Kulturelle Kompetenz als zentraler Wissensbestand der Gesellschaft

Ein von Wiebke Dannecker und Sigrid Thielking herausgegebener Sammelband stellt neue Perspektiven und Vermittlungskonzepte für öffentliche Lernorte in interdisziplinärer Perspektive vor

Von Torsten MergenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Torsten Mergen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein bekanntes Argument in den Bildungsdebatten der vergangenen Jahre lautet, Bildung sei mehr als Schule. Neben der Erziehung und Betreuung, die traditionell primär den Instanzen Familie und Jugendhilfe zugewiesen werden, rückt in der aktuellen Diskussion um Ganztagsschule und kompetenzorientierte Bildung die Rolle der außerschulischen Bildungsorte verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit. Der zweite Sammelband der Reihe „Hannoversche Beiträge zur Kulturvermittlung und Didaktik“ widmet sich perspektivenreich der Frage, inwiefern öffentliche Lernorte ein gesellschaftlich relevantes Lehr- und Lernmedium darstellen.

In der Einleitung des Bandes präsentieren die beiden Herausgeberinnen, Wiebke Dannecker und Sigrid Thielking, die Dimensionen des von ihnen propagierten Leitbegriffs „Öffentliche Didaktik“. Ausgehend von einer kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweise attestieren sie, dass seit dem 18. Jahrhundert emanzipierte Bürgerlichkeit nach kultureller Orientierung verlange und vice versa kulturelles Lernen für die nachkommende Generation eine conditio sine qua non repräsentiere: „Immer mehr Menschen haben immer öfter an unterschiedlichen kulturellen Prozessen ihren Anteil.“ Entsprechend müsse gerade die Fachdidaktik die Problematik aufgreifen und beantworten, wie ubiquitäre Kommunikation in der zweiten Moderne gestaltet werden könne. Die zentrale These der Herausgeberinnen, beide als Literaturdidaktikerinnen an der Leibniz Universität Hannover tätig, setzt einen erkennbaren Akzent im Bereich der Verantwortung: Die Deutschdidaktik müsse als genuine Kulturdidaktik verstärkt die Dimension des narrativen Lernens aufgreifen. Die Didaktik als Literaturlehrforschung sei künftig gehalten, Kulturarbeit in unterschiedlichen Funktionskonnexen als elementaren und fundamentalen Forschungsgegenstand wahrzunehmen. Kulturelles Wissen ist nach der Argumentation der Wissenschaftlerinnen mit dem literarischen Lernen untrennbar verknüpft. Insofern kann gerade der Leitbegriff der sogenannten Öffentlichen Didaktik abstrahierend abbilden, was ein zeitgemäßes Bildungsmodell ausmache: die Verknüpfung von kognitiven, emotionalen, personalen und praktischen Aspekten von Bildung. Kulturelle Kompetenz sollte daher nicht reduziert werden auf Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben oder Rechnen, sondern der Begriff repräsentiert vielmehr die zentralen Wissensbestände einer Gesellschaft. Die Rolle der kulturellen Alltagsbildung als nicht-intendierter Bildung außerhalb der curricular beziehungsweise bildungsstandardisiert organisierten Institution „Schule“ sei jedoch sowohl mit Blick auf die Vermittlungsarbeit als auch die Motivationspotenziale im fachdidaktischen Diskurs nur partiell erforscht.

Diesem Desiderat entspricht der dreifache Zugang des Sammelbandes zu einem nur ansatzweise erkundeten Terrain. Sechs Beiträge tragen in einem ersten Schritt durch interdisziplinäre Analysen diverse feldrelevante Theorien und Konzepte zusammen: Fachbereiche wie beispielsweise Gartenkultur, politische Bildung, Stadtmarketing, Medizin beziehungsweise Filmkultur haben genuine Techniken entwickelt, um kulturelle Bildung zu vermitteln und deren Nachhaltigkeit zu belegen. Exemplarisch zeigt Ursula Klingenböcks Aufsatz am Beispiel von Franz Kafka, wie „verschiedene topografische Orte – für Prag und Kierling bei Wien und damit für den urbanen Bereich und Peripherie“ – Leben und Werk des Autors für die Öffentlichkeit vermitteln. Anhand divergenter didaktischer Formate und Formen wie Museum, Gedenkraum, Denkmal, Gebäude und Platz zeigt sie, dass Kafka „an unterschiedlichen Orten […] mit je spezifischen topografischen und politischen Implikationen präsent“ ist. Dies wirke sich auch auf die Heterogenität der Voraussetzungen und die Inhomogenität der Adressaten aus. Als Fazit der Reflexionen kann gelten, dass der Ansatz der sogenannten Öffentlichen Didaktik als Kontaktdidaktik zu verstehen ist. Sie ergänzt und kontrastiert bisherige Sichtweisen auf Orte, Räume und Personen mit fremden und eigenen Perspektiven und vermittelt komparativ neue Wissens- und Erfahrungsschätze.

