Waren „Die Drei von der Tankstelle“ avantgardistisch?

Jessica Nitsche und Nadine Werner geben einen Sammelband zu medialen Massenprodukten in der Weimarer Republik heraus

Von Franz SiepeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Siepe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man sehe es mir nach, wenn ich diese Besprechung mit einem ungewöhnlich langen Zitat, einem Passus aus Stefan Zweigs Lebenserinnerungen „Die Welt von Gestern“ beginnen lasse. Es handelt sich dabei um die Schilderung der Berliner Verhältnisse im Inflationsjahr 1923: „Ich glaube Geschichte ziemlich gründlich zu kennen, aber meines Wissens hat sie nie eine ähnliche Tollhauszeit in solchen riesigen Proportionen produziert. Alle Werte waren verändert und nicht nur im Materiellen; die Verordnungen des Staates wurden verlacht, keine Sitte, keine Moral respektiert, Berlin verwandelte sich in das Babel der Welt. Bars, Rummelplätze und Schnapsbuden schossen auf wie die Pilze. […] Den Kurfürstendamm entlang promenierten geschminkte Jungen mit künstlichen Taillen und nicht nur Professionelle; jeder Gymnasiast wollte sich etwas verdienen, und in den verdunkelten Bars sah man Staatssekretäre und hohe Finanzleute ohne Scham betrunkene Matrosen zärtlich hofieren. Selbst das Rom des Sueton hat keine solche Orgien gekannt wie die Berliner Transvestitenbälle, wo Hunderte von Männern in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidung unter den wohlwollenden Blicken der Polizei tanzten. Eine Art Irrsinn ergriff im Sturz aller Werte gerade die bürgerlichen, in ihrer Ordnung bisher unerschütterlichen Kreise. Die jungen Mädchen rühmten sich stolz, pervers zu sein; mit sechzehn Jahren noch der Jungfräulichkeit verdächtig zu sein, hätte damals in jeder Berliner Schule als Schmach gegolten, jede wollte ihre Abenteuer berichten können und je exotischer, desto besser. Aber das Wichtigste an dieser pathetischen Erotik war ihre grauenhafte Unechtheit. Im Grund war die deutsche Orgiastik, die mit der Inflation ausbrach, nur fiebriges Nachäffertum; man sah diesen jungen Mädchen aus den guten bürgerlichen Familien an, daß sie lieber einen einfachen Scheitel getragen hätten als den glattgestrichenen Männerkopf, lieber Apfelkuchen mit Schlagsahne gelöffelt, als die scharfen Schnäpse getrunken; überall war unverkennbar, daß dem ganzen Volke diese Überhitztheit unerträglich war, dieses tägliche nervenzerreißende Ausgerecktwerden auf dem Streckseile der Inflation, und daß die ganze kriegsmüde Nation sich eigentlich nur nach Ordnung, Ruhe, nach ein bißchen Sicherheit und Bürgerlichkeit sehnte. Und im geheimen haßte sie die Republik, nicht deshalb, weil sie diese wilde Freiheit etwa unterdrückt hätte, sondern im Gegenteil, weil sie die Zügel zu locker in Händen hielt. Wer diese apokalyptischen Monate, diese Jahre miterlebt, selbst abgestoßen und erbittert, der fühlte: hier mußte ein Rückschlag kommen, eine grauenhafte Reaktion. Und lächelnd warteten im Hintergrund dieselben, die das deutsche Volk in dieses Chaos getrieben, mit der Uhr in der Hand: ‚Je schlimmer im Land, desto besser für uns.‘ Sie wußten, daß ihre Stunde kommen würde. Um Ludendorff mehr noch als um den damals noch machtlosen Hitler kristallisierte sich schon ganz offenkundig die Gegenrevolution“.

Soweit also Stefan Zweig über jene „apokalyptischen Monate“. Man lese das bitte zwei- oder dreimal. Exakt zu jener Zeit wird, so Sophia Ebert in ihrem Beitrag zum hier zu besprechenden Sammelband, im Hamburger Kleinen Lustspielhaus (heute die Heimat des Ohnsorgtheaters) die Boulevardkomödie „Jennys Bummel durch die Männer“ von Hans Bachwitz aufgeführt, und das zahlende Publikum lacht mit. Auch Sophia Ebert, laut unserem Sammelband Lehrbeauftragte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitherausgeberin der gemeinsam von Wilhelm Speyer und Walter Benjamin verfassten Theaterstücke, befindet: „Jennys Bummel durch die Männer ist tatsächlich lustig.“

Es ging bei dieser Boulevardkomödie offenbar um damals übliche erotisch-sexuelle Verwicklungen einer jungen Frau, die aus der vermeintlichen Enge ihres bisherigen Daseins ausbricht, zum Schwarm der mondänen Männerwelt wird und am Ende einsieht, dass die wilde und zügellose Herumtreiberei doch nichts für sie ist. Jenny heiratet schließlich den Einen, den Märchenprinzen.

