Schreiben als akrobatischer Akt

Katharina Geiser erzählt in ihrem Roman „Diese Gezeiten“ die Geschichte eines außergewöhnlichen Künstlerinnenpaares auf der Insel Jersey zur Zeit der deutschen Besatzung

Von Isabel FischerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Isabel Fischer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lucy Schwob, alias Claude Cahun, ist Jüdin, Lesbe, Künstlerin und antifaschistische Widerstandskämpferin. Zusammen mit ihrer Stiefschwester, Geliebten und Künstlerfreundin Suzanne Malherbe zieht sie Ende der 1930er-Jahre von Paris auf die Insel Jersey. Als die Insel von deutschen Wehrmachtssoldaten besetzt wird, setzt das Künstlerinnenpaar den kreativen Widerstand fort, den es in Paris im Umkreis des Surrealismus begonnen hat. Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten: sie werden entdeckt, voneinander getrennt, ins Gefängnis eingewiesen und zum Tode verurteilt.

Diese Geschichte, auf die Kathrin Geiser bei den Recherchen für ihren neuen Roman stieß, bietet alles, was ein intellektueller Roman braucht: ein zeitgeschichtliches und politisches Feld, das sowohl Spannung als auch Tragik verspricht, eine nonkonformistische Liebesgeschichte und eine außergewöhnliche Künstlerbiografie.

Geiser verfolgt das Leben der Ausnahmekünstlerinnen von der ersten produktiven Zeit auf der Insel bis zu der leidvollen, von Folter und Isolation geprägten Zeit im Gefängnis. Dabei schafft sie es, sowohl das öffentliche – künstlerische und politische – Wirken der beiden Frauen lebendig werden zu lassen als auch ihrer Beziehung zueinander, ihren Ängsten und Hoffnungen nachzuspüren und diese eindringlich zu schildern.

Insbesondere im ersten Teil des Romans kommen kunsthistorisch interessierte Leser und Kenner des Cahun’schen Werkes auf ihre Kosten. Denn Geiser erschafft ein dichtes Geflecht aus Anspielungen: Bekannte Fotografien und Collagen des Paares kommen zu Wort. Dabei reflektiert und imaginiert sie auf kreative – oftmals auch witzige Weise – ihren Entstehungsprozess. Der Text ist gespickt mit detaillierten Beschreibungen der künstlerischen Werke. So wird gleich zu Beginn des Romans Lucy Schwob anhand der bekannten Fotografie „I am in training don’t kiss me“ eingeführt: „Lucy in einem eng anliegenden Shirt. Zwischen ihren Brüsten der Aufdruck „I AM IN TRAINING DON’T KISS ME“. Naturweiße Strümpfe, Lackgamaschen. Lucy sitzt in Boxershorts zwischen Erdkugel und Sonnenball. […] Suzanne hat Lucy für das Foto purpurne Herzen ins weißgepuderte Gesicht gemalt, zwei auf die Wangen und eines über den Mund, und ihr zwei Haarlocken in die Stirn gedreht, zu Hörnchen frisiert. Unmöglich können Taschentücher über die theatralisch geschminkten Augen wischen. Weinen verdirbt die Pose. Applizierte Brustwarzen sind Anziehungspunkte. Sind zwei Schlusspunkte.“

Die Bildbeschreibungen in „Diese Gezeiten“ beschränken sich keineswegs darauf, Selbstzweck oder intellektualistisches Spiel zu sein. Vielmehr dienen sie dazu, die Eigenarten der Charaktere zu verdeutlichen. Im Falle des oben beschriebenen Fotos bedeutet dies: die Einführung der Protagonistin als androgyne, willensstarke und theatralische Frau und Künstlerin.

Darüber hinaus gelingt es Geiser, die Kunstwerke in die Lebenswirklichkeit zu überführen. Sie erzählt die Geschichten, die hinter ihnen stehen, die Umstände, aus denen heraus sie entstanden sind. Sie löst sie aus der starren Zweidimensionalität der Fotografie und verdeutlicht ihre Prozesshafigkeit und Wandlungsfähigkeit. Deutlich wird dies unter anderem bei der Schilderung des Readymades „Der Vater“: „Oft arrangierte sie die ihr von den Wellen zu Füßen gelegten Dinge, sie benutzte Seilreste, Scherben oder Knochen. […] Im Sand entstand ein liegendes Männchen. Holzstücke als Rumpf und Arme, ein flacher tieftürkisfarbener Stein wurde zum Kopf. Dazu Sägetankhaar, Tintenfischschulpe für Ober- und Unterschenkel, Muschelfüße. Ein Blechlöffel war die hohle Hand. Lucy steckte ein abgeschältes dünnes Aststück in den Unterleib, voilà, der Vater. Schatten streiften ihn. Sie sah hoch, Raubvögel, elastische Flügelschläge im Gegenlicht.“