Dies konkretisieren die sieben Beiträge des zweiten Teils, welcher konkrete Gedenkorte und Erinnerungsräume fokussiert. Es finden sich lesenswerte Aufsätze zu klassischen Kulturorten wie der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, dem Berliner Jüdischen Museum oder dem Wiener Brunnenviertel. Daneben öffnet sich der Blick auf die Kulturgegenstände, indem unter anderem die Reisekultur (mit Spaziergängen durch Rom und Paris) oder autobiografische Literatur zur DDR als Formen des zeitgeschichtlichen Erinnerns analysiert werden.

Nach diesem umfangreichen Abschnitt, der den Schwerpunkt auf die Aspekte „aufbewahrtes Wissen“ und „lebendige Kulturteilhabe“ gelegt hat, werden einzelne Kulturvermittlungsprozesse unter Wirkungs- und Nachhaltigkeitsaspekten betrachtet. Die Kölner Kinderoper, die Rolle der Literaturkritik, die Deutungshoheit von Literarischen Gesellschaften, Projekte wie „LiteraTourNord“ oder der Essener Studiengang zur kritischen Medienvermittlung dienen als exemplarische Felder, um die Heterogenität und Transdisziplinarität öffentlicher Didaktik zu beleuchten. Dabei wird deutlich, wie naheliegend und problematisch zugleich ein kulturwissenschaftlicher Paradigmenwechsel in der Didaktik wäre. Im Beitrag von Ole Hruschka über das Schauspiel Hannover wird einerseits pointiert über den Konnex von Theater und Didaktik ausgeführt: „Nahe liegend deshalb, weil die mediale Spezifik des Theaters im öffentlichen Vollzug des Kunstereignisses besteht; naheliegend zudem auch, weil dem Theater seit seinen griechischen Anfängen und insbesondere mit Beginn des bürgerlichen Zeitalters eine didaktische Funktion zugeschrieben wird.“ Andererseits sei aber stets zu berücksichtigen, dass die (Um-)Funktionalisierung der Theaterkunst zum Bildungsmedium „ihre Zweckfreiheit, ihren ästhetischen Eigensinn“ gefährde und somit eine „falsche Erwartungshaltung“ begünstige.

Abschließend betrachtet liefert der Sammelband einen eindrucksvollen Beleg dafür, dass fachdidaktische Innovationen und Forschungsanstrengungen in naher Zukunft die außerschulische Bildung verstärkt in den Blick nehmen müssen. Dabei sind sich die Herausgeberinnen sowie die Autorinnen und Autoren der Beiträge stets bewusst, dass öffentliche Lernorte wegen ihrer topografischen wie intentionalen Heterogenität wohl kaum mit nur einem beschränkten methodischen Inventar zu erfassen sind. Mit den Worten von Dirk Lange und Sven Rößler aus ihrem Beitrag über „‚Öffentliche Didaktik‘ in der Politischen Bildung“ gilt es insofern als wichtigen Erkenntniszuwachs des Sammelbandes festzuhalten: „Gerade weil aber über die aktive Aneignung der Einzelnen nicht verfügt werden kann, ist über alle Fachdidaktiken hinaus, nicht etwa die Belehrung, sondern die Schaffung von Anlässen der Konzepterweiterung […] der entscheidende Beitrag einer ‚Öffentlichen Didaktik‘ in demokratischen Gemeinwesen.“

Titelbild

Sigrid Thielking / Wiebke Dannecker (Hg.): Öffentliche Didaktik und Kulturvermittlung.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2012.
390 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783895288890

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