Jedoch ist diese – vom Genre seinerzeit geforderte – Restitution ordentlicher Liebesverhältnisse nicht nach dem Geschmack Sophia Eberts: „Trotz der witzigen Dialoge ist die Moral von der Geschichte für den heutigen Leser [sic] alles andere als lustig. Denn was als trotziger Ausbruch einer selbstbewussten jungen Frau beginnt, endet mit dem reumütigen Versprechen der Protagonistin: ‚Nie wieder in meinem ganzen Leben werde ich durchbrennen! Nie wieder werde ich auch nur die kleinste Dummheit machen! Nie, nie wieder werde ich bummeln!’“

Augenscheinlich besteht Eberts Sympathie mit Jenny bloß, solange diese die „selbstbewusste“, wohl promiskuitive „neue Frau“ repräsentiert. Kann es aber die Aufgabe der Wissenschaft sein, ihre Forschungsgegenstände gemäß der Werteskala persönlicher Vorlieben zu gewichten? Im vorliegenden Fall mag sich die Autorin in der Sicherheit wiegen, einvernehmlich mit der herrschenden Lehre zu argumentieren; denn niemand aus der scientific community würde sich wohl erkühnen wollen, einer jungen Frau das Recht auf „sexuelle Selbstbestimmung“, vulgo häufig wechselnden Geschlechtsverkehr, abzusprechen.

Symptomatisch ist der Casus Sophia Ebert/Jenny, weil die heute dominante Methodologie der Kulturwissenschaften dahin tendiert, als Mehrheitsdiskurse deklarierte Positionen zu delegitimieren, indem sie „marginalisierte“, vermeintlich minoritäre Ansichten und Praktiken aufwertet. Auf diese Weise aber regrediert das, was einmal Kulturkritik hieß und war, zum Habitus reflexhafter Parteinahme für präsumtive Außenseiter, die oftmals vergisst mitzureflektieren, ob nicht die Existenzweise des so in Schutz Genommenen gerade Produkt derjenigen Machtverhältnisse ist, die man um keinen Preis affirmieren möchte.

Fraglich ist mithin, ob die Kritische Theorie Theodor W. Adornos überwindet, wer hinter sie zurückfällt. Die Herausgeberinnen des vorliegenden Bandes äußern sich in der Einleitung folgendermaßen: „Der Band vertieft und erweitert Themen und Fragestellung, die während der Tagung Populärkultur, audiovisuelle Massenmedien und Avantgarde in der Weimarer Moderne an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main [6.-8. 11. 2009] zur Diskussion standen. Er greift verschiedene Entwicklungen und Medieninnovationen der Weimarer Moderne auf und rückt diese im Fokus der Populärkultur zusammen. Dabei kann es nicht darum gehen, diese zur ‚Hochkultur‘ zu stilisieren, sie als primitiven Populismus zu verabschieden oder sie auf kommerziell gesteuerte Prozesse zu reduzieren. Adornos Diktum der Kulturindustrie kann nicht mehr hinreichen, doch auch in umgekehrter Richtung, d. h. in Bezug auf traditionelle und als ‚Hochkultur‘ klassifizierte Kunstformen, erweist sich die Funktionalität von Begriffen wie ‚Bürgerlichkeit‘ und ‚bürgerliche Ideologie‘, die für die Avantgarde noch als eindeutige Feindbilder funktionierten, als überholt. Vielmehr muss über neue Kategorien nachgedacht werden, die quer zu den geläufigen stehen.“

Sehen wir einmal davon ab, dass zwar der Ausdruck „Adornos Diktum der Kulturindustrie“ von fern an Adornos Diktion gemahnen mag, aber – wie seit einiger Zeit gehäuft – sprachlich schlecht gefügt ist; und sehen wir auch darüber hinweg, dass im Sammelband von den 13 in Frankfurt gehaltenen Vorträgen lediglich acht abgedruckt sind und von den 18 Buch-Beiträgen in Frankfurt lediglich acht auch vorgetragen wurden, sodass die Wendung „vertieft und erweitert“ schon ein wenig nach Euphemismus klingt. Wichtiger ist etwas anderes: Man verwirft wieder einmal den Hochkulturbegriff zugunsten eines pseudodemokratischen Relativismus, erklärt Kultur- und Ideologiekritik Adorno’scher Provenienz für obsolet und postuliert „quere“ Neuerungen. Nun gut, dann hat der Innovationsdrang aber auch Resultate zutage zu fördern, die qua Evidenz und Plausibilität überzeugen. Ist das hier der Fall? Der geschmähte Adorno jedenfalls hätte die Idiosynkrise gekriegt, wenn der Potsdamer Medienhistoriker Michael Wedel ihn davon hätte überzeugen wollen, dass es sich bei der Tonfilmoperette „Die Drei von der Tankstelle“ (1930/31) mit Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Oskar Karlweis eigentlich um ein Stück avantgardistischer Filmkunst handelt. Wenig überrascht hätte ihn hingegen, von Jessica Nitsche zu erfahren, dass Reklamebildchen, die das ehemalige Leben in den Kolonien illustrieren wollten, den Charakter einer „ideologisierenden Darstellung“ hatten und keineswegs postkolonialistische Aufklärungsabsichten verfolgten: „Subversive und kolonialkritische Bildstrategien existierten im Bildgenre der Sammelbilder nicht“.

