Die Enzensberger’sche Konstante und die Lamping’sche Variable

Oder: Wie groß ist eigentlich das Publikum für Lyrik?

Von Dieter LampingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Lamping

„In unserm Leben wimmelt es von Anachronismen. […] Zu den merkwürdigsten Erscheinungen dieser Art gehört zweifellos das Schreiben und Lesen von Gedichten, und, a forteriori, jegliches Raisonnieren über diese Tätigkeiten.“ Kaum zu glauben: Diese Sätze stammen von einem der berühmtesten Lyriker der Gegenwart: von Hans Magnus Enzensberger. Sie finden sich in einem höchst ironischen und, was die eigene Profession angeht, selbstironischen Essay, der den Titel trägt: „Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie“. Er hat vor allem ein Anliegen: die Befreiung der Schüler vom Zwang, im Deutschunterricht Gedichte zu interpretieren. Das wäre, wenn ich Enzensberger richtig verstehe, ein Akt der Barmherzigkeit.

Dass Gedichte zu schreiben und zu lesen ein Anachronismus sei, ist ein suggestiver Gedanke. Ist Lyrik nicht tatsächlich, schon ihres sagenhaften Alters wegen, ein bisschen altmodisch – jedenfalls für junge Menschen? Ist sie nicht irgendwie unzeitgemäß und deshalb auch nur eine minoritäre Angelegenheit? Diese Minderheiten müssen übrigens so klein sein, dass selbst literarische Verlage sie nur noch ungern und am liebsten bloß ausnahmsweise bedienen.

Aber wie klein sind sie wirklich? Hans Magnus Enzensberger hat sich dankenswerterweise kundig gemacht und die Leser gezählt. In seinem Essay „Meldungen vom lyrischen Betrieb“, abgedruckt in dem Band „ZICKZACK“, hat er das Ergebnis der wissbegierigen Öffentlichkeit vorgestellt: „die Zahl von Lesern, die einen neuen, einigermaßen anspruchsvollen Gedichtband in die Hand nehmen, lässt sich empirisch ziemlich genau bestimmen. Sie liegt bei ±1354.“ Das ist, von ihm selber so getauft, die „Enzenbergersche Konstante“, eine „unverrückbare Größe“, die „nicht nur unabhängig von Moden, Publizität, ‚Zeitgeist’“ ist, sondern auch „universell, für jede Sprachgemeinschaft“ gilt.

Was für eine Entdeckung! Sollte es wirklich, wie Enzensberger suggeriert, am Ende mehr Verfasser als Leser von Gedichten geben? Allerdings fallen einem schon Lyrikbände ein, die sich auf Anhieb und nicht erst im Lauf eines Jahrhunderts sehr viel besser verkauften als 1.354 Mal. Wolf Wondratscheks im Selbstverlag erschienene Gedichtsammlung „Chuck’s Zimmer“ von 1974 soll binnen kurzem eine sechsstellige Auflagenhöhe erreicht haben. Lawrence Ferlinghettis „A Coney Island of the Mind“ ist angeblich in einem Jahr eine Million Mal verkauft worden. Aber das sind natürlich Ausnahmen. Gerade die Klassiker der Moderne erreichten nur ein viel kleineres Publikum. Selbst Charles Baudelaires „Fleurs du mal“, ein Paradebeispiel für großen, aber späten Erfolg, erschien in einer ersten Auflage von gerade 1.100 Exemplaren. Die zweite, vier Jahre später, betrug immerhin schon 1500. Stephane Mallarmés „L’après-midi d’un faune“ kam zuerst in einer Auflage von 195 Exemplaren auf den Markt – wenn man da von einem Markt reden kann. Rimbauds „Une saison en enfer“ wurde 500 Mal gedruckt und war nach 40 Jahren noch nicht vergriffen.

Zweifellos gibt es jahrein jahraus zahlreiche Gedichtbände, die noch schlechter verkauft werden. Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass man nicht viel von ihnen hört. Verrechnet man die Verkaufserfolge mit den Misserfolgen, kann es also durchaus stimmen, dass lyrische Neuerscheinungen im Durchschnitt nur 1.354 Leser finden. Das wird schon rechnerisch richtig und so exakt sein, wie es bei der weichen Bedingung „einigermaßen anspruchsvoll“ möglich ist.

