann Literatur ihren Auslauf finden, wenn die Zukunft schon vordatiert und von statistischen Schreckensbilanzen besetzt ist? Was ist noch zu erzählen, wenn die Fähigkeit des Menschengeschlechts, sich selbst und alles andere Leben auf vielfältige Weise zu vernichten, täglich unter Beweis gestellt werden könnte oder in Planspielen geübt wird? Sonst nichts, doch die atomare, stündlich mögliche Selbstvernichtung verhält sich zu Auschwitz und erweitert die Endlösung auf globales Maß.“

Man sieht: Die Bedrohungen, gegen die Günter Grass hier ‚einsam‘ ankämpft, degradieren die Opfer des Holocausts gleichsam zu ‚Fußnoten‘ einer Vernichtung, die in Zukunft alles Geschehene und von deutscher Seite aus Verbrochene ohnehin weit in den Schatten stellen werde: Grass spricht bedeutungsschwanger von jener Apokalypse, die man in der deutschen Friedensbewegung gerne mit dem bezeichnenden Signet des „atomaren Holocaust“ versah. Wobei eine solche Bedrohung im Jahr 1990, also zur Zeit der „Wende“ und des gerade zusammenbrechenden Ostblocks, bereits weit abstrakter geworden war als sie es heute in Israel tatsächlich ist, wo die Ankündigungen von Ajmadinedschad für Grass jedoch plötzlich nur ein durchschaubares Kasperletheater eines überschätzten Sprücheklopfers von Diktator sein sollen.

Nein, schon das Pathos der ersten Strophe von „Was gesagt werden muss“ meint nicht jene Israelis, die Ajmadinedschads fortwährende Drohungen in Angst und Schrecken versetzen, sondern es adressiert ganz andere „Fußnoten“, also Opfer – nämlich abermals die Deutschen und den ahnungslosen ‚Rest der Welt‘. Ihnen allen verklickert Grass nun einmal und als angeblich Erster kurz und deutlich, was ihnen von Israel aus blühe:

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Von diesen ominösen „Planspielen“ war, wie zitiert, auch 1990 schon einmal die Rede: Wer plant hier eigentlich bei Grass genau einen solchen veritablen ‚Weltuntergang‘? Etwa die Juden? Trotz dieser verstörenden Aussagen, die bei Grass seit Jahrzehnten immer wieder auftauchten, spielte sich der Autor bereits 1990 als einer auf, der trotz anfänglicher Schwierigkeiten seinen Adorno verstanden habe, wenn er auch am Anfang noch gedacht habe, dessen eingangs zitiertes Diktum sei nicht anders als ein Verbot des Verfassens von Gedichten nach Auschwitz zu verstehen gewesen: „Auch meine Reaktionen, die auf Unkenntnis fußten, das heißt, auf bloßem Hörensagen, bestanden auf Abwehr. Da ich mich im Vollbesitz meiner Talente wähnte und mich entsprechend als Alleinbesitzer dieser Talente sah, wollte ich sie ausleben, unter Beweis stellen. Geradezu widernatürlich kam mir Adornos Gebot als Verbot vor; als hätte sich jemand gottväterlich angemaßt, den Vögeln das Singen zu verbieten.“

Doch dann, so beichtet Grass ergriffen, sei der Groschen gefallen: „Die Irritation muß größer oder zeitverschoben nachhaltiger gewesen sein als ich mir damals eingestehen konnte.“ Aber seltsam, in seinen weiteren Formulierungen klingt das, was Grass hier nunmehr als eine „Gesetzestafel“ wie eine solche der Zehn Gebote zu berherzigen vorgibt, als seine „Vorschrift“ zum Verfassen von Gedichten, nach einer Art Gefängnis, in das er sich nun freiwillig selbst eingewiesen hat und das sein so ‚talentiertes‘, lebensfrohes deutsches Schreiben im Zaum hält, wie das Singen eines Vogels, das im Käfig verstummt: Diese „Vorschrift verlangte Verzicht auf reine Farbe; sie schrieb das Grau und dessen unendliche Abstufungen vor.“ Und weiter: „Etwas war angestoßen und – wenn auch gegen Widerstände – in Zucht genommen worden; jene als grenzenlos empfundene Freiheit, die keine erkämpfte, die eine geschenkte war, stand unter Aufsicht.“