Einen Text gibt es im Buch, welcher das Thema aus metatheoretischer Sicht angeht; er stammt von dem in der Fachwelt hoch angesehenen Kaspar Maase („Bewegliche Grenzen. Überlegungen zur Bestimmung von Populärkultur in der Weimarer Republik“). In Anlehnung an James Naremore und Patrick Brantlinger schlägt Maase ein „relationales Modell“ für „den Raum der künstlerischen Kulturen […] in den westlichen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts“ vor, das die folgenden sieben Kategorien kennt: Hochkunst, Modernismus, Avantgarde, Volkskunst, populäre Vergnügungen, populärer Mainstream/Massenkunst und subkulturelle Szenen. Festzuhalten bleibe, dass die Grenzen zwischen diesen Einheiten durchaus fließend sind. So etwa hatte Thomas Manns Roman „Die Buddenbrooks“, den man wohl getrost der „Hochkunst“ zurechnen darf, Ende der 1920er-Jahre infolge einer Volksausgabe eine gewaltige Popularisierung erfahren. Gleichwohl lassen sich mit Blick auf den Zeitraum zwischen 1919 und 1933 polare Konfliktstellungen beobachten, wenn Privatinitiativen, Vertreter der bürgerlichen Öffentlichkeit und politische Parteien gegen das Verwahrlosungspotential von populärkulturellem „Schmutz und Schund“ Front machten.

Darüber, ob derartigen Interventionen zur „Veredelung“ der Volksmassen eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen ist oder ob sie einem illegitimen altertümlichen Idealismus konservativer und/oder reaktionärer Kreise erwuchsen, dürften die Anschauungen divergieren. Das an den Beginn dieser Rezension gestellte Zitat Stefan Zweigs sollte unter anderem zu dahingehenden Überlegungen anregen.

Währenddessen sind die Phänomene der „Populärkultur“, mit denen sich die Aufsätze des vorliegenden Sammelbandes befassen, allesamt weit entfernt davon, als „Schmutz und Schund“ qualifiziert werden zu können. Da geht es bei Thomas Küpper um eine systemtheoretische Analyse der Romanproduktion von Hedwig Courths-Mahler; bei Eckhardt Köhn um seinerzeit sehr beliebte Fotobücher oder bei Bernd Stiegler – in einem wunderbar erhellenden Text – um das vielschichtige Prinzip der Montage in Film und Fotografie.

Überhaupt ist das Kino bevorzugtes Objekt der Beiträger; sei es in Gestalt der großen Stadtsinfonien, sei es (von Burkhardt Lindner) in Gestalt des Stummfilmexpressionismus als prominente Form der „Popularisierung des Unheimlichen“. Dem Rundfunk gelten vier Aufsätze. Sabine Breitsameter demonstriert, dass das Hörspiel jener frühen Jahre ein Beispiel dafür liefert, „wie sich in einer medialen Ästhetik Politisches manifestieren kann und, umgekehrt, wie eine bestimmte Politik ihren Ausdruck in einer spezifischen medialen Ästhetik findet“.

Dieter Daniels bietet „Eine kritische Revision von Bertolt Brechts Radiotheorie und seines Hörspiel-Experiments Der Lindbergh Flug“. Im Exil verfasste Brecht das Gedicht „Auf den kleinen Radioapparat“: „Du kleiner Kasten, den ich flüchtend trug […] Dass meine Feinde weiter zu mir sprächen […] Versprich mir, nicht auf einmal stumm zu sein.“ Ausgehend von Brechts Radiotheorie erkennt man mit Daniels „zwei Deutungsmuster der Medien“: „Bei Brecht und Enzensberger der Glaube an ein in der Technik selbst liegendes soziales und kommunikatives Potential, das von seiner politischen und ökonomischen Reglementierung zu befreien sei, um seine revolutionäre Wirkung zu entfalten – bei Baudrillard hingegen die Hoffnungslosigkeit aller Massenmedien, die nur Nicht-Kommunikation fabrizieren und sich nicht in eine demokratische Architektur umbauen lassen, sondern nur die ‚Simulation einer Antwort‘ zulassen.“

Insgesamt offeriert der von Jessica Nitsche und Nadine Werner herausgegebene Band ein beträchtliches Spektrum zum Teil sehr überzeugender und lehrreicher Analysen zuallermeist aus derzeitiger medienwissenschaftlicher Perspektive. Man würde an jedem einzelnen Beitrag noch mehr Gefallen finden, wenn nicht vor dem ganzen Projekt der grandiose Anspruch stünde, das Rad der Kulturkritik gleichsam neu erfinden zu wollen.

Titelbild

Nadine Werner (Hg.) / Jessica Nitsche: Populärkultur, Massenmedien, Avantgarde 1919-1933.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2012.
407 Seiten, 52,00 EUR.
ISBN-13: 9783770552788

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