Sterben wie Goethe!

Hermann Kurzke vernetzt Thomas Manns Leben und Werk

Von Daniel Linke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Für wen" diese Biographie sei, fragt der Mainzer Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke rhetorisch in seinem Nachwort. Zu unrecht, so meint man, ist die Frage nicht gestellt. Bereits 1995 war das Jahr der Thomas Mann-Biographien, der Markt schien auf lange Sicht gesättigt. Donald A. Prater veröffentlichte im Hanser Verlag seinen Versuch "Thomas Mann" als "Deutschen und Weltbürger" (so der Untertitel) vor allem den angelsächsischen Lesern auf 775 Seiten verständlich zu machen. Mehr als das Dreifache an Umfang benötigte der Journalist Klaus Harpprecht, um seine Sicht auf das Leben des Lübeckers darzulegen. Mißlungen sind beide Unternehmungen: die eine (Prater), weil sie den Schwerpunkt auf den Zeitzeugen und nicht auf den Schriftsteller Thomas Mann legte; die andere (Harpprecht), weil dem Autor das tiefergehende Verständnis für die komplexe Struktur der Person Thomas Mann gefehlt hat - und Mann zudem aus der Perspektive des Besserwissenden gerichtet wurde. Für Wissenschaftler und Interessierte an der Person Thomas Manns war dieses Ergebnis ein Dilemma, mußten sie doch im Zweifelsfall auf die ebenfalls nicht unproblematische, unvollendete Biographie "Der Zauberer" von Peter de Mendelssohn (1975) zurückgreifen. Diese bricht zwar bereits mit dem Jahr 1918 ab, umfaßt bis dahin aber nicht weniger als 2500 Seiten. Glücklicherweise wurde sie 1996 in einer erneuten Auflage vom S. Fischer Verlag mit einem Fußnotenapparat so ausgestattet, daß ihr Verwendungswert erheblich gestiegen ist.

Die mangelnde Quantität kann also Hermann Kurzke nicht bewogen haben, einen neuen Anlauf zu unternehmen. Der ausgewiesene Thomas Mann-Forscher hat keine weitere streng chronologisch orientierte Biographie entworfen. Er wählte einen Ansatz, der - wie er im Nachwort gesteht - in jedem Proseminar verboten würde, nämlich die Vermischung von Fiktion und Leben. Doch Thomas Mann selbst wie auch Goethe erteilen vorab die Erlaubnis: "Autobiographie ist alles", sagt der eine, "Lebensgeschichte ist's immer", der andere. Der Ansatz gerät zur Befreiung. "Ich bin Künstler genug, Alles mit mir geschehen zu lassen, denn ich kann alles gebrauchen" (Thomas Mann). Lebensbericht und Literatur fließen gekonnt ineinander über, ohne daß Kurzke es versäumt, die Grenzen und Fragwürdigkeiten seines Vorgehens zu problematisieren, denn "ein großes Werk ist mehr als nur ein Resultat seiner biographischen Quellen", aber "die Biographie seines Herzens steht verzaubert in seinen Dichtungen. Manchmal läßt sich das wirklich Erlebte im Gedichteten zweifelsfrei identifizieren, manchmal nur plausibel machen, ohne beweisbar zu sein. Der Leser ist frei, zu folgen oder nicht."

Thomas Manns Briefe, Notiz- und Tagebücher sowie sein literarisches Werk sind die wesentliche Quellen, aus denen Kurzke seine Biographie komponiert. So sprechen Thomas Mann und Hermann Kurzke gleichzeitig; der letztere führt, relativiert, erklärt. Dabei spielt Kurzke geschickt mit Manns eigener Arbeitstechnik, nämlich der Kompilation von Quellen mit Eigenem. Das Werk ist somit niemals fern, Thomas Mann selbst ist niemals fern - ein Zustand, der in den letzten Biographien nicht immer erreicht wurde.

