In seinen Träumen mit sich allein

Über Arthur Schnitzlers „Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931“

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Heute Nacht ein entsetzlicher Traum“, notiert der 27-jährige Arthur Schnitzler am 8. September 1889, „ich komme zu spät zu meinem Begräbnis, werde schon erwartet […] Habe Angst mich in den Sarg zu legen, dann redet mir die Mutter zu.“ Dieser beunruhigende Todestraum sollte sich in Folge mehrmals wiederholen – das eigenen Sterben, das Gefühl des zum-Tode-Verurteilt-Sein und das Motiv einer tödlichen Krankheit zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Traumtagebuch. „Allnächtlich beinahe die bösen Träume künftiger Wahrheit“, heißt es dort beinahe resignierend, ungeschönt tritt in diesen Passagen die zweifelnde und bisweilen beinahe depressive Natur Schnitzlers in den Vordergrund. Besonders auffällig wird dies in der Zeit nach dem Suizid seiner geliebten Tochter Lili, die sich im Juli 1928 das Leben nahm, was den Schriftsteller nachhaltig erschütterte. So kreisen dann auch viele Monate lang die Träume um dieses Ereignis, noch im Schlaf verfolgt ihn die Frage, ob er ihre Absichten hätte vorhersehen müssen: „Wieder der Traum“, heißt es am 16. Januar 1929, „dass ich weiß Lili will sich in einiger Zeit umbringen […] ich flehe sie an, es nicht zu thun […] ich erwache – froh, dass es ein Traum und erst in der Sekunde drauf weiss ich, dass …. was schon geschehn ist.“ Immer wieder tauchen Pistolen – Lili hatte sich erschossen – und das sogenannte „Amerikanische Duell“ in Schnitzlers Notaten auf, jedes Mal durchlebt er erneut die Trauer um seine Tochter, nicht selten erwacht er „schreiend“.

Das Ende seiner Beziehung zu Olga Schnitzler deutet sich in den Notizen bereits 1917 an, noch bevor Schnitzler es in der „Realität“ wahrnehmen wollte. Vermehrt berichtet er seit diesem Zeitpunkt von Träumen über Streitigkeiten und kleine Gesten, die vordergründig „zärtlich“, letztendlich „aber falsch“ erscheinen, Olga erscheint das eine ums andere Mal „lächelnd, aber misstrauisch“, sein Traum-Ich ist ständig „irgendwie uneins mit O.“ Am 29. August 1920 heißt es dann bezeichnenderweise: „Traum. Inhalt vergessen. Sinn, dass mir die häuslichen Beziehungen tragisch klarwurden“. „Wie wir im Traum zu letzten Gefühlswahrheiten kommen, deren sich im Wachsein unsere Eitelkeit schämt, die für das Wachleben kaum wahr sind“, notiert Schnitzler einige Tage später.

Eine dieser „Gefühlswahrheiten“ und ebenfalls immer wieder aufscheinendes Thema ist auch seine überaus ambivalente Beziehung zu seinem Vater. Wie der Autor selbst kämpft auch sein Traum-Ich verzweifelt um die Anerkennung des übermächtigen Vaters, der dem Sohn und vor allem dessen schriftstellerischer Tätigkeit ablehnend gegenübersteht. So heißt es etwa am 16. Oktober 1892: „Mein Vater sagt, ich habe kein Talent; ich berufe mich auf Loris“. So oft auch versucht wird, den Vater im Traum von seinem Werk und seiner Berufung zu überzeugen – dieser „tut, als wolle er nicht hören, entfernt sich auf Zickzackwegen im Schnee“ (so am 8. Februar 1912). Die Vaterfigur wird dabei mit Angst und Herabsetzung assoziiert: „Mein Vater, grösser als er je gewesen, tritt in mein Zimmer […] ironisch lächelnd, überlegen – er im Ganzen erhöht gleichsam und ich kleiner als sonst, dünner. Mehr in Unterwerfung als in Liebe ihm ergeben.“

Die von Sigmund Freud beschriebene „Doppelgängerscheu“ Schnitzler gegenüber ist längst legendär, dessen „Traumdeutung“ hatte Schnitzler bereits im Jahr des (offiziellen) Erscheinens gelesen, wie er auch am 26. März 1900 anlässlich eines Traumes notierte: „Traum, daß ich in Uniform mit Zivilhosen (wie im Traumdeutungs Buch von Freud gelesen) aber doch unentdeckt von Kaiser Wilhelm II, dem ich begegne, von einem Tor unter den Linden ins andere gehe.“ Der inhaltliche Bezug ist hier klar: Freud hatte in seinem Buch ein solches Erscheinen des Soldaten in Zivilhosen als einen sogenannten „Verlegenheitstraum der Nacktheit“ aufgefasst: „[Es] ersetzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Adjustierung. ,Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karierte Zivilhose‘“. Dies kann man übrigens auch als Parallelstelle zu „Lieutenant Gustl“ und dessen Angst vor dem Zerbrechen seines Degens als Anpielung auf Freud lesen, wie die Herausgeber in ihrem klugen Nachwort weiter ausführen und dabei auf einige von der Forschung zu Unrecht vernachlässigte Bezüge zwischen dem „Gustl“ und jener Passage aus der „Traumdeutung“ verweisen.

