Phantastische Kinderstube einer Dichterin

Gabriele Wohmanns neuer Roman "Das Hallenbad"

Von Mike Roth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mona ist ein kleines und naives Mädchen, aber bereits eine große und fleißige Geschichtenerzählerin. Mit ihren "Lügengeschichten" zieht sie sich in jene Welt zurück, "in der sie am liebsten lebt". In eine Welt von ausgeklügelten Phantasien, mit denen sie ihre Klassenkameraden und Eltern über ihre innigsten Wünsche hinweg täuschen will - in der sie aber auch insgeheim über ihre ständigen Bedürfnisse berichtet: davon, dass sie von allen geliebt werden will; davon, dass sie dem hübschesten aber unnahbarsten Jungen in ihrer Klasse gefallen möchte; und vor allem davon, dass sie nicht unbedingt im Pinkelbadewasser des neuen Hallenbades das Schwimmen lernen will.

Darum erzählt sie ihrer Mitwelt von einer Stadt namens "Hoffnung" im "Tal des Todes", oder von ihrer zwar fiktiven, doch besten Freundin Susanna; das perfekte Mädchen, das Mona selbst gern wäre. Sie ist aber lediglich "die Weltranglisten-Erste beim Ausbrüten der Täuschungsmanöver, der Legenden und Fälschungen, die das häßliche Wirkliche verschönern. Vielleicht eine Dichterin".

Aus der phantastischen Kinderstube dieser Dichterin berichtet Gabriele Wohmann. Sensibel streift sich die 68jährige Schriftstellerin aus Darmstadt dabei die Haut ihrer jungen Heldin über und führt dem Leser mit präzisen sprachlichen Beobachtungen die Gedanken und Wünsche, Ängste und Hoffnungen der kindlichen Dichterin Mona unmittelbar vor Augen. So lange, bis der Betrachter ihre Worte fast selbst verinnerlicht hat, bis er schon nach den ersten Seiten damit beginnt, die längst verschütteten Geschichten aus seiner eigenen Kindheit wieder auszugraben - dichterische Qualitäten kindlicher Phantasie.

Eine Fähigkeit, die auch Wohmanns Heldin bis zur Perfektion beherrscht. Um nicht schwimmen lernen zu müssen etwa, schreibt Mona einen dramatischen Aufsatz über einen traumatischen Absturz einer Boing 767 über den dunklen Tiefen des Atlantiks. Detailliert beschreibt Wohmann, wie diese Geschichte unter der Feder ihrer jungen Dichterin entsteht - womöglich ein autobiografischer Einblick in die Schreibwerkstatt der Darmstädter Autorin.

Dabei lässt sie Mona die sprachlichen Platitüden der Erwachsenen in ihrer Umwelt entlarfen. Die Sprache ihrer Eltern zum Beispiel, beide Journalisten, die immer auf der Suche nach "Inspirationen", einer guten "Story" und "origineller" Sprache sind, sie aber niemals finden, weil sie ständig "ausgepowert" sind und "zu nichts kommen". Aus kindlich-naiver Sicht beschreibt Wohmann diese Welt, in der Mona lebt. Eine Welt, die vor allem von den Erwachsenen erzählt wird, und die Mona als kindliches Pendant zu kopieren versucht, die sie weiterführt und schließlich konterkariert.

Allerdings verfällt Wohmann dabei selbst einige Male der Platitüde, die sie eigentlich bloßstellen will. Etwa dann, wenn die 68jährige versucht, ihre rund 14jährige Protagonistin in der heutigen Welt der Jugend darzustellen. Sie zeigt Mona als das kleine Mädchen, das vor kurzem erst aufhörte, mit Puppen zu spielen und Angst vor ihrer ersten Periode und dem wachsenden Busen hat. Doch gleichzeitig ist von Handys die Rede, von kleinen "roten Pillen", die Mona schluckt und anderen vermeintlich allgemeingültigen Kennzeichen der heutigen Jugend, die ihre Berechtigung haben, hier aber zu dick aufgetragen sind.

Schade! Denn in der hervorragenden Ausarbeitung der inneren Gefühlswelt ihrer kindlichen Heldin gegenüber dem Alltag der Erwachsenen sorgt die Schriftstellerin mit gewollt jugendlich erscheinenden Attitüden nicht nur für einige Verwirrung, sondern verliert teilweise auch ihre dichterische Schlagkraft. Jedoch fügt dieser kleine Fauxpas ihrer übrigen ehrlichen, wissenden und erfahrenen dichterischen Sichtweise auf den menschlichen Alltag nicht zu großen Schaden zu.

Im Gros präsentiert sich Wohmann dem Leser als eine altbekannte Gefährtin; aber auf neuen Wegen. Wege fernab von den Themen, die in den letzten Jahren ihre Arbeit bestimmten. Das waren meist Geschichten über das Älterwerden, dem Sterben und dem "Damit-Umgehen-Müssen", so wie sie die in ihren letzten Büchern "Schwestern" oder "Frauen schauen aufs Gesicht" erzählte.

Mit ihrem neuen Roman "Das Hallenbad" kehrt Wohmann wieder zurück in den Fluss des Lebens und präsentiert sich auch nach über 40 Jahren schriftstellerischen Schaffens als unermüdliche Beobachterin der Tücken des Alltags. Und vom Alltag in der Welt der Erwachsenen ebenso wie in der der Kinder scheint die erfahrene Autorin Wohmann ebenso wie ihre kindliche Dichterin Mona vor allem eines zu halten: "Mir macht das alles überhaupt nichts aus. Mich inspiriert sowas, weißt du, wenn man genug Phantasie hat". Wir dürfen weiterhin gespannt sein!

Titelbild

Gabriele Wohmann: Das Hallenbad.
Piper Verlag, München 2000.
180 Seiten, 15,20 EUR.
ISBN-10: 3492042589

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch