Ein Echo im Grand Canyon

Gabriele Wohmanns schönste Geschichten in einem Band versammelt

Von Nadine Ihle

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Einen Gedichtband schreiben ist wie Rosenblüten in den Grand Canyon zu werfen und auf das Echo zu warten.“ Auch wenn man dieser desillusionierten Meinung – zugeschrieben dem US-amerikanischen Dichter Don Marquis – nicht unbedingt zustimmen möchte, so lässt sich dennoch nicht verleugnen, dass Autoren von Lyrikbänden oder Autoren deren Œuvre fast oder nur aus Kurzgeschichten besteht, es schwer haben, gehört zu werden.

Dies gilt sicherlich auch für Gabriele Wohmann, der Grande Dame der deutschen Kurzgeschichte. Wie unberechtigt die Vorbehalte dem Genre gegenüber sind, zeigt der Sammelband „Eine souveräne Frau“ mit ihren „schönsten Erzählungen“, erschienen anlässlich ihres 80. Geburtstages.

Die 26 Texte umfassen die Zeit von 1956 bis 2010, zwei der Kurzgeschichten sind dabei erstmals in Druck erschienen. Einige sind wenige Seiten lang, einige balancieren auf der Grenze zur Novelle entlang. In welchem Entstehungsjahr, in welchem Umfang auch immer: Gabriele Wohmann erzählt von der Zeit, die sie umgibt. Bevorzugt von menschlichen Tektoniken zwischen den Geschlechtern, in den Familien, auf der Straße, beim Friseur. Längst sind Wohmanns Geschichten moderne Klassiker geworden, wie „Die Bützows“ oder „Ein russischer Sommer“.

Ihre Geschichten sind das, was gute Kurzgeschichten stets sind: unaufdringlich und präzise verdichtet. So intensiv, dass es manchmal schwer auszuhalten ist, den Figuren mit ihrer Naivität und Schlichtheit, Hilflosigkeit und Überforderung, in ihren Dummheiten und Kurzsichtigkeiten zu folgen.

Obwohl man durchaus gewarnt sein könnte. Selten hat die Gestaltung eines Buchumschlags den Inhalt so treffend wiedergegeben, wie in der Hardcover-Ausgabe des Aufbau Verlags: Sie zeigt eine scheinbar heimelige Alltagsszene, ein kitschiger Teller auf gedecktem Tisch – der sich bei genauerem Hinsehen als zerbrochen und aus geklebten Scherben zusammengesetzt enttarnt. Eine Vielzahl von Bruchstücken des alltäglichen Lebens, die nur etwas Heiles vorgeben, es aber nicht mehr sind. Die Lebenswelten der Figuren in Wohmanns Kurzgeschichten sind ebenso zerbrechlich oder bereits zerbrochen. Was heil aussieht, ist trügerisch. Und deshalb implodieren die Figuren dabei, an ihren Eigenarten, an ihren Beziehungen zueinander, während sich die Lebensdramen, groß und alltäglich gleichzeitig, um sie herum entfalten. Das Knirschen der Bruchstücke ist dabei kaum zu überhören.

In dieser Intensität und Verdichtung liegt die große Wirkkraft der Geschichten, die Wohmann so meisterlich erzählt wie kaum ein anderer in diesem Genre. Ihre Erzählstimme ist glasklar und unbestechlich. Diese manchmal fast sterile, mikroskopische Erzählweise wirkt auf den ersten Blick vielleicht zunächst eigentümlich distanziert, weil sie eben ohne jede Mission, ohne jede Belehrung und ohne sich gemein zu machen daherkommt. Sie verurteilt die Brüche im Leben ihrer Figuren nicht, sie seziert sie, legt sie frei und offen dar. In dem Moment, in dem man erkennt, dass hier jemand bewusst nicht dem Zeitgeist hinterherschreibt, sondern ihn rücksichtslos aufspießt – in eben diesem Moment entfaltet sich die Wohmann‘sche Stimme mit voller Kraft und Wucht. In dem, was sie vor mehr als fünfzig Jahren zu sagen hatte und dem, was sie zu unserer eigenen Gegenwart sagt. Und wenn man genau hinhört – dann hört man schließlich am Ende doch das Echo der Rosenblüten im Grand Canyon. Es lohnt sich.

Titelbild

Gabriele Wohmann: Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen.
Herausgegeben von Georg Magirius.
Aufbau Verlag, Berlin 2012.
288 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783351033934

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