Gefühl für Räume, Raum für Gefühle

Gertrud Lehnerts Sammelband über den „Spatial Turn und die neue Emotionsforschung“ leistet einen Beitrag zu den Kulturwissenschaften

Von Nora SchmidtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Schmidt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Interaktionen zwischen Räumen und den diese Räume Wahrnehmenden auszuloten ist das Anliegen des von Gertrud Lehnert herausgegebenen Sammelbandes „Raum und Gefühl“, in dem konstitutive Zusammenhänge der sonst separat betrachteten Kategorien, nun, nach dem spatial und dem emotional turn, aufgezeigt werden sollen. Raum und Gefühl stehen gleichermaßen in Bezug zu uns, den Wahrnehmenden, die wir den Raum über Bewegung und Handeln erleben und die wir innerlich erlebte Gefühle über räumliche und körperliche Metaphorik darstellen. Eingebettet in einen historischen und wissenschaftlichen Abriss der beiden zentralen Begriffe, wird hier die jeweilige Gerichtetheit von Raum und Gefühl auf einen Leser, Zuschauer oder Betrachter von Kunst in den Blick genommen. Denn die Wirkung von Kunst, beziehungsweise die Beschreibungsversuche räumlich und emotional bedingter ästhetischer Erfahrung sind der verbindende Fokus der Beiträge, die so verschiedene Bereiche wie Architektur, Film und Literatur, aber auch Computerspiele und Ausstellungen behandeln.

Gemäß seiner kulturwissenschaftlichen Ausrichtung, bei der sich die Beschreibung von Techniken, Praxen und Kontexten mit der Analyse verknüpft, situiert sich der Band in diachroner wie auch synchroner Hinsicht: Der Beitrag von Burkhard Meyer-Sickendiek zeigt die tiefe Verwurzelung der räumlichen Metapher der ‚Gefühlstiefe‘ bis ins 18. Jahrhundert, und wie sie über die Gestaltpsychologie bis zur aktuellen Emotionsforschung – in den background emotions – fortwirkt. Kontrastiert mit einer Diskussion der Phänomenologie des emotionalen Erlebens und des Begriffs ‚Gefühlsraum‘ bei Hermann Schmitz, werden Aufgaben einer Kulturwissenschaft nach dem emotional turn in Bezug auf die Kategorie des Raumes genannt. Der Beitrag von Dieter Mersch umreißt dagegen die Komplexität und zudem die vielen Veränderungen, denen Raum und Raumempfinden gegenwärtig unterliegen. Weil neue Technologien ganz neue environments bilden, befinden wir uns immer mehr in Räumen von besonderer Qualität, die Mersch als fraktale Räume beschreibt. Räume und Zeiten, aber auch Orte des eigenen Handelns im Plural überlagern sich, es entstehen über Technologien Gleichzeitigkeiten und Gleichörtlichkeiten. Deshalb sei der wahrgenommene Raum in seiner Zusammengesetztheit aus vielen isolierten Raum- und Zeitausschnitten als ‚A-Topie‘ (in Anlehnung an die Heterotopien Michel Foucaults) zu beschreiben.

Die theoretische Situierung des Bandes schließt der Beitrag von Stephan Günzel ab, der auf das Zwischen, das heißt auf die Interaktion von Raum und Emotion abhebt, indem hier die Wirkung von Ego- oder First-Person-Shooters im Bereich der Computerspiele betrachtet wird. Die Emotion als Medium, die eine Beziehung von Raumbild und Subjekt herstellt, untersucht Günzel mit Bezug auf Gilles Deleuzes Bewegungsbild und akzentuiert das Spiel als Agens, das sich sein Subjekt schafft. Diese Inversion einer Beschreibung von einfacher Wirkung der Kunst auf die inneren Emotionen des Betrachters, die im Band als zu kurz greifendend deutlich wird, ist für andere Beiträge gleichermaßen feststellbar. Raum und Kunstwerk (vertreten bei Günzel durch das Computerspiel) werden als aktive Größen im Prozess von Wirkung, Emotionsauslösung und Affekt gedacht, wenn wie hier vom Medium und nicht vom Menschen ausgegangen wird.