Ich möchte, mit dem gebührenden Respekt und nur der Vollständigkeit halber, diese Zahl um eine weitere Größe ergänzen: die Lamping’sche Variable. Wie der Name verrät, ist sie sozusagen zahl-los: Sie hat nicht einen konstanten Zahlenwert. Das hat mit den Eigenarten der Verbreitung von Lyrik zu tun. Auch wenn die Verkaufszahlen von Gedichtbänden niedrig sind, lässt sich daraus nicht schließen, dass Lyrik ausschließlich etwas für ein kleines und vielleicht ständig kleiner werdendes Publikum sei. Der Gedichtband, das bedruckte und gebundene Papier, ist nur ihre sprödeste, sozusagen scheueste Erscheinungsform. In anderen Medien findet Lyrik ständig ein sehr viel größeres Publikum – einerlei, wie anspruchsvoll sie sein mag.

Eine lyrische Milchstraße ist unter anderem das Internet: Wohin man sieht oder klickt – Gedichte. Meistens selbstverfertigte; aber das ist ja auch bei Gedichtbänden nicht anders. Es gibt im Internet nicht nur Lyrik-Kolumnen, zum Beispiel in Rezensionszeitschriften, sondern auch ganze Seiten, die allein Gedichten oder dem Reden und Schreiben über sie gewidmet sind. Vermutlich noch häufiger sind Seiten, auf denen einer oder eine das eigene lyrische Œuvre anbietet, exklusiv und ungekürzt. Auch manche von Verlegern ungeliebte lyrische Gattung scheint sich ins Netz geflüchtet zu haben. Haiku etwa, so versichern Kenner, sind inzwischen vor allem dort zu finden.

Aber nicht nur wenn man den Computer anstellt, stößt man auf Gedichte. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen versorgt zu bestimmten Zeiten, meist im Wonnemonat Februar, Millionen Gebührenzahler ganze Abende lang mit Gereimtem. Von mitunter etwas dröhnenden Rednern wird es in vollen Sälen Zuhörern vorgetragen, die sich vor Freude nicht zu halten wissen. Das dauert, dem Gott des Karnevals sei Dank, meist nur zwei Wochen, wenn es hoch kommt, drei.

Sobald man das Radio einschaltet, hört man dagegen unentwegt, unterbrochen nur von Verkehrsmeldungen oder Nachrichten und kurzen, durchaus überflüssigen Überleitungen: Lyrik. Sie heißt allerdings anders: nämlich Schlager, Song, Chanson, auch Lied. Kurt Tucholsky hat sie, nicht ganz freundlich, „Lyrik der Antennen“ genannt. Möglicherweise ist diese Art von Gedichten gleichfalls ein Anachronismus, aber das hat noch keiner gemerkt. Man verlangt nach ihr, und nicht nur in dieser Hinsicht ist sie auf der Höhe der Zeit. Gar nicht so selten ist sie auch auf der Höhe des Geschmacks. Längst haben sich Chansonniers, Songwriters und Liedermacher einen Ruf als Dichter verdient. Und zwar zu Recht. Die Namen kennt jeder.

Die erste Verbindung, die das Gedicht einging, war die mit der Musik. Es ist bis heute ihre erfolgreichste. Wieviele auch immer solchen Lyrikdarbietungen im Fernsehen oder im Radio zuhören mögen: Es sind durchweg weit mehr als 1354. Das ist allenfalls die Verkaufszahl sehr erfolgloser Alben, die aber auch nicht im Radio gespielt werden. Ansonsten muss man ständig mit einem Vielfachen von 1354 rechnen, das allerdings nicht genau zu ermitteln ist. Insofern ist der Schluss erlaubt, dass die Zahl der Lyrikleser und -hörer sehr veränderlich ist, wechselnd von Medium zu Medium, vielleicht sogar von Autor zu Autor – eben eine Variable. Und jetzt hat sie auch einen Namen.

Literaturhinweise

Hans Magnus Enzensberger: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: Ders.: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt a.M. 1988, S. 23-41. Zitate S. 23.

Hans Magnus Enzensberger: Meldungen vom lyrischen Betrieb. Drei Metaphrasen. In: Ders.: ZICKZACK. Drei Aufsätze. Frankfurt a.M.  1997, S. 182-199. Zitate S. 184.

Kurt Tucholsky: Lyrik der Antennen. In: Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hg. von Marie Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band 9: 1931. Reinbek bei Hamburg  1993, S. 280-282.

Zu den Verkaufszahlen der Klassiker: Octavio Paz: Die andere Stimme. Dichtung an der Jahrhundertwende. Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkopf. Frankfurt a.M. 1994, insbes. S. 85-105.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag gehört zu Signet von Simone Frieling.





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