Gabriele Wohmanns Erzählband "Frauen schauen aufs Gesicht"

Sensible Schlachtenbummlerin zwischen Gefühls-Chaos und Alltag

Von Mike Roth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine "psychische Verfassungsanomalie des einzelnen Menschen gegenüber seiner Mitwelt" gilt weithin als Neurose. Wissenschaftliche Abhandlungen über diesen beinahe selbst schon neurotisch gewordenem Alltagsbegriff füllen kilometerweise die Regale der psychologischen Fachbibliotheken.

Eine sensible literarische Betrachtung des einzelnen Menschen zwischen seinem inneren Gefühls-Chaos und seinem äußeren Alltag füllen hingegen nur 176 Seiten des Erzählbandes "Frauen schauen aufs Gesicht" der Darmstädter Schriftstellerin Gabriele Wohmann. In zehn Erzählungen liefert das ehemalige Mitglied der Gruppe `47 und Autorin von über 400 Romanen, Erzählungen sowie Hör- und Fernsehspielen in ihrem neuen Buch detaillierte, ehrliche, spannende, nachdenkliche aber auch überaus komische Situationsberichte von Frauen und Männern während ihrer Grabenkämpfe zwischen dem inneren und äußeren Alltag.

Berichte etwa über die Angst einer alten Frau vor dem Krebstod des ihr noch einzig verbleibenden Menschen: ihrer Schwester; deren stoischen Anblick sie aber nicht mehr länger ertragen kann. Oder den schwierigen Umgang miteinander in einer kaputten Beziehung, in der sich einer der Partner aus der entstandenen Einsamkeit in den Drogenkonsum flüchtet, der andere aber aus Egoismus nicht damit umgehen kann. Oder aber die Sehnsucht einer jungen Studentin nach der unerwiderten Liebe zu ihrem Dozenten.

In sprachlichen Nahaufnahmen beschreibt Wohmann dabei sensibel und wissend das allzumenschliche Verhalten ihrer Figuren in diesen allzumenschlichen Beziehungen. Ohne die narrative Spannung zu verlieren, gelingt ihr das beinahe schon objektiv. Denn die Autorin lässt den Leser immer wieder an den Gedanken ihrer Charaktere teilhaben.

Nahaufnahmen des Lebens, in denen Wohmann ihre Protagonisten darstellt als gleichwertige Wesen im Alltagskampf zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit, Vertrautheit und Fremdheit, Angst und Hoffnung - Bausteine von menschlichen Lebenslagen, die der Leser immer wieder zu einem Ganzen bis zum Ende einer jeden ihrer Geschichten zusammensetzen möchte. Wohmann verfällt dabei aber keineswegs in Melancholie oder gar ratgebende Antworten, sie nennt die Dinge einfach beim Namen und sorgt dabei in ihrer entlarvenden Art für eine gehörige Portion an Lesevergnügen.

Wie auch in der Erzählung "Herr und Frau Maas": "zwei von der ehelichen Schwerkraft zusammengedrückte" Eheleute, die ihre seit Jahrzehnten angewöhnten Alltagsmarotten ebenso sehr lieben wie ihren Partner. Beide haben sie höchst unterschiedliche Angewohnheiten, doch die "eheliche Schwerkraft" lässt das Paar in Extremsituationen gleich handeln und denken. Eine weitere gemeinsam angelebte Gewohnheit, die mitunter zu einigen Erschütterungen in ihrem Eheleben führen kann.

Eines dieser Beben tritt ein, als sich ihre Tochter Patti mit ihrem neuen Freund zum Besuch ankündigt und den geliebten Alltagstrott der erfahrenen Eltern zu zerstören droht. Das wissen die beiden Eheleute, geben das einander aber nicht zu - es handelt sich schließlich um die geliebte und einzige Ausgeburt ihrer Partnerschaft. Mit ihren oft wechselnden Freunden sieht Patti nämlich immer "so abgelutscht" aus, "irgendwie feucht [und] besudelt von dem, was sie" treibt. Und nach Frau Maas` Menopause scheint der Besuch der Tochter bei ihren Eltern auch wirklich fehl am Platz zu sein, denn das eheliche Sexualleben beschränkt sich bei Frau Maas auf wenige heimliche Hitzewallungen, kurz bevor sie einschläft, und bei Herrn Maas darauf, dass er sich täglich für einige Zeit auf der Toilette einschließt. Nein, Pattis Pflichtbesuch mit ihrem neuen Freund bei ihren Eltern ginge wirklich zu weit im verlogen-menschlichen Alltag der Familie Maas. Auch wenn die beiden Eltern sich so manche Gedanken machen über ihre Tochter:

"Patti hat ein Leck, dachte ihr Vater, während ihre Mutter" noch an die Tücher dachte "mit denen sie unter den Sitzungen der Verliebten am liebsten ihre Polstermöbel schonen würde. Und beide fanden sich etwas abwegig und peinlich von ihren Assoziationen belästigt".

Um es also erst gar nicht zu weiteren Peinlichkeiten kommen zu lassen, versucht der eine nun unbemerkt die Türklingel abzustellen, und der andere lässt unter dem Vorwand der zu hellen Sonne die Rolladen herunter und verriegelt die Balkontür. Beide spielen sie ,Toter Hund'. Und wie für gewöhnlich in solchen Situationen setzen sie beide "auf Geheimnistuerei" und spielen das Spiel jeder für sich allein.

Detailliert beschreibt Gabriele Wohmann nun diesen angewöhnten Spieltrieb der beiden "von der ehelichen Schwerkraft zusammengedrükten Schlachtenbummler". Sie spricht ihre Gedanken schonungslos aus und entlarvt dabei mit jedem Wort die allzumenschliche Lebenskomödie auf der zu alltäglichen Ehebühne der Familie Maas.

Mit ihrem feinen Humor bringt sie den Leser aber keineswegs nur zum Schmunzeln - was ihr auch in anderen Erzählungen gelingt. Das liegt wohl daran, daß man viele der Situationen selbst kennt, von denen Wohmann in ihrem Buch berichtet. Deshalb fühlt man sich wahrscheinlich auch so oft mit einem Lächeln im Gesicht bis ins Innerste hinein entblößt, wenn man ihre Worte liest. Selbst würde man es nämlich nie wagen, sie so ehrlich auszusprechen, wie Wohmann es tut - die eigenen kleinen "psychischen Verfassungsanomalien gegenüber seiner Mitwelt".

Keine Neurosen, sondern ein allzumenschliches Lesevergnügen im Spiegel einer sensiblen Schlachtenbummlerin zwischen innerem Gefühls-Chaos und äußerem Alltag.

Titelbild

Gabriele Wohmann: Frauen schauen aufs Gesicht.
Econ Verlag, München 2000.

ISBN-10: 3612650378

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