Heinrich Mann reloaded

In seinem Roman „Untertan“ verknüpft Joachim Zelter literarische Reverenz und Zeitkritik meisterhaft im Gewand der Satire

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.“ So ließ Heinrich Mann 1914 seinen berühmten Roman „Der Untertan“ beginnen. Die Karriere des autoritätshörigen und mit Hurra-Geschrei seinem Kaiser in den Weltkrieg folgenden Fabrikanten Heßling schien so an ihre Zeit gebunden, dass bis dato niemand auf die Idee kam, sie in eine unseren Tagen gemäße Form zu bringen. Nun hat sich Joachim Zelter dieses Meisterwerks der Weltliteratur angenommen und schon mit seinem ersten Satz die innere Verwandtschaft beider Bücher unterstrichen: „Friederich Ostertag war ein verträumtes Kind, das kaum wusste, wie ihm geschah oder was man von ihm eigentlich wollte.“

Über Letzteres freilich bleibt Zelters Protagonist, dessen Karriere der Autor über mehr als drei Jahrzehnte verfolgt, nicht lange im Unklaren. Anpassung wird ihm abgefordert, ein widerstandsloses Sich-Einfügen in eine Gesellschaft, die dem, der sich Stufe für Stufe in ihr emporarbeitet, am Ende höchste Belohnungen in Aussicht stellt. Aber bereits in dem Elite-Internat, in welches ihn sein Vater nach Friederichs Versagen in den ersten Klassen steckt, wird ihm schnell klar, dass es nicht so sehr darauf ankommt, was einer kann, sondern vor allem darauf, welchen Stallgeruch er mitbringt. Deshalb firmieren die Eleven in der militärisch geführten Anstalt auch nicht unter ihren eigenen Namen, sondern unter den Namen der Konzerne, denen ihre Väter vorstehen: von Knorr über Suhrkamp bis hin zu Möbel Max. Und je größer das jeweilige Unternehmen, umso höher die Reputation des Filius bei seinen Mitschülern.

Anpassung bedeutet für Friederich Ostertag, dessen Vater ein kleines Spielwarengeschäft sein Eigen nennt, deshalb auch von Beginn an Unterordnung. Wo das Größte, was seine Familie je hervorgebracht hat, das von seinem Urgroßvater erfundene Brettspiel „Fang den Hut!“ ist, bleibt Zelters Helden gar nichts anderes übrig, als sich den Großkopferten anzudienen. Während ihm das während seiner Gymnasialzeit, wo er für die denkfaulen, sich ihre Zeugnisse erkaufenden Kommilitonen Bitt- und Liebesbriefe verfasst, nicht selten noch mit Prügeln gelohnt wird, scheint ihm an der Konstanzer Universität dann langsam das Glück zu lachen, als er seine Fähigkeiten in die Dienste eines dekadenten Adligen stellt, für den er am Ende sogar noch die Doktorarbeit verfasst.

Natürlich lässt hier der „Fall Guttenberg“ grüßen. Aber genauso wenig, wie Joachim Zelters Roman „Der Ministerpräsident“ (Klöpfer und Meyer 2010) auf den Skiunfall des Thüringer Ex-Ministerpräsidenten Althaus von 2009 reduziert werden kann, sondern ganz allgemein nach Moral und Anstand hinter den Kulissen heutiger politischer Macht fragt, steckt auch in „untertan“ ein mehr auf Prinzipielles zielendes Interesse. Dass dieses sich in erster Linie satirisch ausdrückt, mag an dem schriftstellerischen Talent des Autors liegen. Dem gelingen nun einmal jene Szenen am besten, in denen er seinem Hang zur Übertreibung frönen kann, die in stilistisch knappster Form daherkommt. Doch wie jede Satire über einen bitteren Kern verfügt, erinnert auch das Schicksal der „grauen Eminenz“ Friederich Ostertag an jene aktuelle Durchökonomisierung unseres Lebens, die Lebenszeit und -energie schluckt, ohne dem Einzelnen je ein akzeptables Äquivalent dafür anzubieten.

Und so läuft auch die Karriere Friederich Ostertags letzten Endes ins Leere, verschwindet er hinter der Figur des Hochstaplers von Conti, dem er selbst zu ungeheurer Reputation verholfen hat. Vor dessen „…Erscheinung, seiner Haltung, dem Gesichtsausdruck, den Handbewegungen, den Manschettenknöpfen, der Financial Times…“ kapituliert alles Nachfragen, was dieser Mann außer einer glänzenden Hülle an Substanz zu bieten hat. Und an den emsigen Arbeiter im Schatten des reichen Tunichtguts verschwendet ebenfalls niemand auch nur einen Gedanken, bis er am Ende des Romans in den kalten Wassern des heimischen Bodensees versinkt.

Um „Kälte als soziologisches System“ geht es im Übrigen in der Dissertation, mit deren Hilfe es von Conti bis an die Spitze des Staates und seiner Partei schafft, ehe ihn das Schicksal den Berg wieder hinunterpurzeln lässt, den Friederich ihn unermüdlich hinaufgeschoben hat. Und so wie er einst Fußnote auf Fußnote türmte, um nur ja den ganzen von Conti in seiner Arbeit unterzubringen, endet Friederich Ostertag selbst als Fußnote der Geschichte eines Aufstiegs, von dem nach seinem Ende kaum eine Erinnerung mehr bleibt.

Titelbild

Joachim Zelter: Untertan. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2012.
212 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783863510350

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