Ein Held in Noppensocken

Frank Schulz‘ „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ ist mehr als ein Krimi

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für kauzige Charaktere und authentische Milieubeobachtungen hat Frank Schulz definitiv ein Händchen: Die Hagener Trilogie, besonders „Morbus Fonticuli“, war schlichtwegs meisterhaft – und dessen Protagonisten um Bodo Morten und die hinreißende Karin Kolk hatten auch in Schulz’ Erzählungsband „Heikle Geschichten“ einen denkwürdigen Auftritt. In seinem jüngsten Buch „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ gibt es zwar neues Personal, Schulz bleibt aber weitgehend der Hamburger Szenerie treu. Der namensgebende Onno ist um die fünfzig, lebt von Hartz IV. Er verbringt seine Tage damit, den Regionalsender Hamburg TV zu verfolgen und auf der Couch zu sitzen. Aus der Ruhe bringen kann ihn kaum etwas, selbst die wöchentlichen Tischtennisrunden mit Freunden bringt Onno unaufgeregt, schlurfig und in Noppensocken hinter sich.

Eine Verliererfigur als Held der Geschichte? Mitnichten, denn Schulz Protagonist ist ein liebenswerter Lebenskünstler mit einem „Charisma für Arme“ und einem imposanten Sitzfleisch, dem man so schnell nichts krummnehmen kann. Umso verwunderlicherer, dass ausgerechnet Onno seine Freunde nach einem Tischtennismatch mit der Nachricht überrascht, Privatdetektiv werden zu wollen. Einer von ihnen, erfolgreicher Anwalt, verschafft ihm dann mehr aus Mitleid seinen ersten Auftrag: Er soll die „Künstlerin“ Fiona Popo beschatten, die von ihrem Liebhaber und Förderer Harald Herbert Queckenborn (nebenbei bemerkt eine grandiose Dieter-Bohlen-Parodie) verdächtigt wird, eine Affäre zu haben. Onno geht die ganze Sache gewohnt gemütlich an, sucht erstmal sein irgendwo geparktes Auto – hat dann aber überraschenden Erfolg: Fionas Lover ist, so findet er heraus, „Händchen“, die rechte Hand einer Kiez-Größe und ein Schrank von einem Mann.

Onno wäre aber nicht Onno, würde die ganze Sache dann nicht grandios schiefgehen. Erst trifft er mit Fiona zusammen, dann freundet sich auch noch „Händchen“ mit ihm an.

Die eigentliche Geschichte um Viets, die in Rückblenden erzählt wird, ist ziemlich gut, überaus humorvoll erzählt, mit einem Blick fürs Detail. Schulz zelebriert die Abschweifung und die Lust am Soziolekt ebenso wie seine Vorliebe für abstruse, aber hochkomische Metaphern. Er schafft es, im Krimi-Genre eine groteske Satire auf Kriminalromane zu schreiben, die ihresgleichen sucht. Doch mit der Rahmenhandlung hat er sich keinen Gefallen getan. Der Hüne, der dort ganzkörpertätowiert, ohne Zähne und mit einem Schwert bewaffnet, einen Alsterdampfer kapert, dabei von zwei Touristinnen gefilmt wird und sich offenbar an jemanden rächen möchte, ist, so merkt man schnell, niemand anders als jenes „Händchen“, das sich Onno vorknöpfen möchte. Das Ganze wirkt zunächst skurril, unkonventionell und überraschend, nutzt sich dann aber recht schnell ab, denn der Mix aus YouTube-Filmchen, User-Kommentaren und dokumentarisch anmutenden Passagen zeigt, dass sich Schulz hier auf ungewohnten Terrain bewegt – und dabei erstaunlich unsicher wirkt. Wo sich in den langsam, aber genüsslich erzählten Rückblenden eine dichtes, fein ausgearbeitetes Prosa-Geflecht entwickelt, wirkt die Rahmenhandlung dagegen dünn und wenig überzeugend, geradezu überkonstruiert.

Was sich in den „Heiklen Geschichten“ bereits andeutete, macht auch die Unausgewogenheit des „Onno Viets“ deutlich: Schulz ist auf seinem Terrain gut, aber seine Bandbreite scheint begrenzt. Mit seinen Protagonisten ist es ähnlich wie mit der Handlung: So gut ihm Onno Viets und beinahe alle Nebenfiguren gelungen sind, so platt und unglaubwürdig wirkt der Geliebte Fionas. Sicher, sie und Queckenborn sind ebenfalls Abziehbilder – aber dabei überzeugend. „Händchen“ dagegen schustert Schulz geradezu küchenpsychologisch zusammen: als Kind missbraucht und von den Eltern ungeliebt, mit so einer Kindheit muss man ja zum „Irren vom Kiez“ werden, das ist nun wirklich kein sonderlich origineller Einfall. Ein guter Roman in einem leider doch recht unbefriedigenden Gewand also, der sich dennoch weit über die übliche Krimikost erhebt.

Titelbild

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Roman.
Galiani Verlag, Köln 2012.
368 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783869710389

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