So nehmen die Beiträge von Laura Bieger zur Erlebnisarchitektur und von Michaela Ott zum zeitgenössischen Film diese Perspektive auf. Die bereits im Beitrag von Meyer-Sickendiek in den Fokus gerückte Kategorie des Leibes wird von Bieger in einer Ästhetik der Immersion zentral. Das emphatische und körperliche Erleben von mit dieser Intention erbauten Räumen verwische die Grenzen zwischen Realität und Kunst, zwischen Realraum und Bildraum zu einer ästhetischen Erfahrung der Lebenswelt. Wichtig ist hierfür jedoch die Bewegung im Raum als leibliche Form der Wahrnehmung, und eine affirmative Haltung: Die Einladung insbesondere kommerzieller Architekturen zu einer illusionär-emotionalen Reise, zum Eintauchen, muss angenommen werden. An die dem Betrachter damit bleibende Mündigkeit appelliert Bieger, wenn sie eine kritische Sensibilisierung für solche Wahrnehmungsangebote in einer kritischen Perspektivierung und Distanz sieht.

Ein besonderes Gewicht liegt in diesem aus insgesamt fünf Themenkomplexen bestehenden Sammelband auf urbanen Räumen, wobei diesem Schwerpunkt auch einige Beiträge zugeordnet werden können, die nicht unter der gleichnamigen Sektion zu finden sind. Das Schaufenster als ein Zwischenraum zwischen Käufer und Verkäufer, aber auch als ein um 1900 starken Veränderungen unterworfener, sehr spezieller, kunstfertig gestalteter Raum in der Stadt ist Gegenstand des Beitrags von Uwe Lindemann. Wie in einem ‚umgekehrten Panoptikum‘ werden im Schaufenster Dinge von allen gesehen, und Lindemann zeichnet Aspekte der Genese und Geschichte der Schaufensterauslage nach: Die Um- oder Überkodierung der Gebrauchsware mit symbolischem Wert, die ästhetische Erziehungsfunktion der Auslagen, die Parallelen zur Museumsvitrine und die Auswirkung auf die Inszenierung und Distinguierung der Persönlichkeit im öffentlichen Raum durch Waren und Mode.

Die Ästhetisierung der Lebenswelt, der Flaneur als ein Typ der Straße als auch die Kaufsüchtige beziehungsweise Kleptomanin als weibliche Gegenfigur werden hier angesprochen. Die Frau wird vom Schaufenster affiziert und verführt und muss daher geschützt werden, so der zeitgenössische Diskurs, den Lindemann zusammenfasst. In diesem dichten Netz sich anschließender Diskurse gilt ihm das Schaufenster mit seinen begehrten Waren als ein ‚Zeigeort des sozialen Gedächtnisses‘ und damit als ein Affektort, als ein Gegengewicht zu Zeigeorten der Geschichte, die den Intellekt ansprechen.

Der kulturhistorisch angelegte Beitrag von Gertrud Lehnert stellt eine Art Verbindungsglied dar, wenn er mit dem Thema des Warenhauses die Ästhetik der Immersion, als deren Technik die Inszenierung von Dingen angesehen wird, wiederaufnimmt und in seiner Methode der Konfrontation von kulturhistorischem Wissen mit literarischen Texten die Konzentration auf Literatur vieler anderer Beiträge vermittelt. Mit dem Kaufrausch wird ein Phänomen Gegenstand der Analyse, das als weibliches dem männlichen Flaneur und dem Straßenrausch zur Seite gestellt werden kann. Zusammen mit der Hotelhalle bildet das Warenhaus nach Lehnert paradigmatische Eigenschaften urbaner Räume ab: Erinnerungslosigkeit und Einsamkeit. Den Flaneur als von der Straße emotional affizierte Figur behandelt der Beitrag von Angelika Corbineau-Hoffmann in einem Durchgang durch die hierfür klassischen Beispiele (Mercier, Balzac, Baudelaire, Poe, Rilke, Belyj, Auster), in dem die einzelnen Lektüren der Autorin mehr durch eine Rhetorik der Selbstverständlichkeit bekräftigt, denn argumentativ untermauert werden. Als Gegenpart des Flaneurs wird die Straße als stark aufgeladener Affektraum benannt. Eine detaillierte Lektüre von Alexander Belyjs Roman „Petersburg“ liefert aber der Beitrag von Robert Schade im Anschluss.

