Literatur und das Wissen vom Nicht-Wissen

Zum Sammelband „Literatur und Nicht-Wissen. Historische Konstellationen 1730-1930“ von Michael Bies und Michael Gamper

Von Jakob Christoph HellerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jakob Christoph Heller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nachdem die Poetologien des Wissens und artverwandte Projekte sich in den letzten Jahren naheliegender Weise primär der Frage nach dem Wissen der Literatur und der ‚Literarizität‘ von Wissen gewidmet hatten, folgt mit dem vorliegenden Band von Michael Gamper und Michael Bies ein auf den ersten Blick verblüffendes Projekt. Wie der Titel bereits ankündigt, soll nun das Nicht-Wissen der Literatur untersucht werden, was den umfangreichen Sammelband in einen diskursiven Zusammenhang mit den neueren Arbeiten von Achim Geisenhanslüke oder Rainer Godel bringt – die selbst wiederum mit Beiträgen in „Literatur und Nicht-Wissen“ vertreten sind. Der Bereich der „Poetologien des Nicht-Wissens“ ist recht jung, aber bereits ungemein produktiv.

Wer in dieser Ausrichtung vor allem die Polemik gegen die Wissenspoetologien oder gar die Rückkehr zur bloßen Romantisierung der Literatur vermutet, irrt. Vielmehr soll, so Gamper in der Einleitung, Nicht-Wissen verstanden werden als „Abjekt von gesetzten Ordnungen, es ist das Vergessene, Verdrängte, Überwundene, Weggeschobene von Wissenskonzepten, das gerade deswegen neu fruchtbar und produktiv gemacht werden kann.“ Der Begriff des Nicht-Wissens in der hier gesetzten Verwendungsweise sieht dieses nicht nur als Kehrseite des Wissens, sondern ebenso als Gegenstand, der „epistemologische und ästhetische, aber auch politische und ökonomische Ordnungen etablieren, stabilisieren oder auch delegitimieren“ kann. Die produktive Seite des Nicht-Wissens akzentuiert Gamper explizit: Es erscheint „als ein dynamisches Konglomerat von Objekten und Praktiken, von dessen Irritationspotential wesentliche Impulse für die Bewegungen in den Formationen des Wissens ausgehen.“

In dieser Perspektive verhalten sich Wissen und Nicht-Wissen dialektisch zueinander; Nicht-Wissen ist auch Möglichkeitsbedingung von Wissen, und vice versa. Der Literatur nun kommt, so die These des Bandes, eine ausgezeichnete Rolle in der Reflexion, Anwendung und Produktion von Nicht-Wissen zu: Es determiniert den Inhalt, bestimmt die Verfahrensweise mit, und wird nicht zuletzt auch literarisch verhandelt und vorgeführt. Und wenn auch nicht alle versammelten Aufsätze die von Gamper vorgeschlagene Definition von Nicht-Wissen übernehmen, beziehungsweise teilweise sehr unterschiedlich akzentuieren, so beschäftigt sich der Sammelband damit nicht mit der ausschließlichen Fokussierung des Nicht-Wissens in der Literatur. Stattdessen behandelt er diese Leerstellen im Rekurs auf das Wissen des Textes oder der historischen Diskurssituation, in der er eingebettet ist. In Hinblick darauf ist es nicht verwunderlich, dass der historische Einsatzpunkt von „Literatur und Nicht-Wissen“ im frühen 18. Jahrhundert liegt, wo sich „die Bewusstwerdung von Nicht-Wissen und seiner erkenntnispraktischen Bedeutung“ (Gamper) verfestigte – erinnert sei in diesem Zusammenhang an den ‚Aufstieg‘ des experimentellen Verfahrens und die ‚Temporalisierung‘ des Wissens.