Wenn junge Nazis Israel gut finden: Grass’ Novelle „Im Krebsgang“

Natürlich blieb Grass nie lange unter dieser sogenannten „Aufsicht“, die auch so naiv und platt von Adorno natürlich gar nicht gemeint war: Grass schrieb eifrig weiter wie immer, und zwar Roman auf Roman, Gedicht auf Gedicht. Wer beispielsweise seine Novelle „Im Krebsgang“ (2002) gelesen hat, weiß, dass auch in diesem großen Erfolg sein neuestes Gedicht in zentralen Botschaften bereits vorweggenommen wurde. „Im Krebsgang“ galt seinerzeit als ‚Tabubruch‘ und wurde insbesondere von Grass als solcher inszeniert, weil in diesem Text endlich einmal von deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges die Rede sei – als wenn dieses Thema von ‚Flucht und Verteibung‘ nicht schon seit den 1950er-Jahren in der deutschen Nachrkriegsliteratur zur Genüge aufgegriffen worden wäre.

In der Novelle geht es um die angeblich versagte Erinnerung an die etwa 9.000 Deutschen, die mit dem früheren „Kraft durch Freude“-Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“ untergingen und ertranken, das am 30. Januar 1945 durch zwei Torpedotreffer eines sowjetischen U-Bootes in der Ostsee versenkt wurde. Bezeichnend ist, dass sich Grass’ Erzähler in der Novelle, die von drei deutschen Generationen erzählt, ähnlich ‚pazifistisch‘ positioniert, wie es sein Autor auch heute gegenüber Israel immer noch für richtig hält: Der Namensgeber des untergegangenen Schiffes, Wilhelm Gustloff, war ein NSDAP-Landesgruppenleiter im schweizer Exil, den ein jüdischer Emigrant namens David Frankfurter 1936 in Davos erschoss. Gustloff wurde daraufhin von den Nazis als „Blutzeuge“ zum Märtyrer stilisiert. Der KdF-Dampfer, der eigentlich den namen Adolf Hitlers bekommen sollte, wurde auf Wunsch des „Führers“ nach diesem „Blutzeugen“ benannt. Grass erzählt diese Geschichte allerdings stellenweise so nach, als sei der jüdische Attentäter aus der Sicht seines Protagonisten mindestens genauso Schuld an allem Folgenden gewesen wie die Nazis, weil sein Mord das gesamte Verhängnis überhaupt erst in Gang gesetzt habe: „Von wegen, er habe sich geopfert, um seinem Volk ein Beispiel für den heldenhaften Widerstand zu liefern. Ging den Juden nach dem Mord kein Stück besser. Im Gegenteil. Terror war Gesetz. Und als zweieinhalb Jahre später der Jude Herschel Grünspan in Paris den Diplomaten Ernst vom Rath erschoß, gab es als Antwort die Reichskristallnacht. Und was hat den Nazis, frage ich mich, ein Blutzeuge mehr gebracht? Na schön, ein Schiff wurde auf seinen Namen getauft.“

Man reibt sich die Augen: Nur weil ein jüdischer Emigrant nicht einsah, still mit anzusehen, wie seine Angehörigen in Deutschland massenhaft misshandelt, diskriminiert und ermordet wurden, um mit einem stellvertretenden Attentat auf einen umtriebigen Auslands-Propagandisten der NSDAP Widerstand zu leisten und ein Zeichen für die Wehrhaftigkeit jüdischer Opfer zu setzen, soll plötzlich der „Terror“ zum „Gesetz“ geworden sein? Nur weil sich in Paris bald darauf noch einmal eine ähnliche Geschichte abspielte, soll die Reichspogromnacht provoziert worden sein? War das nicht immer genau die Propaganda-Behauptung der Nazis gewesen? Auch der letzte zitierte Satz des Protagonisten ist im Erzählkontext interessant. Scheint er doch zumindest nahezulegen, dass der Attentäter Frankfurter im Grunde auch noch daran Schuld sein könnte, dass es überhaupt ein Schiff namens Wilhelm Gustloff gab, auf dem dann 9.000 ‚unschuldige‘ deutsche Opfer mitsamt 4.000 Kleinkindern qualvoll ertranken. Tatsächlich wiederholt der Erzähler auch später noch einmal deutlicher, es sei David Frankfurter gewesen, „der durch gezielte Schüsse einem Schiff [….] unfreiwillig zum Namen verholfen hatte“.

