Nahbetrachtung Arkadiens

Zu Johan Huizingas fragmentarischer Kulturgeschichte Amerikas

Von Robert ZwargRSS-Newsfeed neuer Artikel von Robert Zwarg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Claus Offe wählte 2004 für sein Buch über die Amerikastudien von Alexis Tocqueville, Max Weber und Theodor W. Adorno den wohlklingenden Titel „Selbstbetrachtung aus der Ferne“. Die implizite These besagte, dass sich in den Reflexionen auf das vermeintlich Andere – Amerika, das nicht umsonst die „Neue Welt“ genannt wird – etwas vom Eigenen, dem europäischen Kontinent, verrät. Die drei Positionen, die Offe damals unterschied, sagen somit mindestens soviel über die Denker, die sie formulierten, aus, wie über das Objekt der Analyse, wenn nicht gar mehr. Amerika, so fasste Offe zusammen, würde entweder als Europa im positiven Sinne vorauseilend begriffen, als negative Avantgarde, an der sich die düstere Zukunft des Kontinents ablesen lässt, oder als vor Europa verblassender Hort der Kulturlosigkeit. Johan Huizingas Amerika-Betrachtungen – „Mensch und Masse in Amerika“ (1918/1928), „Amerika – Leben und Denken“ (1927/1928) sowie das Amerika-Tagebuch aus dem Jahr 1926 –, die der Wilhelm Fink Verlag 2011 erstmals gesammelt veröffentlicht hat, liegen quer zu dieser idealtypischen Einteilung. Sie zeigen eine Auseinandersetzung mit Amerika sine ira et studio, wohl aber mit Passion und der Bereitschaft, sich von der „Neuen Welt“ überraschen zu lassen. Anders als verwandte Schriften seiner Zeit, beispielsweise Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“, verwehrt sich Huizinga sowohl der Fortschritts- als auch der Verfallsgeschichte. Seine Analyse geht stattdessen in die Tiefe, stellt Differenzen heraus, wo sie sich aufdrängen und scheut sich nicht vor Revision wo das eigene Vorurteil sich in den Text windet.

Huizinga hat mit „Der Herbst des Mittelalters“ 1919 eine Version der Historiografie begründet und – denkt man an die Annales-Schule einige Jahrzehnte später – vorweggenommen, die unter dem Begriff der Kulturgeschichte zur Tradition wurde. Weniger das Geschäft der historischen „großen Männer“ gelten ihr als Leitschnur der Geschichte, sondern sie versucht vermittels einer „dichten Beschreibung“ (Clifford Geertz) eine gleichsam mehrdimensionale Darstellung ihres Gegenstandes zu geben. Keine Quelle fällt durch das Raster und selbst so schwer zu fassenden Untersuchungsobjekten wie Lebensstil, Mentalität und Alltag versucht sie sich zu nähern. Im Unterschied zur klassischen historischen Abhandlung, deren Gerüst nicht zuletzt die Periodisierung und Epochenbildung war, ist Huizingas Form kaum überraschend der Essay. Denkt man an Theodor W. Adornos „Der Essay als Form“, indem das Kreisen als die vorherrschende Suchbewegung dieser Textgattung ausgewiesen wurde, zeigen sich dennoch Unterschiede im Detail. „Mensch und Masse“, eine Kollektion von „vier Essays über moderne Kulturgeschichte“, mit der das Buch eröffnet, sind jeweils durch Gegensatzpaare strukturiert: Individualismus versus Assoziation, Automatisierung versus Vergemeinschaftung, Staatssinn versus Geschäftsgeist, zahmes versus wildes Amerika. Wollte man das dynamische Prinzips von Huizingas Schreiben als eine Bewegung ausdrücken, würde es sich weniger um ein Kreisen als um ein Schwingen handeln. Auf den Ebenen von Politik, Ökonomie und Alltag wird unterschiedliche lange verweilt, Exkurse zur Philosophie des Pragmatismus, zur Literatur Walt Whitmans oder zu Kino und Presse lösen einander stetig ab.