Besonders gelungen ist außerdem, dass die Autorin immer wieder auf der politischen Bedeutung insistiert. Denn vieles, was heute als „Kunstwerk“ bekannt und aus seinem Kontext gelöst ist, war für die beiden Künstlerinnen Teil eines lebensnotwendigen Widerstandskampfes gegen den Nationalsozialismus. Geiser beschreibt detailliert die Entstehung der Flugblätter, Collagen und Pamphlete sowie die Art und Weise ihrer Verbreitung. Dabei werden die Stimmungen der beiden Protagonistinnen eindrucksvoll eingefangen. Wut und Zorn spielen dabei ebenso eine Rolle wie Angst. Trotz der ernsten Thematik – und das ist ein wichtiger Verdienst des Romanes – kommt aber auch der Humor nicht zu kurz. Denn in ihrem verzweifelten Kampf gegen die deutsche Besatzung gehen die Künstlerinnen durchaus auch mit Augenzwinkern vor.

Der Leser von „Diese Gezeiten“ folgt dem Balanceakt zwischen Humor und Grauen und weiß oft nicht, ob er lachen oder weinen soll. Geiser mischt in ihren Beschreibungen zarte poetische Töne mit bitterer Satire. Etwa wenn die Deutschen mit Kartoffelkäfern verglichen werden: „Da landen die Deutschen. In Scharen, wie eine Käferplage. Vom Meer her setzen sie auf die Insel über, einige besonders fette Exemplare fallen aus der Luft. Im letzten Kriegssommer – das vorweg – werden die Machthaber selbst vor den Kartoffelkäfern als höchst bedrohliche Invasoren warnen und deshalb an das Verantwortungsbewusstsein aller Einheitsführer appellieren, die den hintersten und letzten Mann trotz aller dienstlichen Inanspruchnahme dringendst zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers einsetzen sollen. Dem akurat gestreiften und mit klitzekleinen Orden geschmückten Feind sei bewaffnet entgegenzutreten, Auge um Auge, Mann um Käfer.“

Der Erzählton von „Diese Gezeiten“ wechselt immer wieder. Besonders deutlich wird dies im zweiten Teil des Romans, der sich mit der Zeit der Gefangenschaft auseinandersetzt: Von den zarten Klängen des Anfangs und einem Erzähler, der oftmals über den Dingen zu schweben scheint, steigert er sich hin zu einem intensiven verzweifelten Dialog der beiden Frauen, der doch eigentlich ein Monolog ist.

Geiser liefert eindringliche Schilderungen des Gefängnisalltags. Dabei wandert der Erzählfokus nicht nur zwischen den beiden Protagonistinnen hin und her, sondern richtet sich auch auf die Mitgefangenen und Wärter. Der Leser erfährt so aus mehreren Perspektiven auf eindrückliche Weise ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Das individuelle Drama wird gekonnt mit dem kollektiven verknüpft und überlagert.

Die Autorin ist sowohl der allgemeinen Geschichte der Besatzungszeit auf Jersey wie auch der individuellen Geschichte der Künstlerinnen mit vielen kleinteiligen Recherchen nachgegangen. Das Ergebnis ist eine gekonnte Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Und auch Katharina Geiser selbst hat ihre Spuren im Roman hinterlassen. Die Autorin verschwindet nicht hinter ihrem Werk, sondern legt seinen Entstehungsprozess offen. Dieses sich selbst in die Geschichte einschreiben hat keineswegs nur spielerischen Charakter. Viel mehr richtet Geiser damit einen Appell an ihre Leser. Die Worte, die sie gegen Ende des Romanes Lucy in den Mund legt, sind gleichzeitig die Rede der Autorin an die Leserschaft: „Wir dürfen das Gedächtnis nicht verlieren. […] Aber ich brauche auch einen gewissenhaften und verlässlichen Leser, ein wirkliches Du. Denn Schreiben ist, genau wie das Leben, ein akrobatischer Akt zwischen Historizität und Dichtung, zwischen Absprung und wippendem Sprungbrett. Und ein Leser steht da, bereit einzugreifen und zu Hilfe zu kommen.“

Titelbild

Katharina Geiser: Diese Gezeiten. Roman.
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2011.
362 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783902497895

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