In einer ganz anderen Perspektive wird die Straße als Affektraum von Katja Stillmark betrachtet: Hier geht es um Erinnerungstexte, in denen Erwachsene ihre kindliche Erinnerung an die Straße, in der sie aufwuchsen, konfrontieren mit dem aktuellen Straßenbild und dessen Wirkung auf sie. Anhand zeitgenössischer Texte wird so das Potenzial von Straßen, Affekte und Erinnerungen aufzurufen, näher betrachtet, um Unterschiede in diesen Prozessen auf die unterschiedlichen Kontexte zurückzukoppeln, in denen sie auftreten. Zudem werden hier autobiografische mit apokalyptischen Texten gegengelesen, sodass die Verbindung von Raum, Affekt und Literatur reflektierbar wird.

Literatur steht im Zentrum der Beiträge von Ottmar Ette und Monika Schmitz-Emans. Der bereits mehrfach angeklungene Erinnerungsraum wird im Beitrag von Ette ausdifferenziert als eine ambivalente und vielschichtige Topografie des Textes, die verschiedene Orte oder Räume kombiniert und ineinander übergehen lässt. Die gegensätzlichen Räume Konzentrationslager und Garten werden in der Lyrik von Emma Kann, die Ette hier mittels längerer Passagen aus Manuskripten zugleich auch vorstellt, als reale Räume erfahren und als Erinnerungsräume gestaltet. Wo das Erleben nicht mehr darstellbar ist, bricht die Darstellung des Erinnerungsraumes ein und schafft so eine (Widerstands-)Kraft durch Ästhetik. Die Literatur wird zur „ästhetischen Praxis eines Überlebenswissens“, die Literatur, fokussiert auf ein einzelnes Leben, vermittele so Lebenswissen.

Auf ganz andere Weise ist Literatur im Beitrag von Schmitz-Emans Gegenstand, nämlich vor allem in ihrer Materialität. Hier wird das Buch als labyrinthischer Raum vorgestellt, der sowohl den Intellekt als auch die Emotionen anspricht, beispielsweise also das Durchhaltevermögen des Lesers, der aber in erster Linie Spannung erzeugt. Vor allem postmodernen Experimenten mit dem Medium und mit Intermedialität widmet Schmitz-Emans Aufmerksamkeit, so dem „House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski und verschiedenen Künstlerbuchprojekten.

Der Sammelband „Raum und Gefühl. Der Spacial Turn und die neue Emotionsforschung“ bietet vor allem eine umfassende Sammlung von möglichen Verbindungen der Kategorien Raum und Gefühl in den Kulturwissenschaften. Die hier versuchsweise aufgezeigten Verbindungen und gegenseitigen Ergänzungen werden vom Band selbst nicht geleistet, denn trotz der Einführung von Lehnert sehen sich die einzelnen Autoren genötigt, ihr jeweiliges Raum- und Gefühlsverständnis erneut zu klären. So steht vor allem die Heterogenität der Ansätze im Vordergrund. Zudem wird dadurch ein wenig versteckt, wie wenig umrissen die Kategorie des Gefühls doch bleibt. Die einführenden Beiträge analysieren das Gefühl als einen Parameter der Kunstbeschreibung und als Medium ästhetischer Erfahrung. Die folgenden Beiträge bleiben dagegen größtenteils an der Kategorie des Raumes orientiert, während das Gefühl zwar thematisiert, aber nicht voll ausgeschöpft wird.

Der Band legt besonderes Gewicht auf den unablässigen und produktiven Austausch zwischen Raum und Gefühl, das heißt, Formen von Wirkung kommt ein großes Gewicht zu. Der Komplex ‚Gefühl und Emotion‘ wird in der Einleitung zwar unterschieden als innerliches Gefühl und äußerlich erkennbare Emotion, doch bleibt in den Beiträgen der Affekt als undifferenzierter Komplex der Bezugspunkt und der Gegenpart zu unterschiedlichen Arten von emotional gefärbten Räumen wie beispielsweise Affekträumen, Intensitätsräumen, Räumen der Immersion oder auch Erinnerungsräumen. Der Raum des Affekts, den Mieke Bal „zwischen einer Wahrnehmung, die uns beunruhigt, und einer Handlung, die wir zögern auszuführen“ auffindet, wird nur in einigen Beiträgen behandelt. In jedem Fall bietet der Band neue Perspektiven.

Titelbild

Getrud Lehnert (Hg.): Raum und Gefühl. Der Spatial Turn und die neue Emotionsforschung.
Transcript Verlag, Bielefeld 2011.
366 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783837614046

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