Schnitzler selbst erwähnt in den folgenden Jahren in seinem Tagebuch wie auch in den Traumaufzeichnungen mehrmals seine eigene Freud-Lektüre und seine Beschäftigung mit der Psychoanalyse. Ihm selbst fiel auf, dass er in dieser Zeit „auffallend viel und lebhaft träumte und selbst im Traum deutete“. Doch seine Art der Traumdeutung geht nicht unbedingt konform mit den Erkenntnissen der Psychoanalyse. Die Symbolhaftigkeit der Träume und vor allem deren Ursprung in der Sexualität, die Freud forciert herausstellt, scheint Schnitzler fremd zu sein, er macht sich gelegentlich mit einem Augenzwinkern gar über die Freud´sche Schule lustig: „Traum, dass die Russen vollständig umklammert seien“, heißt es etwa am 18. August 1915, „Freud würde zweifeln, dass ich die Russen gemeint habe“. Als er träumt, seine Beine würde rasiert, kommentiert Schnitzler am Ende seiner Aufzeichnung trocken: „die Freudschule könnte dies alles als einen verkappten Selbstmordwunschtraum deuten“. Sein eigener Zugang zur Deutung seiner Träume ist weitaus pragmatischer und rationaler als der der Psychoanalyse. Schnitzler arbeitet weniger assoziativ, verknüpft die Träume mit realen Ereignissen und sieht in vielen Fällen in den geträumten Szenen eine bloße Weiterführung seiner Tageserlebnisse.

Seine Traumnotizen notierte er zunächst handschriftlich, diktierte diese aber zwischen 1921 und 1931 seiner Sekretärin Frieda Pollack, die das Typoskript – auf dem auch die vorliegende Ausgabe basiert – anfertigte. Die Herausgeber Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing ergänzten diese Fassung um einige Traumnotate aus den Handschriften, diese werden im Buch auch typografisch abgesetzt. Schnitzler war beim Diktieren seiner Aufzeichnungen dabei erstaunlich offen und scheute nicht vor Persönlichem zurück, gerade die Träume erotischer Natur nehmen einen gewichtigen Platz im „Traumtagebuch“ ein und werden von ihm ebenso diktiert. Namen und allzu schlüpfige Andeutungen werden von ihm jedoch zumeist verkürzt oder dezent umschrieben: „mit Frl. L. in einer Art Kahn, sie trägt ein kurzes, blaues Röckchen, woraus sich ein frivoler Traum von merkwürdigster Lebhaftigkeit entwickelt“, heißt es etwa mehr andeutend als beschreibend. Auch in diesen Träumen spielt Schnitzler ironisch auf die Psychoanalyse an: „ich werde zärtlich trotz der Abgrundgefahr“, heißt es da etwa, „Wohlfeile Symbolik des Traumes“. „Zuweilen gibt sich der Traumgott mit seiner Symbolik keine sonderliche Mühe“, bemerkt er später süffisant. Die Traumerlebnisse sexueller Natur häufen sich vor allem nach seiner Scheidung , oft sind es ehemalige Geliebte, die die Szenerie der Träume beherrschen, aber immer wieder mischen sich dazwischen „Zärtlichkeitsträume“ von Olga „mit starker erot.sex. Betonung“. Schnitzler ist davon irritiert: „Träume sexueller Natur, eher ärgerlich“, wie er notiert – das hätte Freud sicherlich nicht so geschrieben.

Das „Traumtagebuch“ zeigt in der Gesamtschau eine andere, eher düstere Seite Schnitzlers, die bislang nur aufmerksamen Lesern des Tagebuches bekannt war, die sich aber im zu mit den üblichen biografischen, äußeren  Zuschreibungen als leicht-frivolen Dandy bestens zu einem stimmigen Gesamtbild vereinen. Einem Gesamtbild nicht nur Schnitzlers selbst, sondern auch zu einem der Menschen in seiner Umgebung. Ergänzt wird der Band durch einen überaus umfang- und kenntnisreichen Kommentar sowie ein ausführliches Register, was ihn zu einer unverzichtbaren Handreichung für die Schnitzler-Forschung macht.

Titelbild

Arthur Schnitzler: Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931.
Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing.
Wallstein Verlag, Göttingen 2012.
493 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783835310292

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