Man muss hier genauer hinsehen, wie Grass erzähltechnisch arbeitet, um zu begreifen, wie dieser Autor gleichsam ein altes Muster des Literarischen Antisemitismus seit Gustav Freytags „Soll und Haben“ (1855) und Wilhelm Raabes „Hungerpastor“ recyclet, und zwar auf verschiedenen Ebenen seiner Novelle, die gleichzeitig als Erzählsphären verschiedener Generationen fungieren: Grass operiert mit binär arrangierten Figurenpaaren, deren Geschichte und Lebenslauf parallel erzählt wird und die sich zumindest nominell als jüdischer und als deutscher Charakter gegenüber stehen. Im Literarischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts verkörperte die jüdische Figur stets das Böse, während der deutsche Charakter für das Gute stand. Grass bricht dieses einseitige Schema eines manichäischen Weltbilds allerdings auf, um es mehrfach zu relativieren bzw. durch Perspektivwechsel hin- und herzuwenden. Diese narrativen Taschenspielertricks, welche die Novelle auf den ersten Blick ziemlich vertrackt erscheinen lassen, von Grass allerdings überaus unbeholfen vorgeführt werden und gerade darin perfekt auf sein heimisches Deutschlehrerpublikum zugeschnitten sind, dürften dazu geführt haben, dass man Grass’ Text 2002 hierzulande so gefeiert hat und seine revisionistischen Elemente kaum wahrnahm.

Doch allein schon die klischeehaft formulierte Parallelisierung, die der Erzähler im Blick auf David Frankfurter und sein ‚Opfer‘ Wilhelm Gustloff vornimmt, offenbart die grundlegende Problematik des Textes: „Schon bald ließ alles, was danach, den Prozeß eingeschlossen, geschah, den Täter und das Opfer hinter sich und gewann Bedeutung. Dem Helden vom biblischen Zuschnitt, der mit schlicht begründeter Tat sein gepeinigtes Volk zum Widerstand aufrufen wollte, stand der Blutzeuge der nationalsozialistischen Bewegung gegenüber. Beide sollten überlebensgroß ins Buch der Geschichte eingehen.“

Der einzelne, an sich vollkommen machtlose jüdische Attentäter erscheint hier also als gleichwertige Figur neben dem NS-Ideologen, noch dazu als „Held von biblischem Zuschnitt“ – also als jüdischer, alttestamentarischer ‚Rächer‘ – und vermag als solcher schließlich ebenso „überlebensgroß“ neben dem Repräsentanten jenes mächtigen Staats zu stehen, der immerhin zum Zeitpunkt des Attentats ungehindert dabei war, den von Hitler bereits explizit angekündigten Holocaust vorzubereiten, während Frankfurter als todkranker Emigrant in der Schweiz auf sich allein gestellt war. Gleichzeitig aber soll Frankfurters Tat „schlicht begründet“ gewesen sein, wie der Erzähler meint: War also das massenmörderische System, für das Wilhelm Gustloff eintrat, etwa auch nur eine Ausgeburt bloßen ‚Maulheldentums‘? Sollten es etwa immer schon voreilige ‚jüdische Racheakte‘ gewesen sein, die in der Geschichte großes Unheil anrichten, weil irgendwelche „Spinner“ (so der Erzähler über David Frankfurter) nicht so weise ,Pazifisten‘ waren wie Günter Grass?

Grass’ gegenwärtige Befürchtung, Israel könne gleich den „Weltfrieden“ gefährden, wenn es sich mit gleichsam ‚schlicht begründeter‘ Waffengewalt gegen Ajmadinedschads iranisches Regime verteidigen sollte, taucht damit auch schon in „Im Krebsgang“ als Motiv einer verklausulierten Täter-Opfer-Umkehr auf. Es mögen nur kurze Bemerkungen sein, aber sie insinuieren immer wieder, David Frankfurters Attentat auf Gustloff habe alles weitere ausgelöst, sei im Grunde Schuld am Erstarken des Nationalsozialismus nicht nur in der Geburtsstadt des „Blutzeugen“, Schwerin: „Was alles durch gezielte Schüsse [David Frankfurters, J.S.] auf die Beine gebracht wurde: marschierende SA-Kolonnen, Ehrenspaliere, Kranz- und Fahnenträger, Uniformierte mit Fackeln. Bei dumpfem Trommelwirbel zog Wehrmacht im Trauerschritt vorbei, stand Schwerins in Trauer erstarrtes oder aus bloßer Schaulust drängendes Volk.“