Ob Geburt, Taufe, Schul- und Jugenderlebnisse, Bruderzwist, Freundschaften, Liebeserlebnisse, Eitelkeit, München, Weimarer Republik, Exil, politisches Engagement, Deutschland nach dem Krieg und vieles andere - die literarische Umsetzung des Erlebten wird umgehend geschildert. Dadurch ergibt sich eine spannende motivgeschichtliche Biographie. Neben der Schilderung der großen Lebens- und Werkmotive ist immer genügend Platz für ungewöhnliche Kapitel: vom 'Bett und Schlaf, elegisch', 'Katia, literarisch', 'Arbeitstag und Alkohol' oder beispielsweise von Thomas Manns Leidenschaft zum Rauchen, der "im Qualm unzähliger 3-Centesimi-Zigaretten" die Buddenbrooks entstehen ließ. Die Suche gilt sogleich auch seinen rauchenden literarischen Figuren; Thomas Buddenbrook und Hans Castorp sind die Berühmtesten. Auch über das 'Du' wird erzählt und nachgedacht. Daß Thomas Mann selten duzte, ist meist noch bekannt, vierundreißig (!) Jahre brauchte die Freundschaft zu Bruno Walter, ehe sie im 'Du' mündete. Wie aber verhält es sich mit seinen literarischen Protagonisten? Hans Castorp duzt Clawdia Chauchat "gegen alle Gehörigkeit", später wird es der Teufel mit Adrian Leverkühn tun. Die Vernetzung von Leben und Werk funktioniert: Scheinbare Marginalien des Werkes treten in das ihnen von der Wissenschaft sonst verwehrte Rampenlicht. Der Leser lächelt und freut sich: Erstaunlich, wie ertragreich das Werk Manns heute noch ist, wenn mit einer anderen Akzentuierung gelesen wird.

Die Homosexualität ist meist der Auslöser, wenn Manns "bürgerliche Sicherheit ins Wanken" gerät, und somit sinnvoller Weise eines der Leitmotive der Biographie, entsteht aus dem homoerotischen Spannungsfeld doch ein beträchtlicher Teil des Werkes. Den Spekulationen über den tatsächlichen Vollzug wird kein Raum gegeben: "Das wirklichkeitsreine Traumreich der Erfüllung in der Phantasie war ihm wichtiger als die immer unvollkommene wirkliche Berührung". Ansonsten bleibt es dabei: "Wir wissen nichts".

Von den stillen Liebesgefühlen und deren Chiffrierung im Werk wird erzählt: von Armin Martens, Williram Timpe, Paul Ehrenberg über Klaus Heuser bis zu Franzl Westermeier. Bei letzterem zieht sich der Biograph zurück und überläßt ausschließlich Thomas Mann das Wort, jeder weitere Kommentar wäre zu viel. Über Seiten hinweg erzählt allein das Tagebuch von 1950: "Noch einmal also dies, noch einmal die Liebe, das Ergriffensein von einem Menschen, das tiefe Trachten nach ihm - seit 25 Jahren war es nicht da und sollte mir noch einmal geschehen." Es ist lebenslang sein Thema; die Verführung, die Sünde und die Verdrängung der Päderastie, kurz "Ur-Kram" (Erika Mann), sowie die dazugehörige Angst vor der öffentlichen Entlarvung. Trotzdem engagiert sich Mann in den zwanziger Jahren für die Abschaffung des §175, verfaßt gar eine Petition. In der Familie setzt später ein ironisch-liebevoller Umgang mit seiner Homosexualität ein, seine Frau Katia war ihm dabei eine verständnisvolle Stütze.

Auch über Goethe führt der Weg, eigentlich beginnt das Buch mit ihm. Sein Lebenshoroskop aus "Dichtung und Wahrheit" führt auf den Weg zu Thomas Mann, verweist schnell auf seinen Lebenswunsch - in Goethes Spuren zu gehen. Seinem eigenen Horoskop hat Thomas Mann freilich der Anlehnung halber nachgeholfen, der Faust-Stoff bot sich später aus historischen Gründen an, mitunter aber auch, weil "Goethe einen geschrieben hatte" (Kurzke). Thomas Manns Wunsch aus dem Ersten Weltkrieg, der Nationaldichter der Deutschen zu werden, er war auch hier noch nicht erloschen.

Aber nicht nur die Glanzpunkte sind verzeichnet. Schonungslos, aber ohne zu richten, werden Manns Verhalten gegen seinen Feind Theodor Lessing, die Auseinandersetzung mit Kerr und sein tatsächliches Vorhaben, während des Dritten Reiches sich von seinem Verleger Bermann Fischer zu trennen - die Sicherung der Tantiemen schien für einen Moment wichtiger zu sein als die Treue zu seinem verläßlichen Förderer - geschildert. Auch das widersprüchliche Verhältnis zum Judentum wird erhellend betrachtet, wie auch seine ambivalente Haltung zum Glauben.

Zum Schluß: der Tod. Thomas Mann stirbt über sechzehn Seiten lang, vor ihm und mit ihm auch seine Werkfiguren. In den Buddenbrooks läßt er "elegant" eine vielköpfige Familie zugrunde gehen. Friedemann legt seinen Kopf in das Wasser, immerhin ein Liebestod. Aschenbach hat bei seinem letzten Atemzug seinen Schönen im Blickfeld. "Erst die Kunst macht den Knochenmann schön", kommentiert Kurzke. Am Ende hätte Thomas Mann eines glücklich gemacht: sterben wie Goethe, Imitatio bis zum Schluß.

Titelbild

Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie.
Verlag C. H. Beck, München 1999.
650 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3406446612

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