Ungewohnte Sicht auf die Dinge

Wolfgang Eßbach über „Die Gesellschaft der Dinge, Menschen, Götter“

Von Heike DelitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heike Delitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Die Gesellschaft der Dinge, Menschen, Götter“ versammelt zwölf der oft Trüffel-gleichen Aufsätze des Freiburger Kultursoziologen Wolfgang Eßbach aus den Jahren 1985-2008. Eßbach ist ein Artikel-Autor, der gleichwohl – 1988 – bereits ein opus magnum vorlegte (zur „Intellektuellensoziologie“) und derzeit an einem zweiten, nun religionssoziologischen opus magnum arbeitet. Ihm ist, gemeinsam mit anderen (vor allem Walter Seitter), der erste Anstoß zur Foucault-Wahrnehmung in der deutschen Soziologie zu verdanken. Seine Schüler haben dies erfolgreich fortgeführt. Ihm ist auch, gemeinsam mit anderen, die Renaissance des Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner als eines Gesellschaftstheoretikers zu verdanken – beides in Zeiten, in denen sich sonst kein deutscher Soziologe und Intellektueller für diese Köpfe interessierte, geschweige denn deren Tragweite erkannt hätte. Es sind Autoren, die „keine Angst vor dem Biologischen“ haben. Weitere Texte wären über die sich selbst bescheidenende vorliegende Auswahl hinaus zu nennen, die es lohnt, zu lesen: von „Antitechnische und antiästhetische Haltungen in der soziologischen Theorie“ bis zu „Wie ist es bei den Tintenfischen“?

Eßbach ist in jedem Fall ein eigener Kopf, zumal in der (deutschen) Soziologielandschaft. Theoretisch bewegt er sich stets zwischen Frankreich und Deutschland; genauer, er folgt dem französischen Denken der Wissenssoziologie eines Michel Foucault und dem deutschen Denken der Philosophischen Anthropologie eines Helmuth Plessner. Hinzu kommt eine dritte Position (wiederum deutsch): diejenige der unkonventionellen Marxisten. Eßbach ist, man merkt es spätestens hier, ein ‚68er‘. Und er ist durch und durch ein Denker der Moderne, einer, dem alles darauf ankommt, die Moderne zu verstehen: in ihren Differenzierungen, in ihrer Radikalität, in ihren Anfängen und aktuellsten Tendenzen.

Thematisch interessieren ihn früh die Artefakte („Zur Anthropologie der artifiziellen Umwelt“; „Die Gemeinschaft der Güter und die Soziologie der Artefakte“), die Animalität und Vitalität des Menschen („Der Mittelpunkt außerhalb: Helmuth Plessners Philosophische Anthropologie“), die Politik in Theorien und Konzepten („Deutsche Fragen an Foucault“; „Elemente ideologischer Mengenlehren: Masse, Rasse, Klasse; Subversion, Kritik, und Korrektur“) und die Politik der deutschen Universität („Universität als institutionelle Fiktion“); zunehmend schließlich das Religiöse („Umzug der Götter; Varros drei Religionen“). In allem ist er ein Denker der Moderne („Vernunft, Entwicklung, Leben“; „Radikalismus und Modernität“; „Autonomie oder Souveränität“; „Elemente ideologischer Mengenlehren“): mit historisch langem Atem, in die Gründungszeit der Soziologie und darüber hinaus reichend.

