Scheitern als Chance

Im Zweifelsfall ist die Blackbox die letzte Hoffnung auf der Suche nach Ursachen für Abstürze

Von Nina Giaramita

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Zweifelsfall gibt es also immer noch jemand, der, wenn ansonsten nur noch Grabesstille herrscht, Auskunft geben kann - und sei es per Voice-Recorder.

Einer muss es ja machen, muss den Finger in die Wunde legen und darin rumpulen. Mag es noch so schmerzhaft sein. Dass es in diesem Fall Benjamin von Stuckrad-Barre ist, der den "Blackbox"-Part übernommen hat, könnte einen für Sekunden aus der Fassung bringen.

Immerhin ist es DER Stuckrad-Barre. Der Hans-Dampf-in allen-Gassen, der Teenie-Star, der Literaturpapagallo, der sich mit seinem hemdsärmeligen "Soloalbum" kometengleich in den umtriebigen Literaturbetrieb katapultiert hat - dann gleich nachgelegt mit "Livealbum", einem stark autobiografischen Werk, das die Verwunderungen eines zu frühem, unverhofftem Ruhm Gekommenen thematisiert.

Und warum sollte einer, dem die Etikettierung "Popliterat" wie klebriger, süßlicher Honig anhaftet, nicht auch endlich mal "verstörend" (Klappentext) sein wollen? Das ganze Gerede mit der U- und E-Literatur ist doch eh Papperlapapp, geht es doch eigentlich nur um hui oder pfui, gut oder schlecht, hopp oder top.

Genau das aber ist der springende Punkt. Denn die sich unter dem tiefschwarzen Buchdeckel verbergende Textansammlung ist im besten Fall nicht mehr als eine nonchalante Fingerübung. Ein Schnellschuss, der mitnichten einen Kaliberwechsel anzeigt. Aber - bleiben wir im Fliegermilieu - es ist eher eine etwas unsanfte Bruchlandung als eine Total-Crash. Hoffnung gibt es noch.

Denn was Stuckrad-Barre auszeichnet, ist seine Fähigkeit, dem unerträglichen und in allen erdenklichen Schichten vorkommenden Worthülsen-Alltag nachzuspüren und ihn auffliegen zu lassen. Darin ist er groß. Diese Größe führt er in "Blackbox" in sämtlichen Spielarten vor. Das Problem ist, dass es dabei dann auch meist bleibt. Wie ein Hochglanz-Stimmenimitator führt er in den als literarische Charakterstudien angelegten Texten einen nach dem anderen vor: Die verquaste Schauspielerin, den existenzgründenden Kotzbrocken, den alternden Showbiz-Star. Jeder hat seinen bedrückenden Auftritt bei ihm. Er lässt sie ihre Leier aufsagen ("Ich halte mehr von natürlichen Heilmethoden; in der industrialisierten Welt ist ein Körper selbst bei gesunder Lebensweise dermaßen vielen Schadstoffen schutzlos ausgeliefert, dass regelmäßige Entgiftung notwendig ist."), zerrt sie ans Licht - und zeigt damit, wie großartig doof ein Großteil der Menschheit ist. Schön, jetzt wissen wir auch das. Aber: Weiß man das - gesetzt den Fall, man geht nicht blind und taub durch die Welt - nicht auch schon vorher?

Spätestens nach dem zweiten oder dritten Erguss dieser Art will man sich resigniert abwenden, "Ruhe!" schreien und "Ist ja gut!", denn der Phrasenoverkill tötet den Nerv. Gut möglich, dass genau dies vom Autor so beabsichtigt ist. Wo aber bleibt der Aha-Effekt? Kopf in den Sand stecken, ist die einzige Schlussfolgerung, die man aus diesen Tiraden ziehen kann. Nun, könnte ein berechtigter Einwand sein, muss ja nicht alles Erbauungsliteratur sein. Stimmt. Aber einer der sich pflichteifrigst in Phraseologie übt, kann sich zwar als exakter Protokollant misslicher Umstände auf die Schulter klopfen, die Kür aber, die aus einer bloßen Niederschrift eine abgründige Geschichte macht, die hat er noch lange vor sich.

Schon in der Schule waren die, die am fleißigsten von der Tafel abgeschrieben haben, nicht auch gleich die besten Aufsatzschreiber.

Trotz alledem: Missgriffe dieser Art sind verzeihlich, wenn sie denn zumindest eine derartig perfekte Mimese aufweisen. Unsäglich und unverzeihbar ist jedoch, die unter dem Titel "speichern unter: krankenakte dankeanke" firmierende Posse, die Stuckrad-Barre zur angeblichen Belustigung oder auch zur Denkmalsetzung seiner selbst abliefert. Worum es geht? Um die eigenen Schlagzeilen, um den Wirbel, den man im Verlauf eines Popliteraten-Daseins so entfacht, um das Nichts also. Denn dass die Unterhaltungsbranche in manchen Belangen nichtiger nicht sein könnte, weiß niemand besser als Stuckrad-Barre selbst. Warum er dieses Nichts aber auf über achtzig Seiten reproduziert und zu einem noch größeren inhaltlichen Vakuum aufbläst, bleibt schleierhaft.

Der Nachwelt wird dieser schlechte Kir-Royal-Verschnitt, der vor allem durch konstantes Name-Dropping auffällt, höchstens als Kuriosum begegnen -und nicht als etwaige "letzte Hoffnung."

Insofern gibt Stuckrad-Barres "Blackbox" vor allem über das eigene Versagen Auskunft. Scheitern als Chance, würde dazu vielleicht manch Neunmalkluger sagen. Aber das ist auch nur eine von diesen Phrasen.

Titelbild

Benjamin von Stuckrad-Barre: Blackbox - Unerwartete Systemfehler.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000.
10,20 EUR.
ISBN-10: 3462029576

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