Runderneuert und weiterhin original

Thomas Borgstedt ediert Andreas Gryphius

Von Andreas SolbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Solbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von den Autoren des 17. Jahrhunderts ist der gegenwärtigen Leserschaft fast niemand mehr bekannt, allenfalls fällt der Name Grimmelshausen, dessen „Abenteuerlicher Simplicissimus“ als Erfahrungsbuch aus dem Dreißigjährigen Krieg gilt und dessen „Landstörtzerin Courasche“ Bertolt Brecht verarbeitete. Ein bemühter Fan des Autors hat jüngst sogar einige Texte Grimmelshausens in zeitgenössisches Umgangsdeutsch „übersetzt“; ein närrisches Unterfangen, denn der überschätzte Gewinn an sprachlichem Verständnis wird hier mit dem Verlust der dichterischen Eigenart teuer bezahlt. Man stelle sich vor, die Briten würden Shakespeare, die Spanier Cervantes und die Italiener Petrarca so behandeln. Dies zeigt aber eindrücklich, welche Schwierigkeiten heute ein Verlag hätte, wollte er Publikumsausgaben barocker Autoren präsentieren.

Dabei gibt es im 17. Jahrhundert vieles (wieder) zu entdecken, allerdings wird sich die Kenntnis auch in Zukunft eher auf Deutsch-Leistungskurse und Germanistik-Studenten konzentrieren, für die dann auch die relativ seltenen Textausgaben barocker Autoren gedacht sind. In den letzten Jahren hat sich besonders der Stuttgarter Reclam Verlag in dieser Hinsicht Meriten erworben, die allerdings zu verblassen drohen: Nach langen Jahren und vielen, zum Teil sogar kritischen, Ausgaben gerät das Meiste in Vergessenheit und wird nicht mehr nachgedruckt. Das ist oft nachvollziehbar, aber dennoch schmerzlich, auch weil manches Treibgut weiter publiziert wird, was vergessen gehört (etwa die Simplicissimus-Ausgaben des Verlags).

Umso erfreulicher ist es, dass der Verlag sich entschlossen hat, die alte Ausgabe der Gedichte des Andreas Gryphius, die 1968 Adalbert Elschenbroich besorgte, durch eine neue zu ersetzen und nicht nur Nachwort und Bibliografie zu überarbeiten. Gryphius ist zweifellos der zweite barocke Name mit Wiedererkennungswert, der noch am Rande im schulischen und akademischen Unterricht auftaucht und allgemein als Beleg für die weidlich missbrauchten Zeitalterformeln des „memento mori“ und des „carpe diem“ (so nennt sich tatsächlich eine Kaffeespezialität) benutzt wird.

Wer Gryphius liest, wird sehr schnell feststellen, dass der Autor ein zutiefst gläubiger Christ ist, der seine protestantische Überzeugung mit höchst beeindruckender rhetorischer Macht zur Sprache bringt. Mit höchster Eindringlichkeit kennt er scheinbar nur den einen Gedanken der Vergänlichkeit, der ständig variiert wird. Dieses Vorherrschen des religiösen Gefühls wurde von der alten Gryphius-Ausgabe befördert und zum Prinzip der Auswahl gemacht, was sich nicht nur in der thematischen Auswahl der Sonette und Oden zeigt, sondern vor allem in dem vollständigen Abdruck der „Sonn- und Feiertags-Sonette“ und der „Kirchhofs-Gedanken“.

An dieser Stelle setzt der neue Herausgeber, der Münchner Germanist Thomas Borgstedt, ein, wenn er die ersten beiden Sonettbücher des Autors komplett abdruckt, die Oden-Auswahl verdoppelt und die „Sonn- und Feiertags-Sonette“ nur noch in Auswahl bringt. Diese editorische Entscheidung ist begrüßenswert, denn so wird die vom Autor gewollte Tektonik der Sonettbücher sichtbar, und durch die durchweg religiös bestimmten Oden bleibt der weltanschauliche Schwerpunkt des Autors gewahrt, auch weil die „Kirchhofs-Gedanken“ weiterhin komplett abgedruckt werden. Zusätzlich finden sich zahlreiche Gedichte aus dem Nachlass, die vorher fehlten, und auch die Auswahl der Epigramme ist balancierter. Bei der Wahl der Textvorlagen folgt Borgstedt sinnvollerweise seinem Vorgänger, der sich nach der vernichtenden Kritik Hans-Henrik Krummachers an der Editionspraxis der „großen“ Gryphius-Ausgabe bei Niemeyer auf die Ausgabe letzter Hand von 1663 bezog.

Der größte Vorteil der Ausgabe, neben einer angemessenen modernen Bibliografie und dem kenntnisreichen einführenden Nachwort des Herausgebers, ist die hier erstmals überhaupt vorgenommene Kommentierung der Texte. Die Stellenkommentare sind durchweg hilfreich und erklären knapp Sachbegriffe, geben aber auch wichtige Kontexte der einzelnen Gedichte an. Die Leser werden sich bedanken, auch wenn es (wie immer bei Kommentaren) dem Einen zu viel, dem Anderen zu wenig und dem Dritten das Unrechte ist.

Ob diese grundsätzlich und sinnvoll runderneuerte Ausgabe, wie ihre Vorgängerin, über vierzig Jahre im Dienst bleiben wird, kann keiner wissen; als Vorbild für weitere Erneuerungen kann sie dem Verlag durchaus dienen: Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau etwa und endlich auch einmal die völlig vernachlässigte Chatharina Regina von Greiffenberg. Nur bitte – keine Übersetzungen ins Umgangsdeutsche.

Titelbild

Andreas Gryphius: Gedichte.
Herausgegeben von Thomas Borgstedt.
Reclam Verlag, Ditzingen 2012.
220 Seiten, 6,40 EUR.
ISBN-13: 9783150185612

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