Eva und ihre Töchter

Renate Möhrmann hat einen Sammelband über „Das böse Mädchen als ästhetische Figur“ herausgegeben

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eva steht in nicht eben gutem Ruf. Verführte sie Adam doch dazu, von einer der verbotenen Früchte zu kosten, was Gott Grund genug war, das Paar aus dem Paradies zu vertreiben, womit sie und ihre Nachkommen bis ins siebte Glied und darüber hinaus allen Übeln und allem Bösen dieser Welt ausgesetzt waren und – wie wir leidvoll erfahren – noch immer sind. Wenn Renate Möhrmann sie daher als „Urmutter aller bösen Mädchen“ apostrophiert, wird ihr über all die Jahrhunderte hinweg nicht nur ein Chor frommer Christen zustimmen. Möhrmann, die Herausgeberin eines Sammelbandes über „das böse Mädchen als ästhetische Figur“, hält allerdings einen Clou bereit. Sie interpretiert die biblische Figur als Intellektuelle, denn ihre Tat – der Genuss der bei Möhrmann als Apfel bezeichneten Frucht – „geschieht aus Neugier, Erkenntnisdrang und Forscherlust.“

Eine nicht unorginelle Interpretation, die einiges für sich hat. Dass sie von der gängigen „sexuellen Interpretation“ des ‚Sündenfalls‘ hingegen wenig hält, versteht Möhrmann nicht so überzeugend zu plausibilisieren. Man müsse „den Urtext genauer lesen und weniger seinen späteren Umdeutungen glauben“, klagt sie ein und zitiert Genesis 3,6: „Und das Weib schaute an, dass von dem Baum gut zu essen wäre, und dass er lieblich anzusehen und ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte“. Aus der „semantischen Verknüpfung von ‚lustig‘ und ‚klug‘“ schließt die Autorin, Eva „will nicht bloß Erkenntnis, sie will auch ihren Spaß.“

Die Crux ihrer Argumentation liegt nun darin, dass es sich bei dem von ihr herangezogenen Text keineswegs um den Urtext handelt, denn der wurde bekanntlich in hebräischer Sprache verfasst und enthält daher weder die Worte „lustig“ noch „klug“, noch ihre semantische Verknüpfung. Möhrmann hat also nicht den Urtext selbst herangezogen, sondern eine Übersetzung. Welche, verschweigt sie. Dabei ist keineswegs unstrittig, wie das hebräische Original zu übersetzen ist. Entsprechend gibt es im deutschen Sprachraum eine Reihe miteinander konkurrierender Übertragungen wie etwa die im Laufe der Zeit mehrfach revidierte Lutherbibel, die Elberfelder und die Zürcher Bibel sowie die Einheitsübersetzung.

Seit einigen Jahren ist die „Bibel in gerechter Sprache“ hinzugetreten, die Genesis 3,6 folgendemaßen übersetzt: „Da sah die Frau, dass es gut wäre von dem Baum zu essen, dass er eine Lust war für die Augen, begehrenswert war der Baum, weil er klug und erfolgreich mache.“ Hier sind die sexuellen Anklänge nur schwer zu überhören. Noch vernehmlicher klingen sie in der von Möhrmann stillschweigend übergangenen Genesis 3,7 in den Ohren, die in der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache folgendermaßen lautet: „Da wurden beiden die Augen geöffnet und sie erkannten, dass sie nichts anhatten. Sie hefteten Feigenblätter aneinander und machten sich Schurze.“

Jedenfalls scheint der Urtext mehr Anlass dafür zu bieten, den ‚Sündenfall‘ auch sexuell zu interpretieren, als dafür, in der Frucht des Baumes einen Apfel zu sehen. Nicht nur was die Bibel betrifft, kommt Möhrmann ihrer Forderung, sich an die Urtexte zu halten, nicht nach. In dem Filmklassiker „Casablanca“ sagt die von Humphrey Bogart verkörperte Figur Rick zu Ilsa (Ingrid Bergmann) mehrmals die zu einiger Berühmtheit gelangte Sentenz „Here’s looking at you, kid“, was die deutsche Synchronisation mehr als frei als „Ich schau dir in die Augen, Kleines“ übersetzt. Bei Möhrmann wird nun „Schau mir in die Augen, Kleines“ daraus, was ihr den vom ursprünglichen Ausspruch schwerlich abgedeckten Schluss erlaubt: „Der Starke bestimmt, wann die Schwache ihn anschauen darf“.

Möhrmanns Einleitung in den von ihr herausgegebenen Sammelband enthält allerdings nicht nur missliche Übersetzungen und Interpretationen dieser Übersetzungen, sondern durchaus auch Erhellendes. So legt sie dar, dass „Einzeldarstellungen“ böser Mädchen „bis weit in die griechische Mythologie zurückreichen“, es die Figur jedoch anders als der bad boy der amerikanischen Literatur nie zu einem eigenen Genre gebracht hat.

Wurden die „Grenzüberschreitungen“ böser Mädchen in der Literaturgeschichte bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus immer wieder „streng sanktioniert“, so konstatiert Möhrmann mit dem Erstarken der Zweiten Frauenbewegung um 1970 eine „Umbewertung“: „Die neue Frau setzt sich selbst zum Subjekt, sagt den oktroyierten Rollenklischees den Kampf an und stürmt hinaus ins feindliche Leben“.