Sicherlich ist Eßbach einer der profiliertesten deutschen Kultursoziologen, wobei er zugleich stets Wert darauf legt, den Begriff der ‚Kultur‘ recht zu verstehen: Weder fallen Kultur und Gesellschaft in eins, noch Kultur und Religion. Vielmehr können diese jeweils gar nicht scharf genug auseinandergehalten werden, will man deren Eigenarten nicht verkennen. Und permanent muss der Kultursoziologe mit Verzerrungen und Latenzen rechnen, oder Mentalitäten: national gefärbten Diskursen und Rezeptionen. So vermissen etwa deutsche Autoren zunächst, wie Eßbach schreibt, in „Foucaults Weise, das Thema Subjekt zu behandeln, die deutsche Angstschule“; es gilt, kultur-, und genauer: wissenssoziologisch aufklären, wieso – und was das im Gegenzug für eine spezifisch französische Denkweise ist, die sich da in Foucault kundtut. So wie hier, so hat es der Kultursoziologe „meist mit verstellten Phänomenen zu tun. Nationale Wissenskulturen haben ihre Übungen an Schreckbildern […]. In diesen Niederungen gibt es noch viel zu tun“. Die diesem analytischen Blick mehr oder weniger strikt folgenden Texte entfalten je ihren eigenen Reiz; und dies schon allein aufgrund der metaphorisch treffsicheren, physikalisch, chemisch, biologisch arbeitenden Schreibweise (‚Verklebung‘, ‚Gären‘, ‚Behälter‘) – abgesehen vom Inhalt selbstverständlich. Da er divers ist, die Interessen verschieden sein mögen, mag nicht jeder der Texte gleichermaßen Gewinn für jeden bringen. Auch kann alles hier nur angeschnitten werden. Es sollen genau vier Schnitte gesetzt werden, die (auch international) womöglich besonders aufschlussreich sind: Da ist zum einen die „späte“ deutsche Foucault-Rezeption, namentlich der Bezug Habermas-Foucault („Deutsche Fragen an Foucault“). „Soziale Räume der Intelligenz in Deutschland haben immer eine gewisse Form, die an Behälter erinnert. Es sind Innenräume. Wer da hinein will, ist – wie im Märchen – ein böser Wolf, der Kreide gefressen hat, um seine Stimme täuschend zu verstellen. Und Foucault hat alles Zeug dazu gehabt, als so eine Gestalt mit verstellter Stimme identifiziert zu werden“.

Diese ‚Innenräume‘, in denen Foucault auf spezifische Weise rezipiert wurde, sind drei: ein „Verteidigungsraum, in dem Gefährdungen gesichtet und zügig identifiziert werden“; einige verstreute Räume, in denen eine „stille Aufnahme“ stattfand; und einige (zunächst) „marginale Nebengelasse, in denen es enthusiastisch herging“, es sind die „Enthusiasten, die die Türen weit aufreißen, um den bösen Wolf hereinzulassen, dann selbst Kreide fressen und mit verstellter Stimme sprechen“. Es ist nun der erste Raum, der die ‚deutschen Fragen‘ an Foucault stellt: „Ist es sinnvoll, Geschichte so zu analysieren und zu behandeln, daß kontingente Formationen auftauchen und verschwinden? 2. Ist es vertretbar, politisches Handeln ohne strengen und erkennbaren Bezug auf moralische Normen zu denken? 3. Wo bleibt das Subjekt, und wird es nicht in einer akzeptablen Weise in den Schriften der achtziger Jahre eingeführt?“.

Bei Foucault, so Habermas, wird die ‚Geschichte […] fugenlos ausgefüllt von dem schlechthin kontingenten Geschehen des ungeordneten Aufblitzens und Vergehens neuer Diskursformationen; in dieser chaotischen Mannigfaltigkeit vergänglicher Diskursuniversen bleibt für irgendeinen übergreifenden Sinn kein Platz mehr‘. Das „ist furchtbar und undenkbar in einem historischen Feld, das bei Lichte besehen so sehr mit Diskontinuitäten ausgefüllt ist wie das deutsche“.

Da ist zum zweiten das Aneinanderrücken von Foucault und den deutschen Philosophischen Anthropologen („Der Mittelpunkt außerhalb“) – als Denkern, die wissen, dass der Mensch ein Lebewesen ist, und dies in ihren Gesellschaftstheorien berücksichtigen. Wird ansonsten reflexartig die historische gegen die philosophische Anthropologie ausgespielt – die eine, die wisse, dass der Mensch sich stets verändere, und daher nur in tausend Kleinigkeiten zu erfassen sei; oder als eine, die wisse, dass der Mensch sich geschichtsphilosophischen Bahnen (des Marxismus) folgend verändere; während die andere, die philosophische Anthropologie ‚unreflektiert‘ stets das ‚Wesen‘ des Menschen feststellen wolle. Bei Eßbach wird sichtbar, dass Foucault und Plessner, Gehlen und Foucault einander viel näher sind, als man sonst denken will: Historische und biologisch informierte philosophische Anthropologie bedingen sich, statt sich auszuschließen. Hier wird die Kontur einer ‚Lebenssoziologie‘ sichtbar, die mit Plessner und Foucault weiß, dass es der Gesellschaft stets um das Leben, den Bios geht: um Subjektbildung, Vereindeutigung, und sie zugleich auf dem Leben in den Einzelnen beruht, dass den ‚Grund‘ des Sozialen das Vitale bildet.