Aus dem Ziel, den Zeitraum von 1730 bis 1930 zumindest exemplarisch abzudecken, ergibt sich die Diversität der versammelten Aufsätze. Von Lichtenbergs ‚Latenz‘-Begriff (Jutta Müller-Tamm) über die Auseinandersetzung mit Sherlock Holmes’ Ignoranz (Uwe Wirth) bis hin zur ‚Poetik des Unsichtbaren bei Joris-Karl Huysmans‘ (Anne Seitz) reichen die Beiträge. Hervorzuheben sind neben den zahlreichen Spezialdiskursen vor allem die Arbeiten von Achim Geisenhanslüke und Rainer Godel, die beide ausführlichere methodologische Überlegungen mit grundlegenden Thesen zu verbinden suchen. Vor allem Geisenhanslükes Aufsatz zur „Genealogie des Nicht-Wissens“ akzentuiert dabei die Differenz seiner Poetologie des Nicht-Wissens zu den Ansätzen von Tilmann Köppe und Joseph Vogl. Die Literatur, so Geisenhanslüke, „gilt der Poetologie des Nicht-Wissens als ein Archiv, das sich auf andere Art und Weise als die Philosophie oder die Wissenschaften für Formen des Nicht-Rationalen wie Wahnsinn, Dummheit oder Ignoranz offen gezeigt hat.“ Dass damit der eigentliche Einsatz der Poetologien des Wissens wieder zurückgenommen wird, ist eine mögliche Interpretation. Die andere würde auf die seltsame Widersprüchlichkeit hinweisen, der Geisenhanslüke anheimfällt, wenn er einerseits den Wissenspoetologien vorhält, sie würden einen „Zusammenhang zwischen dem Ästhetischen oder Poetischen und dem Wissen“ voraussetzen, „der eigentlich erst infrage steht“, andererseits aber selbst den Zusammenhang von Literatur und „Nicht-Wissen“ voraussetzt. In Frage steht letztlich der jeweilige Wissens- oder Nicht-Wissensbegriff, der in den Ansätzen angebracht wird. So umfasst bereits Joseph Vogls Wissensbegriff, der in seiner vielzitierten Einleitung zu den „Poetologien des Wissens um 1800“ mit Gilles Deleuze formuliert, dass „eine literarische Fiktion, eine wissenschaftliche Proposition, ein alltäglicher Satz, ein schizophrener Unsinn usw. gleichermaßen Aussagen sind,“ die Bereiche des Nicht-Wissens – wenn auch unter dem Begriff ‚Wissen‘. Dass trotz dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit beide Projekte ihre Berechtigung haben, liegt an der von Geisenhanslüke ebenfalls angesprochenen „eigentümlichen Dialektik“ von Wissen und Nicht-Wissen. Der Unterschied zwischen den beiden ‚Poetologien‘ liegt vor allem in der Richtung, aus der der Forschungsgegenstand in den Blick genommen wird.

In Rainer Godels Aufsatz „Literatur und Nicht-Wissen im Umbruch, 1730-1810“ steht neben einem lesenswerten Überblick zu den Entwicklungsstationen von Nicht-Wissen und Literatur (von der Früh- und Spätaufklärung über die Klassik zur Romantik) wiederum eben jene Dialektik im Mittelpunkt der Überlegungen. Hier wird nochmals der Einsatz explizit: Zu analysieren sind „die historisch variablen Wissensansprüche,“ die die Kontroversen „über das, was als Wissen und was als Nicht-Wissen gelten kann, steuern.“ Mit dieser gleichsam ‚transzendentalen‘ Wende – die bereits in Gampers Schriften zu Literatur und Experiment eine herausragende Rolle spielte – bei Beibehaltung einer „epistemopraktischen“ Perspektive akzentuiert Rainer Godel das gemeinsame Projekt der (Nicht-)Wissenspoetologien.

Lobenswert ist, dass der Sammelband neben den Einzelanalysen somit der methodologischen Reflexion zahlreiche Seiten einräumt. Um aber auch der Detailbetrachtung in der Rezension zu ihrem Recht zu verhelfen, sei abschließend auf Tobias Lachmanns „Poetiken verborgenen Wissens“ verwiesen. In seinem Aufsatz behandelt der Doktorand den Verschwörungs- bzw. Geheimbundroman um 1800 als „panoptisches Erzählmodell“, das „wie kein zweites literarisches Genre hierarchische Gefälle von Wissen und Macht zu inszenieren“ versteht. Dabei figuriert der Foucault’sche Panoptismus, diese tendenziell totale Beobachtungs- und Wissensposition, als Bedingung der Möglichkeit des Geheimbundromans, der eben jenes „große Subjekt“ des Wissens als den phantasmatischen Anderen des nicht-wissenden und paranoischen Ich-Erzählers zu inszenieren weiß. Lachmanns Projekt stellt sich somit auch der Frage, wie überhaupt unter den Bedingungen der Diskurstheorie der Bereich des Nicht-Wissens zu denken ist, steht dieses doch „jenseits aller diskursiven Praktiken“: „Es dürfte keine Subjektpositionen bereitstellen, keinerlei Ordnungen der Aussagen kennen und sich weder benutzen noch aneignen lassen.“ Lachmann löst das Problem auf elegante Art über die Konzeption eines Bereiches des „relativen Nicht-Wissens“, der „diskursive Positionen für Subjektivitäten des Nicht-Wissens bereithält“ und somit über das „Verhältnis einer Subjektposition gegenüber der diskursiven Praxis charakterisiert wäre.“ In der Konzeption des nicht-wissenden Subjekts, dessen Wissen sich – zugespitzt – auf die Vorhandenheit eines verborgenen Subjekts, dem absolutes Wissen unterstellt wird, beschränkt, konturiert Lachmann nicht nur einen Romantypus, sondern ebenso einen bis in die Gegenwartskultur hinein gültigen Denkmodus. Zusammenfassend stellen die im Band versammelten Sondierungen somit eine weiter zu verfolgende, spannende Akzentuierung des Themenkomplexes Literatur und Wissen dar.

Titelbild

Michael Bies / Michael Gamper (Hg.): Literatur und Nicht-Wissen. Historische Konstellationen 1730-1930.
Diaphanes Verlag, Zürich 2012.
440 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783037341896

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