Inge Wild präzisiert diesen Befund in ihrem Beitrag zum vorliegenden Band dahingehend, dass das „‚Trotzkopfmodell‘, die Entwicklung des kleinen weiblichen Wildfangs oder trotzigen Mädchens zur jungen Dame, deren rebellische Züge jedoch nicht ganz abgeschliffen werden, sondern im Gegenteil ihre Attraktion für das andere Geschlechte erhöhen“, mit der Neuen Frauenbewegung durch Texte abgelöst wird, die zwar auf die „literarische Tradition des aufmüpfigen Mädchens zurückgreifen“, aber „einer anderen weiblichen Entwicklungslogik folgen“, die „dem neuen Anspruch weiblicher Emanzipation gerecht“ wird. Wilds Aufsatz beleuchtet „Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker ‚Pippi Langstrumpf‘“, dessen Protagonistin heute als „Vorläuferin“ der seit der Neuen Frauenbewegung zunehmend auftretenden „widerständigen Mädchen“ interpretiert werde. Pippi selbst ist Wild zufolge zwar kein böses Mädchen, „wohl aber eine Projektionsfigur und ein literarisches Vorbild für viele Mädchen, die sich später trauen, ‚böse‘ zu werden.“

Wilds Aufsatz ist der erste von insgesamt 25, die in ihrer Gesamtheit „kein einheitliches, universell gültiges Persönlichkeitsbild des fiktionalen bösen Mädchens anstreben“, sondern es unternehmen, die Figur „in ihrem geschichtlichen Wandel und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu erfassen, nach den Motiven zu fragen, die den Anlass für die Abweichung vom sogenannten Guten geben, und Erklärungen dafür zu finden.“

Petra Fohrmann etwa vertritt die These, böse Hexen seien nur scheinbar aus dem Kinderfernsehen verbannt. Denn Sabrina, die Hexe Lilli, Bibi Blocksberg und ihre Mutter seien „nicht ganz so harmlos, wie sie scheinen“, „manchmal“ sogar „richtig böse“. Um zu diesem Fazit zu gelangen beschreitet sie auch schon mal den bequemsten – nicht aber validesten – Weg. So konsultiert Fohrmann etwa Wikipedia und zitiert ausführlich, was sie dort über Harry Potters fliegenden Besen erfahren hat. Auch ist fraglich, ob „Kinder“ heutzutage „die bösen Hexen aus dem Märchen“ wirklich so „genau“ kennen, wie die Autorin glaubt.

Susanne Kord wiederum möchte in ihrem Beitrag zu „pubertierenden Mädchen und sexueller Neugier in archetypischen Geschichten“ zwei Thesen „testen“: zum einen die von Walter Benjamin unterstellte „notwendige und unvermeidliche Destruktivität der Neugier“ und zum anderen ihre eigene „Annahme der engen Verwandtschaft der archetypischen Genres von Märchen und Horrorfilm“. Als „Testfälle“ hat sie das Grimm-Märchen „Sneewittchen“ in der gegenüber späteren Fassungen weit unverblümter sexuellen Version von 1812 und Brian de Palmas 1976 gedrehten Horrorfilm „Carrie“ ausgewählt. Zunächst bietet ihr Beitrag wenig Überraschendes. Im Gegenteil. Er referiert über Seiten hinweg Bekanntes, wie etwa Bruno Bettelheims psychoanalytische Lesart des Märchens. Wirklich originell und erhellend ist allerdings Kords Lektüre „Sneewittchens“ als „Vampirgeschichte“. In dem Märchen, so behauptet sie keck, „stolpert man allerorten über Vampirmotive“. Doch ihre Beweisführung ist derart schlagend und ihre Beispiele sind so zahllos, dass man sich am Ende fragt, warum man das alles nicht selbst schon längst erkannt hatte.

Der Symbolik von Haaren, genauer gesagt derjenigen „abgeschnittener Locken“ wendet sich die Anglistin Ina Schabert zu, während Helga Abret sich mit Clara Viebigs „in mancher Hinsicht innovativem, ja nicht selten subversivem Roman“ „Charlotte von Weiß“ befasst und die Mitherausgeberin des „Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen“ Gabi Pailer  in Fontanes Grete Minde überraschenderweise eine „Tochter von Cervantes’ ‚la gitanilla‘“ erkennt. Überzeugend legt Pailer dar, dass Miguel de Cervantes, „in der ersten seiner Novelas ejemplares, Lag gitanilla, ein ‚Zigeunermädchen‘ entwirft, als dessen literarische Filiation Fontanes ‚Grete Minde‘ in mehr als einem Sinn gelten kann.“ Auch wenn man bei Figuren weiblichen Geschlechts den Begriff der Filiation vielleicht doch besser meiden sollte. Auch mag es dahingestellt sein, ob es sich bei Cervantes Novela tatsächlich um den „wichtigsten intertextuellen Bezug“ für Fontanes Erzählung handelt, wie Pailer vermutet.

Ebenfalls um eine ‚Zigeunerin‘ geht es in Elke Liebs Beitrag „Böse Mädchen in der Oper“. Die Rede ist von Bizets titelstiftender Carmen. Nun mag man zwar füglich bezweifeln, dass sie böse ist, doch ist ihre Liebe nicht ungefährlich. Zumindest sie selbst glaubt das und warnt: „wenn ich lieb – nimm doch in Acht!“ Auch andere von Liebs herangezogene Opernheldinnen sind allenfalls mit Abstrichen als böse zu bezeichnen. Lulu etwa, die im gleichen Band von Nicole Colin nur in Anführungszeichen als ‚böses Mädchen‘ apostrophiert wird. Und selbst bei der den Kopf des Johannes fordernden Salomé ist das gar so eindeutig nicht.

Mag auch der eine oder andere Beitrag nicht in jedem Punkt ganz überzeugen, so zeigt das vorliegende Buch doch, dass ein Band über böse Mädchen durchaus seine guten Seiten haben kann.

Titelbild

Renate Möhrmann (Hg.): rebellisch-verzweifelt-infam. Das böse Mädchen als ästhetische Figur.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2012.
513 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-13: 9783895288753

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