Die Denker, die wissen, dass der Mensch ein vitales Wesen ist, wissen zum dritten auch, dass er ein ‚natürlich künstliches‘ Wesen ist (Plessner) – dass er sich durch Dinge definiert, und dass diese in der Moderne zunehmend mehr Platz einnehmen. Die Kultursoziologie muss neben den Selbstbildern (dem Wissen) die Artefakte ernst nehmen. Abgesehen von den gleichzeitig einsetzenden Bemühungen Bruno Latours, so Eßbach, hat sich die Soziologie dafür – nicht zufällig, sondern aus Konkurrenzgründen in der Ersetzung der einstmals religiösen Bindungsmittel – nicht interessiert. Sie hat im Gegenteil, so seine Analyse, ‚anti-technische und anti-ästhetische Haltungen‘ entfaltet: in den Soziozentrismen, also der Reinigung des Sozialen von den Dingen in dessen Definition als ‚Interaktion‘, conscience collective, ‚Kommunikation‘, selbst im ‚Diskurs‘. Dieser Befund gilt nicht nur für die Klassiker; er gilt auch für den cultural turn, die international erfolgreiche Kultursoziologie. Anders als Latour konzentriert sich Eßbach dabei auf die großen Artefakte, die man nicht einfach aus der Hand legen kann, die einem ständig die Sicht versperren: die Infrastrukturen, die Architekturen, diese ‚bioartifiziellen Symbiosen‘, die von ‚Gesellschaft‘ nicht zu trennen sind und deren spezifische Probleme begründen: etwa das der Gleichheit bei Besitzungleichheit als dem gesellschaftlichen Grundproblem der polis.

Die Denker, die wissen, dass der Mensch ein spezifisches, ‚natürlich künstliches‘ Lebewesen ist, dass in ihm das Nichts oder das Imaginäre steckt, dass er seinen ‚Mittelpunkt außerhalb‘ hat (Plessner), wissen schließlich viertens auch, dass da immer ,Religion‘ ist; und dass gerade die Moderne in dieser Hinsicht ihre funktionalen Äquivalente, ihre schnell wechselnden Schlüsselbegriffe, ihre zentralen Imaginationen kennt (um es mit Castoriadis zu sagen) – ‚Vernunft, Entwicklung, Leben‘; ‚Rasse‘ und ‚Klasse‘. Es sind Begriffe, die nicht harmlos sind. Hier muss man kultursoziologisch noch einmal am Beginn der Moderne anfangen – das wird das Telos des erwähnten, kommenden zweiten großen Buches sein.

Dies wären einige der Schichten und Themen, die hervorzuheben wären aus diesem breit angelegten kultursoziologischen Werk, dessen Fäden wohl so zusammen fließen: Der Mensch als das Wesen, das seine Mitte nicht hat, sondern suchen muss, kommt auf je verschiedene Ansichten seiner selbst; diese Wissenskomplexe haben je tiefe Effekte und Affekte, sie teilen die Einzelnen ein (,Masse-Rasse-Klasse‘), vereindeutigen sie (‚Subjekt‘), und dies je aus einer soziologisch aufzuklärenden Lage heraus. Und auch die Denker, mit denen man diese leere Mitte denken kann, sind ihrerseits in einer bestimmten Lage – auch Foucault, auch Plessner.

Zuweilen würde man sich (und dies ist ganz sicher ein positiver Effekt) wünschen, Eßbach würde sich ausführlicher den von ihm formulierten Problemen widmen, etwa der Entstehung des Diskurses über die Gütergemeinschaft in der attischen polis oder der Abwehr der Dinge in der soziologischen Theorie und deren Folgen. Auch wünschte man sich, er würde Fortsetzungsgeschichten schreiben, seine Aufklärungen aktualisieren: Was sind die ‚deutschen Fragen‘ an Foucault heute? Zumindest beim Thema Religion darf man hoffen, mehr zu Lesen zu bekommen, wobei wohl zugleich auch die Frage weiter verfolgt wird, was die zunehmende Artifizierung der Lebenswelt bedeutet, wie sie in das Phänomen Religion hineinspielt. Einmal mehr wäre das eine ungewohnte Sicht auf die Dinge, eine ungewohnte ,Verklebung‘.

Titelbild

Wolfgang Eßbach: Die Gesellschaft der Dinge, Menschen, Götter.
Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2011.
212 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783531179865

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