Dass in den Essays von „Mensch und Masse in Amerika“ nicht, wie es bei Adorno heisst, alles „gleich nah zum Mittelpunkt“ steht, sondern sich zwischen den Extremen bewegt, ist keinesfalls bloßes Stilmittel, sondern eng mit dem Gegenstand der Untersuchung sowie der europäischen Perspektive und ihrem möglichen Vorurteil verbunden. „Wir erblicken hyperbolische Entwicklungen, leidenschaftliche Konflikte, schreiende Widersprüche in Wort und Tat“, so Huizinga. Es zeugt von großer methodischer Einsicht – und nimmt vorweg, was später Hayden White berühmt machen sollte –, dass Huizinga gleich zu Anfang die traditionellen Narrative europäischer Geschichtsschreibung mit Amerika kontrastiert. „Im Grunde behilft sich das historische Denken mit einer kleinen Handvoll Schemata und Formen. […] Dieselben Schemata und Erscheinungen sind wir auch geneigt, in der Geschichte der große Staatengemeinschaft der Neuen Welt zu suchen. Aber was Wunder, wenn sich herausstellt, dass die alten Formen nicht oder nur notdürftig auf die Neue Welt passen?“ Als die vier Essays von „Mensch und Masse in Amerika“ am Ende des Ersten Weltkrieges 1918 das erste Mal erscheinen, hatte Huizinga Amerika noch nicht mit eigenen Augen gesehen. Damals handelte es sich tatsächlich um eine Betrachtung aus der Ferne. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich die Amerikastudien auch als ein Metakommentar zu einer vor allem entlang der Ökonomie und der Politik verfahrenden Analyse, nicht selten kaum verhüllt auch an Karl Marx angelehnt, lesen lassen. Zwar heißt es am Anfang des Buches apodiktisch: „Jede politische und kulturelle Frage ist hier letztlich eine ökonomische.“ Es dauert jedoch nicht lange, bis sich der marxistisch geschulte Blick korrigieren lassen muss. Denn nicht immer lässt sich jede kulturelle Veränderung schlicht auf Ökonomisches zurückführen. Zuweilen verhält es sich geradewegs andersherum, so beispielsweise, wenn Huizinga auf die Erfindung des Stacheldrahts 1870 verweist und konstatiert: „Der Zaun macht das Eigentum, nicht der Eigentümer den Zaun.“ Es ist nicht allein das Novum Amerika, das Huizinga die Pfade traditioneller Geschichtsschreibung verlassen lässt. Thomas Macho schlägt in seinem luziden Nachwort vor, die Amerika-Studien mit dem fast gleichzeitig erscheinenden „Herbst des Mittelalters“ zusammenzulesen: „Die Beschreibung mittelalterlicher Praktiken des Weinens und der Tränen verträgt sich unmittelbar mit der Darstellung kollektiver Schreiduelle bei der Nominierung amerikanischer Präsidentschaftskandidaten auf einem Parteikonvent“, so der Kulturwissenschaftler Thomas Macho. Und nicht zuletzt mag man spekulieren, ob Huizinga die Durchlässigkeit, ja zuweilen auch Fragwürdigkeit von Epochengrenzen an Amerika zuerst gelernt hat, um sie dann auf das Mittelalter und den Übergang zur Renaissance zu übertragen, oder umgekehrt.

Der Kontinent, den der Leser durch Huizingas Schriften kennenlernt, streift den Amerikadiskurs des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, geht jedoch nicht in ihm auf. Dem titelgebenden Gegensatzpaar „Mensch und Masse“ ist der staunende Blick auf die schiere Größe des Landes und Anzahl seiner Bewohner abzulesen. Die Gedanken über Rationalisierung und Automatisierung lesen sich wie eine Vorwegnahme dessen, was später Fordismus heißen sollte. Und die Opposition zwischen Freiheit und Individualismus auf der einen, und Gemeinschaft und Staatseingriff auf der anderen Seite, klingt bis heute in der amerikanischen Tagespolitik nach. Huizinga betreibt keine einseitige Auflösung der Gegensätze, auch keine dialektische Vermittlung, wie sie die Tradition der Kritischen Theorie anstrebt. Das Funktionieren Amerikas stellt sich Huizinga vielmehr als ein merkwürdige Balance dar, während ihm selbst die Gegensätze vor allem als Orientierung dienen. Jedoch scheint zuweilen das europäische Vorurteil gegenüber Amerika durch, wenn Huizinga über den Konformismus oder die Ersetzung der Literatur durch eine homogenisierte Presse schreibt. Dass sich Huizinga damit nicht zufrieden gibt, zeigt vor allem die Sammlung „lose[r] Bemerkungen“, die 1927 erstmals veröffentlicht werden, unter dem Titel „Amerika – Leben und Denken“. Der Text, der als Kollektion aphoristischer, meistens kurzer Formen der „Minima Moralia“ zuweilen nahekommt, steht zugleich für die Transformation der Fernbetrachtung in eine Nahbetrachtung. Am 10. April 1926 war Huizinga zum ersten Mal an Bord der RMS Berengaria nach New York City gefahren. „Um die Amerikaner zu verstehen, muss man in der Leichtigkeit ihrer Luft leben, stärkend für Geist und Nerven“, heisst es am 10. Mai in seinem Tagebuch. Dominiert wurde die Reise von Treffen mit Wissenschaftlern und dem Besuch von Universitäten und Forschungsinstitutionen. Sowohl „Amerika – Leben und Denken“ als auch das Tagebuch spiegeln das deutlich wieder und es ist kein Wunder, dass sich die beiden letzten Miniaturen um die Rolle der Wissenschaft in Amerika drehen. Als dem Zeitgeist entsprechende Denkschulen galten Huizinga vor allem der Pragmatismus und der Behaviorismus, den er zuweilen abschätzig beurteilte. Hier nähert sich Huizinga einmal vorsichtig einer materialistisch inspirierten Vermittlung von Gesellschaft und Denken, wenn er über die antimetaphysischen Behavioristen schreibt: „Es erscheint nur logisch, dass die Automatisierung der Gesellschaft diesen Denkern selbst keine Angst mehr einjagt. Sie registrieren sie, bejubeln sie und inaugurieren sie feierlich. Sie kapitulieren freiwillig vor der Maschine.“ Bezeichnend für Huizingas Haltung, die in dieser äußerst lesenswerten Sammlung umfassend vorliegt – Quelle amerikanischer Kulturgeschichte und bemerkenswertes Element des europäischen Amerikadiskurses zugleich –, ist aber vor allem der Nachsatz dieses Gedankens: „Das alles wird aber nicht wie bei Oswald Spengler mit ätzendem Pessimismus festgestellt, sondern im Tonfall eines vertrauenden Optimismus, als führe man in einer geschmückten Barke nach Arkadien.“

Titelbild

Johan Huizinga: Amerika.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Annette Wunschel.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2011.
380 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783770551675

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