Dabei bleibt die Novelle jedoch nicht stehen: Auch „Konny“, der junge Sohn des Erzählers, der erst aufgrund des angeblichen ‚Tabus‘, sich an die Opfer der Wilhelm Gustloff zu erinnern, zum Nazi wird, wird einem ‚jüdischen‘ Charakter gegenüber gestellt. Auffällig ist dabei, dass auch dieser ‚Jude‘ „David“ heißt und mit ‚antideutsch‘ anmutenden Provokationen in einem Nazi-„Chatroom“ (Grass’ nebulöse und unfreiwillig komische Vorstellungen von der Kommunikation im Internet sind ein Thema für sich) antisemitische Eskalationen erst wirklich provoziert. Sogar seine eigene Ermordung durch Konny soll er am Ende selbst ‚verschuldet‘ haben, was seltsamerweise nicht nur der Richter, sondern sogar die Eltern Davids in der Novelle ganz selbstverständlich glauben und fortwährend beteuern.

Besonders bemerkenswert ist im spezifischen Kontext des Gedichtes „Was gesagt werden muss“ aber noch ein ganz anderer Aspekt dieser Geschichte: Konny und David sind sich in ihren tumultuösen Nazi-„Chatroom“-Gefechten in einer Sache immer auffällig einig – ihrer rückhaltlosen Bewunderung der ‚schlagkräftigen‘ israelischen Armee. Abermals taucht damit Israel bei Grass als neuer „Nazi“-Staat auf – als ein Land, das als role model für niemand anderen als den deutschen Faschisten-Nachwuchs dient. So heißt es über Konny: „Überhaupt habe er nichts gegen Israel. Dessen schlagkräftige Armee bewundere er sogar. Und völlig einverstanden sei er mit der Entschlossenheit der Israelis, Härte zu zeigen. Es bleibe ihnen ja keine andere Wahl. Palästinensern und ähnlichen Moslems gegenüber dürfe man keinen Fingerbreit nachgeben.“

Grass hat in seinem aktuellen Gedicht also keinesfalls Überraschendes geschrieben, sondern ganz einfach nur das verkündet, was er ‚schon immer‘ vertreten hat. Es handelt sich, kurz gesagt, um folgende stereotype Botschaft: Juden, die sich gegen ihre drohende Vernichtung wehren, sind in Wahrheit die Auslöser allen folgenden Unheils, das sie danach selbst umso härter treffen muss. Gleichzeitig provozieren sie damit allerdings auch noch den ‚Untergang‘ vieler anderer ‚unschuldiger Menschen‘, um nicht zu sagen das Ende des „Weltfriedens“ und des gesamten „Menschengeschlechts“: Zu Opfern in diesem „Planspiel“ werden allerdings zu allererst Deutsche, als ‚Fußnoten der Geschichte‘, an die sich angeblich hinterher niemand erinnern will (was in Wahrheit in Deutschland nach 1945 allein für die jüdischen Opfer der Shoah galt).

Dieser fixen Idee entspricht übrigens auch der letzte Clou in der Novelle „Im Krebsgang“: Der „Jude“ David aus dem „Chatroom“ ist, wie sich überraschend herausstellt, nämlich gar kein Jude, sondern auch Deutscher. In einem Courtroom-Drama, das sich als generationelle Fortschreibung des Prozesses in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ (1995) erweist, weil in ihm nicht die Täter-Generation, sondern die Enkel-Generation vor Gericht steht und genausowenig nachvollziehbar verurteilt werden kann wie bei Schlink, kommt bei Grass am Ende alles heraus. Konny hat David erschossen, das heißt: Kain hat in Wahrheit seinen deutschen Bruder Abel ermordet – und dieses sinnlose Sterben geschieht wie schon bei Schlink angeblich auschließlich deshalb, weil man den armen, hilflosen und unschuldigen Deutschen perfiderweise vorschreibt, wie sie mit ihrer eigenen Geschichte umzugehen haben. Deutsche ermorden sich sowohl bei Schlink als auch bei Grass tragischerweise selbst, weil man ihnen zuvor strengstens verboten hat, sich an die eigenen Leiden und Opfer im Krieg zu erinnern und weil in der Folge solcher ‚krank machender‘ „Vorschriften“ (siehe Adorno) am Ende selbst die Jugend mit der „Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl), also die Enkelgeneration der NS-Täter, die in Wahrheit auch ihr Päckchen zu tragen hatten, noch krampfhaft für Israel Partei ergreift: Daraus können bei Grass tatsächlich nur Mord und Totschlag resultieren.